Es gibt keine Armen in Frankreich

Thomas Pany 18.11.2005

...und wenn doch, dann werden sie von den anderen gewaschen

Das Amt ist ein Talentschuppen. Es zieht einen Männertypus an, der mit seiner Gabe zur üppigen Selbstüberschätzung und mit seinem Anspruch auf absolute Herrschaft in regelmäßigen Abständen für große komische Momente in unserem Leben sorgt. Ohne französische Bürgermeister, die in ihrem Herzen (und in ihrer Vorstadt) große Sonnenkönige sind, wäre die Welt ärmer.

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Patrick Balkany war bis vor ein paar Tagen vor allem den Bürgern von Levallois-Perret, einem Vorort von Paris, bekannt, außerdem der französischen Staatsanwaltschaft, die vor einigen Jahren kein Verständnis für Balkanys verschwenderischen Umgang mit (fremden) Geld zeigte. Darüber hinaus wird der Bonvivant gerne von griesgrämigen, neidvollen Presseleuten aufs Korn genommen, welche die Dominanz, die Balkany, seine Frau und Freunde, in Levallois-Perret ausüben, als Muster einer "Clan-Herrschaft" beschreiben, die üppigen Diners im Rathaus als Verschwendung von Steuergeldern und das Balkany-System der Vergabe von Sozialwohnungen als dreiste Vetternwirtschaft.

Doch Balkany ist nicht der erste französische Bürgermeister mit schillernder "Cheffe"-Herrlichkeit, der ein schwieriges Verhältnis zur Presse hat (vgl. Peripherie-Watch). Sicher würde der Mann aber, darauf angesprochen, in Ansehung seiner Stadtoberhauptspflichten mit gewichtiger Amtsmiene betonen, dass dem nicht so sei, ganz im Gegenteil, von seiner Seite aus sei es das allerbeste Verhältnis. Balkany muss die Presse irgendwie schätzen – nicht die Presse, die ihre Nase in kleine lokalen Dinge steckt, die große Presse natürlich, mit den großen Fragen, die große Antworten sucht - sonst hätte er die Einladung eines amerikanischen Reporters zu einem Interview für den Sender "CapitolOne" nicht derart bereitwillig angenommen.

Im Studio des Senders wurden ihm zur Einstimmung auf das Live-Interview Filme vorgeführt, die davon erzählten, wie "die Schwarzen in den USA unter Druck der Black Panthers ihre reservierten Domänen, Sport und Musik, verlassen haben und in die Politik gehen und Mitglieder des amerikanischen Kongress werden". Dies hat Eindruck auf Balkany gemacht, der sich nun weniger als Bürgermeister eines Pariser Vorortes fühlte denn als Repräsentant der Grande Nation. Etwas von dieser Grandeur wollte Balkany dann auch den armen Amerikanern zugute kommen lassen, ein wenig herablassend vielleicht, aber in jedem Fall groß und schön war es, was der Bürgermeister ins Mikro sprach, adressiert an die andere Seite des Atlantiks. So antwortete er auf die Frage des Interviewers, wie man es denn in Frankreich geschafft habe, die Armen aus den Städten heraus und in die Banlieues zu verfrachten:

Das, was Sie die Armen nennen, sind, ich muss es Ihnen leider sagen, bei uns Leute, die etwas weniger verdienen. Sie verdienen vielleicht weniger, aber sie wohnen trotzdem in den gleichen Gebäuden wie die anderen, nur, dass sie weniger bezahlen. Und sie leben sehr gut. Wir haben keine Armut in Frankreich. Es gibt das, was sie die Armen nennen, bei uns nicht. Freilich gibt es ein paar Leute ohne festen Wohnsitz, die es selbst gewählt haben, am Rand der Gesellschaft zu leben. Aber selbst um die, glauben Sie mir, kümmert man sich. Es gibt Wärmestuben für sie, weil es auch in Frankreich im Winter kalt ist, und natürlich ist es keine Frage, dass man die Leute in der Kälte draußen stehen lässt. Wir geben ihnen Asyl und alles, was sie brauchen. Aber solche Leute sind relativ selten...

Außerdem versicherte er den vermeintlich naiven Amerikanern, wenn es in Frankreich doch mal Arme gebe, dann würden sie regelmäßig gesäubert "Bei uns wäscht man die Armen". Das Malheur von Monsieur Balkany bestand nun darin, dass er von der subversiven Künstlergruppe "Yes Men" (vgl.Die Wahrheit ist eine Bedrohung) in die Irre geführt worden ist. Das Studio war falsch, die Filme, die ihm vorgeführt wurden, und der Interviewpartner. Ebenso wie der Irrglaube des Bürgermeisters, dass seine Aussagen über Frankreich nur auf der anderen Seite des Atlantiks gehört werden würden. Spätestens seit gestern kennt sie ganz Frankreich und kann das Kunst-Video jederzeit sehen.

Die (ironisch gemeinte) Frage, die wir Balkany stellten, war, wie es Frankreich bei zehn Prozent Immigrantenanteil dennoch gelingt, die Maghrebiner so klein zu halten. Die Antworten von Balkany scheinen uns völlig realitätsfremd zu sein. So etwas hat man selbst in den Vereinigten Staaten seit Reagan nicht mehr gehört.

Andy Bichlbaum von den Yes Men
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21381/1.html
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