Kriegspornographie oder Realitätsvergewisserung?

29.09.2005

Soldaten erhalten Zugang zu einer Porno-Website, wenn sie grausame Bilder aus dem Irak oder aus Afghanistan posten, die wohl kein normales Medium publizieren würde

Nur gelegentlich erhalten die Menschen einen ungefilterten Einblick über Bilder in die Grausamkeit des Kriegs, der nun seit Jahren in Afghanistan und im Irak ausgefochten wird. Wir hören zwar immer wieder von Anschlägen und hier sehen wir auch gelegentlich die Folgen. Kommen bei Kämpfen, bei Hausdurchsuchungen, an Straßensperren oder bei anderen Einsätzen mutmaßliche Aufständische oder auch Zivilisten ums Leben, so erfahren wir das kaum und kriegen dies in aller Regel auch nicht zu sehen. Die Medien geben sich meist verantwortlich und zeigen die Grausamkeit des Krieges nicht. Das sei nicht erwünscht, die Bilder würden nur der Schaulust einer Gewaltpornographie oder einem Sensationsjournalismus dienen. Doch der globale Krieg gegen den Terror wird auch in der Zeit des Internet und von Digitalkameras geführt, so dass durch die Sperren der Militärs und Medien doch immer wieder Bilder auftauchen, die den Schrecken der Kriege zeigen und meist nicht mehr von Journalisten wie einst, sondern von Soldaten stammen.

Die Wirklichkeit findet statt, auch wenn sie manchmal für die Kamera wie bei den Bilder der Misshandlungen in Abu Ghraib inszeniert wird. Aber es herrscht in aller Regel ein Einvernehmen darüber, dass die Wirklichkeit in manchen Aspekten keinen Eingang in Bilder finden soll, die in die Öffentlichkeit gelangen. Das sei moralisch verwerflich, würde die Schaulust provozieren und die Verrohung fördern und vor allem Kinder traumatisch schockieren. Man führt an, dass solche Gewaltdarstellungen die Menschenwürde verletzen und dazu dienen können, die Gewalt/den Krieg zu verherrlichen (Bilder von Kriegsopfern unerwünscht). Bei den Krieg führenden Parteien stehen die Medien zudem unter Druck, mit dem Zeigen von grausamen Bildern ihrem Militär und dem Kampf in den Rücken zu fallen. Verbunden wird das Nicht-Zeigen der Bilder allerdings in aller Regel nicht mit der Forderung nach einem Ende der Grausamkeiten. Hier sind die Medien dann doch nur angeblich neutrale Berichterstatter, die über die wirklichen Vorgänge der Welt berichten müssen.

Wie auch immer begründet wird, warum ein Konflikt- oder Kriegsschauplatz nur auf von Schrecklichkeiten gesäuberten Bildern, also durch ein Wegschauen oder Zensieren, der Öffentlichkeit präsentiert werden darf, so wird durch das Ausblenden die Wirklichkeit verharmlost, in der die Menschen, einschließlich der Kinder, in den Kriegs- und Konfliktgebieten leben müssen und mit der Aufständische, Soldaten und alle am Konflikt direkt Beteiligten konfrontiert sind. Anders als bei Unfällen, Katastrophen oder kriminellen Taten werden Kriege im Namen eines Landes geführt, Aufständische führen ihre Aktionen im Namen deer angeblich von ihnen Vertretenen aus. Zwar haben mittlerweile Terroristen gelernt, dass nicht nur Bilder von den Grausamkeiten der Gegner, sondern auch solche von ihren Anschläge und Überfälle ein wichtiges Propagandamittel sind. Die „normalen“ Streitkräfte oder Milizen versuchen jedoch in aller Regel, den Fluss der Bilder zu kontrollieren und zu beschneiden. Eine Folge ist, dass Kriege und Konflikte, aber auch Anschläge, die in der Ferne stattfinden, in der gereinigten Version nicht so schrecklich erscheinen und eher geduldet werden. Man lässt die Menschen, die mit dem Schrecken konfrontiert sind oder ihn ausüben (müssen), alleine. Die erlebte und begangene Grausamkeit wirkt nicht nur bei Kindern traumatisch, sondern auch bei den Soldaten, die aus den Kriegsgebieten in eine soziale Wirklichkeit zurückkehren, in der sie Erfahrungen nicht mitteilen können, weil diese hier nicht bekannt sind oder unterdrückt werden.

There is an unspoken rule against publishing images that would be extremely horrifying such as a bloody stump on an amputee or a mangled corpse.Die Medien und die Berichterstattung über den Irak-Krieg

Verpöntes sucht sich andere Wege

Kein Wunder also, dass die Bilder – und die dahinter stehenden Erfahrungen – dann in anderen Kanälen auftauchen, die nicht so „anständig“ und „moralisch“ sind wie die „seriösen“ Medien. Manche Bilder gelangen über Blogs in die Öffentlichkeit, aber auch auf Webseiten wie http://crisispictures.org/. Hier werden Fotos veröffentlicht, die von Fotografen von Nachrichtenagenturen gemacht, aber nicht publiziert wurden (Der Preis des Kriegs und die Macht der Bilder). Grausame Fotos und Videos von Anschlags- oder Kriegsopfern werden aber auch von manchen zwielichtigen Websites veröffentlicht, die die Schaulust am Leiden oder Schicksal von anderen befriedigen wollen. Hier ergeben sich dann auch Verbindungen mit Pornographie, schließlich sind sadomasochistische Inszenierungen deren Bestandteil.

Warporn oder Kriegspornographie wird so etwas verurteilend benannt, meist aber nicht überlegt, ob die Wirklichkeit sich nicht andere Wege suchen muss, um ans Licht zu gelangen, wenn sie weggesperrt werden soll – und ob man mit dem verpönten Machen und Betrachten solcher grausamen Bilder nicht erst die heimliche Schaulust schafft. Direkt eingelöst hat Chris Wilson aus Florida das auf seiner Website NowThatsFuckedUp.com, die sicherheitshalber schon einmal von einem Provider in Amsterdam gehostet wird.

Ursprünglich funktionierte die Website so, dass Schaulustige eine Mitgliedsgebühr zum Betrachten der Bilder bezahlen müssen, während diejenigen, die selbst gemachte Bilder oder Videos von mehr oder weniger nackten Frauen posten, freien Zugang als "Supporter" erhalten:

The picture must be of a female and she must be nude or at least topless. For a nude most of the woman's body must be clearly visible in the picture, unclothed with at least one breast (and nipple) showing. If only topless most of BOTH breasts and BOTH nipples must be clearly showing.

Da offenbar sehr viele Soldaten, auch aus den Kriegsgebieten im Irak und in Afghanistan zu den Besuchern gehören, die aber angeblich ihre Mitgliedsgebühren nicht zahlen können, weil die Kreditkartenfirmen das Abbuchen in Ländern mit hohem Sicherheitsrisiko verhindern, kam Wilson auf die Idee, diesen auch eine kostenlosen Mitgliedschaft im Austausch mit Bildern aus dem Irak anzubieten. Seit 2004 konnten also Soldaten und Soldatinnen auch freien Zugang zu der Website erhalten, wenn sie keine Bilder von sich oder befreundeten Soldatinnen einschickten, es mussten einfach nur Bilder aus den Edinsatzgebieten sein:

If you are a U.S. Soldier stationed in Iraq, Afghanistan, or any other combat area and would like free SUPPORTER access for the site, you can post real pictures you or your buddies have taken while you have been deployed.

Ab Juni 2005 wurde dann eine besondere Rubrik für die "gore"-Bilder eingerichtet (Der viehische Krieg). Und die Soldaten scheuten sich nicht und schickten mit entsprechenden Kommentaren Bilder von Leichen irakischer Aufständischer oder Zivilisten mit heraushängenden Gedärmen, aufgeplatzten Schädeln oder anderen Verstümmelungen bzw. herumliegenden Körperteilen. Ob die Fotos tatsächlich "authentisch" sind, ist eine andere Frage. So schreibt ein Soldat zu Bildern von zerfetzten Leichen:

Don't FUCK with the U.S. Army
Some more insurgents sent to explain themselves to Allah. Killing is never a casual occurance, but I would kill a thousand to save one American life. I am not responsible for the enemy casualties shown here.

Dass ein Leben im Krieg nicht viel wert ist, machen Bilder und Kommentare der Soldaten deutlich. Schlimmer sind wohl die Bemerkungen der Schaulustigen, die etwa meinen "nice" oder sachkundig "Powerful ammo that did that damage". Gelegentlich wird aber auch gestritten und gibt es auch kritische Bemerkungen, wie das in jedem Forum der Fall ist.

Unschlüssigkeit im Pentagon

Die Verwendung von Digitalkameras und das Machen von Fotos ist vom Pentagon nicht direkt verboten worden. Aber die Marines etwa erhielten schon vor dem Krieg strenge Regeln, was sie fotografieren durften und was untersagt war:

Keine Bilder von toten oder verletzten Irakern, keine Bilder von amerikanischen Opfern, keine Bilder von Gefangenen und keine Bilder, die Schutzeinrichtungen wie Sperren oder Stellungen von Scharfschützen zeigen.

Angeblich wurde der Zugang aus den Konfliktgebieten zu der Website vom Pentagon bereits blockiert, als mehr und mehr Fotos von (halb)nackten Soldatinnen auftauchten. Ansonsten hat man sich offenbar bis jetzt nicht um die Website und die Einhaltung der Regeln gekümmert. Mark Glaser hat vor kurzem Pentagon-Mitarbeiter im Irak und in den USA nach der Website befragt. Für diese war sie angeblich unbekannt, von ihren Computern konnten sie auch nicht darauf zugreifen. Die Website muss vom Pentagon nicht ausdrücklich gesperrt sein, als Porno-Website wird der Zugang von den installierten Filtern sowieso verhindert. Man war sich allerdings nicht ganz einig, ob die Publikation von Toten, wenn ihre Körper nicht verstümmelt sind, schon nach den Genfer Konventionen und den Pedntagon-Regeln verboten sei. Das Pentagon selbst habe, so ein Offizier, Bilder der Leichen der Hussein-Söhne mit ihren Wunden gezeigt. Allerdings würden Fotos von getöteten Irakern eine negative Wirkung haben, weil sie vom Gegner gegen die Amerikaner benutzt werden könnten. Doch mittlerweile scheint man im Pentagon die Sache wichtiger zu nehmen und hat eine Untersuchung eingeleitet.

As the Internet has given bloggers powerful tools of communication outside the realm of the mainstream media, it has also given soldiers the ability to relay their experiences in ways Americans will never get from traditional news sources.

But the posts on www.nowthatsfuckedup.com are not meant to subvert the sanitized mainstream media with the goal of waking the general public up to the horrors of war. Rather, all of the posters--and many of the site's patrons--appear to regard the combat photos with sadistic glee, and pathological wisecracks follow almost every post.

The Porn of War in The Nation vom 22.9.05

Wie auch immer das Pentagon entscheiden wird, also ob das Posten solcher Bilder die Genfer Konventionen oder Pentagon-Vorschriften verletzt, so bleibt die Frage, ob die Menschen diese Grausamkeiten eines Krieges sehen müssen oder zumindest sehen können sollten, um zu erfassen, was in einem Kriegsgebiet geschieht. Ist es also zu begrüßen, dass das Internet dazu dient, auch solche Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen, die man sonst aus den verschiedensten Gründen aus den traditionellen Massenmedien verbannt hat? Das geschieht dann mitunter erst einmal in den Schmuddelecken des Internet. Aber kaum zu leugnen ist auch, dass solche grausamen Bilder auf ein Schaubedürfnis stoßen. Vielleicht wäre auch hier vor der eiligen moralischen Verurteilung zu fragen, ob es hier nicht zumindest auch um eine ambivalente fasziniert-erschreckte Vergewisserung der Realität geht, die über die normale Vorstellungskraft hinausgeht.

Die Tendenz der Kriegsführenden ist auf jeden Fall, die Bilder möglichst zu kontrollieren, weil man um deren Macht weiß. Die Nachrichtenagentur Reuters hat sich gerade erst an den republikanischen Senator John Warner gewandt, der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses ist, der heute eine Anhörung mit Verteidigungsminister Rumsfeld durchführt. In einem Brief an den Senator schrieb David Schlesinger, Global Managing Editor von Reuters, dass die US-Streitkräfte im Irak zunehmend Journalisten auch mit Festnahmen und sogar mit Beschuss daran hindern, über den Konflikt zu berichten.

Es habe bereits eine lange Serie von Vorfällen gegeben, bei denen "professionelle Journalisten von US-Streitkräften im Irak getötet, fälschlicherweise festgenommen und/oder rechtswidrigt missbraucht" worden seien. Auch einige Reuters-Journalisten sind von US-Soldaten getötet worden, das Pentagon hat die Soldaten in Schutz genommen und nach Ansicht von Schlesinger keine ausreichenden Untersuchungen der Vorfälle vorgenommen. Im Augenblick würden vier Journalisten, die für internationale Medien arbeiten, ohne Begründung und Rechtsbeistand von den Amerikanern festgehalten. Man habe mehrfach versucht, mit dem Pentagon zu sprechen, aber ohne Erfolgt. Jetzt scheine "die Situation außer Kontrolle zu geraten".

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