Gefährliches Wachstum

20.10.2005

China will seine Wirtschaft auch weiterhin jährlich um bis zu neun Prozent ausbauen. Für die globale Umwelt drohen dadurch verheerende Folgen

Zuletzt hatte der britische Premierminister das Problem auf internationaler Ebene angesprochen. Ohne China, Indien und die USA könne der globale Klimawandel nicht aufgehalten werden, sagte Antony Blair auf dem G-8-Gipfel im schottischen Gleneagles Anfang Juli dieses Jahres. Wie oft bei solchen Gipfeltreffen blieb es bei dem Appell. Dabei ist das Problem drängender als man zunächst meinen mag. Eine neue Studie von Greenpeace International belegt nun mit eindrucksvollen Zahlen: Das Wachstum Chinas droht zu einer der größten Bedrohungen für das globale Ökosystem zu werden. Doch die Schuld dafür ist nicht allein in Beijing zu suchen.

Abholzung des Regenwaldes in Papua Neuguinea. Wie Greenpeace in dem Bericht schildert, wird das Holz in China weiter verarbeitet und dann auch nach Europa exportiert. Bild: Greenpeace.

Für westliche Wirtschaftsdelegationen ist China in den vergangenen Jahren ein beliebtes Reiseziel geworden. Der (noch) amtierende deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder reiste sechs Mal in das Reich der Mitte, zuletzt im Dezember vergangenen Jahres.

Das starke Interesse ist verständlich: Nach Regierungsangaben konnte die chinesische Wirtschaft alleine vergangenes Jahr sagenhafte 9,1 Prozent Wachstum verzeichnen, ein Rückgang ist nicht abzusehen. Ganz im Gegenteil: Bis zum Jahr 2020 soll das Bruttoinlandsprodukt (2003: 1377,6 Milliarden US-Dollar, 2004: 1650,7 Milliarden US-Dollar) um das Vierfache gesteigert werden. Soweit die guten Nachrichten. Denn wie das Ziel erreicht werden soll, den Energieverbrauch im gleichen Zeitraum nur zu verdoppeln, ist völlig unklar. Beim Kohleverbrauch ist China schon jetzt weltweit Nummer Eins, 75 Prozent des Energiebedarfs werden mit diesem Energieträger bestritten (Megatrend China: Stromausfall).

In Peking gibt es gegenwärtig 2,35 Millionen Autos. 1993 waren es erst 560.000. Bis zum Jahr 2010 werden nach dem neuesten ""Outline of Beijing Transportation Development" 3,8 Millionen sein. Für 2020 rechnet man mit 5.0 Millionen Fahrzeugen, so dass auf fast jede Familie ein Auto kommt.

Die neue Studie Parners in Crime von Greenpeace International führt diese und weitere beunruhigende Superlative auf. Angeführt wird in erster Linie die Auswirkung auf den Holzhandel: In den vergangenen Jahren ist China zum weltweit größten Importeur dieses Rohstoffes avanciert. Die Hälfte der Stämme aus bedrohten Regenwäldern wird inzwischen von der boomenden Wirtschaftsmacht aufgekauft. Diese Entwicklung hat neben dem exorbitanten Wirtschaftswachstum einen weiteren Grund. Nach der großen Flutkatastrophe 1988 mit Tausenden Todesopfern hat die Regierung den Holzschlag im eigenen Land stark eingeschränkt. Der Bedarf blieb aber unverändert hoch. Eine Folge ist nicht nur die starke Zunahme von legalen Importen, sondern – für diese Branche nicht unüblich – auch von illegalen Rodungen.

Der Wachstumstrend gilt derweil auch für andere Güter. Sei es Getreide, Fleisch, Erdöl, Kohle oder Stahl: China hat die USA als bislang führende Industrienation in den Schatten gestellt. Wenn der Pro-Kopf-Verbrauch von Kohle in China aber weiter auf einem so hohen Niveau wie bislang bleibt, werden die Kohlendioxid-Emissionen in zwei Jahrzehnten alle bislang erkämpfen Einsparungen in den Industrienationen aufgefressen haben.

Im Interview mit Michael McCarthy von der britischen Tageszeitung The Independent warnt US-Umweltexperte Lester Brown vor den Folgen des China-Trends. Das Wachstum im Reich der Mitte belege, dass die Weltbevölkerung schneller an die Grenzen der globalen Ressourcen stoßen werde, als man jemals geahnt habe. Wenn die chinesische Wirtschaft im bisherigen Maße weiter zulege, werde die dortige Bevölkerung im Jahr 2031 – nach UN-Schätzungen werden es dann 1,45 Milliarden Menschen sein – über das gleiche Einkommen verfügen, wie derzeit die Menschen in den USA:

Chinas Getreideverbrauch wird dann auf ein Drittel des derzeitigen weltweiten Konsums angewachsen sein. Wenn der Erdölverbrauch dann das aktuelle Niveau der USA erreicht, wird China 99 Millionen Barrel pro Tag benötigen. Die weltweite Fördermenge beträgt derzeit aber nur 84 Millionen Barrel, und es werden kaum mehr werden.

Wer ist also schuld daran, die Welt an den Rand des Ruins zu führen? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. In einem Interview hatte Wang Mingxing, Direktor des Institutes für Atmosphärenphysik an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die Lage mit einfachen Worten geschildert. Für sein Land, so Mingxing, stehe Entwicklung ganz oben auf der Liste. Solange sich die Wirtschaft nicht entwickelt, könne China über nichts anderes reden.

Unsere Umweltsorgen sind jetzt nicht der Klimawandel, sondern vor allem die Verschmutzung von Wasser und Luft. Ich denke, wir müssen nicht so große Anstrengungen im Kampf gegen die Erderwärmung unternehmen da gibt es viel mehr realistische Probleme, die darauf warten, dass wir sie bewältigen.

Wang Mingxing, Chinesische Akademie der Wissenschaften

Das bedeutet nicht unbedingt, dass Beijing die Gefahren der eigenen Entwicklung ignoriert. In seinem Artikel zitiert Michael McCarthy den stellvertretenden Umweltminister Pan Yue aus einem Interview. Dabei hatte Yue noch Anfang März dieses Jahres eine nüchterne Einschätzung des Wachstums gegeben. Fünf der zehn schmutzigsten Städte der Erde lägen in China, sagte der Politiker. Ein Drittel des Landes leide unter saurem Regen. Die Hälfte des Wassers der sieben größten Flüsse sei aufgrund der Verunreinigung “absolut nutzlos“. Und dies führe in direkter Linie zu einem weiteren Problem: Ein Drittel der chinesischen Bevölkerung habe keinen Zugang zu Trinkwasser.

Dass in China durchaus ein Bewusstsein für die Probleme des Wachstums vorhanden ist, hatte auch der Geschäftsführer von Greenpeace International, Gerd Leipold, nach einer China-Reise bestätigt.

Das Problembewusstsein ist ziemlich hoch. Es ist auch bekannt, dass die chinesische Regierung eine ziemlich fortschrittliche Umweltpolitik macht, allein schon deshalb, weil sie die Grenzen des Wachstums schon sehen - die Grenzen, die ihnen die Natur setzt.

Gerd Leipold im November 2003

Das Dilemma aber ist, dass Beijing zugleich nicht auf den Auf- und Ausbau seiner Wirtschaft verzichten will. Geht es um die Gefahren der Expansion, verweist die Regierung auf die Schuld der Industriestaaten für Klimawandel und andere globale Umweltprobleme. Die „Erste Welt“ habe schließlich auch Zeit gehabt, ihre Nationalökonomien und Gesellschaften zu entwickeln, so die Argumentation. Weshalb sollte China nun das Nachsehen haben? Tatsächlich bestätigt auch Greenpeace, dass drei Viertel der Treibhausgase in der Atmosphäre aus den Industriestaaten stammen.

An der komplizierten Sachlage ändert all dies freilich wenig. Die Lösungsansätze gehen weit über das „Problem“ China hinaus. Schon 1972 hatte der Club of Rome mit seiner Studie „Grenzen des Wachstums“ die katastrophalen Folgen einer ungebremsten Expansion der Weltwirtschaft aufgezeigt. Dies war sechs Jahre, bevor die chinesische Staatsführung 1978 mit der Einführung der sozialistischen Marktwirtschaft den Grundstein für die aktuelle Expansion legte.

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