Plattgefahren: Nullen und Einsen auf der Straße
Digitalradio im Auto: Vielversprechend, doch schwer zu bekommen
Einst war das Auto der Einführungsort von DAB. Heute ist es dagegen leichter, zuhause ein DAB-Radio aufzustellen, als eins im Auto zu bekommen.
Das digitale Radio DAB ist nun bereits seit 10 Jahren ein Thema. 1995 startete Ende April in Bayern der Pilotbetrieb mit neuen Stationen wie BR mobil und Rockantenne. Man war entschlossen, das digitale Radio über das Auto populär zu machen, wo es seine empfangstechnischen Vorteile besonders gut ausspielen konnte. Empfänger für zuhause – ob als Stereoanlage oder als Küchenradio – oder tragbare Empfänger für unterwegs gab es dagegen lange Zeit nicht. Und damit blieb auch das Interesse an DAB gering, da man im Auto durchaus neue Dinge ausprobieren will, die man von zuhause schon kennt, aber nicht unbedingt eine völlig neue Sorte Radio, die man zuhause dann nicht mehr hören kann.
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| DAB-Radio im Audi Bordinformationssystem (Bild: W.D.Roth) |
Inzwischen gibt es auch DAB-Empfänger für zuhause, und auch über DVB-S (Astra-Digital Satellit: Von oben kommt was Gutes auf die Ohren) können die meisten DAB-Stationen inzwischen empfangen werden. Wer allerdings tatsächlich mit einem DAB-Empfänger in Gebäuden ohne Außenantenne Radio hören will, wird enttäuscht: Es blubbert nur aus dem Lautsprecher oder er bleibt ganz stumm. Der Grund: Die Feldstärke der DAB-Sender ist für den Empfang in Gebäuden viel zu gering, weil das Militär die an die Sendekanäle im Band III angrenzenden Frequenzen belegt hat, dort Störungen befürchtet und deshalb für DAB keine mit UKW vergleichbare Versorgung zulässt.
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Im L-Band, wo derartige Einschränkungen nicht herrschen, ist wiederum die funktechnische Situation sehr problematisch: Auch mit mehrfacher Leistung gegenüber Band III erreicht man keine gute Versorgung und jede Hausmauer schirmt bereits deutlich ab. Zum Radio hören gilt das L-Band als kompletter Fehlschlag; es war nur aufgrund der Frequenzknappheit für lokale Programme vorgesehen worden, würde aber selbst dafür wie Mobilfunknetze ein engmaschiges und damit teures Sendernetz erfordern und verteuert mit einer zusätzlichen Empfangsbaugruppe für die andere Empfangsfrequenz unnötig die Digitalradios. Nun hofft man, in Kürze die Sendeleistung im Band III verzehnfachen zu dürfen, damit die Empfangsprobleme ein Ende haben und DAB in der praktischen Nutzung mit UKW gleichziehen kann.
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| Audi-Studie einer Online-Morgenzeitung im Auto (Bild: W.D.Roth) |
Technisch hat DAB im Auto jedoch einiges zu bieten, wenn es um die Datenübertragung gilt: da das System bereits digital ist, kann die Kapazität hier voll ausgenutzt werden, beispielsweise für Verkehrsleitsysteme (TPEG: der exaktere Weg um den Stau?), während bisherige Lösungen wie RDS-TMC technisch als ziemlichen Krücken zu betrachten sind und gerade ein Hundertstel der bei DAB möglichen Datenrate bieten. Informationsdienste, die über Digitalradio die neuesten Nachrichten aufs Auto-Cockpit liefern sollen, wurden auf den Münchner Medientagen bereits im Testbetrieb gezeigt. Damit der Fahrer dabei nicht vom Durchlesen vom Verkehr abgelenkt wird, sollen diese Geräte mit Sprachsynthese geliefert werden.
Auch Fünfkanal-Surroundsound in Dolby Digital ist inzwischen kein Problem (Lautsprecherstimmen im Kopf und Lautsprecher im Kopfhörer, Taschenfußball) und wurde auf den Münchner Medientagen mit einem Testprogramm der Rockantenne praktisch vorgeführt. Doch auch die Integration des Ipods mit einem Podcast-Menü ist bei BMWs Autoradiokonzept der Zukunft ein Thema. Das Podcasting bringt die bisher in Deutschland nicht so stark wie in den USA gefragten Hörbücher und Wortbeiträge verstärkt ins Auto – schon aus Copyrightgründen enthalten die wenigsten Podcasts Musik, doch auch das Hörerinteresse beginnt sich plötzlich zu verändern: man hat das Morgenshow-Gedudel satt (Stoppt den Dudel!).
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| Auf die DAB-Surround-Probefahrt im VW Polo wird man wohl noch eine Weile warten müssen – und das nicht nur, weil ein Audi A8 mehr beeindruckt (Bild: W.D.Roth) |
Will man jedoch nur DAB als gewöhnliches Radio im Auto, so ist die Situation heute weit schwieriger als vor 10 Jahren, wo man als Pilotprojekt-Teilnehmer für 600 DM ein Testgerät samt Einbau spendiert bekam. Inzwischen sind die Autoradios nämlich von den Herstellern ab Werk weit mehr auf die jeweilige Marke abgestimmt und ein Fremdradio ist nur noch schwierig zum Laufen zu bringen, weil die Autohersteller absichtlich in kleinen, doch durchschlagenden Details wie dem Anschluss der Betriebsspannung von der Norm abweichen. Zudem werden bereits 97% der Neuwagen mit Radio ausgeliefert.
Doch von den Herstellern gibt es praktisch keine DAB-Geräte. BMW wirbt zwar seit geraumer Zeit damit und hat letztes Jahr in Augsburg sogar einen eigenen BMW-DAB-Radiosender betrieben, der sich einige Stunden am Tag des Kanals von Radio Fantasy bediente. Zukünftig soll auch ein BMW-eigenes Navigationssystem über DAB laufen. Doch aus marketingtechnischen Gründen sind die mittlerweile durchaus fertig entwickelten DAB-Autoradios bei BMW bis auf weiteres nicht bestellbar, wie der darüber gar nicht glückliche Matthias Unbehaun, Entwickler der Digitalinformationssysteme bei BMW, Telepolis gestand.
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| Podcasts der Deutschen Welle im BMW der Zukunft (Bild: W.D.Roth) |
In einen BMW ein Autoradio einer Fremdmarke einzubauen, gilt dagegen als aussichtsloses Unterfangen: Nicht nur die Bordinformationen von Außentemperatur bis Uhrzeit laufen bei BMW über das Autoradio; bei Umbauten ist allgemein damit zu rechnen, dass die Elektronik des Fahrzeugs durcheinander gerät. Im Extremfall drohen plötzlich klemmende bzw. nicht mehr bedienbare Fenster und Türen. Maximal kann man ein Fremdradio zusätzlich einbauen und dann dem BMW-Radio als reine Tonquelle (CD-Spieler oder Ipod) unterschieben.
Bei Audi gibt es immerhin inzwischen DAB-Radios ab Werk für auf den ersten Blick akzeptable 420 Euro Aufpreis. Man muss allerdings ein deutlich teureres Bordinformationssystem als Grundlage eingebaut haben, damit das DAB-Radio überhaupt funktioniert – und mindestens einen A6 ordern. Neu, versteht sich. Damit kommt der Wunsch nach Digitalradio eher auf 40.000 denn 400 Euro. Allerdings soll es nächstes Jahr auch für VW-Golf & Co. eine Digitalradio-Lösung geben, die dann mit einem Navigationssystem kombiniert ist. Damit wird der Aufpreis zwar sicher mehr als 400 Euro betragen, erspart dafür allerdings die bisher meist notwendige Entscheidung zwischen Navigationssystem oder DAB. Überraschend ist dabei, dass der Markt für Neuwagen inzwischen vor allem von über 60jährigen bestimmt wird. Offensichtlich sind neue Autos inzwischen viel zu teuer für jüngere, noch im Arbeitsleben stehende Autofahrer.
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Handy als Ipod: Musik und Wortsendungen zuhause aufspielen und im Auto abhören als BMW-Studie (Bild: W.D.Roth) |
Dafür, dass DAB also immer noch eine Nische darstellt, ist das Interesse allerdings durchaus groß. Beispielsweise dient es teils schon seit Jahren zur Versorgung von elektronischen Infobildschirmen in öffentlichen Verkehrsmitteln, beispielsweise der U-Bahn in Amsterdam oder Berlin, der Straßenbahn in Bonn und den Regionalzügen der Deutschen Bundesbahn. Obwohl diese Infotafeln durchaus auch als Werbebelästigung empfunden werden, hat der Vandalismus in solchen Zügen um 80% nachgelassen, weil sich die Fahrgäste offensichtlich weniger langweilen.
Ein weiteres Nischenprodukt ist Truckradio, ein Sender für Berufskraftfahrer, der zusätzliche Verkehrsinfos über DAB liefern will und auch darauf angewiesen ist, dass der Sender am besten in ganz Europa, zumindest aber in Deutschland, durchgängig empfangbar ist, was UKW nicht bieten kann. Neben DAB und Mittelwelle analog und digital (DRM) werden hier auch andere Empfangssysteme inklusive DVB-S, also digitalem Satellitenempfang, in Betracht gezogen. Letzteres ist für Busse und Wohnmobile gedacht, für einen normalen LKW wäre eine sich während der Fahrt ständig neu ausrichtende Satellitenantenne doch etwas aufwendig.
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| Nicht so ganz glücklich über die schleppende konzerninterne Umsetzung ihrer Pläne: Digitalradiospezialisten Dr.-Ing. Matthias Unbehaun, Verkehrstechnik-Spezialist bei BMW und Dipl.-Betriebswirt Dominik Graß, Produktreferent Audio/Video bei Audi (Bild: W.D.Roth) |
Zwei Millionen Berufskraftfahrer mit vier Millionen LKWs plus dreieinhalb Millionen Transitfahrern, die Deutsch verstehen, hofft der Sender als Zielgruppe zu gewinnen. Diese hängen dann mit laut Truckradio 932 Minuten durchschnittlicher Hördauer (hoffentlich nicht täglich!) deutlich länger am Radio als der Normalbürger mit 205 Minuten. Die Folge: die Musikrotation muss ein deutlich größeres Repertoire umfassen als im heutigen Dudelfunk, sonst kommt nach kurzer Zeit Unmut auf. Deshalb rechnet sich der Sender sogar bei Hörern zuhause Erfolgschancen aus, wenn die auf das Musikformat von Truckradio (Country) abfahren...
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21399/1.html- re: Metro <> U-Bahn (22.11.2005 16:43)
- Kameras in U-Bahn (22.11.2005 15:01)
- rollin', rollin', rollin'.... (22.11.2005 11:21)
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