Zuviel des Guten
Update: Der in Bedrängnis geratene US-Präsident Bush wollte mittels einer Live-Videokonferenz mit US-Soldaten einmal Positives aus dem Irak melden, aber die durchinszenierte Propaganda-Show ging trotz erneuter Hilfestellung aus dem Pentagon in die Hosen
Am Wochenende werden die Iraker, sofern sie überhaupt an der Abstimmung teilnehmen, über die Annahme der weiterhin nicht nur bei den Sunniten umstrittenen und mehrfach umgeschriebenen Verfassung entscheiden. Auch wenn die Bush-Regierung mit dem Referendum, sofern es denn für die Verfassung ausgeht, ein Erfolg verbucht werden soll, würde dies nach Ansicht vieler kaum etwas an der verfahrenen Situation verändern. In den USA ist nach der letzten CBS-NYT-Umfrage die Zustimmung zu der Irak-Invasion mittlerweile auf einen neuen Tiefpunkt gelangt, auch die Popularität von Bush und die Überzeugung, seine Politik sei richtig für das Land, erreichte Tiefststände.
Nicht nur der Irak untergräbt derzeit die Zustimmung zur Bush-Regierung. Nachdem einige führende Köpfe der Partei und im Weißen Haus in Skandale wie Tom DeLay und Karl Rove verwickelt sind und mehr und mehr Einzelheiten über die Tätigkeit des Lobbyisten Jack Abramoff bekannt werden, geht es mit der Stimmung bergab. Fast 70 Prozent der Amerikaner sagen, das Land gehe unter Präsident Bush in eine falsche Richtung. Am schwersten aber dürfte das andauernde Fiasko im Irak wiegen, gerade noch ein Drittel der befragten US-Bürger sagt, der Krieg habe sich gelohnt.
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| US-Präsident Bush in der Live-Videokonferenz mit US-Soldaten in Tikrit. Bild: Weißes Haus |
Um für bessere Informationen zu sorgen, wurde daher vor dem Referendum vom Weißen Haus am Donnerstag noch eine Videokonferenz zwischen dem Weißen Haus und US-Soldaten in Tikrit inszeniert. Die 10 amerikanischen Soldaten, meist Offiziere, sollten also einen symbolisch aufgeladenen Lagebericht aus dem Zentrum des sunnitischen Dreiecks und dem Heimatorz von Saddam bieten. Und weil es auch um die angeblich zunehmende Einsatzfähigkeit der irakischen Truppen gehen sollte, die einen schnellen, politisch opportunen Abzug des US-Militärs ermöglichen sollen, befand sich auch ein irakischer Soldat dabei.
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Die virtuelle Begegnung wurde vom Fernsehen übertragen, Zugang hatten Journalisten nur zu dem Raum in einem Pressegebäude des Weißen Hauses, in dem sich der Präsident befand. Die Idee der Spindoktoren dabei war natürlich, den Menschen am Bildschirm nicht nur den Eindruck zu geben, dass ihr Präsident mit den Soldaten vor Ort spricht, sondern deren Berichte von der Front sollten auch einen authentischen Eindruck machen und gegenüber der verbreiteten Skepsis Optimismus verbreiten. Schon bei den einleitenden Worten setzte sich der Präsident über die Stimmung im Land weg und versicherte den Soldaten gleich zwei Mal, dass sie Zuhause "eine gewaltige Unterstützung" hinter sich hätten. Ansonsten sagte er zu den Soldaten und zu den Bürgern, dass die Regierung das Militär nicht abziehen werde, bis ein "totaler Sieg" erreicht werde.
Auch wenn dies das Ziel gewesen sein dürfte, so war dennoch allen klar, dass es sich um ein bis ins Detail vorbereitetes Gespräch handelte, bei dem nur zu Sprache kommen konnte, was im Weißen Haus erwünscht wurde. Eingeübt wurde das Frage-Antwort-Spiel zuvor mit Allison Barber, einer Mitarbeiterin des Pentagon. Die Soldaten wechselten sich dann sehr schnell ab, vielleicht um bei längeren Antworten nicht einen Fehler zu machen. Und natürlich antworteten sie brav, dass man überall Fortschritte sehe, dass die irakischen Truppen die Sicherheit bei den Wahlen garantieren würden oder dass die Menschen selbst in Tikrit sich danach drängen, am Referendum teilzunehmen. Der irakische Soldat wurde freilich etwas kurz gehalten. Sergeant Akeel durfte sich aber bei Bush für alles bedanken ("Thank you for everything. Thank very much for everything.") und dann noch hinzufügen: "I like you." Das war es dann auch schon mit der Stimme aus dem Irak.
Natürlich hat niemand wirklich erwartet, dass ein solches Gespräch spontan stattfindet. Gleichwohl versuchte man im Weißen Haus den Propaganda-Auftritt im Sinne der Regierung nicht als solchen erscheinen zu lassen. Mühsam versuchte der Pressesprecher McClellan den Fragen von Journalisten mit teilweise skurrilen Argumenten auszuweichen, ob die Soldaten extra ausgewählt, auf ihren Auftritt vorbereitet wurden und nur sagen durften, was ihnen befohlen wurde. McClellen führte etwa an, dass man solche Satellitenvideokonferenzen immer vorbereiten müssen, weil es "technische Probleme" geben könne. Auf die Frage, ob den Soldaten befohlen wurde, was sie sagen sollten, antwortete McClellan, dass er davon nichts wisse. Man habe die ganze Sache aber in enger Koordination mit dem Pentagon gemacht. Die Schuld soll also dem Pentagon zugesprochen werden, im Weißen Haus hat man nur ein offenes Gespräch gewünscht. Schließlich könnten die Soldaten doch stets sagen, was sie wollen. Im Unterschied zu früher lassen nun die Journalisten sich nicht so schnell abfinden. Die Antworten von McClellan, der natürlich versuchen musste, nicht direkt zu lügen, aber gleichzeitig die Wahrheit zu verschleiern, wurden immer peinlicher:
So you're saying this was not a staged conversation for PR purposes?
MR. McCLELLAN: This is an event where there's coordination that goes on and we work closely with the Department of Defense. They worked to pull together some troops for the President to visit with and highlight important topics that are going on right now on the ground in Iraq. The President is going to continue speaking out about what we're working to achieve in Iraq and he's going to continue talking about the vital mission that we're working to achieve there. I just don't know if some are suggesting that what our troops were saying was not their own thoughts, because it clearly was.
Q Now, we all saw the event, so without getting into what the President said and what the troops said, can you just talk specifically to the choreography? Did the soldiers know what questions they would be asking? Did they --
MR. McCLELLAN: No, I really can't, because we coordinate this with the Department of Defense, and you might want to direct questions to the Department of Defense, because when we do these events -- we appreciate all the help that they provide -- the Department of Defense takes the lead in terms of pulling some troops together so that we can do events like this.
Q So you, personally, do not know if those soldiers rehearsed their answers before they were on air, live?
MR. McCLELLAN: Well, my understanding is that someone from the Department of Defense was talking to them ahead of time. But I don't know -- I was with the President, so --
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Update: Auch das Pentagon streitet nun ab, dass die Videokonferenz mit dem Präsidenten inszeniert war. Man will offenbar nicht den Eindruck erwecken, geht es doch um eine Mission, dem Irak und anderen Ländern notfalls mit Gewalt Demokratie und Freiheit zu bringen, dass den Soldaten vorab gesagt wurde, was sie auf die Fragen von Bush sagen sollten. Doch ebenso wie McClellan verssucht sich nun der Pentagon-Sprecher di Rita auf kreative Weise darin, weder die Wahrheit, noch eine direkte Lüge sagen zu müssen.
In seiner schriftlichen Mitteilung rettet sich der Pentagon-Sprecher erst einmal auch mit dem Argument, dass Videokonferenzen technisch schwierig seien. Daher müsse man sich auf eine solche vorbereiten, sie organisieren, den Soldaten sagen, welche Fragen sie zu erwarten haben, und sie entscheiden lassen, in welcher Reihenfolge sie antworten wollen. Irgendwie scheint es nach dieser Darstellung im Fernsehen keine Live-Interviews oder -Diskussionen über Satellitenverbindungen geben zu können.
Dass man vor dem Gespräch schon einmal die Fragen durchgegangen war, sollte es den Soldaten lediglich ermöglichen, nicht zu aufgeregt zu sein "während diesem offensichtlich einzigartigen Erlebnis". Im Pentagon sei man natürlich stolz darauf, den Soldaten an der Front dabei zu helfen, ihre Geschichten zu berichten. Irgendeine Beeinflussung also über die Vorbereitung wegen der Technik und der Aufgeregtheit der Soldaten wird also abgestritten. Und wenn sie dann sagen, was man zuvor geübt hat, so soll eben dies dann auch freie Meinungsäußerung sein (weil sie doch im Prinzip etwas anderes hätten sagen können?). Die Peinlichkeit der Angelegenheit verstärkt sich mit di Ritas Äußerungen nur noch.
"On behalf of these fine young men and women, we certainly regret any perception that they were told what to say. It is not the case."
Ob nun instruiert oder spontan, so hat einer der beteiligten Soldaten in seinem Blog, dessen Inhalte auch sonst im Weißen Haus und im Pentagon keinen Widerspruch erregen würden, ebenfalls abgestritten, dass die Antworten vorgegeben worden seien. So gibt es also Medienschelte:
"President Bush told us, during his closing, that the American people were behind us. I know that we are fighting here, not only to preserve our own freedoms, but to establish those same freedoms for the people of Iraq. It makes my stomach ache to think that we are helping to preserve free speech in the US, while the media uses that freedom to try to RIP DOWN the President and our morale, as US Soldiers. They seem to be enjoying the fact that they are tearing the country apart. Worthless!"
Naheliegend ist freilich auch, dass man im Pentagon schon die richtigen Leute ausgesucht hat, die konform genug für die Propaganda-Arbeit sind. Überdies wäre es wohl auch für die eigene Karriere nicht förderlich, abweichende Meinungen bei einer solchen Gelegenheit zu äußern.
Doch selbst der bislang Bush-freundliche Sender Fox News nimmt dem Weißen Haus und dem Pentagon die gefinkelten Argumente nicht ab. Nicht nur lassen sich aus der an die Öffentlichkeit gelangten Aufzeichnung vor der Sendung sehen, wie die Soldaten instruiert wurden, es hätten sich beim Sender auch einige Offiziere über die Inszenierung beschwert.
- also (18.10.2005 20:45)
- In einem kann man in Europa allerdings optimistisch sein (17.10.2005 15:53)
- Als jemand, der asiatischen Menschen sehr (17.10.2005 1:58)
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