"Peak Oil" (Teil II)

16.10.2005

Wie die Prohibition dem Aufschwung des Biorohstoffs Hanf die eigenen Finanzierungsquellen abschneidet

Die Auto-Pioniere Rudolf Diesel und Henry Ford konnten sich mit ihren Visionen von Bio-Kraftstoffen und Autos, „die vom Acker wachsen“, nicht durchsetzen – angesichts von „Peak Oil“ werden diese Ideen wieder hochaktuell. Doch der Aufschwung des aussichtsreichstes Biorohstoff überhaupt – Hanf – wird nach wie vor von der Prohibition behindert (Über das Ende des Ölzeitalters, die Visionen der Autopioniere Diesel und Ford und die Wiederkehr des Universalrohstoffs Hanf - Teil I).

Warum noch Wälder verbrauchen, die Jahrhunderte zum Entstehen brauchen und jahrzehntelang Minen graben, wenn wir dieselbe Menge von Holz und Mineralprodukten aus der jährlichen Ernte von Hanffelder gewinnen?

Henry Ford

Theoretisch stellen Sonne, Wasser und Pflanzen alles bereit, was die Menschheit zum Überleben braucht – und was die Pioniere Diesel und Ford betrifft, ist es leicht vorstellbar, dass der gesamte Verkehr heute nahezu Öl-unabhängig und CO2-neutral laufen könnte, hätten sie sich mit ihren Visionen seinerzeit durchgesetzt. Ob es nun einer Verschwörung der Öl- und Chemieindustrie oder dem Sieg der Petro- über die Agrar-Industrie geschuldet ist, dass es fast 100 Jahren dauern musste, bis diese Ideen in die Praxis umgesetzt werden, ist nur noch für Historiker interessant – für die Zukunft ist allein von Relevanz, wie gut und wie schnell sie umgesetzt werden.

Das Auto das vom Acker wuchs: HenryFord traktiert zu Werbezwecken sein "Hemp-Car" (1941)

Wenige Tage nachdem unser Buch Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf 1993 erschienen war, erhielt ich den Anruf einer Agrargenossenschaft, die in Brandenburg wieder Hanf anbauen wollte und bereit war, gegen das damalige Verbot zu klagen. Es dauerte drei Jahre, den Gang durch viele Instanzen und einige Gutachten, bis die Kohl-Regierung vor dem Oberverwaltungsgericht endlich klein bei gab und der Anbau von Hanf in Deutschland wieder möglich wurde.

Seitdem können Landwirtschaftsbetriebe wieder Genehmigungen (und EU-Förderung) erhalten, wenn sie zugelassene Hanfsorten - mit einem sehr geringen Gehalt des psychoaktiven Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) – anbauen und einen Abnehmer für die Hanfernte benennen könne. Da Verarbeitungsanlagen in Deutschland nicht mehr vorhanden waren - die letzte Hanffabrik der DDR hatte kurz vor der Wende den Betrieb eingestellt -, dauerte es einige Jahre, bis eine bescheidene Produktion wieder in Gang kam. Die etwa 1.800 Hektar Hanf, die 2004 angebaut und zu Fasern aufbereitet wurden, finden ihre Abnehmer vor allem in der Autoindustrie, die Formpressteile daraus fertigt, sowie als Dämmstoffe im Hausbau. Hanfsamen sind wegen ihres wertvollen Öls als Lebensmittel begehrt, Hanfbrot und Hanföl sind in Naturkostläden wieder fast überall erhältlich, ebenso wie kosmetische Produkte, die mittlerweile sogar bei internationalen Ketten wie „The Body Shop“ wieder im Programm sind.

Die Wiederentdeckung des Hanfs hat also im vergangenen Jahrzehnt durchaus stattgefunden, aber kaum mehr. Das universelle Potential dieser Pflanze ist mit diesen ersten Schritten nicht einmal ansatzweise erschlossen, wobei die Nutzung als Biomasse und Energiepflanze nur ein Aspekt ihrer vielfältigen Perspektiven ist. Behindert und erschwert wird eine solche Entwicklung jedoch durch die im Rahmen des „war on drugs“ immer noch geächteten Blüten und Harze des Hanfs (Marijuana und Haschisch). Sie sorgt dafür, dass Hanfanbau in Ländern wie den USA nach wie vor gänzlich verboten und hierzulande mit vielen bürokratischen Hindernissen und Kontrollen verbunden ist.

Das „Mörderkraut“-Image, das der erste Drogenzar Harry Anslinger dem Hanf erfolgreich anheftete und das seitdem mit immer neuen Updates gepflegt wird, ist in ins öffentliche Bewusstsein tief einprogrammiert und wird mit den milliardenschweren Etats des „war on drugs“ nach Kräften finanziert. Jede positive Erwähnung von Cannabis als Nutzpflanze oder Medizin wird von Prohibitionseiferern als „Verharmlosung“ gesehen. Auch die willfährigen Wissenschaftler der „Reefer Madness“-Ära der 1930er, die den Horrormeldungen über das Mörderkraut akademische Autorität verleihen, sind nicht ausgestorben, wie etwa der Hamburger Psychiatrieprofessor Rainer Thomasius, der beklagt „dass durch positive Meldungen über Cannabis und andere Rauschmittel diese erst richtig hoffähig gemacht werden“ . Ganz in diesem Sinne äußert sich immer wieder auch das vom US-Prohibitionsgeist dominierte UN-Drogenbüro in Wien, das u.a. Warnungen vor Textilien, Kosmetika und Lebensmittel aus Hanf verbreitete, weil die darauf abgebildeten Hanfblätter den Drogenkonsum verharmlosen würden.

Der irrationale Krieg, der gegen Hanf als Rausch- und Genussmittel immer noch geführt wird (Eine Ideologie am Ende: Die globale Drogenprohibition), behindert so nicht nur seine wirkliche Wiederkehr als universeller Biorohstoff, sondern schneidet der Renaissance einer Hanfindustrie auch die eigene Finanzierungsquelle ab. Allein die legale Nutzung THC-reicher Hanfblüten für Arznei- und Genussmittel würde der Hanfpflanze ökonomisch das Milliardenpotential erschließen, das jetzt dem Schwarzmarkt zufällt – und damit ein Steuereinkommen, mit dem neben einer schadensmindernden Präventionspolitik im Drogenbereich auch der Aufbau einer nachhaltigen Hanfwirtschaft finanziert werden könnte.

Spitzenreiter Hanf: Durchschnittserträge eines mehrjährigen Versuchs zur umweltverträglichen und energieeffizienten Energiepflanzenproduktion, Agrarinstitut Bornim

Zur Versorgung des gesamten bundesdeutschen Markts mit Marijuana und Haschisch würde die Fläche eines mittleren Landguts (100-200 Hektar) ausreichen und da auch THC-reiche Hanfblüten im Freiland keine höheren Gestehungskosten haben als etwa Kartoffeln, könnte man damit ein Steuereinkommen von ca. 2 Milliarden EU per anno erzielen. Auf diesen Betrag jedenfalls schätzt der Deutsche Hanf Verband die gesamten staatlichen Einnahmen, die eine geregelte Cannabis-Abgabe und der Wegfall der Repressionskosten mit sich bringen würden.

Es gibt viel zu tun, pflanzen wir’s an!

„Peak Oil“ bedeutet nicht nur, dass die Sucht nach Öl, der Droge Benzin, auf alternative Substanzen umgestellt werden muss, das Ende des Ölzeitalter hat auch unmittelbare Auswirkungen auf das Lebensmittelregal, denn wir verfahren und verheizen nicht nur Öl, wir essen es auch (Eating Fossil Fuels). Doch auch hier bietet Hanf, der wegen seiner eiweißreichen Samen im alten China zu den Getreidesorten gezählt wurde, eine überzeugende Alternative. Die emeritierten Professoren Eidleman und Hamilton der Universität Kalifornien behaupten sogar, dass „mit Hanf die Ernährungsprobleme der Welt im Handumdrehen zu lösen sind.“

Selbst wenn das mit dem „Handumdrehen“ vielleicht zu euphorisch ist, dass Hanf auch dieses Potential hat, ist aus den Not- und Hungerzeiten vergangener Jahrhunderte gut dokumentiert. Auch weil mit einem Ende des Ölzeitalters nicht zuletzt wieder solche Zeiten auf den Planeten zukommen, scheint eine vollständige Rehabilitierung und großflächige Renaissance des Hanfs unausweichlich. Cannabis ist keine Wunderpflanze und kann die Welt nicht retten, aber sie weist in alle drängenden Fragen – ökonomisch, ökologisch & spirituell – in die richtige Richtung.

Keine andere Pflanze auf diesem Planten kann so universell genutzt werden wie Hanf, weshalb er fast überall auf der Welt als heilige Pflanze verehrt wurde. Hanf war, so der Botaniker William Embodden, „die Milch der Götter an der Wiege der Zivilisation“. Nach einem Jahrhundert, das sich vom schwarzen Gold abhängig gemacht hat, um mobil zu werden, gilt es sich zu erinnern, dass weder Mobilität noch Industrialisierung darauf wirklich angewiesen sind – mit den Worten des Auto- und Industriepioniers Henry Ford:

Warum noch Wälder verbrauchen, die Jahrhunderte zum Entstehen brauchen und jahrzehntelang Minen graben, wenn wir dieselbe Menge von Holz und Mineralprodukten aus der jährlichen Ernte von Hanffelder gewinnen.

Dass es 100 Jahre dauern musste, bis diese Botschaft langsam ernst genommen wird, hatte seine Gründe in industriellen Machtkämpfen, prohibitionistischem Eifer und der allgemeinen Dummheit der Gattung homo sapiens. Als domestizierte Primaten und Gewohnheitstiere reagieren sie auf ein Problem erst dann, wenn es ihnen wirklich auf dem Pelz brennt – und erstaunlicherweise scheint auch diese Trägheit und Angst vor Veränderung etwas mit Cannabis zu tun zu haben.

Die erst Ende der 80er Jahre entdeckten Cannabinoid-Rezeptoren (CB1/CB2) und die vom Körper selbst produzierten Cannabis-Wirkstoffe (Anandamide) haben neueren Studien zufolge nicht nur für den Stoffwechsel aller höheren Lebewesen zentrale Bedeutung - sie steuern das „Futter & Fütter-System“ -, sondern auch für die Anpassungsfähigkeit. Mäuse, deren CB1-Rezeptoren blockiert werden, reagieren auf Veränderung wie das Umsetzen im Käfig erregt und angstvoll. Werden sie wieder in die alte Umgebung gesetzt, entspannen sie sich sofort. Das hat etwas damit zu tun, dass bei den Mäusen ohne CB1-Rezeptoren die Lernfunktion ausfällt.

Wie Xia Zhang und sein Team gerade in einem Artikel, der in der Zeitschrift Journal of Clinical Investigation erschienen ist, gezeigt haben, regt der Wirkstoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), der an CB1-Rezeptoren andockt, das Gehirn und vor allem das Gedächtnis an, weil das Wachstum von Nervenzellen (Neurogenese) im Hippocampus stimuliert wird. Ähnliches konnten jetzt auch Wissenschaftler der Universität Bonn nachweisen, die mit Mäusen gearbeitet haben, deren CB1-Rezeptoren ausgeschaltet waren und die so weder körpereigene Cannbinoide noch Haschisch aufnehmen konnten. In jungem Alter lernten die Mäuse besser als die Mäuse mit CB1-Rezeptoren, doch sie verlieren schnell Nervenzellen im Hippocampus, was zu einem Abbau der Lernfunktionen führt (s.a. Psychoaktive Botschaften). Die Ratten, denen Xia Zhang regelmäßig hohe THC-Dosen zuführte, zeigten überdies weniger Angst und depressive Verhaltensweisen.

Robert Melamede kommentierte den Zusammenhang so:

Ich frage mich, ob manche Leute, besonders „Drogenkrieger“, vielleicht auch einen blockierten CB-1-Rezeptor haben und sich deshalb jeder Veränderung widersetzen - während Leute wie wir, mit einem unblockierten CB1-Rezeptor, die Vorteile genießen, viel entspannter sind und keine Angst vor Veränderungen haben (..) Cannabinoide kontrollieren, wie wir die Zukunft sehen. Wenn du mit schlechten Erfahrungen erfüllt bist, hast du Angst vor der Zukunft. Mit reichlich Cannabinoiden dagegen willst du in der Zukunft sein.

Robert Melamede, der das schreibt, ist kein hanfbeseelter Althippie, sondern der Leiter des Biologie-Departments der Universität Colorado, der in einem Info über Cannabinoide den neuesten Stand der Erforschung des Cannabinoid-Systems zusammenfasst. Eines Systems, das 600 Millionen Jahre alt ist und eine entscheidende Rolle bei der Evolution höherer Lebensformen spielte. Cannabinoid-Rezeptoren gibt es in vielen Teilen des Körpers, daher gibt es auch viele medizinische Anwendungen von Cannabis-Präparaten von der Schmerzlinderung bis zur Beeinflussung des Stoffwechsels.

„Es stimmt nicht, dass gegen die Dummheit kein Kraut wächst. Es wird nur keines angepflanzt“, hatte schon Georg Christoph Lichtenberg notiert. Wo „Peak Oil“ uns nun zwingt, die Dummheit der Öl-Abhängigkeit zu überwinden, sollte es an der Intelligenz, auf Hanf zu setzen, nicht mehr lange fehlen. Es gibt viel zu tun, pflanzen wir’s an!

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