"Dieser Entführungsfall darf nicht zum Rückzug führen"

Harald Neuber 30.11.2005

Die Entführung der Deutschen Susanne Osthoff im Irak scheint politisch motiviert zu sein. Ein Interview mit Frank Mc Areavey von der Hilfsorganisation Help über die Lage im Irak

Natürlich musste Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Ende ihrer ersten Regierungserklärung auf den aktuellen Entführungsfall in Irak eingehen. "Die Bundesregierung – und ich denke auch, dieses Parlament – wir lassen uns nicht erpressen", sagte Merkel am Ende zu der Verschleppung der deutschen Archäologin Susanne Osthoff. Soweit die offizielle Darstellung. Im Hintergrund dürfte das Auswärtige Amt nach Kräften bemüht sein, mit den Entführern Kontakt aufzunehmen. Denn auch wenn die Bundesregierung dies in Abrede stellt, so weist die der ARD zugespielte Videobotschaft auf eine politische Motivation hin. Das bringt Merkel in Bedrängnis, denn anders als die SPD-Grünen-Regierung ist sie nie auf Distanz zur Kriegspolitik Washingtons gegangen. Welche Auswirkungen hat der Fall also auf die deutsche Irak-Politik und wie sehen Hilfsorganisationen das Geschehen? Telepolis sprach mit Frank Mc Areavey, der für die Hilfsorganisation Help e.V. Projekte zur Minenräumung in Irak organisiert.

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Die erste Entführung einer Deutschen in Irak hat ein Schlaglicht auf die Sicherheitslage in dem Zweistromland geworfen. Ihre Organisation Help e.V. hat sich wie andere auch vor gut einem Jahr aus Irak in die jordanische Hauptstadt Amman zurückgezogen. Weshalb?

Frank Mc Areavey: Wir haben die internationalen Mitarbeiter aus Irak abgezogen, sind aber nach wie vor noch mit einheimischem Personal vor Ort vertreten. Schon bevor wir im vergangenen Jahr die Entscheidung getroffen haben, von Amman aus zu arbeiten, war die Sicherheitslage prekär. Im April 2004 sind wir schon einmal von den UN ausgeflogen worden, weil die Gewalt eskalierte. Drei Wochen später sind wir dann zurückgekehrt und bis September geblieben. Entscheidend für unseren Teilrückzug war die Entführung zweier US-Amerikaner und eines britischen Ingenieurs, die später enthauptet wurden. Wir haben bis dahin ja nicht in der "grünen Zone" gelebt, dem abgeriegelten Sicherheitsbereich der US-Amerikaner, sondern mitten in Bagdad. Dort hatten wir zwar Schutzmaßnahmen, bewaffnete Wachen und Sandsäcke vor den Fenstern. Am Ende hat uns das aber auch nicht mehr genügt. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten internationalen Helfer das Land schon verlassen.

Halten Sie es heute noch für möglich, in Irak humanitäre Hilfe zu leisten?

Frank Mc Areavey: Ja, auf jeden Fall. Unsere Projekte, Minenräumung und der Aufbau von Trinkwasseraufbereitungsanlagen, werden vom Auswärtigen Amt unterstützt. Es wäre eine Katastrophe, wenn man in Berlin nun entscheiden würde, diese Mittel zu streichen.

Unterscheidet sich die Gefährdungslage in Irak denn von vergangenen Konflikten und Kriegen?

Frank Mc Areavey: Ich habe selbst in Kosovo und in Bosnien gearbeitet. Der Unterschied ist, dass die humanitären Helfer direkt ins Visier genommen werden. Das hat natürlich mit der gesamten politischen Situation zu tun, vor allem der Besatzung des Iraks durch die US-Amerikaner. Als humanitäre Helfer wurden wir wiederholt als Unterstützer der US-Amerikaner betrachtet. Die Leute waren erstaunt, als wir ihnen unsere Arbeit erklärt haben. Viele wussten gar nicht, was eine humanitäre Organisation ist. Sie haben zwar über Jahre hinweg das UN-Programm "Öl-für-Lebensmittel" mitgemacht, wussten aber nicht, woher diese Hilfe kam.

Trotz einer zunehmenden kriminellen Motivation war die Mehrzahl der Entführungen von Ausländern in Irak bislang politisch motiviert. Haben Sie sich als Deutscher denn sicherer gefühlt als ihre britischen oder US-amerikanischen Kollegen?

Frank Mc Areavey: Ich habe in Irak zunächst mit zwei schwedischen Kollegen gearbeitet, später dann mit einem Australier und einem Franzosen. Wir haben uns die ganze Zeit über wohl gefühlt. Unwohl war uns nur, wenn wir in die "grüne Zone" mussten, weil dort das Internationale Zentrum für Minenräumung lag. An den Eingängen zur "grünen Zone" hatte es wiederholt Selbstmordanschläge gegeben. Ansonsten habe ich mich in Bagdad frei bewegt. Als ich mich beim Einkauf mit Händlern unterhalten habe, waren die hellauf begeistert, als sie erfahren haben, dass ich aus Deutschland komme. Die Menschen haben sich sehr über uns gefreut.

Die humanitäre Hilfe darf nicht eingestellt werden

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat die Entführung als Warnung an Deutschland bezeichnet. Der Zeitpunkt der Entführung – unmittelbar nach Antritt der neuen Regierung - sei kein Zufall. Teilen Sie diese Einschätzung?

Frank Mc Areavey: Es gibt einige Tatsachen. Gerhard Schröder und die SPD-Regierung haben von dem Krieg zunächst einmal Abstand genommen. Angela Merkel ist währenddessen nach Washington gefahren. Aber ob im konkreten Fall ein direkter Zusammenhang besteht, vermag ich nicht zu sagen.

Tatsächlich ist die Nähe der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu den USA ebenso bekannt wie ihre positive Haltung zur Irak-Politik Washingtons. Welche Erwartungen haben Sie denn als humanitärer Helfer an Berlin?

Frank Mc Areavey: Die humanitäre Hilfe darf nicht eingestellt werden. Das wäre fatal. Dieser Entführungsfall darf nicht zum Rückzug führen. Gleiches gilt meiner Meinung nach für die Unterstützung des demokratischen Prozesses in Irak durch die deutsche Bundesregierung.

Haben Sie das Gefühl, dass die Aufständischen im Irak zwischen der Art der Hilfsorganisation unterscheiden, ob sie regierungsnah ist oder unabhängig?

Frank Mc Areavey: Ich denke nicht, dass ein Unterschied gemacht wird. Es gibt auch unterschiedliche Motivationen. Auf der einen Seite die von Ihnen angesprochenen politischen Gruppen, auf der anderen Seite gewöhnliche Banditen, die auf Lösegeld aus sind.

Die US-Regierung versucht seit Jahren, die humanitäre Hilfe als Teil der Außenpolitik, gerade auch in Kriegs- und Krisenregionen, zu integrieren. Wie stehen Sie zu dieser Strategie?

Frank Mc Areavey: Die US-Regierung versucht natürlich, Hilfe zu leisten, die Erfolge halten sich aber in Grenzen. Bis heute ist die Millionenstadt Bagdad nicht vollständig an das Stromnetz angeschlossen. Das ist eine direkte Folge des Krieges, denn vorher hat es die entsprechende Infrastruktur gegeben. Die US-Amerikaner konnten die Schäden bis heute nicht beseitigen. Dabei ist das ein drängendes Problem, denn im Sommer gehen die Temperaturen hier mitunter auf 60 Grad Celsius hoch und in Teilen der Stadt gibt es kein Wasser. Oder der Strom: Die meisten unserer Mitarbeiter haben zu Hause Generatoren. Diese Möglichkeit hat die breite Bevölkerung nicht.

Das private Engagement bleibt also unabdingbar?

Frank Mc Areavey: Ja. Schauen Sie sich doch nur an, was zum Beispiel meine Organisation Help geleistet hat. Wir haben seit 2003 Munition, Minen und Streubomben geräumt. Mein Kollege hat Wasseraufbereitungsanlagen aufgebaut. Und diese Dinge funktionieren. Deswegen sind wir gerne gesehen. Wenn wir Flächen von Minen säubern, dann handelt es sich meist um Agrarflächen, auf denen von der irakischen Armee einst Stellungen errichtet wurden. Wenn wir da waren, können sie von der Bevölkerung direkt wieder zum Anbau von Obst oder Gemüse genutzt werden. Und alleine das hilft den Menschen.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21468/1.html
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