A Hund isser scho

Florian Rötzer 12.12.2005

Update: Der Dreistigkeit, mit der der kaum aus dem Amt geschiedene Altbundeskanzler Schröder sich persönlich bereichern will, kann die SPD nicht nur mit lahmer Kritik begegnen. Schröder meint: "Ich bin erst 61 Jahre alt und will arbeiten."

Wenn es sich um einen gestandenen CSUler vom Schlage Franz-Josef Strauß im schwarzen bayerischen Sumpf gehandelt hätte, würde man nicht viel anderes erwarten. Altbundeskanzler Schröder hätte sich, als er blitzschnell wie ein Wiesel von seinem politischen Amt zum gut bezahlten Aufsichtsratschef des russisch-deutschen Konsortiums der Ostsee-Pipeline NEGP wechselte, dessen sogar rühmen können.

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Eine Hand wäscht die andere. Bild: Gazprom

Auch bei Schröders Kollegen etwa von der FDP wäre man nicht verwundert gewesen. Dem Ansehen der Partei hätte es wohl auch nicht geschadet. Auch hier würden die Erwartungen solche Sprünge vermutlich abdecken. Wenn aber ein Sozialdemokrat seine guten Beziehungen mit dem russischen Präsidenten, die ihm über sein Amt und über manchen Stillschweigen zu Putins wenig demokratischer Politik, zugewachsen sind, ausnutzt, um noch schnell vor dem Ende der Regierungszeit einen politisch umstrittenen Deal zu laden und dann noch persönlich kurz nach dem Rücktritt davon profitiert, dann hat er nicht nur die SPD beschädigt, sondern die Vorurteile vieler Menschen gegenüber der gesamten Politikerkaste nur noch einmal bestätigt.

Noch auf dem SPD-Parteitag im November hatte Schröder die Medien kritisiert, Politiker-Bashing zu machen. Nun macht er also die Steilvorlage dafür, allein aus Trotz sicherlich nicht. Oder wollte er schon mal vorbauen und für seinen Wechsel zum Aufsichtsratchef schon einem die "gewiss komplizierten demokratischen politischen Prozesse" bemühen?

Die Menschen - das ist klar - sind die ritualisierten Auseinandersetzungen leid. Ich füge hinzu: Sie werden sich auch vom Politiker-Bashing, wo immer es herkommt und wer immer sich darin gefällt, nicht beeindrucken lassen. Ich warne davor, durch eine bestimmte Art und Weise des Sich-Verbreitens die gelegentlich gewiss komplizierten demokratischen, politischen Prozesse zu diskreditieren. Denn am Ende steht nicht mehr Demokratie, sondern wie wir es in unserer Geschichte erlebt haben, sehr viel weniger. Deswegen an die, die es angeht: Lasst davon ab! Das führt zu nichts Gutem!

Während Schröder in seiner Regierung den Menschen eine Reformpolitik vorgesetzt hatte, die von vielen Einschränkungen verlangt, scheint er ganz dem wenig sozialen Prinzip zu folgen, alles zu nehmen, was man kriegen kann. Politik zum Zweck der hemmungslosen Selbstbereicherung, das ist nun mit Schröder Wirklichkeit geworden. Auch wenn er nun vielleicht unter Druck auf das Gehalt, das von manchen wie der Bild-Zeitung auf eine Million Euro im Jahr und mehr geschätzt wird und seinen wohl auch nicht geringen Einkünften von Ringier hinzukommt, verzichten oder es spenden sollte, auch wenn er auf seine Pensionsansprüche verzichten würde, so ist der Schaden nicht mehr gut zu machen, der Schröder natürlich auch zuallererst als Person desavouiert und ihn in die Reihe der Ackermanns einreiht. Von Heuschrecken, Kapitalismus oder Auswüchsen des Neoliberalismus braucht die SPD im Boot mit Schröder nicht mehr zu sprachen.

Man muss sich natürlich auch nachträglich fragen, wie es um die Glaubwürdigkeit einer Politik und eines Regierungschefs bestellt ist, wenn einer wie Schröder derart politisch unsensibel handelt. Den Aufschrei musste er vorhersehen, ebenso die mit seiner Entscheidung einhergehende Unterminierung sozialdemokratischer Werte. Jetzt arbeitet er im Vorstand neben dem ehemaligen Stasi-Major Matthias Warnig, der auch ein alter Putin-Spezl ist, zudem ist der Geschäftssitz der Pipeline-Betreibergesellschaft NEGP (51% Gazprom und jeweils 24,5% BASF und E.ON) in Zug, in einem Steuerparadies der Schweiz. Auch das ist für Sozialdemokraten ein Schlag ins Gesicht.

Seltsam leise sind bislang noch die kritischen Töne. Sicher, Schröder hat den Job als Privatperson angenommen, aber wohl auch bereits als Regierungschef die Wege dazu eingeleitet. Daher betrifft dies nicht nur den privaten Schröder, sondern den SPD-Regierungschef, der schließlich auch lange Parteivorsitzender war. Die SPD sollte nicht lange zögern und um Schröder wie einst die CDU um Kohl herumschleichen, sondern ihn aus der Partei ausschließen, um ein deutliches Bekenntnis zu setzen, dass sie nicht gewillt ist, Schiebereien und persönliche Profitsucht unter dem Deckmantel sozialdemokratischer Politik zu decken.

Die Bundesregierung sollte hingegen schleunigst einen Ethik-Kodex oder eine Karenzzeit für Minister auf Bundes- und Landesebene sowie für Staatssekretäre beschließen. Danach sollten diese erst fünf Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt für ein Unternehmen arbeiten dürfen, mit dem sie in ihrer Amtszeit viel zu tun hatten.

Update

Gerhard Schröder hat nun zu den Vorwürfen gegenüber der Süddeutschen Zeitung Stellung genommen. Danach ist ihm Freitag – also ganz überraschend und unvorbereitet – "von russischer SeiteW der Vorschlag unterbreitet worden, im Aufsichtsrat mitzumachen. Das sei ihm eine "Ehrensache" gewesen. Warum es sich um Ehrensache handelt, erfahren wir nicht, dafür aber, dass angeblich nie über Geld gesprochen wurde und die zirkulierenden Vorstellungen sowieso viel zu hoch seien. Weil das alles "völlig aus der Luft gegriffen" sei, will Schröder juristisch gegen solche Behauptungen vorgehen. Danach müsste er auf jeden Fall unter 200.000 Euro jährlich verdienen, also die "übliche Aufwandsentschädigung".

Kritik auch von SPD-Genossen findet Schröder "wenig hilfreich". Man fragt sich natürlich bei was. Angeblich ist es ihm einfach zu langweilig, also will er was machen. Warum also nicht die Pipeline, die er schon länger unterstützt habe? "Ich bin erst 61 Jahre alt und will arbeiten. Ich will meiner Frau nicht daheim auf den Wecker fallen", meinte er, Aber hätte es da nicht auch Tausend andere Möglichkeiten gegeben?

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21554/1.html
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