"Was bleibt, ist das Recht der Kalaschnikow!"

Rüdiger Suchsland 11.11.2005

André Glucksmann über die Unruhen in den französischen Vorstädten und die Allgegenwart des Hasses

Der französische Philosoph André Glucksmann (geboren 1937) gehört in seiner Heimat zu den bekanntesten, aber auch widerständigsten lebenden Intellektuellen. Mit seinen Thesen, die vor allem der antitotalitäre Impuls und die Geste des gegen-den-Strom-schwimmens eint, gelingt es ihm seit Jahren immer wieder, vor allem den liberalen Mainstream zu provozieren und die Einverständnisse der "Political Correctness" in Frage zu stellen.

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In den 70-er Jahren entlarvte er als einer der Nouveax Philosophes "Die Meisterdenker", in den 80er Jahren verteidigte er die atomare Abschreckung ("La force du vertige"), zuletzt kritisierte er vehement die europäische Politik gegenüber Jugoslawien, Russland und dem Nahen Osten ("Dostojewski in Manhattan"). Glucksmann gehört auch zu den Verteidigern des Irak-Krieges. In seinem neuen Buch "Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt"[1] liefert Glucksmann eine Geschichte der Manifestationen des Hasses und eine sehr genaue Phänomenologie seiner Eskalation.

Ihr neues Buch scheint perfekt jene Phänomene auf den Begriff zu bringen, die wir gerade in Frankreich erleben. Fällt auch dies unter Ihre Kategorie des "Hass"?

André Glucksmann: Unbedingt. Die Revoltierenden in Frankreich stilisieren sich als Opfer. Unsere Soziologen liefern ihnen dafür auch wunderbare Rechtfertigungsgründe. Aber es bleibt trotzdem unwahr. Viele von ihnen kommen aus den Maghreb-Staaten. Wenn sie 'mal ihre Verwandten in Algerien besuchen, und denen erzählen, wie furchtbar schlecht es ihnen in Frankreich geht, dann bekommen sie aber was zu hören! Die sagen ihnen nämlich ganz schnell: Wir können ja tauschen. Darauf lassen sie sich natürlich nicht ein. Aber sie beharren trotzdem darauf, sie seien die Ärmsten Menschen der Erde. Der römische Philosoph Seneca, ein großer Kenner des Hasses, schließlich war er am Hofe Kaiser Neros, nennt das "Dolor", das Selbstmitleid - eine Form von Narzissmus, der sich selbst noch Salz auf die eigenen Wunden gießt. Es handelt sich natürlich in diesem Fall nicht um etwas Objektives.

Es gibt natürlich objektive Ursachen, aber der Dolor macht alles noch schlimmer. Dies ist das erste Stadium des Hasses.

Das zweite Stadium ist der "Furor": Weil ich der Ärmste der Welt bin, habe ich nichts mehr zu verlieren, also kann ich alles in Brand stecken, zu allererst den Anderen. Der Selbsthass verwandelt sich in Hass auf den Anderen. Dies ist nicht das Gleiche, wie Feindseligkeit: Feindschaft gibt es immer. Aber auch den Feind achtet man. Da geht es um Wille zur Macht, Kolonialismus, Rassismus. Man hat auch immer schon viele Wagen in Brand gesteckt. Das ist nichts Neues. im vorigen Jahr sind in Frankreich 28.000 Autos angezündet worden! Das Neue ist, dass man nun auch Busse anzündet, in denen Menschen sitzen. Es gab ja schon ein paar schwere Verletzte. Viele konnten sich nur in letzter Sekunde retten. Dieser Wille zum Mord ist neu. Das dritte Studium des Hass' verkörpert Brünhilde in Wagners Götterdämmerung: Der Weltenbrand, die Lust an der selbst herbeigeführten Katastrophe. Wagner hat dazu wunderbare Musik geschrieben. Aber ihm fehlen die Worte. Das hat der Komponist Karl-Heinz Stockhausen auch so gesehen, als er den Anschlag auf das "World Trade Center" als "Gesamtkunstwerk" bezeichnete. So sehen das auch die Jungen in den Banlieus. Sie spielen. Sie freuen sich. Sie fabrizieren jeden Abend ein Gesamtkunstwerk. Und sagen: "Hier ist Bagdad". Das ist Terrorismus, Nihilismus gegen Zivilisten. Sie finden das schön, ästhetisch und veranstalten einen regelrechten Wettbewerb: wer hat mehr in Brand gesteckt? Und sie zünden Fabriken an, die ihnen doch Arbeit - zumindest ein bisschen - geben könnten, Bibliotheken und Schulen, in denen sie sich fortbilden könnten, Kindergärten - es ist völlig destruktiv! Das ist das dritte Stadium, das Seneca beschreibt - und er ist nicht der Innenminister von Frankreich. Er wusste, wovon er redet. Rom in Brand zu stecken, das ist auch Hass. Es gibt 60 Prozent, die Arbeit haben. Es ist schwer, welche zu bekommen, ganz klar. Aber es ist keine Fatalität.

Sie beschreiben den Sieg des Irrationalen: Das Ende des Diskurses. Der Hass verzichtet auf einen Diskurs....

André Glucksmann: Ich möchte nicht sagen, dass das irrational ist. Der Hass hat auf seine Art eine Rationalität. Ich möchte auch nicht sagen, das sei völlig ohne Diskurs. Medea in Senecas Stück hat einen Diskurs. Alle drei Stufen: der Selbsthass, der Hass auf Andere und die Lust am Weltenbrand, der Hass als Fest - das ist eine Art Diskurs. Sie finden diese drei Stufen auch in den "drei Verwandlungen" in Nietzsches "Zarathustra": Nietzsche sagt, der Nihilist sei dreierlei: Ein Kamel, das alles Böse der Welt auf seinem Rücken trägt - der Selbsthass-, zweitens ein Löwe, der das ganze Tierreich frisst - der Hass auf andere -, drittens ist er ein unschuldiges Kind, das spielt und ein Fest der Zerstörung feiert.

Sind die Unruhen etwas speziell Französisches, oder könnte das auch in anderen Ländern des Westens passieren?

André Glucksmann: In Europa kann es schon auch woanders passieren. Oder schauen Sie nach New Orleans. Aber was jetzt in Frankreich geschieht, ist schon etwas spezifisch Französisches. Frankreich ist das Zentrum des Nihilismus. Schauen Sie nur auf unseren Präsidenten, er ist genauso destruktiv. Chirac sagt immer nur Nein. Er sagt Nein zu Europa, indem er sich gegenüber den Osteuropäern schlecht benimmt. Er sagt Nein zu den Amerikanern, indem er behauptet, Putin sei ein besserer Mensch als Bush - dabei ähnelt Putin eher Bin Laden, wenn man sich seine Tschetschenien-Politik vor Augen führt. Schließlich feiert Chirac den Egoismus, indem er für den Wohlstand von zwei Prozent französischer Bauern ganz Afrika dem Hungertod überlässt. So ist er eigentlich: Kein Mann des Hasses, um Autos anzuzünden, ist er zu zivilisiert, aber ein Nihilist. In diesem Sinne glaube ich, dass die Jungen in den Banlieus ganz integriert sind. Allerdings muss man sich fragen: In welches Frankreich? Sie sind integriert in den Hauptsitz des europäischen Nihilismus. In Frankreich sagt man Nein. Dann fühlt man sich stark. Und was machen die Jungen in der Banlieu? Sie sagen nicht nur Nein, sie leben es.

Was ist nun die Lektion aus den Ereignissen in den Banlieus? Die Revoltierenden lernen ja: Das Konzept des Nein ist ein erfolgreiches Konzept. Jetzt reden alle über die Menschen in den Banlieus. Jetzt bekommen sie Aufmerksamkeit, Anerkennung...

André Glucksmann: Ja genau - leider ist das so. Als Chirac Nein gesagt hat, war er der König von Europa. Frankreich ist systematisch nihilistisch. Die Buben machen das nach, was ihnen Chirac vormacht.

Was ist es, das diesen Hass hervorbringt?

André Glucksmann: Es gibt ihn in allen Gesellschaften, nicht nur in unserer. Der Hass hat seine Wurzeln nicht in der Gesellschaft, sondern in der menschlichen Natur. Es gibt kein "Warum?" Die Erklärung für den Hass ist der Hass. Als Primo Levi in Auschwitz einen Nazi fassungslos fragte, warum das alles passiere, antwortete der: "Hier gibt es kein Warum." Kant spricht davon, dass es das Böse von Anfang an gibt. Man muss deshalb kein Skeptiker und kein Pessimist sein. Denn wenn der Hass von Beginn an existiert, gibt es doch auch sein Gegenteil. Jede Zivilisation sagt in der einen oder anderen Art und Weise: "Du sollst nicht töten!" Man soll seinen Hass zügeln.

Wenn der Hass zur Natur des Menschen gehört - müsste ihn dann nicht seine Kultur eindämmen und zivilisieren? Warum kommt er jetzt? Versagt die Zivilisation?

André Glucksmann: Nein, es ist nichts fasch an der Zivilisation. Natürlich gibt es viel, das besser sein könnte. Aber was uns eigentlich fehlt, ist die Fähigkeit, den Hass zu erkennen. Unsere Wahrnehmung versagt. Wir nehmen das Böse nicht ins Visier. Schon Voltaire greift im "Candide" solchen falschen Optimismus an. Aber auch heute gibt es viele, die glauben, die Welt würde immer besser und besser. Der US-Regierungsberater Francis Fukuyma sprach nach dem Fall der Mauer 1989 sogar vom "Ende der Geschichte" als dem Ende aller Gefahren. Nach dem Fall der Mauer haben das sehr viele geglaubt. Aber das war völlig falsch. Fünf Jahre später erlebten wir den dritten Genozid des Jahrhunderts: Nach dem an den Armeniern und dem an den Juden waren nun die Tutsi dran. 10.000 Menschen pro Tag wurden hingeschlachtet. Jeder wusste das! Es gab genug Fernsehkameras, die UNO, die Großmächte und die Journalisten wussten bescheid - aber niemand hat etwas getan, um den Völkermord zu stoppen. Und so war zu erkennen, dass das "Ende der Geschichte" nur eine große Lüge war. Seitdem haben die Amerikaner ihre Politik ein wenig korrigiert - wegen der Ereignisse des 11.September. Aber die Europäer machen so weiter, wie zuvor, trotz der Anschläge von Madrid. Und auch jetzt in Frankreich beeilt man ich zu erklären: Nein, das ist nichts Schlimmes, nur ein Reflex auf Probleme der Einwanderung, auf fehlende Integration. Nein! Es gibt Hass, es gibt das Böse.

Aber warum kommt er jetzt so deutlich zum Vorschein?

André Glucksmann: Weil die großen Ideologien den Hass nicht mehr ummänteln. Den Hass gab es auch zuvor bei den Faschisten, bei den Kommunisten, auch bei den Islamisten. Wir in Westeuropa staunen nur, weil wir das vergessen haben. Der "Kalte Krieg" ist eine Erfindung Westeuropas. Für niemand anderen war dieser Krieg kalt. Es gab niemals in der Menschheitsgeschichte so viele Revolutionen Konterrevolutionen, Bürgerkriege, Staatsstreiche und Konzentrationslager - in China, Russland und so weiter. Es gab auch noch nie so viel Kriege gegen die Zivilbevölkerung. Die UNICEF hat eine Untersuchung veröffentlicht, nach der der prozentuale Anteil er Zivilbevölkerung an den Kriegsopfern ständig zunimmt. Inzwischen sind 80 Prozent der Toten Zivilisten. In diesem sehr heißen Krieg der letzten Jahrzehnte sind fast alle Maßstäbe der Zivilisation zerbrochen. In der Dritten Welt sind Demokratie und Rechtsstaat nicht wirklich an die Macht gekommen. Vielmehr ist ein Zwischenzustand erreicht worden: Die alten Erziehungsgrundsätze und Traditionen gelten nicht mehr, die modernen gelten noch nicht. Schauen sie nur nach Tschetschenien oder Afrika oder Bagdad - da erlebt man das jeden Tag: Was bleibt, ist das Recht der Kalaschnikow. Und zwar in der ganzen Welt. So darf man nicht überrascht sein, dass der Hass so unverstellt und grenzenlos auftritt.

Wie können wir damit umgehen? Was müsste man anders machen?

André Glucksmann: Erstens müssen wir erkennen und annehmen, dass die, die hassen, dass die Jungen in den Vorstädten ein brutaler Spiegel unserer eigenen Gesellschaft sind, keine traurige oder furchtbare Ausnahme. Viele Menschen benehmen sich ähnlich. Zweitens muss man schlicht und einfach sein Benehmen ändern. Und wir sollten nicht wegschauen. Aber auch der Arzt weiß nicht, was die perfekte Gesundheit ist. Und wenn er das wüsste, wäre er kein Arzt mehr, sondern ein Prophet. Aber er versteht doch etwas von der Krankheit. Die Gesundheit ist auch kein Paradies. Sie ist eher der Nullpunkt der Krankheit. Das gilt auch im Politischen. Es gibt in der Politik kein Paradies. Aber es gibt die Hölle.

Gibt es so etwas wie Trost?

André Glucksmann: Ich lese am liebsten die Romane von Thomas Mann, Hermann Broch und Robert Musil. Alle drei lassen mich etwas verstehen, was ich nicht erlebt habe. Sie schildern etwas Grundsätzliches, das mich mehr interessiert, als individuelle Geschichten. Aber als Philosoph muss und will ich mich engagieren. Ich will, wenn ich sterbe, keine Schuld auf meinem Buckel tragen. Ich will von Tatsachen erzählen, gegen das Böse ankämpfen. Das ist das Entscheidende: Warum schreibt man? Das ist meine Frage.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21325/1.html
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