Selbst ist die Justiz

29.11.2005

Lynchmobs, Todesstrafe, Folter beim US-Militär: Der geschichtliche Zusammenhang

Das US-Militär foltert. Ob die Wahrheitsfindung dadurch gefördert wird? Noch mehr als die Folter selbst wundert aber die Selbstinszenierung der Folterer: lächelnd wie auf einem Familienfoto - die menschenverachtende Tortur als Riesengaudi im militärischen Urlaub.

US-Historiker Michael Pfeifer definierte "rough justice" gegenüber dem Autor per Email als Teil der amerikanischen Kultur und als "harsh and ritualistic punishment that satisfies collective prerogatives regardless of legal niceties [...] from the death penalty to the degrading and ritualistic punishment administered by some American military personnel at Abu Ghraib and elsewhere"

Die Nazis haben akribisch über ihre Untaten Buch geführt, die jeder vernünftige Mensch versucht hätte zu verschleiern. Andererseits hätte kein vernünftiger Mensch diese Untaten begangen. Nun stellen US-Soldaten ihre Verbrechen ins Netz (Der viehische Krieg, während die Bush-Regierung (vor allem Dick Cheney) sich offen für die Folter ausspricht (US-Regierung will für die CIA eine Ausnahme vom drohenden Folterverbot). Doch die Amerikaner führen nicht wie die Nazis Buch über die eigenen Untaten - US-General Tommy Franks meinte bekanntlich in einem anderen Zusammenhang: "we don't do body counts". Im Gegensatz zur Buchhaltung der Nazis sind die Aufzeichnungen der Verbrechen der US-Soldaten privater Natur - freiwillig, dezentral, spaßig. Sie sollen nicht wirklich detailliert protokollieren, was alles wo gemacht wurde, sondern sie sind selbst Teil der Lust, die die folternden Soldaten bei ihren Untaten empfinden.

Während also die Nazis kaltblütig vorgegangen sind, scheinen die US-Soldaten Freude an der Folter zu finden. Was sagt uns dieser "kulturelle" Unterschied?

Lynchmobs im Wilden Westen und im Süden

Schaut man rund 150 Jahre zurück, sieht man eine gewisse Kontinuität in der gewaltsamen Selbstjustiz der Amerikaner - samt der zur Schau gestellten Freude an der Demütigung des "Verurteilten". Während die meisten Menschen beim Wort "Lynchjustiz" an Schwarze im Süden denken, die an einem Baum baumeln, war das Lynchen in Wirklichkeit schon eine weit verbreitete Praxis im Wilden Westen, bevor es in den nach dem Bürgerkrieg (1861-1865) wieder aufgebauten Südstaaten gewissermaßen zum Volkssport wurde.

Schon früher war das Lynchen ein häufiges Instrument der aufgebrachten Massen im noch strukturell schwachen Kalifornien und Texas. Oft waren die Opfer Pferdediebe; die meisten waren nicht schwarz. Die wütenden Menschenmengen warteten oft nicht, bis die Ordnungshüter kamen, aber genauso kam es vor, dass die Menschen das Opfer aus der Gewalt der Justiz entrissen, indem sie zum Beispiel das Gefängnis belagerten, bis der auf sich gestellte Sheriff das Opfer an die Menschenmenge übergab.

Die Lynchmobs sind nicht nur teilweise planmäßig gegen das Gesetz vorgegangen, sondern sie hatten eine makabre Faszination mit der Demütigung des Opfers auch nach dessen Tod. Manche Bäume, an denen ein Opfer noch hing, wurden von Schaulustigen kahl geschoren - jeder wollte ein Stück Borke oder ein Blatt von dem Baum haben, an dem das Opfer verendet war. Berühmt-berüchtigt (und hier nur stellvertretend für viele ähnliche Fälle) ist auch der Fall von Dr. John Eugene Osborne, der 1881 den Leichnam eines gelynchten Mannes in eine Salzlösung einweichen ließ, um die Haut abzuziehen, damit er daraus Schuhe und eine Mütze machen konnte. Als der Demokrat Osborne 1892 zum Gouverneur des neuen US-Bundesstaates Wyoming gewählt wurde, soll er diese Schuhe angehabt haben.

Nach dem verlorenen Bürgerkrieg griffen dann weiße Südstaatler dieses Instrument auf, um die aufmüpfigen befreiten Schwarzen wieder in die Schranken zu weisen - mit Erfolg. Schätzungsweise 80% der Opfer im Süden waren schwarz, und die Anklage lautete nunmehr nicht Diebstahl, sondern Mord oder Vergewaltigung - wobei es oft zum Lynch ausreichte, dass ein Weißer befand, ein Schwarzer habe eine weiße Frau entehrend ausgeschaut. Nun hatte das Lynchen eine sowohl rassistische als auch sexuelle Komponente angenommen.

Noch im August 1955 konnte ein Jugendlicher wie Emmett Till auf grausamste Weise in Mississippi gelyncht werden, weil er eine weiße Frau "entehrt" hatte. Gerade aus Chicago auf Familienbesuch eingereist soll der wohl freche 14-jährige Till die 21-jährige weiße Ehefrau eines (weißen) Ladeninhabers angemacht und um ein Date gebeten haben, dann wollte er sie umarmen, bevor er sich mit dem Gruß "bye baby" verabschiedete - oder er hat nach der weißen Frau gepfiffen, so genau weiß die Legende es nicht mehr. Wenige Tage später wurde jedenfalls die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche (Fotos und Geschichte hier) des Jugendlichen im Fluss gefunden.

Viele Amerikaner schauten mit Entsetzen nach Mississippi und hofften, der Bundesstaat würde zumindest im Gericht die Gerechtigkeit obsiegen lassen. Aber als die Familie Tills zwei weiße Männer wegen Mordes anklagte - ein unerhöhter Fall damals in Mississippi -, sprach die weiße Jury die Männer mit der Begründung frei, der Ankläger habe die Identität des Opfers nicht ausreichend nachgewiesen. Wahrscheinlich hat die Schlussargumentation des Verteidigers an die Jury auch nicht geschadet:

Your fathers will turn over in their graves if [Milam and Bryant are found guilty] and I'm sure that every last Anglo-Saxon one of you has the courage to free these men in the face of that [outside] pressure.

Angeblich gaben Milam und Bryant den Mord trotz Freispruchs wenige Monate später zu.

Der Fall Emmett Tills macht heute noch Schlagzeilen, obwohl die zwei Angeklagten sowie die Mutter Emmetts alle verstorben sind. So gab es vor wenigen Jahren einen Dokumentarfilm über Emmetts Tod, und am 23. November 2005 hat das FBI die im Frühling 2005 neu unternommene Untersuchung des Falls abgeschlossen. US-Justizminister Ashcroft hatte zunächst die Revision abgelehnt, aber einer seiner Assistenten nahm sich des Falles an. Der neue FBI-Bericht wird noch 2005 erwartet.

Polizeigewalt, Todesstrafe, "legale Lynchung"

Im Süden war das Lynchen aber nicht überall gleich verbreitet. Wo die schwarze Bevölkerung übermächtig war, hielten sich die Übergriffe in Grenzen, und in Städten wie New Orleans setzte man stattdessen eine brutale Polizeigewalt ein (an der die Stadt übrigens noch heute leidet), um die alte Ordnung zu sichern. Was das Lynchen betrifft, war New Orleans gewissermaßen eine Insel, in der die Menschen nicht so schnell die Vollstreckung der (empfundenen) Justiz in die Hand nahmen, eben weil die Polizei so hart durchgriff, aber die Stadt war umgeben von einer Welt voller Lynchmobs, die beispielsweise Mischehen unter Todesstrafe stellte. Bereits das benachbarte Jefferson Parish war quasi eine Hochburg der Lynchmobs - oder wie ein Zeitzeuge in Michael Pfeifers "Rough Justice" zitiert wird:

Jefferson Parish of which Gretna is the county seat seems to have a great antipathy to the nigger in general and are daily shooting and lynching them: without apparent cause.

Noch Ende des 19. Jahrhunderts konnte das gemischte Ehepaar Charlotte und Patrick Morris in ihrem Hausboot in einem Kanal ums Leben kommen, weil sie sich in Jefferson Parish befanden. Wären sie wenige Meilen weiter in Orleans Parish angedockt gewesen, hätten sie ihre Mischehe wie viele andere relativ unbehelligt leben können.

Befürworter (oder zumindest Apologeten) des Lynchens argumentierten, eine Lynchung sei effizienter. Da müsse eben kein Gericht, kein Sheriff tätig werden, alles gehe schneller - und billiger, denn schließlich würde eine Lynchung kein Steuergeld kosten. Außerdem beziehe die US-Justiz ihre Vollmacht aus der Stimme des Volkes. Warum also der Umweg in solch klaren Fällen? Die Ungeduld mit der Justiz und die Neigung, alles selbst schneller und effizienter erledigen zu wollen ("taking the law into your own hands"), erstreckte sich auf die ganze USA. Lediglich in Neuengland wurde das Lynchen relativ früh durch die Todesstrafe ersetzt.

Damit die Justiz als echte Alternative gegen Lynchmobs bestehen konnte, musste die sie eben schnell (= effizient) vorgehen und nicht vor der höchsten Strafe zurückschrecken. So wurde der elektrische Stuhl Ende des 19. Jahrhunderts und die Gaskammer in den 1930ern gepriesen als eine humanere Art, "Verurteilte" umzubringen - humaner jedenfalls im Vergleich zum Lynchmob. Dass schnellere Verurteilungen von Schwarzen, die sich angeblich an Weißen "vergangen" hätten, eine Benachteiligung der Schwarzen vor dem Gesetz zur Folge hatte, nahm man in Kauf - alles war besser als die peinlichen Lynchmobs für die feine Gesellschaft, für die Elite, der es eh nie um die Gleichbehandlung der Schwarzen ging.

Noch heute ist die Justiz in den USA alles andere als farbenblind. Die Todesstrafe ist als alternatives Instrument zum Lynchen heute noch spürbar - so jedenfalls das Fazit Pfeifers, der am Ende seines fulminanten Werks "Rough Justice" resümiert: "capital punishment in the United States carries the profound legacy of lynching". Während nur jeder achte Amerikaner schwarz ist, sind drei Viertel aller wegen Drogenkonsums oder -handels überführten Gefängnisinsassen in den USA schwarz. Dabei begehen Weiße laut offiziellen Statistiken pro Kopf nicht weniger Drogendelikte als Schwarze.

Die Todesstrafe wurde zuerst gegen 1900 in Neuengland in Verbindung mit schnellen Verurteilungen verwendet, um das Lynchen einzudämmen, das noch ein paar Jahrzehnte länger im Westen und vor allem im Süden wütete. In Neuengland waren eben - wie übrigens in Europa - die gesetzlichen Strukturen stärker. Entließ man aber die verpflanzten Europäer in die Wildnis westlich des Mississippis und in den einst versklavten Süden, verfielen sie in die barbarische Anarchie.

Einige Texaner stellten sich 1920 gerne ins Bild, damit sie neben der Leiche im Baum abgebildet werden könnten, aber im Gegensatz zu manchen US-Soldaten im Irak lächelten sie nicht bei der Folter. Postkarte mit dem in Texas gelynchten 16-jährigen Lige Daniels

Die Todsstrafe konnte also deshalb in Europe leichter beseitigt werden, weil es hier keine Selbstjustiz-Tradition zu bekämpfen gab. Zu stark waren die Machtstrukturen der Obrigkeiten seit dem Mittelalter. Zugegeben: Die Nazis haben ihre Mitglieder anfangs aus den Reihen der zukunftslosen jungen Männer rekrutiert, aber sie entwickelten daraus keine anarchistische Kultur der gewaltsamen, spontanen Selbstjustiz, sondern einen durchorganisierten Staat des Todes mit bedingungslosem Gehorsam gegenüber einem Führer. Nazideutschland war keine dezentrale Anarchie wie der Wilde Westen und zum Teil die Südsstaaten.

Auch die Franzosen haben die Guillotine zunächst als "humanere Art" der Hinrichtung verstanden, bis sie ihre Zuneigung für Massenproteste entdeckten und die Guillotine für Massenhinrichtungen "missbrauchten". 1981 schafften die Sozialisten unter Mitterand die Todesstrafe ab, aber es war eine Elitenentscheidung von oben herab - die Mehrheit der Franzosen war damals für die Todesstrafe. Erst seit wenigen Jahren ist eine knappe Mehrheit der Franzosen gegen sie. Deutschland hat gleich 1949 im Grundgesetz die Todesstrafe abgeschafft - eine Elitenentscheidung gegen die damals noch "nazifizierten" Deutschen, wovon 77% die Todesstrafe befürworteten? Europa schämt sich jedenfalls seiner Eliten weniger als die USA. In den USA entscheiden einfache Bürger in der Jury über Schuld und Unschuld, während in Europa nur Richter das Gesetz auslegen dürfen.

Mehr noch: Die Eliten fürchten sich vor den Massen in den USA. Das Oberste Gericht der USA hat noch 1976 die erneute Legalisierung der Todesstrafe mit dem Kampf gegen Lynchmobs begründet:

When people begin to believe that organized society is unwilling or unable to impose upon criminal offenders the punishment they "deserve," then there are sown the seeds of anarchy - of self help, vigilante justice, and lynch law.

Freude durch Folter

Es handelt sich beim Lynchen um eine radikale Auslegung der amerikanischen Revolution von 1776. Das Volk habe eben das Recht, alles selbst in die Hand zu nehmen. Die Welt bewundert die Amerikaner für ihre "can do"-Mentalität - just get the job done. Aber die Kehrseite davon sind die Ungeduld und die Anmaßung. Und während große Teile der Welt sich mittlerweile die "can do"-Mentalität zu eigen gemacht haben, bleiben die USA noch bei der Kehrseite hängen: Todesstrafe, ungerechte Behandlung von Schwarzen durch Polizei und Gericht sowie Selbstjustiz im US-Militär.

Vieles spricht für die Verbindung zwischen der historischen Lynchjustiz in den USA und der Freude an der Folter, die manche US-Soldaten offenbar haben, nicht nur auf den Fotos, sondern vor allem beim Schießen und Hochladen der Fotos. Bei der Folter nehmen die Soldaten das Gesetz selbst in die Hand. Wozu Den Haag anrufen, wenn wir es gleich erledigen können?

Die gefolterten Araber werden außerdem "entmannt" - sie werden in ihrer Männlichkeit gedemütigt. Während die meisten Lynchopfer schwarz waren, waren fast alle Männer, und wenn eine Frau doch noch gelyncht wurde, war die Empörung groß: "This is about the poorest purpose a woman can be put to!", meinte ein Zeitgenosse nach der Lynchung einer Frau, und die Argumentation klingt fast wie die Ermahnungen mancher Gegner der Sklaverei, die die Sklavenhalter daran erinnerten, dass sie ihr eigenes Eigentum beschädigten, wenn sie ihre Sklaven gar zu sehr traktierten.

Pfeifer erklärt den Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Ehre beim Lynchen so:

The degradation of a corpse apparently signified the victor's privilege in the satisfaction of western masculine honor, the ultimate humiliation of a personal foe or communally defined villain.

Es gibt sie durchaus: die Amerikaner, die über die Folter durch US-Soldaten empört sind. Aber die Selbstjustiz wurde immer nur erfolgreich bekämpft, wenn die Eliten sich durchsetzten. Im Augenblick scheinen gerade die Eliten, die das Land regieren, nichts gegen ein bisschen Selbstjustiz zu haben. Bush, Cheney und Rumsfeld griffen einfach nicht durch, als sie die Bilder aus Abu Ghraib sahen.

Aufarbeitung der Geschichte

Es ist unbestritten, dass das Lynchen vor allem zwischen 1890-1940 zu einem Phänomen der Südstaaten wurde, und dass dort fast alle Opfer schwarz waren. Aber durch den moralischen Fingerzeig auf den Süden drücken sich die anderen Amerikaner vor der eigenen Verstrickung in die Selbstjustiz.

Wie ist es sonst zu erklären, dass der Autor des berühmten Lieds Strange Fruit die Anfangszeile "Southern trees bear strange fruit" schreiben konnte, obwohl er nach eigenen Angaben das Lied verfasste, nachdem er ein Foto einer Lynchung im nördlichen Indiana (!) gesehen hatte?

Einige der besten Autoren der USA haben versucht, sich in die Rolle des schwarzen Vergewaltigers hineinzuversetzen, um das Problem von der anderen Seite aufzuarbeiten - so z.B. die Nobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem ersten (und besten) Roman "The Bluest Eye" (deutsch: "Sehr blaue Augen"). Am Anfang des 1970 erschienenen Buches erfahren wir als erstes, dass ein Schwarzer seine eigene Tochter vergewaltigt hat, aber dann macht Morrison etwas unglaubliches: Sie verwendet die nächsten 100+ Seiten, um Sympathien für diesen Mann beim Leser zu wecken. Am Anfang finden wir nur, dass er Abschaum ist, aber dann erfahren wir von seinem lebenslangen Leid als Schwarzer in den USA (wohlgemerkt in Ohio, nicht im Süden), und als die Vergewaltigung dann endlich am Ende des kurzen Romans stattfindet, empfindet der Leser Mitleid mit ihm, denn er hatte in seinem amerikanischen Leben keine Chance gehabt, gesund lieben zu lernen.

Alleine für diese Leistung - eine Frau zwingt uns dazu, einen Vergewaltiger zu verstehen - hätte Morrison den Nobelpreis verdient. Würden wir alle so wie Morrison über den Tellerrand (auch den geschlechtlichen) schauen, würde uns bestimmt viel Leid erspart. Ein anderes Beispiel stimmt uns jedoch nachdenklicher: Der Autor Richard Wright aus Mississippi schrieb schon in seinem 1940 erschienen Roman "Native Son" vom schwarzen Mann Bigger Thomas, der auch wegen des Mordes an einer Weißen und der tödlich endenden Vergewaltigung einer Schwarzen zum Tode verurteilt wird. Doch auch Wright versucht den Leser hinter die Kulissen blicken zu lassen: Bigger ist nicht etwa ein Monster, so wie die Medien in den USA heute jeden Verbrecher hinstellen, sondern ein Produkt seiner Umwelt - a native son of the United States.

Was hat es genützt? Der Book of the Month Club machte daraus einen Bestseller, aber nur, nachdem Wright manche Passagen "gemildert" hatte - so durfte beispielsweise die später vergewaltigte Weiße den Schwarzen nicht so deutlich anmachen. Und als Wright seinen nächsten Roman dem Club einreichte, bestand dieser darauf, dass das letzte Drittel glatt gestrichen und der neue Schluss hoffnungsvoll gestaltet werden musste. Der damals wortwörtlich hungernde Wright sah seinen autobiographischen Roman namens "American Hunger", der von der verzweifelten Suche eines Schwarzen nach Freiheit auf dem Weg aus dem Süden nach Chicago erzählte, in "Black Boy" umgewandelt: Die Hauptfigur steht nun am Ende der Erzählung in Memphis, verflucht den rassistischen Süden und fährt nach Chicago, wo ihn die Freiheit endlich erwarte...

32 Jahre lang lasen die Amerikaner diese Geschichte als Kritik an den Südstaaten und Lob am Norden. Das letzte, zensierte Drittel erschien erst 1977 als "American Hunger". Dort erfährt die Hauptfigur, dass der Norden eine große Enttäuschung ist, als nicht einmal die Kommunisten ehrlich mit ihm umgehen. Im wirklichen Leben verließ Wright die USA bald nach Erscheinen von "Black Boy", um dem Rassismus zu entkommen. Ob es ihm in Europa gelang?

Noch heute listet der Eintrag zu "capital punishment" in der englischsprachigen Wikipedia folgendes Argument für die Todesstrafe:

It upholds the rule of law, because it discourages vigilantism on the part of the victim's family or friends (in the form of lynching or retaliatory murder). If not controlled, such actions can lead to extremely destructive vendettas or blood feuds. In the U.S., capital punishment is concentrated in States where lynching was more common, although no one has been lynch in the South since 1964.

In Wirklichkeit war die Todesstrafe lange in Neuengland ein willkommenes und probates Mittel gegen die Selbstjustiz, was Wikipedia verschleiert. Die rassistisch-sexistisch motivierte Selbstjustiz ist eben kein reines Südstaatenproblem, sondern ein amerikanisches - ja, vermutlich sogar normales menschliches Verhalten in der Anarchie, wenn man mehr über die Ereignisse in Bürgerkriegsgebieten (beispielsweise in Sri Lanka) erfährt. Und wenn man sich die Kolonialgeschichte anschaut (auch die deutsche übrigens), wird klar, dass die Europäer auch schnell zur Selbstjustiz neigen, sobald sie in Anarchie leben. Wenn wir uns nicht ständig bewusst machen, wie unser kulturelles Erbe - auch das der Gewalt - in uns fortlebt, wird es uns immer wieder einholen.

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