Toll Collect für Fluggäste?

Wolf-Dieter Roth 27.10.2005

Ab 1. November soll der elektronische Pass eingeführt werden

Die einschlägigen Verdächtigen machen sich nicht zu Unrecht Sorgen um den Datenschutz, wenn der RFID-Chip im deutschen Reisepass in wenigen Tagen Realität wird und einem Überwachungsstaat Tür und Tor öffnen könnte. Doch auch andere könnten sich ungefragt der elektronische Daten bedienen und es ist auch fraglich, wie ausgereift die neuen Systeme überhaupt sind und ob uns nicht ein finanzielles und organisatorisches Chaos à la "Toll Collect" bevorsteht.

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Es soll nur noch wenige Tage dauern, bis auf Wunsch der USA deutsche Reisepässe nicht nur aus Papier und Plastikfolie, sondern auch aus Silizium bestehen: ein RFID-Chip soll im sogenannten E-Pass zunächst einmal ein digitalisiertes Gesicht speichern, ab 2007 zusätzlich auch noch zwei Fingerabdrücke und später kommt eventuell auch noch ein Irisscan hinzu. Jeder, dessen Reisepass abläuft, wird zukünftig statt einer Verlängerung seines bisherigen Ausweises das mit 59 Euro deutlich teurere Modell mit Chip erhalten und wird auf der Meldestelle wie bislang nur bei einer Verhaftung fotografiert und bekommt Fingerabdrücke abgenommen .

Natürlich ist die Besorgnis groß, dass über die RFID-Schnittstelle nicht nur der Sicherheitsbeamte am Flughafen, sondern bei unzureichender Absicherung auch der Marktforscher mal eben beim Vorbeigehen an der Diebstahlssicherung im Kaufhaus die Daten der Kunden ausliest und dadurch feststellt, dass man nun schon zum fünften Mal diese Woche in der CD-Abteilung steht und trotzdem nie etwas kauft. Angeblich soll das Auslesen aus bis zu zehn Metern Entfernung möglich sein. Ebenso herrscht Besorgnis, dass die Daten der Ausweise von Befugten und Unbefugten, darunter auch ausländischen Behörden, nicht nur ausgelesen, sondern auch noch lokal abgespeichert werden. Wird eine solche Datenbank dann geknackt, wäre das ein Festessen für Passfälscher.

Sicherheitsrisiko E-Pass? (Bild: CCC)

Nun, jeder Komfort ist mit einem zusätzlichen Risiko verbunden, könnte man meinen. Doch bringt der Chip im Ausweis neben höheren Kosten auch bei den Kontrollorganen überhaupt zusätzlichen Komfort – einerseits dessem Besitzer oder andererseits wenigstens dem Kontrollpersonal an Grenzen und Flughäfen?

Erste Untersuchungen zeigten teils große Fehlerraten bei allen Bürgern, die nur gelegentlich reisen. Nur berufliche Vielflieger lernen bald, sich den Startschwierigkeiten der neuen Technik anzupassen, um Fehler bei der Erkennung zu vermeiden und so Zeit zu sparen. Wer dagegen nach zwei Jahren ohne Auslandsreise erstmals wieder mit seinem neuen E-Pass zur Grenzkontrolle schreitet, könnte sogar im Gegenteil mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als mit einem alten Ausweis, denn wenn die elektronische Datenverarbeitung streikt, werden die Betreffenden "erkennungsdienstlich bevorzugt behandelt", sprich: besonders misstrauisch beäugt und gründlich gefilzt.

Die neue Technik ist zwar aufwendig geplant, könnte aber zum Start ein ähnliches Desaster auslösen wie das zum geplanten Start zunächst technisch und organisatorisch völlig versagende Mautsystem von Toll Collect. Abgemildert wird dies nur dadurch, dass momentan noch niemand den neuen Ausweis hat. Erst in 10 Jahren wird jeder momentan gebräuchliche Reisepass gegen die elektronische Variante ausgetauscht sein müssen. Doch der, dessen Reisepass dummerweise gerade in den nächsten Monaten ausläuft, könnte zum erkennungsdienstlichen Versuchskaninchen werden.

Eine weitere Gefahr der elektronischen Ausweise ist, dass sich die Sicherheitsbeamten mehr auf die ihnen elektronisch vorliegenden Daten verlassen werden als auf ihre Erfahrung und ihr Gefühl, wenn es darum geht, verdächtige Kandidaten zu erkennen. Es wird dann noch mehr nach Schema F. gearbeitet, was den Ganoven und Terroristen, die man mit all diesem Aufwand eigentlich fangen will, in die Hände spielt. Von einem Sicherheitsgewinn kann dann nicht mehr die Rede sein.

Die Würfel zum E-Pass sind jedoch gefallen – die Deutschen dürfen ihn zwar nun zuerst ausprobieren, doch in England, den USA, der Schweiz und den anderen EU-Ländern soll er ebenso kommen, und zwar teilweise noch zu viel höheren Kosten als in Deutschland – dann aber freiwillig für häufig in die USA Reisende oder gar "werbefinanziert": Unternehmen treten als Sponsor auf und dürfen sich dafür dann ganz legal marketingtechnisch aus den Ausweisdaten bedienen. Wer sparen will und dennoch nicht von Staat oder Wirtschaft überwacht werden will, muss eben zuhause bleiben – oder innerhalb der EU sich mit einem Personalsausweis begnügen, der chipfrei ist – noch...

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21215/1.html
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