"Ich glaube, dass eines Tages Frauen Autofahren werden"

Florian Rötzer 15.10.2005

Der neue saudische König gibt sich liberal und hat sich sogar schon demonstrativ von einer Frau interviewen lassen, was aber zeigt, dass Aufklärung und Reformen überfällig sind

Einen Reformstau gibt es selbstverständlich nicht nur in Deutschland. Auch dort, wo demokratische Hindernisse die Ausübung der Regierung praktisch noch nicht in die Quere kommen, dauern Veränderungen lange. Das ist etwa im Königreich Saudi-Arabien der Fall, in dem die Herrscher versprochen haben, sich allmählich der Demokratie zu öffnen. Und wie nun der neu an die Macht gekommene König Abdullah, gut überwacht von seinen über vierzig Brüdern und den Hunderten von Kindern der Großfamlie (Quo Fahdis, Saudi?), dem US-Sender ABC ankündigte, selbst irgendwann einmal die Frauen ans Steuer von Fahrzeugen gelangen dürfen.

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Im April hatte der als liberal, dem Westen aufgeschlossen geltende Abdullah, damals noch Kronprinz, Aufsehen erregt, als er Händchen haltend mit dem verlegen wirkenden US-Präsident auftrat (Wo Cowboys erschaudern). Bild: Weißes Haus

Manche Muslime begründen den Schleier- und Verhüllungszwang für Frauen mit dem Koran. Beim Autofahren dürfte dies sicherlich noch ein wenig schwieriger werden. Aber einsichtig ist schon in einer von Männern beherrschten Gesellschaft und Religion, das es gefährlich wird, wenn die Frauen zum Steuer greifen können und damit auch ein Stück selbständiger und mobiler werden.

Daher ist nicht verwunderlich, dass die kühne Ankündigung des frischgebackenen 82-jährigen Königs, ein großes Echo in den arabischen Medien fand und von saudischen Frauen begrüßt wurde. Schon das Interview war eine Sensation. Abdullah gewährte erstmals einer Frau ein Interview und kündigte eben auch an, dass die Frauen mehr Recht erhalten sollen, zumindest irgendwann. Es muss schließlich langsam und vorsichtig gehen, damit die Fundamente der Gesellschaft nicht ins Wackeln geraten. Und die saudische Monarchie ist zudem weniger von Liberalen, Demokraten oder gar linken Revolutionären, sondern von noch mehr rückwärts gewandten Dschihaddisten bedroht, die Schluss machen wollen mit einem zwar streng islamischen, aber gleichzeitig dem Westen zugewandten Regime. Die werde man bis zur Eliminierung Seite an Seite mit den USA bekämpfen.

Mangels öffentlicher Verkehrsmittel müssen Frauen, selbstverständlich gut und schwarz verhüllt, in Saudi-Arabien Taxis benutzen, um mobil zu sein, wenn sie nicht einen Fahrer haben

Aber noch einmal zurück zu der in Saudi-Arabien gewagten Vorstellung, dass man Frauen ans Steuer lassen könnte. Die Vorstellung scheint so gewagt und verunsichernd zu sein, dass Abdullah lediglich sagte, er glaube, "dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem Frauen fahren werden". Das scheint also bestenfalls, so sollten die saudischen Frauen hören, in ferner Zukunft zu liegen. Allerdings meint der König, dass ja Frauen "in den Wüsten und auf dem Land" sowieso schon Auto fahren. Aber das offiziell zu erlauben, erfordere einfach Geduld und Geduld sei eine "Tugend". Mutig bekennt sich der Herrscher auf jeden Fall dazu, dass das fast Undenkbare "möglich" sein werde, wenn die Zeit gekommen ist. Die Männer seien jetzt jedoch noch zu konservativ, um ein entsprechendes Gesetz zu erlassen, schließlich ist Abdullah kein Tyrann, sondern nimmt Rücksicht auf seine Untertanen. Gefragt, warum er kein Gesetz erlasse, antwortet der König also:

Ich achte mein Volk und ich sorge mich um sein Wohlergehen. Es ist unmöglich, dass ich irgend etwas tun würde, was mein Volk nicht akzeptieren könnte.

Das Volk, so hört man oder vielmehr frau hier heraus, ist eben noch männlich, besonders trifft dies auf die stets männlichen - Geistlichen zu, die den moralischen Zerfall in der Fahrerlaubnis wittern. Vor kurzem hatte auch noch der saudische Innenminister, Prinz Nayef bin Abdul Aziz, deutlich gemacht, dass die Abschaffung des Fahrverbots für Frauen politisch keine "Priorität" habe. Man entscheide dies nach den Gesichtspunkten des öffentlichen Wohls und zum Schutz der weiblichen Ehre. Keine Priorität hat offenbar auch, dass Frauen nicht alleine, ohne Begleitung eines bewachenden Familienmitglieds, an die Öffentlichkeit dürfen und natürlich auch nur dann, wenn sie verhüllt sind. Saudi-Arabien tut sich auch deswegen schwer mit dem Fahrverbot für Frauen, weil es das einzige Land ist, das dies den Frauen verbietet. Nur im nicht mehr existierenden Taliban-Afghanistan war man genauso rigide, was freilich nicht heißt, dass muslimische Männer immer ihre Frauen ans Steuer lassen, auch wenn es kein gesetzliches Verbot gibt. Natürlich dürfen Frauen in Saudi-Arabien auch nicht wählen, aber das ist bei der mangelnden demokratischen Verfassung, kein so großes Problem.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21149/1.html
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