New Orleans erhält stadtweites WLAN
Der freie, drahtlose Internetzugang für Alle soll den schleppenden Aufbau der verwüsteten Stadt beschleunigen
Ein Vierteljahr nach der Flut ist New Orleans zwar trocken, aber noch fast zur Hälfte verwüstet. Hätte die Stadt einen zweiten Orkan 2005 abgekriegt, dürfte das der Todesstoß gewesen sein. Grund zur Sorge gab es genug: Noch im Dezember (also nach dem offiziellen Ende der Orkansaison) tobte Hurricane Epsilon, der 14. im Rekordjahr 2005 und der erste im Dezember aus der Karibik seit 1954. Nun muss die Stadt sich wieder schnell aufbauen, denn nach dem Sturm ist vor dem Sturm.
Bürgermeister Nagin war früher Chef bei Cox Communications, einem Anbieter von Kabelfernsehen- und Internetzugangsdiensten. Im Gegensatz zu Deutschland ist das Internet per Kabel in den USA noch verbreiteter als DSL. Laut einem Bericht von Deutsche Bank Research surften im Jahr 2004 7,8 Prozent der Internetnutzer in den USA per Kabel; nur 4,0 Prozent hatten DSL. Zum Vergleich: In Deutschland hatte DSL letztes Jahr 8,0 Prozent des Kuchens - und Kabel lediglich 0,1 Prozent.
Kein Wunder also, dass Nagin bereits vor Katrina (man spricht an der Golfküste der USA mittlerweile von der Zeit "pre-K") ein stadtweites, drahtloses WLAN aufbauen wollte. Das kostenlose Stadt-WLAN war sogar im Wahlkampf 2002 als "Option" erörtert worden. Noch vor Katrina nutzten die Behörden der Stadt oft Voice over IP, und die Polizei hatte WLAN eingesetzt, um über Webcams ein Auge auf bestimmte Stadtteile zu behalten, in denen die Kriminalität grassierte.
![]() |
|
| Auf diesem Bild sieht man das Schlafzimmer in einem Hauses wenige Strassen von der Stelle am 17th Street Levee entfernt, wo der Deich brach. Das Wasser stand fast 2 Meter hoch, und das Haus stand fast einen Monat im Wasser. Die Bewohner werden das Haus abreissen und von New Orleans wegziehen. Foto von einem Bekannten des Autors |
Als Katrina die Stadt verwüstete, war das WLAN die am besten erhaltene Kommunikationsplattform in der Stadt. Nur wenige Sender - Geräte in der Größe eines Schuhkartons, montiert auf Straßenlaternen - waren beschädigt, meist nur wenn der Masten umgefallen war. Dagegen lagen Telefonleitungen vielerorts auf Straßen und Bürgersteigen, auch wenn die Masten noch standen. Drahtlos ist halt nicht nur mobiler als das Festnetz, sondern auch krisenfester.
"Durch Steuergeld geförderte Konkurrenz"
|
|
Kein Wunder, dass Nagin ein WLAN als Chance sieht, New Orleans wieder ins nationale Rampenlicht zu setzen: Die erste Stadt der USA, die ihren Bürgern kostenlosen Internetzugang anbietet, und zwar bei beachtlichen 512 Kbps. Der Trick dabei: Es funktioniert nur, weil in der Crescent City das Notstandsgesetz gilt.
Vielen kommerziellen Internetprovidern ist nämlich die Konkurrenz durch die öffentliche Hand nicht geheuer. In vielen Bundesstaaten ist es der öffentlichen Hand sogar per Gesetz verboten, drahtlosen Zugang zum Internet ab einer bestimmten Geschwindigkeit kostenlos anzubieten. Die Firmen argumentieren, das käme einer mit Steuergeld finanzierten Konkurrenz gleich. In Louisiana liegt die Grenze für kostenlose, drahtlose Internetzugänge deshalb bei 144 Kbps.
Doch in Krisenzeiten ist das Nagin egal. New Orleans braucht unbedingt etwas, das ein bisschen Schwung in die Bude bringt. Seine Idee, aus der Big Easy eine zweite Las Vegas zu machen - Casinos so weit das Auge reicht -, kam bei den Bürgern nicht an. New Orleans hat eine starke Identität - und diese hat eben nichts mit Glücksspielen zu tun, so der Tenor vieler New Orleanians. Lieber baut man die Stadt gar nicht wieder auf, als dass man aus ihr eine 08/15-amerikanische Stadt der Gleichmacherei macht.
Zur Zeit darf Nagin aber mit seinem WLAN schalten und walten, wie es ihm beliebt. Sein Büro ließ auch verkünden, man würde sich an das Gesetz halten und den Zugang für Privatnutzer auf 144 oder gar 128 Kbps (immerhin mindestens das Zweifache von ISDN) drosseln, sobald alles wieder beim Alten ist. Ob Louisiana bis dahin diese Grenze gekippt haben wird?
Verständlich scheint die Sorge der Firmen allerdings nicht wirklich zu sein, wenn man sich vergegenwärtigt, wie oft die Entwicklung von Technologien - gerade in den USA - durch Steuergelder finanziert werden, damit am Ende private Firmen davon Gewinne machen können. Das Internet ist mit das beste Beispiel dafür: zunächst vom US-Militär als atomkriegsicheres Kommunikationsmedium entwickelt, später vor allem als World Wide Web für die Geschäftswelt und Privatbürger aufgemacht.
Man spricht deshalb in den USA von der digitalen Kluft: Vor allem der schnelle Internetzugang ist eher wohlhabenden Bürgern vorbehalten. Doch wenn man bedenkt, dass der Zugang bei 128 Kpbs kostenlos sein darf, scheint die gesetzliche Regelung einigermaßen gerecht zu sein: Schließlich sind die "killer applications" für schnelles Internet bekanntlich Pornovideos und P2P-Netzwerke. Für andere Anwendungen wie emails und "normales Surfen" sind 128 Kbps mehr als ausreichend. Die billigste Lösung für alle Bürger wäre also ein drahtloses Stadtnetz mit immerhin zweifacher ISDN-Geschwindigkeit.
Schleppender Aufbau
Trotzdem regte sich der örtliche Provider BellSouth - eine Baby Bell-Firma, die aus der zerschlagenen AT&T hervorging - auf, als er von den Plänen für ein kostenloses WLAN für New Orleans Ende November Wind bekam. BellSouth hatte angekündigt, ein im Sturm beschädigtes Gebäude nicht mehr nutzen zu wollen. Die Stadt sollte das Gebäude geschenkt bekommen, doch mit der Ankündigung des kostenlosen WLANs wollte BellSouth ein Zeichen setzen: Aus Protest zog es die Schenkung zurück.
Chris Drake, WLAN-Projektleiter für die Stadt, sagte gegenüber dem Autor, dass die Stadt trotzdem an ihrem geplanten kostenlosen WLAN festhalte. Mehr noch: BellSouth habe inzwischen noch mal angedeutet, das Bürogebäude doch noch loswerden zu wollen. Drake spekuliert, dass es sich für den Provider eher lohnen würde, das an die Öffentlichkeit geschenkte Gebäude abzuschreiben, als es zu renovieren, schließlich möchte BellSouth es gar nicht mehr beziehen.
Im September lag der Steuererlös für die Stadt bei Null. Im Oktober wird es kaum besser gewesen sein, weshalb die Stadt begonnen hat, alle nicht unbedingt benötigten Mitarbeiter zu entlassen. Erst im November kam langsam Leben in die Stadt: Man kann allmählich wieder jeden Abend live Musik hören, auch wenn die Auswahl begrenzt beleibt. Aber viele Geschäfte haben noch nicht wieder aufgemacht, so etwa der riesige Biolebensmittelladen Whole Foods - oder schon für immer zugemacht. Und selbst große Firmen wie Shell, nach der der höchste Wolkenkratzer der Stadt genannt ist, haben angekündigt, erst dann mit voller Mannschaft antreten zu wollen, wenn die Stadt wieder ordnungsgemäß funktioniert. Noch sind z.B. fast alle Schulen der Stadt geschlossen. Ein Teufelskreis: New Orleans muss sich wieder aufbauen, damit die Firmen zurückkommen, aber die Stadt braucht die Firmen, um sich wieder aufzubauen.
Eines der ersten Konzerte nach Katrina fand am 30.9. statt: Walter Wolfman Washington spielte in der Maple Leaf, aber die Kneipe hatte immer noch keinen Netzanschluss - ein Dieselgenerator sorgte für die gute Laune. Noch Ende November hatte die Stadt zu 40% gar keinen Strom, und selbst in den Stadtteilen mit Strom vom Netz verfügten viele Häuser noch über keinen Anschluss. Das Problem: Wegen der Gefahr hatte der (seit Katrina insolvente) Stromversorger Entergy beschlossen, dass Häuser, deren Haustechnik lange unter Wasser gestanden hatte, von einem Elektriker vor dem Neuanschluss ans Stromnetz geprüft werden. Gleichzeitig hatte der Versorger wegen der Insolvenz die Mannschaft reduziert. Erst in den letzten Wochen wurde dank einer Finanzspritze vom Mutterkonzern die Zahl der Elektriker wieder etwas aufgestockt.
Das WLAN wird sicherlich helfen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, aber an die schlimmsten Fragen hat man sich noch gar nicht gewagt: Was tun mit den 40% der Stadt, die noch gar nicht bewohnbar sind? Welche Stadtteile werden für immer aufgegeben, und wann? Und wer entscheidet das? Doch nicht ein Bürgermeister, der wiedergewählt werden will…
Vom wohlhabenden Viertel an der Lakefront bis zum Armenviertel im 9th Ward - alle haben was abgekriegt. Die Stadt New Orleans möchte das Gebäude von BellSouth zunächst für ihre Polizisten nutzen. Die meisten von ihnen leben noch auf einem Schiff im Hafen, denn sie haben ihr Haus verloren. Dort ist jedoch kein Platz für die Familie, die womöglich weit weg in einer fernen Stadt notdürftig untergebracht ist. Die Weihnachtszeit naht und die Menschen, die wochenlang Überstunden machten, um die Stadt zu retten, hausen noch seit 3 Monaten wie Matrosen auf offenem Meer.
Selbst wer sich ständig mit den Nachrichten über New Orleans beschäftigt, ist offenbar beim ersten Besuch in der Stadt schockiert. Der National Resources Defense Council warnt sogar noch davor, New Orleans zu besuchen, denn die Stadt sei verseucht. Ab Januar berichte ich einige Wochen lang aus New Orleans direkt.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21518/1.html- PoE? (9.12.2005 22:28)
- Notebook für die 3. Welt (9.12.2005 0:07)
- Re: Notstromaggregate und Laptop-Accus ? (8.12.2005 22:21)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin
Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

