Der Venus unter die Wolken geschaut

Seit den ersten Erkundungen durch Raumsonden ist der Schwesterplanet der Erde für die Science Fiction nicht mehr interessant

Anlässlich des bevorstehenden Starts der europäischen Weltraummission Venus Express hat die in Kalifornien beheimatete Planetary Society, die weltweit größte nicht-staatliche Organisation zur Förderung der Weltraumforschung, einen Kunstwettbewerb ausgeschrieben. Unter dem Titel Postcards from Venus sind Teilnehmer aus der ganzen Welt aufgefordert, Ansichten der Venusoberfläche aus der Vogelperspektive zu entwerfen. Hauptgewinn ist eine Reise zum Bodenkontrollzentrum Esoc (European Space Operations Center) in Darmstadt, um dort im kommenden April das Einschwenken der Sonde in den Venusorbit mitzuerleben.

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Venug. Bild: L. Esposito (University of Colorado, Boulder), and NASA

Eigentlich kommt dieser Wettbewerb über 40 Jahre zu spät. Die große Zeit der Venusfantasien endete zu Beginn der 60er Jahre, als unser Nachbarplanet erstmals durch Raumsonden aus der Nähe untersucht wurde. Dabei entpuppten sich die zuvor von Schriftstellern oder Filmemachern formulierten Ideen recht bald als einigermaßen realitätsfern.

Das Ufer zog sich beiderseits bis zum Horizont. Soweit das Auge reichte, war es dicht bestanden mit einem Wald gigantischer orangeroter Bäume. Stellenweise reichte der Wald bis dicht an das Wasser heran, stellenweise trat er weiter zurück und bildete Lichtungen, auf denen gelbes und braunes Gras wuchs. Zu Füßen der Bäume breitete sich undurchdringliches Dickicht. Ob dies Sträucher oder junge Bäume der gleichen Art waren, ließ sich nicht bestimmen.

Alle Zitate aus: Georgi Martynow: Das Erbe der Phaetonen. Wissenschaftlich-phantastischer Roman, Berlin (DDR) 1966

Generationen von Himmelskundlern haben sich an der Venus die Zähne ausgebissen. Ich kann nicht sagen, dass ich auch nur einen Fleck auf ihr entdeckt hätte, fasste der niederländische Astronom Christiaan Huygens Ende des 17. Jahrhunderts seine Beobachtungen zusammen. Er vermutete: Wird nicht vielleicht alles Licht von einer sie umgebenden Atmosphäre reflektiert?

Als die Venus im Jahr 1761 zum ersten Mal seit der Erfindung des Teleskops die Sonnenscheibe kreuzte, bestätigte sich die Vermutung. Eigentlich wollten die Astronomen nur die Dauer dieses Sonnendurchgangs möglichst exakt messen, um daraus die Entfernung zwischen Erde und Sonne genauer zu bestimmen. Doch eben das gelang nicht, weil die Venus sich wider Erwarten nicht scharf konturiert zeigte, sondern von einem diffus hellen Lichtsaum umgeben war. Michail Lomonossow von der Universität St. Petersburg und sein französischer Kollege Joseph-Nicolas Delisle deuteten diesen Rand als Atmosphäre und erklärten die Helligkeit des Planeten erstmals mit einer reflektierenden Wolkenschicht.

Dabei blieb es 200 Jahre lang. Für die irdischen Beobachtungsinstrumente waren die Wolken eine unüberwindbare Barriere. Der Fantasie hingegen eröffneten sie einzigartige Entfaltungsmöglichkeiten.

Warum fürchten sich diese Tiere so vor dem Licht?, fragte Wtorow.
Auch das ist zu verstehen. Es kann gar nicht anders sein, antwortete der Professor. Auf der Erde dringt das Sonnenlicht in das Wasser der Meere bis zu vierhundert Meter Tiefe ein. Hier herrscht sogar unmittelbar an der Oberfläche fast völliges Dunkel. Die Sehorgane der Venusfische müssen bedeutend empfindlicher sein als die der Fische auf der Erde. Das Licht tut ihnen weh und erschreckt sie.

Aus "In den Krallen der Venus"

Schriftsteller mochten die Venus. Man konnte sich alles Mögliche auf diesem Planeten vorstellen, der hinsichtlich der Größe und Masse der Erde so ähnlich ist. Die Nähe zur Sonne legte es dabei nahe, die Venus als üppigen Dschungel mit exotischen Pflanzen und fremdartigen Lebewesen zu entwerfen. So verfasste Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs zwischen 1934 und 1946 mehrere Romane, in denen sein Held um die Liebe einer schönen Herrschertochter auf dem Wolkenplaneten kämpfte. Natürlich gab es auch die unvermeidlichen Amazonen auf der Venus, wie in dem Film In den Krallen der Venus (Queen of Outer Space, 1958).

In den 1950er Jahren, als sich abzeichnete, dass der Wolkenschleier bald durchstoßen werden könnte, erlebte das Venus-Genre noch einmal eine Blüte. Stanislaw Lem schickte in seiner 1951 erschienenen Geschichte Astronauten, die dem wunderbaren Film Der schweigende Stern (DDR/Polen 1960) zugrundeliegt, eine Expedition zum Nachbarplaneten. Die Raumfahrer finden dort aber nur noch die radioaktiv strahlenden Überreste einer einstigen Zivilisation. Die Venusbewohner hatten offenbar einen Angriff auf die Erde geplant und sich dabei selbst vernichtet.

Aus "Planet Burga"

Hinweise auf menschenähnliche Bewohner entdecken auch die Kosmonauten in dem sowjetischen Film Planet der Stürme (Planeta Burg, 1962) nachdem sie mit Vulkanausbrüchen, riesigen Sauriern und gefährlichen Pflanzen kämpfen mussten. Die vielleicht schönste Venus-Vision entwickelte aber der russische Schriftsteller Georgi Martynow. In seinem Roman Das Erbe der Phaetonen, aus dem die Zitateinschübe stammen, beschreibt er ungemein fantasievoll die vielfältige Pflanzen- und Tierwelt der Venus. Die irdischen Kosmonauten stoßen nicht nur auf intelligente Lebewesen, sondern finden auch Spuren einer hoch entwickelten Zivilisation, die nach der Zerstörung ihres Heimatplaneten in ein anderes Sternensystem auswandern musste.

Martynows Roman erschien im Jahr 1959. Es war die allerletzte Gelegenheit, der Fantasie in Bezug auf den rätselhaften Wolkenplaneten freien Lauf zu lassen. Keine zwei Jahre später verließ mit der sowjetischen Venera 1 die erste interplanetare Sonde das Schwerefeld der Erde. Und sie flog natürlich zur Venus.

Atemlos vor Erregung sahen die Astronauten, wie dem ersten Venusbewohner ein zweiter folgte. Dann stiegen nacheinander noch drei weitere aus dem Wasser.
Fünf nebelhafte Gestalten trotteten auf das Fahrzeug zu.
Sie sehen uns, stieß Balandin mit erstickter Stimme hervor.
Natürlich sehen sie uns, gab Belopolski sonderbar ruhig zur Antwort.

Aus Magellan-Aufnahmen computergeneriertes Bild des Venus-Vulkans Sif Mons. Bild: Nasa

Die Erkundungen durch Raumsonden zeigten dann recht bald, dass die tatsächlichen Verhältnisse auf unserem Schwesterplaneten recht gut mit dem Titel eines Romans von Wolf Detlef Rohr aus dem Jahr 1957 ausgedrückt werden können: Hölle Venus. Anders als in Rohrs Vorstellung sind es allerdings keine gigantischen Pilze, die giftige Sporen absondern, oder fleischfressende Pflanzen, die den Planeten so ungemütlich machen. Es sind durch und durch lebensfeindliche Verhältnisse: Temperaturen von 470 Grad Celsius, die die Oberfläche dunkelrot glühen lassen und Zinn und Blei zum Schmelzen bringen; ein atmosphärischer Druck, der dem in 900 Meter Tiefe in irdischen Ozeanen entspricht und die meisten U-Boote zerquetschen würde; eine mit Kohlendioxid gesättigte Atmosphäre, die außerdem Anteile von Schwefelsäure enthält.

Wissenschaftlich ist es natürlich ungemein interessant, einen Planeten zu untersuchen, der sich völlig anders als die Erde entwickelt hat, obwohl er ihr ansonsten recht ähnlich ist. Die Untersuchungen durch Venus Express versprechen neue Erkenntnisse über die Geschichte des Sonnensystems und damit auch über die Zukunft unseres Heimatplaneten. Nicht zuletzt mögen Studien des extremen Treibhauseffekts auf der Venus helfen, die irdischen Klimaveränderungen besser zu verstehen.

Aber ist es sinnvoll, einen Kunstwettbewerb auf Darstellungen der Planetenoberfläche zu beschränken? Bezeichnenderweise verspricht die Planetary Society einen Sonderpreis für die Bilder, die den von Venus Express übermittelten am ähnlichsten sind. Damit wird letztlich die Kunst der Wissenschaft untergeordnet. Das Spannendste an diesem Wettbewerb wird sein, inwieweit es den Teilnehmern gelingt, sich diesen Erwartungen zu entziehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21180/1.html
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