Das lügende Gehirn

30.09.2005

Mit funktioneller Magnetresonanztomographie versuchen Wissenschaftler, das Gehirn beim Lügen zu entdecken

In Zeiten der großen Terrorangst und des allseitigen Verdachts scheinen Neurowissenschaftler Gefallen daran zu finden, durch den Schädel der Menschen schauen zu wollen, um deren geheime Absichten ans Tageslicht zu bringen oder die Wahrheit hinter ihren Aussagen zu finden. Seitdem es die Möglichkeiten von Hirnscans gibt, wird der Kontinent Gehirn mit mehr oder weniger guten Experimenten vermessen. Besonders die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), die nahezu in Echtzeit und mit einer Auflösung von einem Kubikmillimeter neuronale Aktivität anhand der Veränderungen des Sauerstoffgehalts im Blut misst, muss für die Suche nach neuen Lügen- oder Wahrheitsdetektoren herhalten.

Abgesehen davon, ob bildgebende Verfahren wie die fMRT tatsächlich das wiedergeben, was sie angeblich tun (Auch im Ruhezustand feuern die Neuronen), gibt es verschiedene Ansätze, wie sich mit neuen Lügendetektoren nachweisen lassen soll, ob eine Person die Wahrheit sagt. Da gibt es relativ einfache Methoden, physiologische Daten wie den Hautwiderstand zu messen (An den Absichten, nicht an den biometrischen Daten sollt ihr sie erkennen), aber eben auch Versprechungen, über den direkten Einblick in das Gehirn eine täuschungssichere, lernresistente Kenntnis zu gewinnen.

Seit Jahren schon versucht der Neurowissenschaftler Lawrence Farwell seine "brain fingerprinting" genannte EEG-Technik an den Mann zu bringen. Im Gegensatz zur aufwändigen fMRI, bei der die Personen ruhig im Scanner liegen muss, werden hier mit einem Stirnband, an dem Sensoren angebracht sind, die Gehirnwellen einer Person erfasst. Zeigt man dieser Bilder beispielsweise von einem Tatort, so ließe sich an den Reaktionen feststellen, ob die Person diesen kennt. Beim Wiedererkennen käme es zu unwillkürlichen, nicht beeinflussbaren Reaktionen, die sich in spezifischen Gehirnwellen in Form von P300-Reaktionen - MERMER (memory and encoding related multifaceted electroencephalographic response) genannt – niederschlagen (Ein Gehirnscan als Lügendetektor).

Dem Einsatz der fMRI-Technik liegt die Annahme zugrunde, dass Lügen für das Gehirn ein aufwändigerer Prozess ist, als die Wahrheit zu sagen (Erhöhte neuronale Aktivität beim Lügen). Daher würde sich in bestimmten Arealen beim Lügen eine erhöhte neuronale Aktivität zeigen. Die Annahme, dass das Gehirn gewissermaßen auf Wahrheit voreingestellt sei, ist dabei sicher ein wenig vereinfachend (Gehirnareal für das Aufspüren von Schwindeleien). Bei einem Experiment mit fMRI wollen Neurowissenschaftler der University of Pennsylvania nun eine Methode entwickelt haben, um Lügen aufgrund der obigen Annahme von wahren Aussagen gar mit einer Trefferquote von 99 Prozent unterscheiden zu können.

Neue Methode soll ab nächstes Jahr auf den Markt kommen

Neurowissenschaftler der Medical University of South Carolina (MUSC), die auch mit dem Polygraph Institute des Pentagon zusammen arbeiten, stellen nun in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Biological Psychiatry ("Detecting Deception Using Functional MRI") ein Verfahren mit der fMRI-Technik vor, dessen Genauigkeit bei 90 Prozent liegen soll. Die Studie wurde hauptsächlich von der Firma Cephos finanziert, die bereits nächstes Jahr die Technik auf dem Markt anbieten will.

Die Forscher F. Andrew Kozel und Mark S. George haben für ihre Studie mit 61 gesunden Versuchspersonen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren gearbeitet und damit die angeblich bislang größte fMRI-Untersuchung in diesem Kontext durchgeführt. Es sei zudem die erste Studie, bei der die aktivierten Areale bei Individuen gemessen wurden und nicht über eine Auswertung der Gesamtgruppe. Für den Test führten die Versuchspersonen zunächst einen Scheindiebstahl in einem Raum unter Beobachtung durch. Sie sollten aus einer Schublade einen Ring oder eine Uhr "stehlen" und das erbeutete Objekt dann in einem Schrank zusammen mit ihren Sachen einsperren. Im fMRI-Scanner wurden dann Fragen auf einem Bildschirm ausgegeben, die die Versuchspersonen mit Ja oder Nein mittels Drücken eines Knopfes beantworten sollten. Fragen, die den Ring oder die Uhr betrafen, sollten sie mit einer Lüge beantworten, die übrigen Fragen wahrheitsgemäß. Ihnen wurde eine Belohung von 50 Dollar versprochen, wenn die Versuchsleiter nicht entdecken, dass sie beim Beantworten der Fragen im Scanner gelogen haben.

Bei 30 Personen wurde geprüft, welche Areale beim lügnerischen oder wahrheitsgemäßen Beantworten eine erhöhte Aktivität zeigten. Das war normalerweise der Fall in insgesamt fünf Arealen, die mit mit dem Treffen von Entscheidungen, mit Angst und mit Impulskontrolle zu tun haben. Ein erhöhter Sauerstoffgehalt zeigte sich auch im Blut in den Regionen, die man Multitasking verbindet. Mit der zweiten Gruppe von 31 Personen wurde eine Blindstudie durchgeführt, d.h. die Wissenschaftler erhielten von den Personen nur die fMRI-Ergebnisse und sollten daraus aufgrund der zuvor gewonnenen Erkenntnisse ableiten, welche Person gelogen hat und ob dies beim Ring oder bei der Uhr geschehen war. Mit einer Erfolgsquote von 90 Prozent konnten sie das gestohlene Objekt bei den Personen dieser Gruppe identifizieren.

Allerdings benutzten nicht alle Versuchspersonen die fünf identifizierten Areale, so dass es auch andere Aktivierungsmuster geben muss, die die Forscher nicht erkannt haben. Einige der Versuchspersonen versuchten auch, die Erkennung auszutricksen, indem sie beispielsweise bei wahrheitsgemäßen Aussagen die Atmung beschleunigten oder die Antwort verzögerten. Angeblich hatte dies aber keinen Einfluss auf das Ergebnis.

Ausgangspunkt der Studie war ebenfalls, dass Lügen ein komplexerer Prozess ist, als die Äußerung von Wahrheit, da Lügen die Unterdrückung der Wahrheit sei, man dabei eine kohärente Falschaussage kommunizieren, ein Wissen um den Kontext der Lüge haben und ein dem Angelogenen glaubwürdiges Verhalten vorspielen müsse. Andererseits sagen die Forscher selbst, dass Lügen allgegenwärtig sei und gesellschaftliches Verhalten ohne Lüge nicht funktionieren würde. Nicht lügen zu können, sei ein Zeichen von Neuropathologie.

Immerhin stellen die Wissenschaftler heraus, dass ihr Versuch nicht unter realen Bedingungen stattgefunden hat. Für die Versuchspersonen gab es trotz Gewinnerwartung kaum etwas zu verlieren. Sie wurden nicht in den Test gezwungen, antworteten brav und blieben ruhig im Scanner liegen. Überdies war die Auswahl der Versuchspersonen – gesunde Angehörige der Universität – nicht repräsentativ. Möglicherweise reagieren Kriminelle oder Menschen, die gewohnheitsmäßig lügen, anders. Und ein weiterer wichtiger Punkt sei es, so die Forscher offenbar bedauernd am Ende ihres Artikels: "Diese Technik kann nicht den Geist einer Person 'lesen'."

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