Todbringende Vögel
Die Vogelgrippe sprang schon 1918 ziemlich direkt auf den Menschen über
Die Vereinten Nationen nehmen die Gefahr einer Mutation der vor allem in Asien grassierenden Vogelgrippe sehr ernst. Die Organisation warnt davor, dass eine entsprechende Grippe-Pandemie schlimmstenfalls bis zu 150 Millionen Menschen das Leben kosten könnte. Generalsekretär Kofi Annan hat einen Chefkoordinator gegen die Vogelgrippe ernannt. US-Präsident George W. Bush denkt laut darüber nach, wie eine Massenquarantäne durchzusetzen wäre und ob im Fall einer Grippe-Epidemie in den USA das Militär eingesetzt werden solle.
Weltweit wird derweilen fieberhaft geforscht. Diese Woche bringen die beiden führenden Wissenschaftsjournale Nature und Science Fachartikel über die neuesten Erkenntnisse. Die Rekonstruktion des Virus der Pandemie von 1918 zeigt, dass er von einem Vogelgrippevirus abstammt und durch Mutationen derartig tödlich wurde.
![]() |
|
| 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, erkrankten auch viele Soldaten wie hier in Fort Porter, New York,an der Spanischen Grippe. (Bild: American Red Cross Museum) |
Im vergangenen Winter tobte die Grippe in Deutschland besonders heftig. Nach Angaben des Robert-Koch-Institutes wurden bis zu 32.000 Erkrankte in Krankenhäuser eingewiesen, und 15.000 bis 20.000 starben. Ungefähr 2 Millionen Tage fielen Grippekranke am Arbeitsplatz aus (Influenza Daten aus dem Saisonabschlussbericht 2004 / 2005 der AG).
Der neue Impfstoff für die Saison 2005/2006 ist jetzt da und vor allem gefährdete Personengruppen, sprich Ärzte und Pfleger, Patienten im Alter über 60 Jahre, alle mit Herzkreislauf-Erkrankungen, chronischen Atemwegs- oder Nierenerkrankungen sowie Zuckerkranke, sollten sich impfen lassen.
|
|
Umgangssprachlich wird oft jede fiebrige Erkältung als Grippe bezeichnet. Tatsächlich ist die Influenza aber eine schwere Infektionskrankheit, die durch Viren übertragen wird. Starke Kopf- und Gliederschmerzen setzen plötzlich ein, Atemwegsbeschwerden und hohes Fieber folgen. Der Erkrankte fühlt sich völlig abgeschlagen und sehr elend. Die Symptome sind ähnlich wie bei einem grippalen Infekt (Schnupfen und Husten), aber die Krankheit ist sehr viel schwerwiegender und gefährlicher. Die Grippe ist sehr ansteckend und sie tritt in Wellen auf. Viele Personen infizieren sich innerhalb von sechs bis acht Wochen durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch, dann verebbt die Influenza genau schlagartig, wie sie auftauchte.
Spanische Grippe 1918
Die letzte riesige Grippepandemie mit 20 bis 50 Millionen Toten erlebte die Welt 1918/19. Schon länger hatten Forscher vermutet, dass dieser tödliche Virus eng mit dem in Asien seit Jahren grassierenden aggressiven Vogelgrippevirus-Typ H5N1 verwandt ist. Jetzt gelang es Wissenschaftlern, den Nachweis dafür zu liefern. In Nature veröffentlicht eine Gruppe um Jeffrey K. Taubenberger vom Armed Forces Institute of Pathology und in Science ein Autorenteam um Terrence M. Tumpey vom National Center for Disease Control and Prevention ihre Berichte über die Rekonstruktion und Untersuchung des Erregers, der die Pandemie von 1918 verursachte.
![]() |
|
| Die Angestellten im öffentlichen Dienst in Kalifornien wurden 1918 aufgefordert, Schutzmasken zu tragen. (Bild: Stanford University). Der populäre Reim dazu lautete: Obey the laws And wear the gauze Protect your jaws From Septic Paws |
Die Genom-Analyse des Virus waren möglich, weil es altes Autopsie-Material in Formalin gibt und zudem Lungengewebe eines Opfers der damaligen Grippewelle, das im Permafrost Alaskas begraben wurde. Der gefährliche Erreger wurde in einem US-Militärlabor unter strengsten Sicherheitsvorschriften wieder ins Leben gerufen. Das Projekt läuft seit den 90er Jahren und hatte in der Vergangenheit immer wieder Schlagzeilen gemacht, weil Kritiker befürchteten, der Virus könne in die falschen Hände geraten (US-Militärlabor forscht mit Genen des gefährlichsten Grippevirus). Tatsächlich werden gefährliche Krankheitserreger nicht immer mit der nötigen Sorgfalt behandelt, wie der Skandal um die verschickten, falsch etikettierten Grippeviren im Frühjahr verdeutlichte (Gefährlicher Grippevirus wurde an 5.000 Labors verschickt).
Die Zeitschrift Science dachte gründlich darüber nach, bevor sie die aktuellen Ergebnisse veröffentlichte. In Zeiten des Bio-Terrorismus (Die wahren Experten biologischer Kriegsführung sind die Bakterien selbst) wird immer wieder heftig darüber diskutiert, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse öffentlich bekannt gemacht werden sollen (Wissenschaftliche Publikationen als Geheimsache?). Der Chefredakteur Donald Kennedy erklärte dazu:
Science publiziert diese Studie, weil sie Informationen zur Verfügung stellt, die für die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen wichtig sind, damit eine neue weltweite Grippe-Pandemie vermieden werden kann. Wir haben die Implikationen der Veröffentlichung dieser Forschung sorgfältig erwogen und sind zu dem Schluss gekommen, dass der potenzielle Schutz der Gesundheit vieler Menschen die Risiken der Arbeit mit dem Virus bei weitem überwiegt.
Das Team um Taubenberger kam durch seine Analysen zu dem klaren Schluss, dass der Erreger der Spanischen Grippe direkt von einem Vogelgrippevirus abstammt und durch verschiedene Mutationen für den Menschen der nie zuvor mit ihm in Berührung gekommen war zur tödlichen Gefahr wurde.
Die Gruppe um Tumpey infizierte mit dem rekonstruierten Virus Mäuse und Küken-Embryos sowie Zellkulturen von humanem Lugengewebe, um die entscheidenden Faktoren für die extrem hohe Virulenz des Erregers zu erforschen. Offensichtlich ist ein Zusammenspiel der Gene für die Gefährlichkeit verantwortlich, denn wenn ein Abschnitt durch Erbgut eines harmloseren Grippevirus ersetzt wird, verliert er deutlich an Aggressivität.
Eine weitere in der aktuellen Ausgabe von Nature veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Elodie Ghedin vom Institute for Genomic Research präsentiert die Gen-Sequenzen von 209 Influenza-A-Viren, die zwischen 1999 und 2004 Patienten im Staat New im Staat New York an Grippe erkranken ließen. Deutlich wurde dabei die extrem schnelle Mutationsrate der Viren, die sich in jeder Saison verändern und neue Stämme hervorbringen. Elodie Ghedin ist überzeugt, dass diese Erkenntnisse zur Entwicklung neuer Arzneien beitragen werden:
Diese Studie verdeutlicht, dass Genforschung dazu beitragen kann, die Entwicklung der Grippeviren besser zu verfolgen und effektivere Impfstoffe herzustellen. Dies ist vielleicht der detaillierteste Schnappschuss, den Wissenschaftler je vom Zug der Grippe durch die Gesellschaft gemacht haben.
Die Arbeit der Forscher ist Teil des Influenza Genome Sequencing Project, das es sich zum Ziel gesetzt hat, den Erreger und seine Unterformen besser zu verstehen. Alle erzielten Ergebnisse werden gesammelt veröffentlicht und damit den interessierten Wissenschaftlern frei zugänglich gemacht.
Vogelgrippe
Die neuen Erkenntnisse der Forschergruppen um Taubenberger und Tumpay zeigen, dass der Erreger der Spanischen Grippe 1918 durch Mutationen eines Vogelgrippevirus entstand. Er war wohl für Menschen gerade deswegen besonders gefährlich, weil sie nie zuvor mit ihm in Berührung gekommen waren. Die großen Grippe-Epidemien 1957 und 1968 wurden dagegen durch Viren verursacht, die sich aus bereits an den Menschen adaptierten Stämmen weiterentwickelt hatten (Grippe - die nicht ausgestorbene "Seuche").
Bislang war die Hauptbefürchtung der Experten gewesen, dass der momentan grassierende Vogelgrippevirus sich in einem Menschen mit einem gängigen Grippevirus vereinigen und dann von Mensch zu Mensch übertragen würde. Die neuen Ergebnisse lassen befürchten, dass sich die Vogelgrippe schlicht durch Mutation aus sich selbst heraus dem menschlichen Organismus anpassen könnte.
![]() |
|
| Mit Vogelgrippe infizierter Hahn (Bild: United States Department of Agriculture) |
Die Vogelgrippe oder Geflügelpest befällt vor allem Hühner und Puten, verursacht wird sie durch den in 15 Unterarten (sog. H-Subtypen) vorkommenden Influenza-A-Virus. Der aggressive Typ H5N1 sucht seit Mitte der 90er Jahre Südostasien heim. In den Ländern Korea, Indonesien, Vietnam, Japan, Thailand, Kambodscha, China (einschl. Hongkong), Laos und Malaysia verendeten mehr als 100 Millionen Tiere oder wurden zur Eindämmung der Krankheit getötet. Mehr als 60 Menschen starben, nachdem sie sich bei infizierten Tieren angesteckt hatten (WHO: Avian Influenza).
Bislang ist kein Fall einer Übertragung dieser Art der Grippe von Mensch zu Mensch bekannt geworden. Aber die Besorgnis steigt, denn die Vogelgrippe breitet sich weiter aus im Juli brachten Zugvögel sie nach Westsibirien (Von Vögeln, Menschen und Enten, die trojanische Pferde sind). In Russland kommt es immer noch zu Massenschlachtungen (Vogelgrippe: 100 000 Hühner im Gebiet Kurgan notgeschlachtet), doch die Behörden vertreten die Meinung, dass die Krankheit langsam verschwindet (Vogelgrippe in Russland klingt ab). Allerdings sind Zweifel angebracht. Die Informationspolitik einiger betroffener Staaten wurde in der Vergangenheit von der Weltgesundheitsorganisation immer wieder als unzulänglich bezeichnet. Die Beschönigungen der Situation erstaunen nicht, wenn man bedenkt, wie groß der entstehende volkswirtschaftliche Schaden bei einem Ausbruch der Vogelgrippe ist.
In Deutschland schreckte die Nachricht der Verbreitung der Geflügelpest durch Zugvögel die Politik auf. Am 1. September erließ die Verbraucherministerin Renate Künast eine entsprechende Eilverordnung (Verordnung über Untersuchungen auf die Klassische Geflügelpest). Sollte ein erkranktes Tier beobachtet werden, müssen alle Geflügelarten in den Ställen eingesperrt werden. Die Ministerin betonte:
Wir wollen damit sicher stellen, dass wir Verdachtsfälle so früh wie möglich erkennen und umgehend darauf reagieren können. Auch wenn die Gefahr der Übertragung durch Zugvögel von Experten, der EU-Kommission und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen derzeit als gering eingeschätzt wird, müssen wir auf alles vorbereitet sein.
In den USA sinnierte Präsident George W. Bush kürzlich über einen möglichen Massen-Ausbruch der Grippe in Nordamerika und die dann notwenigen Quarantäne-Maßnahmen, die das Militär durchsetzen könnte. Wörtlich sagte er bei einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen:
The policy decisions for a President in dealing with an avian flu outbreak are difficult. One example: If we had an outbreak somewhere in the United States, do we not then quarantine that part of the country, and how do you then enforce a quarantine? When -- it's one thing to shut down airplanes; it's another thing to prevent people from coming in to get exposed to the avian flu. And who best to be able to effect a quarantine? One option is the use of a military that's able to plan and move.
Verschiedene Wissenschaftler reagierten mir scharfer Kritik auf diese Äußerungen des Präsidenten und warnten davor, bei einer Pandemie gleich das Kriegsrecht auszurufen und Soldaten als Gesundheitspolizei einzusetzen.
Die Vereinten Nationen nehmen die Gefahr einer Grippe-Pandemie sehr ernst. Generalsekretär Kofi Annan setzten den britischen Infektions-Experten David Nabarro als weltweiten Koordinator im Kampf gegen die Vogelgrippe ein. Nabarro soll künftig die verschiedenen UN-Organisationen bei Maßnahmen gegen das aggressive Virus H5N1 unterstützen. Die UNO geht davon aus, dass eine solche Pandemie viele Opfer fordern würde, die entworfenen Szenarien sagen fünf und im schlimmsten Fall bis zu 150 Millionen Tote voraus. Die UN will im Kampf gegen die Krankheit in den kommenden drei Jahren insgesamt 82 Millionen Dollar einsetzen, die Finanzierung ist allerdings noch nicht gesichert.
Wichtig ist die Vorbereitung auf den Zeitpunkt, wenn der Virus mutiert und dann akut für den Menschen gefährlich wird. Das Zeitfenster sei dann sehr klein, erklärte Nabarro:
Die meisten Experten gehen davon aus, dass zwischen der Entdeckung des mutierten Virus und dem Beginn einer weltweiten Epidemie nur wenig Zeit bleibt. Die Rede ist von wenigen Wochen.
- "Leben ohne Ende" (9.10.2005 12:54)
- 1. Symptom: (9.10.2005 9:29)
- nicht so schlimm (8.10.2005 19:30)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin
Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2



