Telekommunikativ überfordert?

07.12.2005

Wenn das Leben nur noch am Handy und online stattfindet

Amerikaner gehen für jeden Blödsinn zum Psychiater, das Geschäft brummt. Doch momentan freuen sich die Seelenklempner über erhöhten Zulauf dank des Internets. Nicht, weil der "Shrink" so eine tolle Homepage hat, sondern weil die elektronische Telekommunikation so manchem modernen Weltbürger über den Kopf wächst.

Sie ist 38 und immer noch Single. Sie hätte auch gar keine Zeit für eine feste Beziehung. Schließlich will sie modern und unabhängig sein. Und kommt so schon mit ihrer Zeit nicht mehr zurecht. Sie hat eine Arbeit, bei der sie schon um 16 Uhr zuhause sein kann. Und kaum ist dies geschehen, klingelt auch schon das Telefon. Ihre Freunde haben schließlich alle Flatrate für Festnetz und Handy. Gleichzeitig loggt sie sich ins Internet ein und ruft ihre E-Mail ab. Der ICQ-Client gibt auch sofort Geräusche von sich, das Blog verzeichnet etliche neue Kommentare. Eigentlich müsste sie mal einkaufen gehen, doch nun klingelt auch noch das Handy…

Um 19 Uhr ist sie mit einer Freundin im Café nebenan verabredet, doch sie schafft es kaum, dazwischen wenigstens einmal aufs Klo zu gehen – schließlich hatte sie die ganze Zeit Leute am Telefon. Immerhin schafft sie es, sich umzuziehen. 18.59 Uhr stürmt sie schließlich aus der Tür – mit dem Handy am Ohr.

Im Cafe will es mit dem gemütlichen Gespräch auch nicht so recht klappen, denn ständig geht bei einer der beiden das Handy und sowohl sie als auchihre Freundin simsen auch noch, was das Zeug hält. Immerhin nicht miteinander, so wie später am Abend in der Disco, um die Männer abzuchecken, wenn es zum Reden zu laut wird.

Per SMS verabredet sich die Clique schließlich in der Pizzeria. Herbert kommt mit Knopf im Ohr und vor sich selbst hinredend an den Tisch. Handelt es sich wirklich um Beischlafvorverhandlungen, so wie es sich für die anderen anhört, oder will er nur angeben? Die Frage klärt sich auf ausgesprochen peinliche Weise, als Sandrine ganz unauffällig mit ihrem Handy seine Nummer anwählt und selbiges lautstark I want your sex zu dudeln beginnt. Tja, das vermeintlich heiße Gespräch war leider gefälscht. Erwischt!

Nachdem die Pizzen serviert sind, herrscht endlich Telefonpause. Nur einige SMS werden noch gelesen. Danach wird per SMS mit Nachzüglern abgesprochen, wohin es weiter geht: die neue Milchbar ist heute dran. Dann die Disco – und um 2 Uhr geht es schließlich heim. Alleine natürlich. Schließlich wartet da noch der Chat.

Im Chat ist viel los, Manfred hat Liebeskummer, Susi einen untreuen Freund und Ernst macht alle Frauen an, woraufhin diese beschließen, auf sein Baggern einzusteigen und mit ihm gleich zu fünft in den Privatchat zu gehen. Dabei werden Wetten abgeschlossen, wie lange es dauert, bis er die verschiedenen Fenster durcheinander bringt. Brigitte gewinnt, als in ihrem Fenster ein peinliches "Maria, ich liebe dich auch" erscheint. Danach ist für Ernst die Party für heute vorbei. Die Mädels machen weiter.

Um fünf kommt sie endlich ins Bett, um sieben klingelt das Handy und kurz darauf der Wecker. Zeit aufzustehen und sich nur halblebendig in die Arbeit zu schleppen. Sie denkt daran, einen Zen-Kurs zu belegen, um etwas Ruhe in ihr Leben zu bringen, doch dann müsste sie Teak-Wan-Do am Donnerstag streichen...

Völlig übertrieben? Nein, ganz normaler Alltag für viele mit Handy und Internet aufgewachsene Menschen. Als Sucht empfinden sie es nicht – und im Gegensatz zu den Müttern, die Kinder und Haushalt vernachlässigen und von morgens bis abends am Computer sitzen, bis die Nachbarn die Polizei rufen, oder den Dauersurfern, die auch polizeibekannt sind, weil ihnen selbst Wasser und Currywurst anbrennen, fallen diese Dauerkommunikatoren ja nicht auf. Im Gegenteil, ihr Sozialleben funktioniert perfekt und sie haben viele Freunde, wenn auch kaum richtige – dazu fehlt die Zeit. Ein paar Jahre später wundern sie sich dann vielleicht, wo die ganze Zeit nur geblieben ist. Vor lauter Leben ist das Leben an ihnen vorbei gerauscht.

Die New York Times verkündet dieser Tage, dass zwischen sechs und zehn Prozent der etwa 189 Millionen Internetnutzer in den USA einer Abhängigkeit von diesen Kommunikationsmedium entwickelt haben, die so zerstörerisch sein kann wie Alkohol oder Drogen.

Die Entzugsymptome ähneln denen anderer Süchte, so die Medizinerin Dr. Cash, die eine Klinik für Internet- und Computersüchtige betreibt: Von Schwitzen über Angstzustände bis zu ausgewachsener Paranoia sei alles vertreten. Ebenso Schlaflosigkeit (Wenn die Nächte nicht enden wollen…), dafür bleierne Müdigkeit am Tag und Antriebslosigkeit bis zur Depression. Nicht ohne Grund wird der PDA Blackberry ja auch gerne Crackberry genannt, doch auch mit ganz gewöhnlichen Handys wird regelmäßig heimlich unter Schulbank oder Bürotisch gesimst.

Diejenigen, die einsehen, dass sie ein Problem haben und sich deswegen in Behandlung begeben, haben dabei das Problem, dass Kommunikations- beziehungsweise Internetsucht bislang nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist und deswegen die Krankenversicherungen auch nicht die Kosten für die Behandlung übernehmen, so die New York Times

Internetsüchtige sind zumindest kommunikativ

Fernsehsucht wird allerdings von anderen Fachleuten wie Sara Kiesler, Professor für Computerwissensschaft und Interaktion von menschen und Computern an der Carnegie Mellon University als schlimmer angesehen, denn die Internet-Abhängigen kommunizieren ja immerhin noch mit anderen Leuten, und dies mitunter intensiver als sie es in der Kneipe tun würden. Aber Sucht ist Sucht: wenn nicht mal hin und wieder, sondern wirklich jede Nacht am Monitor endet, dann ist der Betroffene nicht mehr Herr seines Lebens, auch wenn er am Keyboard sitzt und scheinbar alles unter digitaler Kontrolle hat.

Der Fernsehen leidet unter der vermehrten Online-Nutzung und sieht deswegen ja auch das Internet als seinen größten Feind, doch das Buch ist ebenso in Gefahr: Niemand nimmt sich mehr die Zeit, in Ruhe ein Buch durchzulesen, wenn es doch MTV-ähnlich schnelle Informationshäppchen zum Durchklicken online gibt und Studenten haben keine echten Recherchefähigkeiten mehr, beklagt sich Naomi S. Baron, Sprachwissenschaftler an der American University in Washington in der Los Angeles Times. Und selbst wer nicht nur liest, sondern auch ein Blog schreibt, liefert dort meist auch nur Informationshäppchen, Lese-Quickies für zwischendurch, die dann wieder andere auf der Suche nach dem schnellen Klick befriedigen. Sogar Gehirnschäden vermuten manche Blogger bereits als Folge dieser Lebensweise.

Interessanterweise, so das englische Magazin "The Register", hat fast die Hälfte der Blogger ausgerechnet "Therapie" als Hauptgrund angegeben, warum sie ein Blog führen. Und dass sich Selbsthilfegruppen gegen Online-Sucht im Internet zusammen finden, ist auch nichts Neues mehr…

Während des ersten Versuchs, diesen Text an einem Samstag in Ruhe zu schreiben, rief eine Kollegin an, die Probleme mit ihrem Partner hatte, eine Mail plumpste ins Fach, in der ein anderer Kollege um Rat in Liebesdingen fragte und schließlich trafen auf dem Handy auch noch etliche SMS einer Bekannten ein, die sich in einer Weiterbildung langweilte und lieber detailliert mitteilte, was sie nun mit der Hand heimlich unter dem Tisch anzustellen gedenke, mit der sie gerade nicht simste. Obwohl ähnliches kommunikatives Durcheinander im Büro durchaus zum Arbeitsalltag eines Journalisten gehört, hoffte ich doch, nur nichts multitaskingtechnisch durcheinander zu bringen. Doch für so manchen modernen WWW- und Handy-Bürger ist ein solches Szenario auch in der Freizeit längst Routine…

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