Netzwerk Parlament

Ein Rückblick auf den 15. Deutschen Bundestag durch eine Netzwerkanalyse derjenigen Abgeordneten, die nicht wie eine kleine Gruppe von gut 40 Politikern im medialen Rampenlicht stehen

Ein Rückblick auf den 15. Deutsche Bundestag, die wichtigste Machtarena der Bundesrepublik, soll mit einer noch wenig benutzen wissenschaftlichen Methodik einen besonderen Bereich der Parlamentsarbeit transparent machen, der in der Öffentlichkeit meist weniger beachtet wird. Anhand der Beziehungen der 557 von 601 Abgeordneten, die in Regierung oder Parteien keine herausgehobene Führungsfunktion bekleidet haben, werden Parteigrenzen überspringende informelle Netzwerke identifiziert, die für die Kultur der parlamentarischen Konsensbildung entscheidend sind. Es lassen sich Abgeordnete identifizieren, die durch informelle Kontakte zwischen unterschiedlichen politischen Denkrichtungen makeln können. Solche Parlamentarier und die sozialen Kreise, in denen sie sich bewegen, werden am Beispiel „Außen- und Sicherheitspolitik“ identifiziert.

Obwohl Erklärungen vor laufender Kamera zur parlamentarischen Entscheidungsfindung oft wenig beitragen, wird den regelmäßig im Rampenlicht stehenden Volksvertretern viel Aufmerksamkeit geschenkt. Es sind dies kaum mehr als drei Dutzend gewählte Parlamentarier: diejenigen, die in Regierung oder Parteien Führungsfunktionen innehaben – als Minister, Parteimanager oder auch Parlamentarische Staatssekretäre. Dazu kommt ein weiteres gutes Dutzend von Abgeordneten, die hin und wieder öffentlich von sich reden machen, indem sie als Träger herausgehobener Kompetenz die Regierungsarbeit in einer bestimmten Sachfrage assistierend oder kritisierend begleiten.

Doch die 400 Gesetze, die das kürzlich verabschiedete Parlament in den drei Jahren seiner Tätigkeit aus 643 zu bearbeitenden Vorlagen beschlossen hat, wären niemals zustande gekommen, hätte nicht hinter der großen Bühne ein ganzes Heer von 557 eher unauffälligen Abgeordneten, von denen die meisten nur in Fach- und Wahlkreisen bekannt sind, immer wieder beraten, gestritten und Konsens gefunden. Von ihnen kommen 454 aus Westdeutschland und 103 aus den östlichen Bundesländern.

Im Mittelpunkt unserer Analyse steht nicht das exponierte Tun und Lassen von Schröder, Merkel und Co., also nicht die eigentliche parlamentarische Führungselite. Wir betrachten jene Mechanismen, die es den aus allen Landesteilen nach Berlin entsandten Mandatsträgern ermöglichen, im Bundestag konstruktiv zu arbeiten und sich unabhängig von den medialen Festtagen des Parlaments erfolgreich für die Interessen ihrer Wähler zu engagieren.

Die eigentliche Parlamentsarbeit der vergangenen Legislaturperiode leisteten 22 Ausschüsse und weitere 12 Unterausschüsse. Es ist daher sinnvoll, neben den in Regierung und Parteischaltstellen auftretenden wenigen Spitzenpolitikern auch die große Zahl derjenigen zu betrachten, die in den Ausschüssen ihre Pflicht tun. Die zentrale Machtarena lebt von den formellen und informellen Einflussstrukturen, mit denen die große Masse der Abgeordneten täglich die Funktionsfähigkeit des demokratischen Systems sichert.

Schwerpunkte der Parlamentsarbeit

Die meisten der derart engagierten 557 Abgeordneten waren in mehreren Ausschüssen oder Unterausschüssen tätig. Eine systematische empirische Analyse ihrer sich überschneidenden Mitgliedschaften und Vertretungen hat fünf separate Schwerpunkte der Parlamentsarbeit ergeben, in denen sich die spezialisierten Tätigkeiten der Abgeordneten bündeln:

  1. Außen- und Sicherheitspolitik: Auswärtiger Ausschuss, Verteidigungsausschuss, Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union, Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
  2. Wirtschafts- und Finanzpolitik: Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit, Finanzausschuss, Haushaltsausschuss
  3. Innenpolitik: Innenausschuss, Rechtsausschuss, Ausschuss für Kultur und Medien
  4. Sozialpolitik: Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ausschuss für Gesundheit und Soziale Sicherung, Petitionsausschuss
  5. Forschungs-, Verkehrs- und Umweltpolitik: Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft
Die hier dargestellten Überschneidungen der Abgeordnetentätigkeiten in den Ausschüssen und deren Unterausschüssen lassen ein vielfältiges Beziehungsgeflecht mit mannigfaltigen fachlichen und parteipolitischen Berührungspunkten erkennen, die sich zu fünf farblich von einander abgesetzten Gestaltungsbereichen formieren. Die Ausschüsse Tourismus und Sport ließen sich nicht sinnvoll einer der Gruppen zuordnen. Die Wahlprüfungsfunktion wurde als innerorganisatorische Parlamentsaufgabe nicht einbezogen. Die Größe der „Netzknoten“ entspricht der formalen Anzahl der Mitglieder des jeweiligen Ausschusses. Die Breite der Verbindungslinien („Kanten“) entspricht der Anzahl der gemeinsamen Mitglieder zweier Ausschüsse.Zum Vergrößern anklicken

Dieser erste Analyseschritt hat darüber hinaus deutlich gemacht, dass bei weitgehender Arbeitsteilung und Spezialisierung jeder der verschiedenen Fachbereiche darum bemüht ist, durch Doppelmitgliedschaften seine eigenen Vertreter auch im Zentralbereich des Parlaments zu platzieren, nämlich dort, wo es um die finanziellen Allokationen geht – bei Haushalt und Wirtschaft. So ergeben sich die bildlich dargestellten Beziehungen zwischen den Gestaltungsfeldern.

Verfahren der Netzwerkanalyse

Der komplexe Charakter der Beziehungen, deren Analyse zum Verständnis der vielen im Parlament ablaufenden Entscheidungsprozesse notwendig ist, setzt den Einsatz eines in der Politikforschung noch neuen Verfahrens der „Netzwerkanalyse“ voraus. Es stützt sich auf mathematische Graphen- und Matrizenrechnungen, die erst im letzten Jahrzehnt mit der Verfügbarkeit von großen Rechenleistungen effektiv geworden sind.

In ihrer soziologischen Anwendung unterscheidet sich die Netzwerkanalyse fundamental von der konventionellen Auswertung von in Stichproben erhobenen Daten. Es werden nicht Eigenschaften von ausgewählten Einzelpersonen erfasst und repräsentativ statistisch ausgewertet. Vielmehr werden die Beziehungen analysiert, die zwischen allen beteiligten Akteuren (Personen, Institutionen, sozialen Einheiten) in einem geschlossenen System bestehen. Es wird somit nicht von Merkmalen isoliert ausgewählter Teilnehmer auf das Verhalten einer Gesamtheit geschlossen, sondern es werden strukturelle Aussagen über eine klar abgegrenzte Population gemacht.

In unserem Fall geht es um Umfang und Art des (Teil-)Netzwerks, in das alle 557 in Ausschüssen und Unterausschüssen arbeitenden Parlamentarier einbezogen sind. Dieses ist ein Bestandteil des Gesamt-Netzwerks „Parlament“, das sich seinerseits von den Netzwerken der Funktionsträger abgrenzt, und das andererseits die in sich eher geschlossenen Teil-Netzwerke der Parlamentsfraktionen überlagert. Natürlich besteht unser Teil-Netzwerk der „Parlamentsarbeiter“ aus zahlreichen weiteren Teil-Netzwerken. Diese nicht nur theoretisch zu postulieren, sondern auch empirisch zu erkennen, ermöglicht das methodische Verfahren der Netzwerkanalyse. So kam auch die oben dargestellte Zusammenfassung der Parlamentsausschüsse zu „parlamentarischen Gestaltungsbereichen“ zustande.

Informelle Kontakte

Mit dem Verfahren der Netzwerkanalyse lassen sich auch jene informellen Strukturen und Beziehungen identifizieren, die sachlich begründete Absprachen zwischen den Abgeordneten begünstigen. In den Ausschüssen treffen Parlamentarier aufeinander, die zwar in die Machtstrukturen ihrer Fraktionen eingebunden sind, die darüber hinaus aber mit den anderen Ausschussmitgliedern zahlreiche fachliche, berufliche und persönliche Erfahrungen und Interessen teilen. Diese bringen sie in die ihnen vorgegebene Aufgabe der Konsensfindung ein.

Wir gehen davon aus, dass es für die Konsensfindung kein allgemein gültiges Muster gibt, sondern dass man in verschiedenen Politikfeldern jeweils unterschiedliche Entscheidungsstrukturen antrifft. Daher wurden in einem zweiten Analyseschritt zunächst die fünf parlamentarischen Gestaltungsbereiche jeweils einzeln unter die Lupe genommen, um die informellen Erfahrungs- und Interessenstrukturen der Ausschussmitglieder kennen zu lernen.

Die dabei verwendeten Quellen sind für alle die gleichen. Die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags verpflichtet die Abgeordneten, leitende Funktionen in Gesellschaften und anderweitigen Einrichtungen sowie Beraterverträge und Unternehmensbeteiligungen anzugeben. So lassen sich Beziehungen von Politikern über Vereine, Stiftungen, Verbände und Unternehmen systematisch betrachten. Da die Abgeordneten ihre öffentliche Berichtspflicht und ihr eigenes Berichtsinteresse unterschiedlich auslegen, wurden in Einzelfällen Angaben auch aus anderen öffentlich zugänglichen Quellen verwendet. Auf diese Weise findet man Hinweise auf informelle Netzwerke, die über Parteigrenzen hinweg für die Konsensbildung von Belang sind.

Das komplexe Kommunikationsmodell der parlamentarischen Arbeit, das uns als Hilfsmittel zum Verständnis der zwischen Konflikt und Konsens ablaufenden Meinungsbildung dienen soll, beleuchtet die Beziehungen zwischen den beteiligten Akteuren und die Regeln, nach denen die Kommunikationsprozesse zwischen ihnen ablaufen. Diese Bausteine fügen sich wie in einem Kaleidoskop jeweils unter aktuellen Anstößen nicht zufällig, sondern nach gewissen Regeln immer wieder zu einem neuen Gesamtbild zusammen.

70 Abgeordnete des Gestaltungsbereichs „Außen- und Sicherheitspolitik“ gehören zumindest einer der hier aufgeführten 14 Institutionen an, von denen jede wenigstens fünf Mitglieder in diesem Parlamentsbereich aufweist. In diesem aus Parlamentariern und Institutionen gemischten „Zwei-Ebenen-Netzwerk“ entspricht die Größe der weißen Institutionen-„Knoten“ der Zahl der (auf Gesamtbundestagsebene) ihnen zugehörigen Politiker. Die Farbe der kleineren Abgeordneten-„Knoten“ entspricht deren Parteizugehörigkeit. Grafik 2 vergrössern

In der Außen- und Sicherheitspolitik beispielsweise stößt man auf ein Netzwerk von insgesamt 200 Ausschussmitgliedern und deren parteiübergreifenden Kontaktstrukturen. Für die in diesem parlamentarischen Gestaltungsbereich tätigen Abgeordneten wurden zunächst anhand der veröffentlichungspflichtigen Angaben jene Institutionen identifiziert, die einen gewissen Bezug zu ihrer Ausschusstätigkeit haben und denen mindestens 5 Abgeordnete angehören. Dies sind im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik insgesamt 14 Institutionen. Zahlreiche Abgeordnete gehören mehreren, einige aber auch nur der einen oder anderen solcher Institutionen an. Man kann davon ausgehen, dass die Zugehörigkeit zu solchen Institutionen zu Kontakten und informellen Beziehungen über die Fraktionsgrenzen hinweg führt.

Einige dieser Institutionen (wie Adenauer- oder Ebert-Stiftung) sind parteinah, also jeweils „einfarbig“ besetzt, mithin auch geeignet, die einseitigen Bindungen zu verstärken und Kontakte zu anderen Lagern nicht eben zu fördern. Aber es überwiegen Gruppierungen (wie die Stiftung Weltbevölkerung oder die Deutsch-Atlantische Gesellschaft) mit parteiübergreifendem Mitgliederbild, so dass dort auch Kontakte und Gesprächsplattformen bestehen, die sich zum Ausgleich konträrer Positionen eignen.

Grafik 2 macht für unser ausgewähltes Beispiel optisch deutlich, dass von den einzelnen Abgeordneten eines politischen Gestaltungsbereichs jeder auf eigene Weise in die ihn umgebenden parteilichen wie überparteilichen Strukturen eingebunden ist. Wie er oder sie diese Kontakte nutzt und wie die daraus entstandenen informellen Netzwerke in Entscheidungsprozessen funktionieren, wird immer wieder im Einzelfall neu zu prüfen sein.

An dieser Stelle ist festzuhalten, dass die Abgeordneten fachliche Kontakte und informelle Beziehungen, also ihre eigenen „Arbeitsmechanismen“, entwickeln, auf die sie bei der Vertretung der Interessen ihrer Wähler zurückgreifen können. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die hier registrierten Kontakte nur ein Ausschnitt aus einem Bild sind, das sich mit Projektfortschritt zunehmend verfeinern wird.

Brücken zwischen den Lagern

Aus Wirtschaft und Gesellschaft ist bekannt, dass bei der Kompromissfindung in Entscheidungsprozessen zwischen Lagern mit unterschiedlichen Interessen Personen eine zentrale Rolle spielen, die über lockere („schwache“) Beziehungen auch zu Personen in Netzwerken der anderen Seite verfügen. Auch in der Politik finden sich bei konfliktträchtigen Meinungsbildungsprozessen im Vorfeld gesetzgeberischer Entscheidungen immer wieder Abgeordnete, die in bestimmten Sachfragen zum Konsens anstiften. Diese verfügen nicht nur über fachliches Wissen, sondern auch über informelle Beziehungen, die über geschlossene Parteinetzwerke hinweg reichen.

Zum Verständnis der Parlamentsarbeit muss man daher auch jene Kontaktsphären beachten, in denen informelle Beziehungen zwischen Abgeordneten verschiedener Lager entstanden sind, die im Bedarfsfall themen- oder spartengebunden als „Brücke“ zur Herstellung von Konsens dienen können. Auch in der Politik entstehen Kompromisse am ehesten über scheinbar „schwache“ Beziehungen, über die im Bedarfsfall zwischen verschiedenen Lagern unterschiedlicher Denkrichtungen gemakelt werden kann.

In einem dritten Schritt werden nun Kontaktsphären definiert: Netzwerke informeller persönlicher Beziehungen. Im Lauf einer Legislaturperiode entsteht unweigerlich eine Vielzahl solcher Beziehungen jenseits aller formaler Strukturen – eine Nebenfolge der Parlamentsarbeit. An einigen Beispielen aus dem Gestaltungsbereich „Außen- und Sicherheitspolitik“ werden „soziale Kreise“ demonstriert, in denen sich Abgeordnete über Vereine, Stiftungen, Verbände und Unternehmen wiederfinden.

Zusammengefasst: In Grafik 2 wurde gezeigt, wie Mitgliedschaften in gemeinsamen Institutionen zusätzliche Kontakte zwischen Politikern herstellen. Im Folgenden betrachten wir, wie ausgeprägt die über solche Vereine, Stiftungen, Verbände und Unternehmen bestehenden Beziehungen zwischen einzelnen Politikern sind. Das heißt: Wir suchen auf empirischem Wege nach bestehenden sozialen Kreisen. Unter einem sozialen Kreis versteht man eine Personengruppe ohne formale Organisation, die sich mit gemeinsamen Interessen jenseits einer bestehenden institutionellen Ordnung formiert hat. Dafür messen wir, welche Politiker paarweise Bindungen zu mindestens zwei gemeinsamen Institutionen haben.

Abgeordnete, die mindestens zwei Institutionen gemeinsam angehören, dargestellt durch dicke Beziehungs-„Kanten“, bilden soziale Kreise. Derartige Beziehungen zwischen Politikern unterschiedlicher Parteien können als parteiübergreifende Einflusszonen dienen. Die zahlreichen dünnen „Kanten“ im Hintergrund sind einfache und weniger aussagekräftige Beziehungen zwischen Politikern über Institutionszugehörigkeit. Bei der Darstellung von Beziehungsstrukturen wurden in diesem Gestaltungsbereich Institutionen wie etwa die Arbeiterwohlfahrt ausgenommen, die in diesem Politikbereich weniger relevant sind. Grafik 3 vergrössern

Das Messverfahren liefert für den Gestaltungsbereich „Außen- und Sicherheitspolitik“ acht soziale Kreise, in denen das Beziehungsgeflecht besonders ausgeprägt ist. Daran sind in diesem Fall 31 der 200 Abgeordneten beteiligt. Die anderen zeigt Grafik 3 mit weniger herausgehobenen Beziehungen an den Rändern. Nicht, dass diese Abgeordneten weniger wichtig, weniger kompetent oder weniger kontaktfähig wären. Das Beispiel zeigt uns vielmehr, dass die Parlamentsarbeit nicht als ein System von durchgängigen Kampfhandlungen zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien zu sehen ist, das durch wenige Funktionsträger von der Spitze her gesteuert würde.

Jeder Funktionsbereich hat eine an seinen besonderen Aufgaben orientierte eigene Struktur. Er nimmt sich die Bewegungsfreiheit, die er braucht, und er entwickelt neben den Funktionseliten eigene informelle Einflussstrukturen. So beobachten wir auch für die einzelnen Politikfelder jeweils andere Muster der parteiübergreifenden Vernetzung. So sind zum Beispiel Abgeordnete des Gestaltungsbereichs „Wirtschafts- und Finanzpolitik“ stärker auf ihre Parteilager konzentriert als das im Bereich „Außen- und Sicherheitspolitik“ der Fall ist.

Einer systematischen Analyse der parteiübergreifenden sozialen Netzwerke kann das im Folgenden präsentierte Beispiel nicht vorgreifen. Die Überprüfung der möglichen Messwerte und auch die Bewertung der einbezogenen Institutionen ist noch im Fluss, und am Ende mag das hier gezeichnete Bild auch andere Akzente zeigen. An dieser Stelle wird mit Grafik 3 eine von jenen informellen Machtstrukturen aufgezeigt, die sich durch alle parlamentarischen Entscheidungsfelder ziehen und die wesentlich zur Arbeitsfähigkeit des Parlaments beitragen. Diese sind ihrer Natur nach flüchtig und wechselhaft. Auch drängen sie nicht in die Öffentlichkeit. Für die Kultur der parlamentarischen Konsensbildung aber sind solche, die Parteigrenzen überspringenden persönlichen Kontaktkreise entscheidend. Nur so lassen sich auch konfliktträchtige Meinungsbildungsprozesse immer wieder moderieren und zu einem Ergebnis führen.

Gemeinsame Zugehörigkeiten zu Institutionen zeugen nicht automatisch von Absprachen oder belegen gar eine geteilte Auffassung. Die Frage ist nicht, ob im Bund für Umwelt und Naturschutz außenpolitische Entscheidungen besprochen werden. Wohl aber führen die über die Zugehörigkeit zu solchen Institutionen sich bildenden Kontakte zu Begegnungen auch außerhalb von Parlament und Ausschüssen. Die so entstehenden sozialen Kreise gehören zu den informellen Arbeitsmechanismen und tragen zur Qualität der parlamentarischen Konsensbildung bei.

Beispiele parteiübergreifender informeller Kontakte

Abhängig ist eine Netzwerkanalyse immer von der Qualität der ihr zugrunde liegenden Daten. Wenn etwa die Abgeordneten nicht alle Funktionen in Institutionen öffentlich machen, können so lange keine vollständigen Netzwerke analysiert werden, bis die Angaben vollständig sind. So sind auch die nachfolgend herausgegriffenen Beispiele illustrativ gemeint. Aussagekräftig werden sie erst als Bausteine im Rahmen eines größeren „Kontaktkatasters“.

Volker Rühe (CDU) und Hans-Ulrich Klose (SPD) sind beide im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Markus Meckel ist Vorsitzender von deren Projektgruppe für Deutsch-Polnische Beziehungen. Alle drei sitzen im Stiftungsrat der Stiftung Wissenschaft und Politik. Klose und Meckel sind außerdem im Vorstand bzw. Kuratorium der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Anna Lührmann (Bündnis 90/Die Grünen) ist in den Kuratorien der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung und der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. In beiden Institutionen sitzt Holger-Heinrich Haibach (CDU) im parlamentarischen Beirat.

Gerd Höfer (SPD), Johannes Kahrs (SPD) und Günther Friedrich Nolting (FDP) sind Vorstand, Schatzmeister bzw. Mitglied der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Kahrs und Nolting sind beide im Präsidium des Förderkreises Deutsches Heer und Mitglied im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr, von dem Höfer Vizepräsident ist.

Ausblick

Wir stehen mit der Analyse des Netzwerks „Parlament“ noch am Anfang eines Forschungsvorhabens, das den Veränderungen nachgeht, die die politischen Eliten in Ostdeutschland erfahren haben. Dafür geben – jenseits aller informellen Machtverhältnisse – schon schlichte Verteilungen einen ersten Einblick: Abgeordnete aus den östlichen Bundesländern sind als ordentliche Mitglieder deutlich überrepräsentiert in den kleinen Ausschüssen für Sport und Tourismus und dem für diese Länder wichtigen Infrastruktur-Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen. Unterrepräsentiert sind ostdeutsche Politiker hingegen im Menschenrechtsausschuss, im Umwelt- und Auswärtigen Ausschuss.

Der 16. Deutsche Bundestag hat im Vergleich zu seinem Vorgänger nicht nur durch Generationenwechsel, sondern besonders auch durch den Einzug der Linkspartei Veränderungen seiner informellen Struktur erfahren. Ob und wie sich der Einfluss der Abgeordneten aus den ostdeutschen Bundesländern verändert und ob die bundesweite Harmonisierung der politischen Einflusssphären weiter voranschreitet, sind nur zwei der vielen Fragen, die mit der Netzwerkanalyse beantwortet werden sollen. Auch wird man sehen, ob und wie die durch Zusammenarbeit der beiden großen Parteien sich ändernden Kommunikationsstile der Führungselite auf die informellen Mechanismen der Parlamentsarbeit wirken werden.

Wegen der Eigenschaft, Strukturen statt Einzelfälle transparent zu machen, ist diese Methode, die jetzt ihre ersten Gehversuche in der Politikforschung macht, auch ein geeignetes Instrument für die Medien, ihre Kritik- und Kontrollfunktion wahrzunehmen.

Die zugrunde liegenden Daten sind im Rahmen eines Forschungsprojekts der MittNet.Info-Projektgruppe erhoben und analysiert worden, in dessen Mittelpunkt die politischen Eliten in Ostdeutschland (Bundestag und Landesparlamente) stehen. Klaus Liepelt ist freier Sozialwissenschaftler, Professor für empirische Medien- und Sozialforschung an der Hochschule Mittweida (FH) und Mitbegründer des durch die ARD-Hochrechnungen bekannt gewordenen Bad Godesberger Infas-Instituts. Haiko Lietz ist freier Journalist und Lehrbeauftragter für Netzwerkanalyse an der Hochschule Mittweida (FH).

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Vergiftete Beziehungen

Männer oder Frauen: Wer hat recht?

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.