Hurra, der Nordpol schmilzt!
In der Arktis wird ein Viertel der bisher unentdeckten Ölvorkommen vermutet
Treibhausgase, Kyoto-Protokoll, Klimaerwärmung? All das ist Schnee von gestern. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Abschmelzen der Polkappen hat auch positive Seiten. Darauf wies unlängst die New York Times in einer Serie von Artikeln hin. Vier Reporter der US-Tageszeitung waren über ein halbes Jahr in Kanada, Norwegen, Russland und den USA unterwegs. Ihr Urteil: Weltweit bereiten sich Regierungen und Konzerne darauf vor, die im hohen Norden vermuteten Bodenschätze auszubeuten - allen voran Erdöl und Erdgas. Über die Folgen macht sich kaum jemand Gedanken.
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"Wenn es eine positive Seite der Klimaerwärmung gibt", so der Transportminister der kanadischen Provinz Manitoba, "dann liegt sie in dieser Entwicklung." Das sind keine leeren Worte: Die Provinzregierung von Manitoba hat in den letzten Jahren Millionen kanadische Dollar in die Infrastruktur des Hafenstädtchens Churchill in der Hudsonbai investiert. Die Erwartungen sind groß. Derzeit lebt der Küstenort mit seinen 1.100 Einwohnern zwar noch von Touristen. Schmilzt das arktische Eis aber weiter ab, könnte der Ort Teil einer äußerst lukrativen Handelsroute werden, die ihn mit den großen Städten der russischen Arktisküste verbindet, vor allem mit dem russischen Murmansk.
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Das scheint eine reale Aussicht, nachdem die nördliche Polkappe in diesem Sommer so stark wie nie zuvor abgeschmolzen ist. Die Experten des National Snow and Ice Data Center mit Sitz im US-Bundesstaat Colorado halten es inzwischen sogar für möglich, dass die Arktis in absehbarer Zeit jeden Sommer eisfrei wird.
Goldgräberstimmung im Norden
Das hätte nicht nur für die Weltmeere weitreichende Folgen. Die schätzungsweise vier Millionen Einwohner der Arktisregion, unter ihnen 150.000 Ureinwohner der Inuit, haben in den vergangenen Jahren einen wahren Ansturm auf ihre Region erlebt. Sogar die chinesische Regierung hat in Spitzbergen eine Forschungsstation errichten lassen.
Im US-Außenministerium kam im Januar dieses Jahres eine Expertenkommission zusammen, um über zwei Tage hinweg die politischen und wirtschaftlichen Folgen der Entwicklung zu erörtern. Der US-Botschafter in Norwegen, John Doyle Ong, der vor seiner Berufung in den diplomatischen Dienst 36 Jahre lang in der Industrie tätig war, gehört zu den größten Unterstützern der Gasstation Snohvit im norwegischen Hammerfest:
Norwegens Bedeutung für die nationale Energiepolitik der Vereinigten Staaten nimmt Jahr für Jahr zu.
Mitte September hat das staatliche russische Energieunternehmen Gazprom ein Abkommen mit fünf internationalen Ölkonzernen zum Aufbau des Gasfeldes Shtokman an der Barentssee geschlossen. Daran sind neben den norwegischen Unternehmen Statoil und Norsk Hydro auch Total aus Frankreich und Chevron und ConocoPhillips aus den USA beteiligt. Die Kosten werden auf bis zu 20 Milliarden US-Dollar geschätzt, die Gewinne ungleich höher.
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Doch geht es bei der Industrialisierung der Arktis nicht nur um Erdöl und Erdgas. Bricht das "ewige Eis" im Polarmeer, würden neue Schifffahrtsrouten entstehen. Entsprechende Hoffnungen hegen vor allem die Bewohner der Küstenstädte. Das russische Murmansk, zu Sowjetzeiten florierende Handelsmetropole an der Nordmeerroute, könnte einen erneuten Aufschwung erleben, würde sich eine Verbindung zur kanadischen Hafenstadt Churchill in der Hudsonbai etablieren. Nach Angaben der New York Times benötigt ein Schiff von Murmansk nach Südkanada über den St.-Lawrence-Seeweg unter günstigen Bedingungen derzeit 17 Tage. Die direkte Route durch die Hudsonbai nach Churchill würde nur acht Tage in Anspruch nehmen. Vor dem noch verschlafenen Küstenstädtchen könnten die Güter über die Schiene bis nach Monterrey in Mexiko transportiert werden.
Wem gehört was im Norden?
Zunächst muss aber entschieden werden, wer überhaupt über die Arktis verfügt. In diesem Punkt herrscht bislang weitgehend Uneinigkeit zwischen den fünf an das Polarmeer angrenzenden Staaten: Dänemark, Kanada, Norwegen, Russland und den USA (Dänemark will sich den Nordpol aneigenen). Bislang ist über das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen lediglich geregelt, dass jeder Staat von seiner Küstenlinie aus einen 200 Seemeilen breiten Streifen dem eigenen Staatsgebiet zurechnen kann. Beansprucht eine Regierung größere Teile der Gewässer, muss sie den Anspruch dadurch belegen, dass der natürliche Festlandsockel unter der Wasseroberfläche fortläuft. Nach der Ratifizierung der Konvention hat jeder Staat zehn Jahre lang Zeit, seine Ansprüche geltend zu machen. Moskau schloss sich dem Übereinkommen 1997 an. Vier Jahre später erhob die russische Regierung Anspruch auf die Hälfte des Polarmeeres. Die Streitigkeiten über diesen Punkt dauern an. Im Juni erst kündigten Dänemark und Kanada eine gemeinsame Vermessungsexpedition an, um die jeweiligen eigenen Ansprüche zu klären.
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Nur die USA bleiben außen vor. Eine Gruppe von Senatoren der Republikanischen Partei haben bislang die Ratifizierung des UN-Abkommens verhindert, weil dies ihrer Meinung nach die Souveränität der USA gefährden würde. Ihr Wortführer ist James M. Inhofe, Senator aus dem US-Bundesstaat Oklahoma. Inhofe stellt nicht nur die Gefahren der Polschmelze in Abrede, er steht auch erfolgreich an der Spitze einer konservativen Kampagne gegen die Ratifizierung des UN-Seerechtübereinkommens. Der republikanische Senator und seine Anhänger befürchten die Aufgabe nationaler Souveränität, weil Washington mit der Unterzeichnung Entscheidungsgewalt an die Internationale Meeresboden-Behörde (ISA) mit Sitz in Jamaika abgeben würde. Die ISA wurde 1994 als Teil des Seerechtsübereinkommens gegründet und hat den Auftrag, Bodenschätze der Tiefsee, als "gemeinsames Erbe der Menschheit" zu verwalten. Das Problem für die US-Regierung ist nun, dass sich ihr Land bei der laufenden Aufteilung der Arktis selbst ausgrenzt.
Ökologische und soziale Folgen unklar
Doch hat die Euphorie über den möglichen Reichtum Grenzen. Abgesehen von der ohnehin bedenklichen Eisschmelze würde die Industrialisierung der Arktis weitere bislang nicht abzuschätzende ökologische Folgen mit sich bringen. Die Förderung und Verschiffung von Erdgas über die norwegische Snohvit-Station findet nicht ohne Grund unter strengen ökologischen Standards statt. Besonders die Norweger drängen auf eine rasche Herbeiführung der Rechtssicherheit bei den Besitzverhältnissen, denn erst dann könnten Richtlinien zum Umweltschutz effektiv und über internationale Organisationen auf die gesamte Region ausgeweitet werden. Bei den Wahlen im September hat die Frage des Umweltschutzes auch innenpolitisch eine erhebliche Rolle gespielt. In der neuen Mitte-Links-Regierung drängen vor allem die norwegischen Grünen auf eine verstärkte Reglementierung bei der Ausbeutung natürlicher Ressourcen in der Region. Diese Politik steht verständlicherweise im Einklang mit der Position internationaler Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace:
In dieser empfindlichen Welt, in welcher sich schon der Fußabdruck eines Wanderschuhs im Moos erst nach Jahrzehnten wieder verflüchtigt, Eisen kaum rosten will, sich sogar organische Abfälle nur langsam zersetzen, im Wasser schwebende Stoffe langsamer abgebaut werden als andernorts - hier verzeiht die Natur Umweltsünden besonders schwer.
Neben der Sorge um die Umwelt bergen die natürlichen wie staatlich forcierten Veränderungen in der Arktis auch ein konkreteres Konfliktpotential. So weist die kanadische Polizei bereits auf die mögliche Entstehung neuer Drogenrouten hin, wenn das Eis weiter schwindet. Eine Einheit mit 1.500 Mann, die sich weitgehend aus Inuit rekrutiert, soll die betroffenen Gebiete nahe der Hudsonbai nun verstärkt überwachen. Wie in kaum einem anderen Land mit indigener Bevölkerung wurden die "Eskimos" hier in die neuen Herausforderungen eingebunden. Und während der Zugriff auf natürliche Ressourcen besonders in Lateinamerika (Indianischer Widerstand gegen Privatisierung und Profit) Motor jahrzehntelanger Konflikte bis hin zu blutigen Bürgerkriegen ist, hat die kanadische Regierung Weitsicht bewiesen.
1999 wurde den Inuit, wenn auch nach fast drei Jahrzehnten zäher Verhandlungen, eine eigene Provinz zugesprochen: Nunavut, was übersetzt "unser Land" bedeutet. In dem Gebiet, das eine Fläche fünfmal größer als die Bundesrepublik Deutschland fasst, kann kein Land erworben, sondern nur gepachtet werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21234/1.html- Ich beuge mich Deiner Weisheit! (22.11.2005 16:58)
- Vogel-F? (22.11.2005 11:10)
- eliten..... (22.11.2005 10:45)
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