Vier Fünftel der Iraker lehnen eine weitere Präsenz der Koalitionstruppen ab
Bald werden 2000 US-Soldaten seit Beginn des Irak-Kriegs getötet worden sein, die Situation scheint verfahrener denn je zu sein
Irgendwann die nächsten Tage werden 2.000 US-Soldaten seit dem Beginn der Irak-Invasion gestorben sein. Dazu kommen Tausende von Verletzten und Verstümmelten. Diese Opferzahlen sind allerdings vergleichsweise noch gering gegenüber den Opfern, die die irakische Bevölkerung in der Folge von Krieg, Anschläge,, Kämpfe, und Kriminalität erleiden mussten. Der Wunsch, die Befreier, die zu Besatzern wurden, los zu werden, scheint groß zu sein. In einer landesweiten Umfrage sprechen sich über 80 Prozent der Menschen "stark" gegen eine weitere Anwesenheit der Koalitionstruppen aus.
Obgleich das Endergebnis der Abstimmung zur Verfassung noch immer nicht vorliegt, haben wohl viele Schiiten für sie gestimmt, weil damit der Abzug eingeleitet werden könnte. Auch viele der Sunniten, die aus Sorge, an den Rand gedrängt zu werden, mehrheitlich die Verfassung abgelehnt haben, sind ebenfalls für den Abzug der Koalitionstruppen. Auch wenn sie nicht in den Widerstand oder in Kämpfen zwischen den Milizen verwickelt sind, so scheinen auch viele Sunniten die Anwesenheit der Koalitionstruppen weniger als Schutz denn als Gefährdung zu betrachten. Ein Irak ohne Koalitionstruppen, die mühsam und bislang wenig erfolgreich die Aufständischen und Terroristen bekämpfen, die Milizen dämpfen und eine gewisse überparteiliche Ordnung an manchen Orten, wenn auch oft nur temporär, wahren, könnte zwar erst recht im Bürgerkrieg versinken. Vorerst aber hoffen die Menschen wohl eher verzweifelt oder naiv? - darauf, dass mit einem Abzug der Besatzer auch die Konflikte im Land geringer werden.
Erst jetzt hat das Pentagon einen symptomatischen Vorfall bestätigt, von dem der britische Telegraph berichtet hatte. Gleichwohl gibt es vom Pentagon keine Einzelheiten, da der Vorfall noch untersucht werde. Am 20. September ist ein militärischer US-Konvoi in der Nähe des US-Lagers von Lastwagen versehentlich falsch abgebogen und in Duluiya, einer Stadt nördlich von Bagdad, gelandet. In der von Sunniten bewohnten Stadt, die wie viele andere im sunnitischen Dreieck nicht von der irakischen Regierung und vom US-Militär kontroliert wird, ist der Anti-Amerikanismus stark ausgeprägt. Nachdem die Menschen in der Stadt gesehen haben, dass die bewaffnete Eskorte nicht schnell genug kommen kann und die Fahrer der Lastwagen verzweifelt versuchten, wieder zurückzufahren, tauchten Dutzende von Männern mit Gewehren und Granatwerfern auf und beschossen die Fahrzeuge, die von Söldnern der zu Halliburton gehörenden Firma Kellog, Brown & Root gesteuert wurden. Danach kam es offenbar zu Szenen, die an Falludscha erinnern, als dort im Frühjahr 2004 ebenfalls Söldner getötet und die verkohlten Leichen in einem ekstatischen Triumphzug von den Menschen durch die Stadt geschleift wurden (Triumph der Grausamkeit).
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In Duluiya töteten die Aufständischen bzw. die aufgebrachte Menge vier Amerikaner. Zwei von diesen, deren Fahrzeug gestoppt wurde, zwang die Menge zum Aussteigen. Sie mussten sich auf die Straße knien. Einer wurde durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet, wie der Telegraph berichtet, der andere wurde mit Benzin übergossen und angezündet. Anshcließend zog die Menge wieder in einem Triumphzug durch die Stadt und schleppte die Leichen der vier Amerikaner durch die Straßen, während anti-amerikanische Lieder gesungen wurden.. Warum das Pentagon erst nach Erscheinen des Zeitungsberichts den Vorfall bestätigt hat, ist nicht bekannt. Vermutlich wollte man vor dem Referendum nicht damit auch deutlich werden lassen, wie gefährlich die Situation in dem nur fleckenweise kontrollierten sunnitschen Gebieten ist. Verborgen hielt man den Vorfall wohl auch deswegen, weil er zeigt, dass das US-Militär nicht in der Lage ist, Konvois vor Überfällen zu schützen.
Die ablehnende Haltung gegenüber den Koalitionstruppen ist schon öfter in Umfragen deutlich geworden. Sobald nach der ersten Ruhezeit nach der Invasion die Welle der Anschläge einsetzte und die Besatzer weder die öffentliche Ordnung wiederherstellen, noch den Wiederaufbau realisieren und die Wirtschaft ankurbeln konnten, wuchs die Enttäsuchung über die Befreier, während gleichzeitig deren oft willkürliches Vorgehen gegen die Bevölkerung bei Durchsuchungen, Festnahmen und Straßenkontrollen den Widerstand näherte. Die Anschläge der Terroristen, die sich auch gegen die Zivilbevölkerung richteten, lenkten die Wut der Betroffenen nicht immer gegen diese, sondern auch gegen die Besatzer, die beschuldigt werden, das blutige Chaos mit verursacht zu haben und allein durch ihre Präsenz weiter am Leben zu halten.
Ein erheblicher Teil der Bevölkerung steht hinter den Aufständischen
Nicht verwunderlich ist daher das Ergebnis einer neuen, bislang geheim gehaltenen landesweiten Umfrage, die von einem Universitätsteam im Auftrag des Verteidigungsministeriums im August durchgeführt wurde. Dem britischen Telegraph ist diese Umfrage zugespielt worden, die angeblich aus Sicherheitsgründen bislang nicht veröffentlicht wurde. Tatsächlich ist das Ergebnis brisant. Fast die Hälfte (45%) der Befragten sagen nämlich, dass Angriffe auf britische und US-amerikanische Soldaten gerechtfertigt seien. Und in der von Briten kontrollierten, von Schiiten bewohnten Provinz Maysan steigt die Zahl noch auf zwei Drittel (65%) an, in Basra liegt sie hingegen bei 25 Prozent, immer noch ein Viertel der Stadtbewohner. Damit steht ein erheblicher Anteil der Iraker im Prinzip hinter den Aufständischen (die freilich ganz verschiedene Interessen verfolgen), während weniger als ein Prozent der Überzeugung ist, dass die Koalitionstruppen zur Verbesserung der Sicherheitslage beitragen. Allerdings geht aus der Darstellung des Telegraph nicht hervor, wie repräsentativ die Umfrage war.
Sollten die Ergebnisse der Umfrage zutreffen, dann hätten Bush und Blair im Irak verloren, auch ganz unabhängig davon, wie das Referendum über die Verfassung ausgeht. 72 Prozent sagen, sie hätten kein Vertrauen in die Koalitionstruppen. Damit stehen diese auf verlorenem Posten beim Kampf gegen die Aufständischen, der die Kluft wohl nur weiter vertieft. 43 Prozent sagen, dass sich die Bedingungen für Frieden und Stabilität weiter verschlechtert hätten. Und 67 Prozent erklären, dass sie sich wegen der Besatzung weniger sicher fühlen.
Der irakische Präsident, der Kurde Dschalal Talabani, fordert hingegen weiter die Briten und Amerikaner auf, im Land zu bleiben. Den Briten sagte er, dass dann, wenn sie ihre Soldaten abziehen, die Terroristen gewonnen hätten. In einem Gespräch mit dem Telegraph warnte Talabani gestern:
Wenn Ihre Truppen morgen gehen, würden ihr Blut und ihre Opfer verschwendet sein. Im Irak würde das Chaos und vielleicht der Bürgerkrieg regieren. Es könnte eine Intervention vom Ausland erfolgen, unsere Nachbarn (Iran, Syrien, Türkei) könnten einmarschieren.
Im Gegensatz zu den Umfrageergebnissen sucht er zu bekräftigen, dass die Lage im Irak gut ist und sich die Menschen von den Aufständischen abwenden würden. Mittlerweile scheint die Situation in der einst projektierten Musterdemokratie im "Größeren Mittleren Osten", mit der Bush im Sinne der Domino-Theorie die Region umkrempeln wollte, restlos verfahren zu sein. Zumindest derzeit sieht es so aus, als würde sowohl ein schneller Abzug als auch eine weitere Besatzung gegen den Willen der Bevölkerung als Scheitern der US-Politik gesehen werden. Ein Abzug birgt die Gefahr, dass die ganze Region, wie manche Kritiker schon vor der Invasion gewarnt haben, in Flammen aufgehen könnte und zudem den Terror noch weiter in die ganze Welt exportiert. Eine weitere Präsenz würde nur dann einen Erfolg haben, wenn der Wiederaufbau massiv betrieben würde, die Wirtschaft ins Laufen käme, die Ölexporte sprudeln sowie einigermaßen für Sicherheit der Menschen gesorgt würde. Vermutlich aber sind die Konflikte zwischen den Bevölkerungsschichten und die Militarisierung und Bandenbildung (Die Wolfsmeuten der Sieger) schon so weit fortgeschritten, dass eine schnelle Lösung nicht in Sicht ist.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21196/1.html- Musizierende Staatenlenker (27.10.2005 12:24)
- Gravitation (27.10.2005 10:33)
- Der Tag, als alle Macht vom Volke ausging (26.10.2005 17:27)
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