"Ich möchte kotzen, zerspringen, explodieren"

25.10.2005

Nicht unterzukriegen: Weblogs im Iran. Teil 1

Der NITLE Blog Census von 2004 zählte mehr als 64000 Weblogs in Farsi, der Muttersprache der meisten Iraner. Damit liegt das Land, was die Anzahl der Blogger angeht, deutlich vor Deutschland, Italien und Russland. Das Internet "ist seit 2000 in keinem anderen Land des Nahen Ostens schneller gewachsen als im Iran", heißt es ergänzend in einem Bericht von "Reporter ohne Grenzen". Woran liegt das? Fünf Gründe nennt Nasrin Alavi in ihrem teilweise auf Englisch im Netz schon länger kursierenden und nun auf Deutsch erschienenen Buch "Wir sind der Ir@n. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene".

Der erste Grund ist die rigide Pressezensur: Der Iran gilt als "größtes Gefängnis für Journalisten im Nahen Osten" (Reporter ohne Grenzen - vgl. "Das größte Gefängnis im Nahen Osten"). Verfolgt werden vor allem Print-, neuerdings aber immer häufiger auch Netzjournalisten. Denn vor allem in Krisenzeiten, wie zuletzt bei den Studentenprotesten im Jahr 2003, quellen die iranischen Blogs vor politischen Äußerungen fast über und haben den Taxis den Rang als Lieblingsort politischer Diskussionen abgelaufen; Alavi geht ins Detail:

In den letzten sechs Jahren wurden 100 gedruckte Publikationen, darunter 41 Tageszeitungen, von der iranischen Justiz aus dem Verkehr gezogen. Im April 2003 unternahm die iranische Regierung dann als weltweit erste Staatsmacht direkte Schritte auch gegen Blogger. Sina Motallebi, ein Journalist, der ein populäres Weblog, geschrieben hatte, kam ins Gefängnis. Seine Verhaftung war erst der Anfang.

Im Oktober 2004 wurden in der Islamischen Republik neue Gesetze gegen "Cyber-Verbrechen" verabschiedet, die Haftstrafen von bis zu 14 Jahren vorsehen, und auch gleich angewandt. Amnesty International schrieb nur einen Monat später:

Die willkürliche Verhaftung von etwa 25 Internet-Journalisten und Streitern für eine Zivilgesellschaft in den letzten Wochen zeigt einen alarmierenden Anstieg der Menschenrechtsverletzungen im Iran an.

Seit Beginn dieses Jahres hat das Regime seinen Angriff auf die Blogosphäre und auf Online-Journalisten noch einmal verschärft - fast die Hälfte der Websites wird nun stark gefiltert, immer wieder wurden Blogger festgenommen. Seither hat die Anzahl von Pseudonymen in Blogs drastisch zugenommen. Dennoch trauen nach Angaben der Iranian Students News Agency viele Iraner "dem Internet mehr als anderen Medien". Auf Verhaftungen folgen stets Onlineproteste, die im Iran schon länger beliebt sind.

Als Hossein Derakhshan, der im Exil lebende Gründer der iranischen Blogosphäre vor zwei Jahren Blogger im Iran ermutigte, ihre Beschwerden über Zensur und Repression an die Website des UN-Weltgipfels zur Informationsgesellschaft zu schicken, kam ordentlich was zusammen. Anderen Bloggern ist der direkte Protest zu gefährlich, sie greifen wie der Journalist Roya Sadr zu satirischen Mitteln und parodieren die (nicht nur) im Iran beliebten Verschwörungstheorien. Die strenge Zensur hat außerdem dafür gesorgt, dass zahlreiche Blogger ins Exil gegangen sind, u.a. der ehemalige Geheimdienstler Amir-Farshad Ebrahimi, der auf goftaniha.com Insiderwissen preisgibt.

Reformer am Ende

Die Wahlsiege der so genannten Reformer um den damaligen Präsidenten Mohammad Khatami in den Jahren1997 und 2001 haben großen Teilen der Bevölkerung kaum etwas gebracht. Zwar stimmten 80 Prozent an den Wahlurnen für eine Veränderung, wie Alavi schreibt, doch schon "im Jahr 2003 hatten viele Iraner den Eindruck, dass ihr Präsident zwar im Amt, aber nicht an der Macht war. Das Parlament war zu einem Ort verkommen, an dem sich machtlose Menschen folgenlos über alles Mögliche beklagten."

Viele Blogger sind von Wahlen generell enttäuscht, so war vor der letzten Präsidentschaftswahl zu lesen:

So viele Wahlplakate überall in Teheran ... Ich möchte kotzen und nirgendwo findet man einen Ort dafür ... Ich möchte kotzen, zerspringen, explodieren.

Auf iranischen Geburtsurkunden wird amtlich vermerkt, wer gewählt hat, ein fehlender Wahlstempel gilt als Stigma. Dennoch bekennen sich einzelne Blogger dazu, angesichts des Versagens der Reformer nicht mehr zu wählen und auch keine Petitionen mehr ans Parlament zu richten, sondern lieber ein Referendum über die Grundlagen der Gesellschaft anzustreben. Dass trotz des demokratischen Weblog-Aufbruchs der Hardliner Mahmoud Ahmadinedschad bei den Präsidentschaftswahlen siegte, darf nicht verwundern: Die Alternative hieß Haschemi Rafsandschani und stand für Jahrzehnte von Terror und Korruption. Ein Eintrag bringt das Wahldilemma auf den Punkt:

Ich wünschte nur, dass die Umstände anders wären und ich meine Entscheidung nicht zwischen schlecht und entsetzlich hätte treffen müssen.

Junge Bevölkerung

Sieben von zehn Iraner sind jünger als 30. Alavi weist in diesem Zusammenhang auf einen schönen Widerspruch hin:

Irans junge Generation wurde durch die Bildungspolitik der Islamischen Republik völlig verändert, dank der kostenlosen Ausbildung für jeden und der staatlichen Kampagne gegen das Analphabetentum. Paradoxerweise ist auf diese Weise eine gut ausgebildete, politisch denkende Jugend herangewachsen, die schon mit 16 Jahren wählen darf.

Obwohl der Iran neun Prozent der weltweiten Erdöl- und 15 Prozent der Erdgasvorräte besitzt, leben nach offiziellen Angaben 15 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, darunter viele unter 30Jährige, da unter ihnen die Arbeitslosigkeit weit verbreitet ist. Nur die wenigsten jungen Leute lassen sich dennoch vom Staat für die fanatische Hisbollah oder die Basij-Milizen anwerben. Im Gegenteil scheinen diese paramilitärischen Schlägertruppen besonders verhasst zu sein, was ein Kommentar anschaulich macht:

Ich kacke auf die gesamte Hisbollah ... und auf euren entstellten Islam und seine Ideologie, die ihr dazu benutzt, menschliche Wesen durch Folter zu erniedrigen.

Mehr Sympathie scheint hingegen dem entgegen gebracht zu werden, was das Regime nur "Den großen Satan" nennt - den USA. Darauf macht ein Posting aufmerksam:

Es ist doch seltsam, dass Irans Jugend nach Jahrzehnten der religiösen Erziehung und Indoktrination der Religion völlig apathisch gegenübersteht. Für den 'American Way' zeigen sie in sozialer und kultureller Hinsicht jedoch das größte Interesse innerhalb der gesamten islamischen Welt.

Wen wundert es da noch, dass es im Juli 1999 zu den größten Studentenunruhen seit dem Beginn der Revolution kam und seither aus den Universitäten immer wieder Unmutsbekundungen zu vernehmen sind. Mehr als die Hälfte aller Studenten im Land sind übrigens Frauen.

Im zweiten Teil: "Virtuell unverschleierte Frauen" und die "Kulturelle Invasion".

Nasrin Alavi: Wir sind der Ir@n. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene. Aus dem Englischen von Violeta Topalova und Karin Schuler. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 224 S., 9,90 Euro

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