Computerviren von Außerirdischen

28.11.2005

Ein Physiker warnt davor, ungeschützt im Rahmen des Seti-Projekts potenzielle Botschaften aus dem Weltall über Teleskope wie bei Seti@home auf Computer herunterzuladen und zu verbreiten

Seit über Jahrzehnten suchen Wissenschaftler im Rahmen des SETI-Programms (Search for Extraterrestrial Intelligence) nach möglichen Botschaften von intelligenten Außerirdischen. 1999 wurden mit Seti@home die Internetnutzer an der Suche beteiligt. Es wurde das größte und am längsten dauernde Projekt des verteilten Rechnens, bei dem Daten, die mit dem Arecibo-Teleskop gewonnen werden, auf die beteiligten Computer verteilt und mit einem Programm nach auffälligen Signalen durchsucht werden. Gefunden wurde bislang nichts.

Seit 2004 wurde Seti@home "Classic" auf die neue Plattform BOINC (Berkeley Open Infrastructure for Network Computing) übertragen, mit der auch andere Projekte des Verteilten Rechnens organisiert werden. Ab dem 15.12. wird das alte Programm von BOINC nicht mehr unterstützt. Ob nach dem Ende des alleinstehenden Projekts die Mitwirkenden weiter dabei bleiben, muss noch abgewartet werden. Andere Projekte konnten bei weitem nicht die Zahl an Internetnutzern anziehen, die mit dabei sein wollten, um vielleicht doch einmal ein Wow-Signal zu empfangen. 1979 hatte ein Wissenschaftler ein ungewöhnlich starkes Signal entdeckt. Aber es konnte von niemandem bestätigt werden. Seitdem herrscht wieder Schweigen im Weltraum, auch wenn es gelegentlich mal Aufregung gegeben hat (Irritation um dubioses SETI-Signal). Das hat Wissenschaftler auch zu Überlegungen gebracht, dass die Aliens geschickt ihre Existenz vor den Menschen verbergen könnten (Keine Lust auf Lauscher).

Die Arecibo-Schüssel: eine Virenfalle? Bild: Nasa

Die SETI-Forscher haben sich natürlich schon Gedanken darüber gemacht, wie man denn bei Empfang einer Botschaft von Aliens reagieren soll (Mit Außerirdischen tritt man nicht so einfach in einen Dialog, SETI und die Folgen). Falls denn tatsächlich da draußen intelligente Außerirdische sein sollten, dann stellen sich die Erdenbürger diese gerne als mindesten ebenso bösartig wie sie selbst vor (Der Alien-Faktor im SF). Richard Carrigan, ein Teilchenphysiker vom Fermi National Accelerator Laboratory kann sich hier noch eine weitere Finesse vorstellen, schließlich könnten außerirdische Hacker nicht nur ein Signal senden, um zu bekunden, dass sie da sind, sondern eben damit versuchen, in die Computer einzudringen. Seti@home mit den vielen angeschlossenen Computern wäre da eine geeignete Möglichkeit, um einen Virus einzuschmuggeln und zu verbreiten.

Carrigan ist jedenfalls besorgt. Wenn Aliens schon eine Botschaft schicken und eine Kommunikation über den Weltraum hinweg wegen der Zeitversetzung recht unwahrscheinlich ist, dann könnten sie doch eine gefährliche Flaschenpost zusenden. Ein schön verpacktes Danaergeschenk, das Neugier auslöst und zum Lesen auffordert, sich dann aber entpackt und die Übel auf die Erde loslässt. Und rechnet man schon einmal mit der Möglichkeit, dann ist selbst schon die SETI-Suche nach außergewöhnlichen Signalen ein gefährliches Unternehmen, das eigentlich die irdische Heimatschutzbehörde nicht gestatten sollte, weil dadurch unbemerkt Schläfer in Form von Programmen auf die irdischen Rechner heruntergeladen werden könnten.

Carrigan ist Paranoiker, vielleicht vom 11.9. geprägt und Physiker. Auch wenn die Menschen nun seit über 40 Jahren nach Botschaften von Außerirdischen gesucht und nichts gefunden haben, ist das noch keine beachtenswerte Zeitspanne. Überdies werden Teleskope und Computer besser, wodurch die Wahrscheinlichkeit wächst, doch einmal auf ein Signal zu stoßen. Carrigan verweist darauf, dass man sich auch auf eine biologische Kontamination aus dem Weltall eingerichtet habe und daher die Forderung bestehe, bei zurückkehrenden Sonden oder Proben aus dem Weltall besondere Vorsicht walten zu lassen. Und das würde Carrigan gerne auch für den Empfang von Signalen sehen, die von Aliens kommen, und wirbt für die Legitimität der Hypothese vom "Seti-Hacker" auf seiner Website und in einem Beitrag (Do potential Seti signals need to be decontaminated?) für die Zeitschrift Acta Astronautica. Wie kann man beurteilen, ob eine Botschaft altruistisch oder bösartig ist, vor allem dann, wenn das Lesen bzw. Herunterladen bereits ein Schadprogramm aktivieren könnte?

Sieht so ein Seti-Hacker aus?

Allerdings stießen die theoretischen Warnungen bislang auf kein großes Echo. Als Carrigan seine Überlegungen der Zeitschrift Nature anbot, erhielt er die Antwort:

"While the subject does cross interdisciplinary lines this is not the main criterion we use for selection. Rather, papers should report deep new physical insights, … We have been unable to identify such aspects in the paper. The general premise of the manuscript even lacks some conceptual novelty, as it has already been explored in the book 3001, the Final Odyssey by Arthur C. Clarke.

Carrigan ist damit natürlich nicht einverstanden. Und er reitet auch eine Attacke gegen die Wissenschaftskultur. Während in der Science Fiction nämlich Aliens meist als böse Gesellen dargestellt werden, gehen die naiven Wissenschaftler in aller Regel davon aus, dass sie gut sind und nur in Kontakt treten wollen. Aber wer will das schon wissen? Vermutlich kämen Botschaften mit elektromagnetischen Signalen in komprimierter Form. Sie müssen also nicht nur empfangen und decodiert, sondern auch entzippt werden. Dazu müsse das Entpackungsprogramm mitgeliefert werden, was schon eine Möglichkeit darstelle, die verführerische Botschaft zusammen mit einer Infektion zu entpacken. Die andere Möglichkeit wäre ein Virus. Und die Gefahr sei wie bei "earth-based hacker attacks", dass der Schaden schon angerichtet ist, bevor der Empfänger dies merkt.

Allerdings können die Viren bei irdischen Rechnern deswegen eindringen, weil die Autoren die Programme und ihre Sicherheitslöcher kennen. Aliens allerdings wüssten wohl nicht im vorneherein, mit welchen Betriebssystemen irdische Computer ausgestattet sind. Naja, meint Carrigan, das ist zu irdisch und vom technischen Status quo her gedacht. Es sei zumindest theoretisch nicht auszuschließen, dass es Programme geben könnte, die ein Betriebssystem ausspähen und dann Lücken finden könnten, um in es einzudringen. Auch wenn er dafür kein Beispiel gibt, so schlägt er doch vor, wie man eine potenzielle Gefahr minimieren könnte. So sollte man nicht die potenziellen Signale ohne Firewall herunterladen und an Hunderttausende von Computern über das Internet verteilen, sondern sie erst einmal auf einem isolierten Computer zum Überprüfen parken. Es könnte auch schon gut sein, die Signale in Pakete wie bei Seti@home aufzuteilen. Dann könnten sich komplizierte Programme nicht so leicht entpacken.

Letztlich laufen Carrigans Überlegungen darauf hinaus, dass sich Wissenschaftler in einem Gremium der Gefahr von Computerviren aus dem Weltall annehmen und Vorsichtsmaßnahmen wie bei biologischen Organismen aus dem Weltall entwickeln müssten. Die Beschwörung einer möglichen Gefahr wäre so gleichzeitig Erschließung eines neuen Tätigkeitsfeldes mitsamt der Einrichtung einer Institution. Panikwissenschaft?

The possibility of a malevolent SETI Hacker signal must be assessed and protective measures should be put in place prior to the receipt of any real signals.

Richard Carrigan

Möglich ist vieles, Angst kann man vor allem Möglichem und äußerst Unwahrscheinlichem haben. Das Leben ist riskant, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und kann es nicht geben. Aber sollte man für jedes Restrisiko schon vorsorgen? Carrigan empfiehlt Odysseus als Vorbild, der seinen Mitreisenden Wachs in die Ohren stopfen und sich an den Mast fesseln ließ, um den Gesang der Sirenen hören zu können und gleichzeitig sicher zu sein, nicht in die Falle zu gehen. Genauso gehe das Bürgertum, so Adorno und Horkheimer, mit der Kunst um. Die von ihr ausgehende Faszination werde gebändigt durch die Passivität der Rezeption. Aber die Interaktivität der Computer, wie sie beispielsweise im Internet und bei Computerspielen möglich ist und erfordert wird, eröffnet neue Möglichkeiten – aber auch Gefahren, weil die auf Stühle gefesselten Zuschauer und Zuhörer aufstehen und sich auf die Bühne begeben. Kein Grund zur Panik, möchte man sagen, aber Leben ist riskant, weswegen es auch derf Zukunft offen steht.

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