Ramadan, der Monat des Konsums

Die islamische Fastenzeit gerät mehr und mehr zur Einkaufsorgie und dient der Völlerei

Noch eine weitere Woche fasten rund 1,3 Milliarden Moslems weltweit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der 30-tägige Ramadan ist der heiligste Monat des islamischen Kalenders. Er soll eine Zeit der Besinnung, Meditation und Mäßigung sein. Doch in Wirklichkeit hat er sich wie im Westen Weihnachten oder Ostern zum Kommerzunternehmen gemausert: eine Einkaufsorgie und kulinarische Völlerei.

In Beirut oder Dubai sind die Strassen mit Leuchtgirlanden geschmückt. Die Schaufenster der Geschäfte und Einkaufzentren sind voll mit Ramadan-Sonderangeboten. Hotels und Restaurants werben mit günstigen, mehrgängigen Iftar-Menüs (Fastenbrechen bei Sonnenuntergang) oder versuchen Kunden mit Gewinnspielen zu locken. Einige Tageszeitungen verkaufen einen Teil ihrer Titelseite als Werbefläche für Schuhe, Uhren, Reisebüros, Sprachschulen oder auch nur für Datteln, die im Ramadan für das allabendliche Festessen unabdingbar sind. Im Fernsehen läuft nicht nur das beste Programm des Jahres, viele Firmen geben die Hälfte ihres Budgets für kostspielige Ramadan-Werbespots aus. Etwa 55 Millionen Menschen sitzen täglich vor den Fernsehschirmen, die ganze Familie und das oft auch noch bis in die späte Nacht.

Neu produzierte Soap Operas werden in der Fastenzeit gestartet. Besonders beliebt „Al-Hoor Al-Eine“ (Die Reinen und die Schönen), eine 30-teilige Serie über jordanische, libanesische, marokkanische und syrische Familien, die alle in einem Appartementhaus in Saudi-Arabien leben und Ziel eines Terroranschlags werden. Die Serie basiert auf realen Ereignissen aus dem Jahr 2003, bei dem 17 Menschen getötet und 120 verletzt wurden.

Die Kommerzialisierung des heiligsten Monats des Islam gefällt nicht allen

Der Mufti für islamische Angelegenheiten in Dubai, Ahmed Abdelaziz Haddad, machte sich öffentlich Sorgen darüber. Mit gewohnter islamischer Sympathie für das Händlertum sagte er zwar, das Problem sei nicht, dass die Leute Geschäfte machen, aber der Monat verkomme zusehends zum Shopping-Monat.

Die Saudi-Gazette aus Jeddah beklagte sich, dass sich der Ramadan in ein von Geschäftsleuten, Restaurant- und Cafebesitzern lang erwartetes „Kunden-Bonanza“ verwandelt hat und die spirituellen Werte in den Hintergrund gerieten. Auf der täglich erscheinenden Islam-Seite der Tageszeitung, wo in den Jahren zuvor hauptsächlich über religiöse Dimensionen des Fastenmonats geschrieben wurde, werden nun Anweisungen gegeben, wie man abends das „Fasten auf eine gesunde Weise bricht“ und was die Auslöser für Verdauungsprobleme sein können.

Gerade Gesundheitsprobleme sind gravierende Begleiterscheinung des Ramadans. Wer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts gegessen und nichts getrunken hat, schaufelt abends natürlich mit besonderem Heißhunger in sich hinein. In der Regel sind es schwere Suppen, wie z.B. in Marokko die „Harira“, die aus Linsen, Tomatenmark, Nudeln und Fleisch zubereitet wird. Dazu gibt es Eier und extra-süßes Zucker-Honiggebäck. Nach dem Fastenbrechen um 18 Uhr gibt es später noch eine große Hauptmahlzeit, dazu einiges zwischendurch und kurz vor Sonnenaufgang noch ein üppiges Frühstück. Viele Familien sparen das ganze Jahr, um sich erlesene Köstlichkeiten im Ramadan leisten zu können. Vielfach steigen die Preise für Lebensmittel, die für typische Fastenzeit-Speisen notwendig sind.

Dieses Jahr scheint die Völlerei im Vergleich zu den Jahren davor, noch größere Ausmaße angenommen zu haben. Überfüllte Arztpraxen und Nothilfe-Abteilungen der Krankenhäuser gab es ansonsten erst gegen und nach dem Ende des Ramadans. Nun sind sie schon während des Fastenmonats voll, berichtet ein Arzt aus Tanger, der seinen Namen nicht genannt haben will. „Ich würde sagen, dass wir etwa 20 Prozent mehr Patienten haben, als im letzten Jahr“, erklärt der Allgemeinmediziner. Verdauungsprobleme sind der Hauptgrund für einen Arztbesuch. Hinzukommen Diabetiker oder auch Herzpatienten, die aufs Fasten nicht verzichten wollen und ihre Medizin untertags nicht nehmen und die gewohnten Einnahmezeiten in die Abendstunden verlegen.

In der Nothilfe des Krankenhauses der saudi-arabischen Stadt Riad werden täglich 4 bis 5 solcher Fälle eingeliefert. Manche Patienten kommen sogar regelmäßig, wie die 81-jährige Umm Fahad, deren Familie sie ein, zweimal pro Woche ins Krankenhaus bringen muss. Entgegen dem Rat ihres Arztes besteht die alte Frau auf ihr Recht zum Fasten. „Ich werde Fasten und niemand kann mich davon abhalten.“ Normalerweise müsste sie sich nicht an das islamische Fastgebot halten. Alle alten Menschen, Kranke, Kinder, schwangere Frauen, stillende Mütter, Reisende und kämpfende Soldaten sind davon ausgeschlossen.

Im Ramadan ins Paradies einzugehen, ist eine besondere Auszeichnung

„Aber der soziale Druck ist groß“, meint der marokkanische Arzt. „Außerdem verspricht das Wohlverhalten im Ramadan eine Belohnung vor Gott.“ Die guten Taten, zu denen neben dem Fasten auch Spenden (Zakat) gehört, so glauben viele, werden zehnfach vergütet. Auch ein guter Grund für die Dschihaddisten im Irak ihre Attacken zu verstärken. Im Ramadan ins Paradies einzugehen, ist eine besondere Auszeichnung. Dort, wo ein eigener Harem mit 72 Jungfrauen auf sie wartet. Osma bin Laden verglich sich gerne mit dem großen muslimischen Heerführer Saladin, der darauf bestanden hatte, auch während des Ramadans weiterzukämpfen. Gerade in der Fastenzeit ist ein Sieg über die Feinde gewiss. Es wird auch gesagt, dass der Prophet Mohammed seine Truppen siegreich aus vielen Schlachten gegen Ungläubige während des Ramadans geführt hat.

Besonders gewürdigt wird die Nacht vom 26. auf den 27. Tag des Fastenmonats, in der Mohammed seine erste Offenbarung des Korans erhalten habe. Viele Muslime glauben, dass in dieser Nacht die Weichen für das ganze kommende Jahr gestellt werden. Dies könnte der Anlass für einige selbst erklärte „Heilige Krieger“ sein, sich selbst als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen.

Am Ende des Ramadans wird das „Eid“ gefeiert, ein zweitägiges Fest, das der ganzen Familie gehört. Viele Restaurants sind für diese Gelegenheit schon lange ausgebucht. Kurz vor dem „Eid“ purzeln die Preise in den Keller. In den Geschäften und Einkaufszentren werden aus den „Ramadan-Sonderangeboten“ die „Eid-Spezialangebote“. In Saudi-Arabien bekommt man Designer-Klamotten für einen Spottpreis, ein Auto kann man bei einer Lotterie gewinnen, Haushaltsgeräte kosten so gut wie nichts mehr und die Restposten der Datteln und Feigen werden zu einem Schleuderpreis weggeben.

Dann ist es gewiss, Ramadan ist vorüber, der neunte Monat des muslimischen Kalenders, der sich wie 30 Tage Weihnachten und Ostern zusammen anfühlt. Aber bis dahin vergehen noch einige Tage, an denen die Menschen am späten Nachmittag im Verkehrschaos nach Hause zum „Iftar“ eilen. Die Straßen sind für ein, zwei Stunden wie leergefegt. Nur die Vögel und das Geschirrgeklapper sind aus den offenen Fenstern zu hören. Und frühmorgens zieht der Trommler durch die Nachbarschaft, der die Leute lärmend an den beginnenden Sonnenaufgang, das Frühstück und den Gang zur Moschee erinnert.

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