Der Spammer ist immer der Computer

Harald Taglinger 24.12.2005

Seit ein paar Tagen habe ich nur noch dann eine Privatsphäre, wenn auf der anderen Seite der Leitung Feierabend ist. Unversehens bin ich Opfer einer Telefonmarketing Firma geworden. Und daran ist nur der Computer schuld

Gegen 18.20 Uhr ist es immer das Gleiche. Es klingelt, ich gehe auch noch ran, und dann wünscht mir jemand am anderen Ende der Leitung vorsichtig einen schönen guten Abend. Dabei hätte ich mir doch denken können, dass Freunde, die Familie und selbst der hiesige Geistliche längst nicht mehr um diese Zeit zum Telefon greifen. Sie sind wahrscheinlich selbst gerade Opfer der Schweizer Marktforschung geworden. Und das geht so.

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Im Lehrbuch diverser Telefonmarketeers steht klar und deutlich, dass in diesem Land zwischen 18.00 Uhr und 18.20 Uhr durchschnittlich die meisten Männer zwischen 25 und 35 zu ihren Familien heimkehren, das Essen aber noch nicht dampfend auf dem Tisch steht. Dabei muss es sich eben um ein eidgenössisches Lehrbuch handeln, denn mehr Arbeitnehmer beginnen dort ihr emsiges Tagwerk spätestens um acht Uhr morgens und sind deshalb um 17.00 Uhr bereits im Lift zur Tiefgarage. Also kommt das mit dem idealen Zeitfenster hin. Gut, einen deutschen Medienredakteur um diese Zeit anzurufen würde bedeuten, ihn bei der Mittagspause zu stören.

Der vorsichtige Herr nimmt mich also als Schweizer Durchschnittsmann in einem Durchschnittsalter an und will von mir wissen, was ich denn von den Schweizer Glückspielangewohnheiten denke. Beim ersten Mal war ich noch verdutzt. Wie er denn auf mich komme. Nun, kommt es stolz aus dem anderen Teil der Leitung, ich sei zufällig von einem Computer ausgewählt worden. Da bin ich ja schon froh, dass nicht etwa eine Roulette-Kugel auf meinem Namen liegen geblieben ist.

Das erste Gespräch endete mit einem vorschnellen "Dazu kann und will ich nichts sagen" meinerseits und einem "Weil es Sie nichts angeht" auf Nachfrage. Vielleicht ein bisschen grob. Ich nahm mir vor, beim nächsten Mal etwas höflicher zu sein.

Und netterweise musste ich auch nur 24 Stunden dafür warten. Um 18.20 Uhr, ich glaube es war ein Dienstag, klingelte das Telefon wieder, ich wieder ran, um vielleicht mit einem "Das ist aber schön, dass Sie mir gleich hier die Beichte abnehmen wollen, Hochwürden" weiterzufahren. Allerdings wollte die Stimme am Apparat meine Meinung zum Glückspielverhalten…

Ich nahm Luft, allein das macht ja schon höflicher und verhindert den Durchbruch von allzu bayerischen Hormonen, sprach in bester Telefonmarketing-Manier meinen Gegenüber mit Namen an. Dass ich seine Hilfe benötige. Verdutztes Schweigen. Ich würde gerne verstehen, warum ich immer um 18.20 Uhr hoch attraktiv für Fragen nach Glückspielen, Waschmitteln und Muskelkrämpfen sei.

"Der Computer hat Sie ausgesucht."

Das klang gar nicht gut. Also saß irgendwo in der Deutschschweiz ein hämisches Gerät und dachte regelmäßig bei sich: "Mensch, die Frage ist so blöd, die stellen wir dem Taglinger." Und liess einen von diesen armen Gehilfen bei mir anrufen. Pünktlich. Und auf meine Frage, wie denn dieser Computer darauf käme, kam eine nicht weniger verblüffende Antwort zurück: "Sie sind doch 25 bis 35 Jahre alt, oder?" Nun bin ich vieles, aber mein Alter lässt sich durchaus auf bis zu ein Jahr genau eingrenzen. Ich bin ja auch nicht 55-85 Kilo schwer. Ausserdem bin ich älter. Deshalb verneinte ich. Daraufhin, das muss dieser garstige Computer zugeflüstert haben, kam eine blitzschnelle Bitte durch den Äther, ich möge doch den Hörer an den zweiten männlichen Bewohner zwischen 25 und 35 weiterreichen. Aha. Man war als Mensch mit ausgeprägtem Surfverhalten in dieser Rasterfahndung Mitglied eines Männerheims.

Ich schaute meine dreimonatige Tochter neben mir an, die ebenfalls irritiert mit den Schultern zuckte und entschloss mich zu einem Strategiewechsel. Ob man meinen Namen denn einfach aus der Liste für zufällige Anrufe streichen könne. Das würde uns allen das Leben doch erleichtern. Aber nein:

"Ihren Namen sucht der Computer zufällig aus."

Mensch, bei der Trefferquote sollte ich vielleicht sofort auflegen und in einem Casino vor dem Abendessen die Million machen.

Merkwürdig ist nur, dass nach dem letzten Gespräch schon seit drei Tagen gegen 18.20 Uhr das Telefon stumm bleibt. Kein Schwein ruft mich an. Auch testweises Abheben, ob denn die Leitung noch funktioniert, hilft nicht weiter. Es ist schon ein wenig einsam seitdem. Vermutlich werde ich dazu übergehen müssen, am Abend jetzt wieder mit meiner Familie zu sprechen.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21545/1.html
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