Und wenn es doch geschehen wäre?

08.12.2005

"Lücke im System" könnte ein Kultfilm der Computerszene werden

Sie sind jung, sie sind hipp, hören die angesagte Musik und machen sich auch noch Gedanken um den Zustand der Welt. Solche Filmhelden hat man beispielsweise in Die fetten Jahre sind vorbei bewundern können. Der kürzlich angelaufene Film Lücke im System des Schweizer Romed Wyders erinnert in weiten Strecken daran. Auch hier spielen zwei junge Idealisten die Hauptrolle. Alex und sein Freund Fred sind Globalisierungsgegner und Computerfreaks. Sie leben in einem Genfer Szeneviertel und planen den ganz großen Coup.

Alex (V. Bonillo) und Fred (F. Nadin) hecken ihren Plan aus. Bild: Blow-up Film Production

Mit Hilfe eines Computervirus wollen sie die Absage eines wichtigen Gipfeltreffens erzwingen. In ihren Planungen sind die jungen Postmodernen sicher manchen Bolschewisten der alten Schule überlegen. So arbeitet Alex schon monatelang als Putzkraft im Bürogebäude jener Weltorganisation, die den Gipfel vorbereitet. Er bereitet sich auf den Tag X vor, wenn er das Programm mit dem Virus infiziert. Doch nach ca. einem Drittel des Films nimmt der Film eine Wendung, die aus dem lustigen Streifen fast eine Horrorstrecke macht.

Plötzlich wacht Alex schwerverletzt auf der Intensivstation eines Krankenhauses aus einem tagelangen Koma auf und kann sich an seine unmittelbare Vergangenheit nicht mehr erinnern. Mühselig kann er rekonstruieren, dass er Tage vorher einen Autounfall hatte. Hat er seinen Plan vorher noch ausführen können, fragen sich Alex und die Zuschauer. Zumindest die Diskette mit dem Virus, die er Tage vorher in die Brieftasche gesteckt hat, ist verschwunden.

Die Ärzte offerieren ihm eine neue Therapie, bei dem mittels Elektroden seinem Kurzzeitgedächtnis wieder auf die Sprünge geholfen werden soll. Doch bald hat Alex den Verdacht, dass die Organisatoren des Gipfels schon längst Detektive auf ihm angesetzt haben. Zumal er mittlerweile rekonstruiert hat, dass ihm der große Coup kurz vor dem Unfall noch gelang und sein Kompagnon Fred verschwunden ist. Zum Schluss überschlagen sich die Ereignisse (Wer den Ausgang des Films nachlesen will, findet ihn nun hier , nachdem sich Manche im Forum beschwert haben).

Während man als Zuschauer noch über das traurige Ende sinniert, lässt einen der Abspann des Films völlig ratlos zurück. Dort erklärt die Freundin von Alex mit verstellter Stimme, dass die Handlung des Films auf ihren Aussagen basiere. Sie sei selber mit dem Tod bedroht worden und lebe jetzt mit einer neuen Identität im Ausland.

Alex wird im Krankenhaus einer Therape unterzogen. Bild: Blow-up Film Production

Nachfragen beim Filmemacher bringen eher noch mehr Fragen. Dem Film liege tatsächlich ein realer Fall zugrunde. Allerdings habe er Realität und Fiktion vermischt. Mehr könne er aus Rücksicht auf die Zeugin nicht sagen. Auch auf der Website zum Film wird auf reale Fakten Bezug genommen. So wurde die Homepage des alljährlich im Schweizerischen Davos tagenden Weltwirtschaftsforums tatsächlich im Jahr 2001 gehackt (Weltwirtschaftsforums-Hack war Spaziergang durch offenes Scheunentor). Es wurde auch ein Verdächtigter festgenommen und später freigesprochen (Freispruch auf der ganzen Linie). Der WEF-Hacker war in der Folge noch Gegenstand meist recht wohlwollender Betrachtungen.

Auch die Stürmung eines unabhängigen Medienzentrums im Genfer Kulturzentrum Usine hat während der Proteste gegen den G8-Gipfel in Evian für Schlagzeilen gesorgt (Gipfelbelagerung). Überdies findet man zum Stichwort Clearstream-Skandal einige Bücher.

Das Spiel mit der Realität

Sofort fragt man sich, ist dieses Spiel mit der Realität ein Geschäftstrick des Filmemachers oder ein Griff in die Kiste der Verschwörungstheorie. Trotzdem gehen die Fragen nicht aus dem Kopf, die auf der Webseite so formuliert werden:

Und wenn niemand je davon erfahren hätte? Und wenn es dennoch geschehen wäre, in der Schweiz, vor nicht allzu langer Zeit?

Nun könnten Personen, die im Zusammenhang mit dem WEF-Hacking eine Rolle spielten, vielleicht bei einen Autounfall gestorben sein, den manche als fingiert ansehen. Die Recherche gestaltet sich schon deshalb schwierig, weil in der Öffentlichkeit die vollständigen Namen der Beschuldigten nicht bekannt waren.

So erinnert "Lücke im System" an einen anderen Film, der vor einigen Jahren kurz Schlagzeilen gemacht hatte. Der bezeichnende Titel "23 – Nichts ist so, wie es scheint" (Verschwommene Fernsehbilder und politische Paranoia) behandelt das kurze Leben und den mysteriösen Tod des jungen Hackers Karl Koch aus Hannover und wurde zeitweise zu einem Kultfilm in der Computerszene. Hierbei handelt es sich um ein Hackerdrama aus der Frühzeit der Computer. "Lücke im System" könnte eine aktuelle Fortsetzung sein.

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