Heuschrecken über Heuersdorf
Ein deutsches Dorf verliert, doch Amerikaner auf beiden Seiten gewinnen
Telepolis berichtete bereits im Juli über den historischen Ort Heuersdorf, der von der Erdoberfläche verschwinden soll, weil darunter 50 Millionen Braunkohle lagern (Der schmutzige Kampf um die Kohlekraft). Am 25.11. entschied der Sächsische Verfassungsgerichtshof, dass die Devastierung des Dorfes dem Gemeinwohl nicht entgegensteht. Der aus den USA extra eingereiste, des Deutschen allerdings nicht mächtige Chef der Holdingfirma hinter der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) zeigte sich ob des Urteils "nicht glücklich, aber erleichtert". Die Heuersdorfer wehren sich nun gegen die Ansiedlung auf einem "Kippengelände ehemaliger Braunkohlebetriebe". Aber immerhin: Ein Heuersdorfer ist WWF Climate Hero geworden.
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| Die Bagger rücken immer näher: Schon heute hört man im Dorf das Quietschen der Maschinen. Die ersten Grundstücke könnten bereits ab Mitte 2006 selbst unter die Schaufelräder kommen |
Wie viel sind 700 Jahre Baugeschichte wert? Kann ein 125-Seelen-Dorf 50 Millionen Tonnen Kohle aufwiegen? Und kann man nicht nur neue Wohnungen, sondern auch eine neue Heimat errichten?
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Dies sind nur einige der Gesichtspunkte, über die das Gericht nichts verlautbarte. Denn auch wenn der Vorsitzende Richter vor der Urteilsverkündung meinte, es gehe mitunter um "menschliche Fragen", verdeutlichte das Gericht abschließend, es habe nicht gewertet, "ob hier politische Vernunft waltete".
Geklärt wurde stattdessen, ob ein noch eigenständiges Dorf laut Bergbaugesetz von 1980 gänzlich zerstört werden darf, um an die fossilen Brennstoffe darunter zu gelangen. Stadtteilen wird im Übrigen dieses Klagerecht gar nicht erst eingeräumt. So könnte Heuersdorf der letzte solcher Fall in der deutschen Rechtsgeschichte sein.
Die verbleibenden Heuersdorfer sollen nun ins benachbarte Städtchen Regis-Breitingen umgesiedelt werden, wo ein neues Viertel für sie entsteht. Obwohl der Vorort mit dem Fahrrad von Heuersdorf aus zu erreichen ist, ginge für fast alle verbliebenen Bürger ein funktionierendes Umfeld verloren. Solche Nachbarschaftsstrukturen seien, so die Heuersdorfer, nicht beliebig reproduzierbar.
Interessant wäre es gewesen herauszubekommen, ob die Mibrag tatsächlich Insolvenz hätte anmelden müssen, falls Heuersdorf bestehen geblieben wäre. Die Frage stellt sich nicht mehr, doch manche Dorfbewohner vermuteten, dass Vattenfall - der schwedische Betreiber des benachbarten Braunkohlekraftwerks - nach einem Sieg von Heuersdorf die Mibrag übernommen hätte. Das Kraftwerk kann ohne eigenen Tagebau nicht wirtschaftlich betrieben werden. Das Dorf hätte aber bestehen bleiben können, die Gewinnspanne der Mibrag wäre weggefallen, und an der Betriebsbilanz von Vattenfall hätte sich unterm Strich nichts geändert. Vattenfall hätte die Übernahme problemlos verkraften können, ist das Braunkohlegeschäft der Firma doch seit Jahren stark profitabel. Ausgeblieben wäre nur die Gewinnausfuhr in die USA.
Das Dorf kann sich nun nicht mehr nach dem Urteil als Gemeinde gerichtlich wehren, so Ortsvorsteher Horst Bruchmann, aber die einzelnen Bürger schon: In einer Pressemeldung vom 14.12. verkündet Dirk Reinhardt, Sprecher des Für Heuersdorf e.V., dass einige Heuersdorfer bereits im Oktober und November 2005 Bodenproben von der TERRACHEM Essen GmbH haben untersuchen lassen, weil ihr erdachtes neues Wohnviertel namens "Am Wäldchen" auf dem Kippengelände eines DDR-Braunkohlenwerks gebaut wird. Der Befund: Das Labor meldete Konzentrationen von Kohlenwasserstoffen und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, die "deutlich über den für Wohngebiete zulässigen Prüfwerten" lägen. Nun hoffen die Heuersdorfer, dass der Abriss ihres Dorfes zumindest aufgeschoben werden kann. Wenn der Aufschub lange genug dauert, könnte die Mibrag gezwungen sein, vorerst um das Dorf herum abzubaggern. Vermutlich, so Reinhardt, wird die Mibrag aber schon vorher vollendete Tatsachen schaffen.
WWF Climate Hero: Ein Amerikaner in Deutschland
Einen Clou hatte die Auseinandersetzung mit der Mibrag für einen Heuersdorfer doch noch: Der Energiebeauftragte des Dorfes, Jeffrey Michel, wurde vom World Wildlife Fund 2005 zum Climate Hero ernannt.
Michel kam 1970 als Audioingenieur nach Lahr im Schwarzwald zur Firma Thorens, wo er den 1976 vorgestellten Empfänger AT 410 entwarf. Durch Zufall lernte er damals einige Ostdeutsche kennen, deren Schicksal - auch das ökologische - ihn nicht mehr losließ. Fast 15 Jahre lang versorgte er sie heimlich mit Informationen über die Umwelt.
Bei der Wende war Michel bereits zu einem Experten der ostdeutschen Braunkohleindustrie geworden. Im April 1990 erschien sein Beitrag "Düstere Aussichten für reine Luft" im "Deutschland Archiv", den der WWF "groundbreaking" nannte: Michel beschrieb die Mammutaufgabe einer Sanierung der Kohleindustrie im Osten für das vereinte Deutschland.
Als ich 14 Jahre später über die Kohlekraft schrieb (Die Kohlekraft heute) und wissen wollte, wie viel Fläche der Abbau von Kohle in Deutschland schon verschlungen hat, fragte ich beim Umweltbundesamt nach. Die Antwort verblüffte mich: "Wir führen keine Statistiken darüber, aber fragen Sie bei Jeffrey Michel nach." Der Verweis auf Herrn Michel kam ohne Angabe von Email-Adresse, Telefonnummer oder sonstigen Informationen - ganz so, als wüsste jeder, wer das ist. Und tatsächlich kannte ich ihn schon, denn ich war schon auf seine Ideen gestoßen, aus Heuersdorf ein virtuelles Kraftwerk zu machen.
2005 veröffentlichte Michel das 100-seitige Werk Status and Impacts of the German Lignite Industry im Auftrag einer schwedischen Nichtregierungsorganisation, die sich ursprünglich mit Umweltbelastungen durch sauren Regen beschäftigte. Was als wissenschaftliche Aufarbeitung begann, ist zu einer unterhaltsamen Kulturgeschichte über und zu einer Liebeserklärung an die Menschen geworden, die mit dem Alltag im Osten zurechtkommen mussten. Schade, dass bisher kein deutscher Verlag Interesse an einer Übersetzung des Werkes gezeigt hat.
Während die Mibrag argumentiert, dass die Devastierung von Heuersdorf Arbeitsplätze sichern werde, weist Michel in seiner Studie darauf hin, dass die Zahl der in der ostdeutschen Kohleindustrie Beschäftigten von rund 140.000 Ende der 1980er auf weniger als 9.000 heute gesunken ist. Und mit dem Blick eines Amerikaners erwähnt er das Buch Lost landscapes and failed economies, das eindrucksvoll beweist, dass die Kohleindustrie nicht nur unweigerlich zur Landschaftszerstörung führt, sondern auch durchaus lokale Arbeitsplätze vernichten kann. Außerdem zeigt Michel, dass die Kohleindustrie seit der Wende Arbeitsplätze verspricht, während die tatsächlichen Zahlen unablässig sinken und alte Verheißungen nicht eingehalten werden.
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| Emmauskirche in Heuersdorf |
Nun trauert Michel um den baldigen Abriss der 1297 urkundlich erwähnten Emmauskirche in Heuersdorf - es ist die älteste Wehrkirche Sachsens. Der Kampf ist vielleicht verloren, aber er hört nicht auf, auf Fehlermeldungen in der Presse zu reagieren. Als die Leipziger Presse nach der Urteilsverkündung behauptete, die benachbarte Stadt Regis-Breitingen müsse nun für die Gerichtskosten Heuersdorfs in Höhe von 25.000 Euro gerade stehen, weil das Dorf bald nicht mehr existieren wird und deshalb nicht haftbar gemacht werden kann, wies Michel auf die Rücklage Heuersdorfs von "rund 50.000 Euro hin, die bei der Eingemeindung [Heuersdorfs] im Oktober 2004 von der Stadt übernommen wurde."
Michel ist zufällig auch noch aus New Orleans, und er befürchtet, diese Stadt könnte eines der ersten Opfer der Erderwärmung sein, gegen die er so lange gekämpft hat. Angehörige Michels haben ihr Haus in der Flut verloren. Auf die Frage, ob seine Herkunft aus New Orleans und sein Interesse an der Energie irgendwie zusammenhängen wie beim Autor Ken Silverstein, antwortete er sarkastisch: "Vielleicht war da etwas in den Kidneybohnen mit Reis (red beans & rice), die die Energie für uns interessant machte. Die Antwort lässt sich meines Erachtens aber nicht auf Biogas reduzieren."
In Heuersdorf kann er vor den anrückenden Schaufelradbaggern nicht mehr lange bleiben. "Aber", sagt er, "der Mississippi lehrt uns, dass wir immer auf das nächste Schiff steigen und hinfahren können, wo wir wollen."
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21598/1.html- die Thematik nicht ganz verstanden (31.12.2005 19:30)
- Re (26.12.2005 2:44)
- Ich denke gerade an mein Heimatkaff... (23.12.2005 22:05)
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