Zornige junge Araber

11.11.2005

Angst vor noch mehr Terrorrekruten und ein neuer "Push" für den Nahen Osten

Nicht nur Frankreich, die gesamte internationale Gemeinschaft habe ein Problem mit desillusionierten, unzufriedenen Jugendlichen, die ihr Los nicht länger ertragen wollen, so der namhafte Nahost-Autor Rami G. Khouri in einer Reaktion auf die Randale in den französischen Vorstädten (vgl. Erklärung des Ausnahmezustands als Antwort auf die Unruhen). Besonders akut sei das Problem in den arabischen Ländern, welche die weltweit höchste Jugendarbeitslosigkeit verzeichnen.

Sollte sich nichts Entscheidendes verändern, werden arabische Staaten auf Jahrzehnte hinaus ein großes Problem mit den gigantischen Zahlen jugendlicher Arbeitsloser haben, prophezeit Khouri. Gegenwärtig sei beinahe die Hälfte der Jugendlichen mit Schulabschluss in Jordanien und im Jemen arbeitslos, in Marokko sollen es 27 % sein. Seit 1950 hat sich die Zahl der Jungen in der MENA (Middle East North Africa) - Region zwischen 20 und 24 Jahre von 10 Millionen auf 36 Millionen gesteigert. Nach Schätzungen könnten es im Jahr 2050 mindestens 56 Millionen sein - die Unter-15jährigen machen zur Zeit 36% der Bevölkerung in der Region aus (in Europa sind es 16%). Bis dato findet nur jeder dritte Jugendliche in der Region Arbeit, Aussichten, dass sich daran etwas ändert, gebe es bislang nicht.

Allerdings beobachtet Khouri eine entscheidende Veränderung seitens der Jugendlichen in den letzten Jahren:

Das Schema von jungen Leuten aus dem Nahen Osten und Nordafrika, die in "Schwierigkeiten geraten" ("getting into trouble"), wie wir das in den 60er Jahren nannten, hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert: aus isolierten Einzelfällen hat sich ein globales Phänomen entwickelt. In diesen Tagen heißt "Trouble" nicht örtlich bezogenes Gangstertum oder selbsterzeugte Probleme im Zusammenhang mit Drogen oder Kriminalität. Die strukturellen Probleme der jungen Araber, Nordafrikaner und Asiaten, seien sie ökonomischer Natur, politischer oder sozialer, sind mit diesen Menschen in andere Teile der Welt ausgewandert.

Zum Frust über die despotischen und ignoranten Regierungen in der MENA-Region käme bei den Emigranten schließlich der Frust über den Underdog-Status, der ihnen im Westen zugewiesen wird. Dass sich im gesamten Nahen Osten und in Nordafrika und eben auch in der Diaspora immer mehr Jugendliche dazu bereit fänden, sich extremistischen und militanten Bewegungen anzuschließen, wertet Khouri als deutlichen Hinweis darauf, wie weit die Unzufriedenheit dieser Jugendlichen mittlerweile gediehen ist.

Sie werden nicht länger in Ruhe schmoren. Sie haben das passive Hinnehmen ihres Schicksals hinter sich gelassen, um sich auf dynamische, gewalttätige Aktionen einzulassen, die sie als legitimen, erlösenden oder einfach als richtigen, angemessenen Ausdruck ihres Zorns, ihrer Unterdrückung, Marginalisierung und vor allem ihrer Angst betrachten.

Ein neuer "Push" für die Jugend im Nahen Osten

Die amerikanische Regierung hat das Problem schon länger erkannt und will nun dieses Wochenende das bislang "ambitionierteste multilaterale Programm für die Verbreitung von demokratischen und ökonomischen Veränderungen im Nahen Osten" vorstellen. Die Initiative - "A New Mideast Push" - soll in zwei große Maßnahmen unterteilt werden, beide mit Titeln, die viel versprechen: "The Foundation for Future" und "The Fund for Future". Das Besondere daran: Man setzt auf Beiträge von Staatsseite - Ägypten und Marokko wollen jeweils 20 Millionen dafür ausgeben und die EU soll sich mit 30 Millionen beteiligen -, aber geprägt werden soll das Programm von "Privatintiativen", von wirtschaftlichen Unternehmen. Die nongovernmental nature der Initiative soll dafür sorgen, dass aus dem Willen zur Verbesserung der Situation langlebige, wirksame Institutionen werden, so die Hoffnung.

50 Millionen Dollar hat man bislang für die Förderung von "Start-Ups" im Rahmen der "Fund for Future" gesammelt und 100 Millionen Dollar für die Förderung bereits bestehender Unternehmen im Rahmen der "Foundation for Future" - noch wenig Geld angesichts der hohen Zielsetzung.

Beide, der "Fund" wie die "Foundation", zielen darauf ab, einen größeren "demokratischen Raum" zu schaffen mit dem unmittelbaren Ziel, die tickende demographische Zeitbombe zu entschärfen. 50 Millionen mehr an Jugendlichen im Nahen Osten werden auf den Arbeitsmarkt im Jahr 2007 kommen und im Jahr 2013 werden es 100 Millionen sein. Das State Department hat ausgerechnet, dass ein regionales Wirtschaftswachstum von 6 bis 7% nötig ist, um diese Kräfte zu absorbieren. Das gegenwärtige Wachstum beträgt aber nur die Hälfte. Ohne Arbeit, ohne dass sich eine Regierung für die Ansprüche der Jugendlichen verantwortlich zeigt, ist die Gefahr groß, dass die Zahl arabischer Jugendlicher, die zu Rekruten für Terrororganisationen werden, um Millionen steigt.

Eine gute Absicht vielleicht, aber eine "lächerlich schlechte Idee" kritisiert ein Teilnehmer des lesenswerten Fachblogs für MENA-Angelegenheiten, "Aqoul", das Projekt. Als wesentliche Kritikpunkte in seiner ausführlichen, sehr polemischen Bestandsaufnahme der neuen US-Initiative im Nahen Osten führt "Lounsbury" an, dass die Summe angesichts der Tragweite, die anvisiert wird, lächerlich unbedeutend sei:

100 million USD is not merely small for 110 million people, it's fucking insignificant. It's a joke

Dass sich ein wichtiger Player in der Region, nämlich Frankreich, bislang nicht dazu entschlossen habe, mit von der Partie zu sein, verschlechtere die Aussichten auf den Erfolg des Unternehmens ebenso wie die Konzentration der Initiative auf Länder, wie etwa Ägypten, die sich schon bei früheren ähnlichen Initiativen als ziemlich unfruchtbar erwiesen haben. Dazu komme, dass das Schlagwort von der nongovernmental nature irreführend sei.

Bei genauerer Lektüre der Struktur der Programme wie der Personen, die dafür verantwortlich sind, zeige sich, dass die spektakulär angekündigte Initiative nichts anderes sei als eine laue Wiederauflage der MEPI-Initiative, die 2002 von der Bush-Regierung mit 300 Millionen Dollar gestartet worden und mittlerweile versandet ist. Dass die Tochter des amerikanischen Vizepräsidenten, Elisabeth Cheney, auch jetzt, wie bei MEPI, als eine der federführenden Personen aktiv sein soll, spricht Bände über die personelle Besetzung und läßt darüberhinaus wenig Hoffnung zu, dass hier etwas grundsätzlich Neues mit neuen Partnern unternommen wird.

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