Die "Klugheit der Massen" für vertrauenswürdige Nachrichten nutzen
Der erfolgreiche Gründer der Craigslist für Kleinanzeigen ist unzufrieden mit der Berichterstattung der US-Mainstrem-Medien
Das Internet hat nicht wenige Erfolgsgeschichten möglich gemacht. Zweifellos gehört dazu auch die Craigslist, der Kleinanzeigen-Markt im Internet, den Craig Newmark noch in der wilden Pionierzeit des Web vor 10 Jahren in San Francisco begonnen hat. Jetzt gehört seine Website mit über 2 Milliarden Pageviews im Monat zu den amerikanischen Top-Seiten, die vor allem den Zeitungen erhebliche Geldeinbußen beschert hat. Mittlerweile deckt Craigslist alle größeren Städte in den USA ab. Auch in vielen Städten auf der ganzen Welt gibt es mittlerweile Ableger, in Deutschland in Berlin, Frankfurt und München. Doch hier scheint die Idee bislang nicht wirklich anzukommen. Jetzt will Newmark noch einmal mit den Medien in Konkurrenz treten, weil er mit deren Berichterstattung nicht zufrieden ist.
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| Die Craigslist sieht noch immer wie eine Seite aus den Anfängen des Web aus. |
Die Craiglist war ursprünglich gar nicht als kommerzielles Projekt von Newmark entwickelt worden, sondern ist aus einer Mailingliste heraus entstanden. Daraus entstand dann eine betont schlichte, nur aus Listen bestehende Website, auf der zunächst Menschen in San Francisco und dann in anderen Ballungsgebieten kostenlos über Kleinanzeigen ihre Dinge, Dienstleistungen oder Stellenangebote anderen anbieten und in Foren Informationen austauschen konnten. Erst nach Jahren begann Newmark für Stellenangebote in einigen Städten auch Geld zu verlangen. Das hat sich für ihn mittlerweile als profitabel erwiesen. Mit seiner kleinen Mannschaft kann er die Preise von anderen Anbietern unterbieten, immer noch viele Anzeigen kostenlos schalten lassen und auch Auktionsdiensten wie eBay gefährlich werden, die sich sicherheitshalber schon mal bei Craigslist eingekauft haben.
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Mit einem Umsatz von mehreren Millionen kann Newmark ganz zufrieden sein. Er hat bereits einige Interessenten abgelehnt, die ihm die Craigslist für viel Geld abkaufen wollten. Angeblich geht es ihm noch immer nicht wirklich ums Geld. Tatsächlich Newmark auch eine Stiftung gegründet und spendet Gelder für soziale und kulturelle Projekte oder unterstützt Schulen. Politisch neigt Newmark zu den Demokraten, ansonsten glaubt er, dass das Internet die Gesellschaft weiterhin verändern wird, weil die einzelnen Menschen einen größeren Einfluss erhalten und sich besser von unten organisieren können.
Dass er Zeitungen gefährdet, weil er deren Einkünfte über den Anzeigenmarkt gefährdet, will er nicht sehen. Der Kleinanzeigenmarkt sei groß genug für alle. Dass es den Zeitungen schlecht gehe, liege auch an ihrer Berichterstattung – und die sei seit der Bush-Regierung und ihrem Kampf gegen den Terror nicht besonders gut gewesen. Schon im Frühjahr erzählte er Redakteuren der Nachrichtenagentur AP, dass er fasziniert sei an einem Journalismus von unten, der von "talentierten Amateuren" gemacht werde. Professionelle Journalisten würden zu oft einfach die Äußerungen von Politikern und Geschäftsleuten wiedergeben, auch wenn sie offenkundig falsch sind, wie dies vor dem Irak-Krieg mit den angeblichen Hinweisen auf Massenvernichtungswaffen der Fall war. Darunter leide die Glaubwürdigkeit der Medien. Und die hat besonders in den USA in letzter Zeit noch stärker gelitten.
Er würde ein "Open Source"-Modell vorziehen, bei dem viele freiwillig als Autoren, Redakteure oder investigative, die Fakten prüfende Reporter den Journalismus der Mainstrem-Medien herausfordern. Noch vor den Wahlen 2006 will er das Projekt starten, das mit einem anderen Journalismus "glaubwürdige" Informationen bietet. Newmark sagte zu der Gelegenheit, er würde mit Dan Gilmore, Journalist, Autor von We the Media: Grassroots Journalism by the People, for the People und Gründer der Bayosphere für "Citizen Journalists" und der Firma Grassroots Media Inc., und Jeff Jarvis von buzzmachine.com über ein solches Projekt nachdenken.
Ein Vorbild für das, was Newmark vor Augen schwebt, könnten die Ohmy-News aus Südkorea sein ("News Guerrillas" auf dem Vormarsch). Mit dem Konzept der "citizen reporter", also der Idee, dass jeder ein Journalist sein kann, startete die Nachrichtenseite bereits vor einigen Jahren und gehört mittlerweile zu den wichtigen südkoreanischen Medien. Ohmy-News besteht freilich aus einem Kern von Festangestellten und Tausenden von freiwilligen Mitwirkenden, die meist nur symbolische Honorare von ein paar Euro erhalten. Ohmy-News wirft bereits Gewinne ab.
Was sich Newmark genau vorstellt, ist noch nicht bekannt. Aber nun hat er in seinem Blog, als er sich gerade in London aufhielt, noch einmal angekündigt, dass er mit einigen Leuten an "Techniken" arbeite, "die den Menschen helfen, die vertrauenswürdigsten der wichtigsten nachrichten zu finden". Das habe mit der Craigslist nichts zu tun, sondern sei eine persönliches Ziel. Mit den Techniken würde man "das Beste aus den vorhandenen journalistischen Praktiken" bewahren und gleichzeitig Jobs schaffen und erhalten. Newmark will sein Projekt nicht als Gefährdung der bestehenden Medien sehen, sondern als Ergänzung und als Möglichkeit, sie zu erhalten.
Angekündigt hatte er seinen noch immer geheimnisvollen Plan auch während der Veranstaltung "Silicon Valley Comes to Oxford 2005" in der Said Business School der Oxford University, bei der es um soziale Netzwerke ging. Schon in wenigen Wochen, erklärte er hier, werde er das Projekt starten, das die "Klugheit der Massen" nutze, die auch Craigslist zum Erfolg verholfen habe.
Es muss sich etwas verändern. Das große Problem in den USA ist, dass die Zeitungen Angst haben, der Macht die Wahrheit zu sagen. Die Pressevertreter am Weißen Haus sagen der politischen Macht nicht die Wahrheit, sie haben Angst, deswegen den Zugang zu verlieren, den sie im übrigen sowieso nicht haben.
Viele Journalisten seien frustriert. Niemand nehme seine Arbeit als Pressevertreter im Weißen Haus noch ernst. Schuld am desolaten Zustand seien die Medien selbst, die in ihrer Gier nach Profit die Suche nach der Wahrheit vernachlässigt hätten. Wenn es um Profit und hohe Gewinne gehe, werde gerade investigativer Journalismus zum Problem. Seiner Ansicht nach wird in Zukunft der Journalismus der Professionellen und der Amateure miteinander verschmelzen. Manche stellen sich vor, dass Newmark möglicherweise vorhaben könnte, Wikipedia zu übernehmen oder mit der Online-Enzyklopädie zusammenzuarbeiten, die auch schon mit den Wiki-News begonnen hat, Nachrichten zu publizieren.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21428/1.html- BILD ist nicht das Volk (6.12.2005 15:53)
- Falscher Name (26.11.2005 23:03)
- Die Massen nicht, (26.11.2005 23:01)
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