Genveränderte Hühner als Schutz vor Ansteckung
Träumereien der Gentechnik: Britische Forscher wollen Hühner immun gegenüber dem Vogelgrippevirus machen
Aus der Perspektive der technischen Anpassung der Welt an den Menschen und seine Bedürfnisse ließe sich eine aus dem Erreger der Vogelgrippe H5N1 mutierter Virus, der zu einer Grippeepidemie führen kann, nicht nur durch Impfungen und Medikamente bekämpfen. Um das Problem sozusagen an der Wurzel anzugehen, könnte man auch das Geflügel gentechnisch verändern. Aber die Ersetzung der natürlich in der Evolution oder künstlich durch Züchtung entstandenen Arten durch gentechnisch aufgerüstete Exemplare müsste schon weltweit geschehen, um auch nur einigermaßen Sinn zu machen.
Das ist zumindest der verwegene Plan eines Teams von britischen Wissenschaftlern unter der Leitung von Laurence Tiley, der Virologie an der Cambridge University lehrt, and Helen Sang vom Roslin Institute, das durch das Klonschaf Dolly bekannt wurde. Am Roslin Institute hatte man bereits demonstrieren können, dass genveränderte Hühnerzellen vor einer Grippeinfektion geschützt werden können. Nun wollen die Wissenschaftler angesichts der gegenwärtigen Sorge genveränderte Küken herstellen, die gegenüber dem H5N1-Virus oder anderen gefährliche Grippeerregern immun sind.
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Die Wissenschaftler wollen zuerst einmal mit Hühnereiern beginnen und dann sehen, ob der Schutz auch für Küken wirkt. Dabei wollen sie unterschiedliche Möglichkeiten testen. Mithilfe des Lentivirus soll RNA in die Zelle geschleust werden, um durch die so genannte RNA-Interferenz Gene in den Viren zu inhibieren. Experimentieren will man auch mit antiviralen MX-Proteinen und mit RNA, die der RNA täuschend ähnlich ist, die Viren zu ihrer Reproduktion benötigen. Sie würde listigerweise aber die Viren veranlassen, anstatt sich selbst nur die Köder-RNA zu reproduzieren. Lentivektoren für die RNAi und die Köder-RNA seien bereits einsatzbereit entwickelt worden.
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Für die gegenwärtige Vogelgrippe käme auch eine erfolgreiche Genveränderung von Hühnern zu spät. Langfristig, so meinen die Wissenschaftler, könnte man damit aber einen wichtigen Überträger der Vogelgrippe auf die Menschen ausschalten, wenn mehr oder weniger alle Hühner, die von Menschen gehalten und gezüchtet werden, denn auch genverändert und damit immun wären. Um die genetische Vielfalt nicht zu stark zu beschränken, könnte man auch verschiedene Hühnerarten auf den Markt bringen.
Aber selbst die Wissenschaftler sehen mit ihrem Projekt einige Probleme einhergehen. So könnten natürlich auch Mutanten entstehen oder die Inhibition könnte zu anderen, bislang unbekannten Problemen führen. Unklar ist auch, für wie viele Generationen Hühner geschützt wären. Und wenn milliardenfach virale Vektoren benutzt werden, um die Proteine einzuschleusen, könnten womöglich auch durch den Vektor unvorhersehbare Risiken entstehen. Für große Unternehmen wäre eine massenhafte Herstellung von genveränderten Hühnern zweifellos ein gutes Geschäft, versprechen die Wissenschaftler und stellen sich vor, dass die Regierungen die Halter bei der Einführung der Gen-Hühner finanziell unterstützen. Daraus kann man schließen, dass sie ihre Geschäftsidee am liebsten über staatliche Verordnungen zu einem garantierten Geschäft umsetzen würden. Dass damit die monopolartige Macht von globalen Biotech-Konzernen und die Abhängigkeit der Bauern von diesen weiter gestärkt werden, scheint den Wissenschaftlern hingegen kein nennenswertes Problem zu sein.
Allerdings sehen sie vor allem in Großbritannien noch große Widerstände vor sich, da die Menschen hier von der Gentechnik und ihren Produkten nicht begeistert seien. Man müsste also erst einmal die öffentliche Meinung positiv beeinflussen und gesetzliche Regelungen einführen, bevor die vorhandenen Hühner durch die genveränderten ersetzt werden können. Hätte man das sozusagen avantgardistisch in Großbritannien durchgesetzt, so würde man nur weitere vier oder fünf Jahre benötigen, um weltweit die Hühner auszutauschen. Meint jedenfalls Tiley in seinen kühnen Träumen, die wohl ebenso vom wissenschaftlichen Durchbruch als auch vom möglichen Profit bestimmt sein dürften.
Die Entwicklung von Hühnern, die gegen Grippe immun sind, dient der menschlichen Gesundheitsvorsorge und dem Wohlergehen der Tiere, da wir die Hühner nicht weltweit abschlachten müssen. Hühner stellen eine Verbindung zwischen wildlebenden Vögelpopulationen dar, in denen der Vogelgrippevirus gedeiht, und den Menschen, in denen neue pandemische Varianten entstehen können. Wenn man diese Brücke entfernt, dann wird man das von Vogelgrippeviren verursachte Risiko drastisch reduzieren.
Wie wirksam dieser Schutz der Menschen durch genveränderte Hühner oder andere Hausvögelarten überhaupt sein würde, auch wenn sie tatsächlich immun gegen verschiedene Vogelgrippeerreger wären, ist eine andere Frage. Im Prinzip könnten ja einige Hühner irgendwo auf einem kleinen Bauernhof reichen, um den Vogelgrippevirus von wildlebenden Vögeln schließlich auf den Menschen zu übertragen. Mutierte er zu einem für Menschen gefährlichen Erreger, würde er sich sowieso unter den Menschen verbreiten, auch wenn das Risiko tatsächlich kleiner sein mag.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21242/1.html- DIE IDEE! (k.t.) (1.11.2005 12:30)
- Genveränderte Terroristen als Schutz vor Anschlägen (31.10.2005 20:47)
- hier zeigt es sich wieder mal ueberdeutlich... (31.10.2005 10:38)
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