Erfolg hat, wer glücklich ist

Florian Rötzer 19.12.2005

Aufgrund einer umfangreichen Auswertung von Forschungsliteratur kommen Psychologen zum Schluss, dass nicht der Erfolg glücklich macht, sondern die Glücklichen oft durch Erfolg in Arbeit, Beziehungen und Gesundheit belohnt werden

In welchem Verhältnis stehen Glücksgefühl und Erfolg in Beruf, Beziehungen oder Einkommen zueinander? Spontan würden viele wohl zu einer Art von Belohnungstheorie pder Leistungsmoral neigen. Eine Folge von Erfolg wäre dann eben, dass man glücklich wird. Nach einer umfangreichen Auswertung von Forschungsliteratur sind Psychologen zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht so einfach ist (The Benefits of Frequent Positive Affect: Does Happiness Lead to Success?,, Psychological Bulletin 2005, Vol. 131, No. 6, 803–855). Nicht nur Einzelne, sondern auch Gemeinschaften oder Staaten haben größeren Erfolg, weil sie glücklich sind. Damit wären die Bedrückten, Depressiven und Missgelaunten noch mal schlechter dran.

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Wer glücklich in die Welt schaut, kommt dort auch besser an. Emo von Lesley Axelrod. Bild: thinktank.ac

Wenn es denn zutreffen sollte, was Sonja Lyubomirsky (University of California, Riverside), Laura King (University of Missouri, Columbia) und Ed Diener (University of Illinois at Urbana-Champaign) bei ihrer Auswertung von 225 unterschiedlichen Studien (Langzeit- und Querschnittsstudien sowie Experimente), an denen insgesamt 275.000 Versuchspersonen beteiligt waren, herausgefunden haben, dann könnten auch für die Vertreter der Leistungsideologie düpiert sein. Nicht Arbeit und Leistung ziehen Glücklichsein nach sich, sondern wer bereits glücklich ist, wird oft genug noch einmal durch Erfolg belohnt. Auf jeden Fall sind "chronisch glückliche" Menschen in aller Regel, wie auch immer die Kausalität ist, auch im persönlichen und beruflichen Leben erfolgreicher. Glücklichsein würde dann sich selbst verstärken, während man einfach Pech hat, wenn man als Melancholiker oder Nörgler auf die Welt gekommen ist.

Nach den Psychologen sind viele Forscher auch deswegen dazu verführt worden, Glücklichsein als Ergebnis von Erfolg zu betrachten, weil die Kriterien, die gesellschaftlich als Zeichen für das Glücklichsein vorherrschen, auf Erfolg verweisen: ein ausreichendes Einkommen, körperliches und psychisches Wohlbefinden oder langes Leben. Erfolgreich ist man im Allgemeinen, wenn man die Dinge erreicht, die in einer Gesellschaft als anstrebenswert und daher als wertvoll gelten.

Andererseits haben eben viele Studien gezeigt, dass Menschen mit positiven Gefühlen ihre Umwelt auch positiver betrachten und sensibler für die Belohnungen aus ihrer Umwelt sind. Sie sehen eher die Möglichkeiten als die Schwierigkeiten. Und da sie auch den anderen Menschen wohlwollender gegenübertreten, kommt diese ihnen daher offener entgegen. Glückliche Menschen, so zeigen Studien, schneiden schon besser in der Schule und an der Universität ab, kriegen leichter und auch bessere Jobs, werden besser bewertet und steigen schneller auf, sind produktiver, besser im Managen und auch zufriedener mit ihren Jobs. Zudem lassen sich Korrelationen zwischen Einkommen und Zufriedenheit mit dem Leben feststellen. Glückliche Menschen helfen und engagieren sich stärker, dafür haben sie auch mehr Freund und erhalten mehr Unterstützung. Und glückliche Menschen sollen auch gesünder sein und bessere und stabilere Beziehungen haben.

Ein schöner, sich selbst heckender Kreislauf also, der natürlich nicht allgemein zutrifft, wie die Psychologen sagen, aber für den doch einiges spricht, auch wenn es sich nur um eine rosarote Brille handelt, durch die die Glücklichen im Akt der Selbsttäuschung schauen. Als glücklich verstehen die Forscher die Menschen, die öfter positive Gefühle wie Freude, Stolz oder Interesse zeigen und weniger oft ängstlich, ärgerlich oder traurig sind. Die "chronisch Glücklichen", um die es ihnen geht, zeichnen sich durch die Dauer oder Häufigkeit der positiven Gefühle, nicht unbedingt durch deren Intensität aus. Jetzt müsste man also nur noch eine Möglichkeit finden, Individuen, Gruppen oder gar Nationen glücklich gestimmt zu machen, damit der sich selbst verstärkende Kreislauf in Gang kommt und schließlich alles wie von selbst läuft.

Die Psychologen machen immerhin auch darauf aufmerksam, dass glückliche Menschen natürlich auch Erfolg in ihren jeweiligen Nischen haben, die nicht immer gesellschaftlich begrüßenswert sein mögen. Ein glücklicher Mensch ist auch als Gang-Mitglied, als Mafia-Boss oder als Betrüger erfolgreicher. Andererseits können, so gestehen sie ein, auch "leicht unglückliche" Menschen mit entsprechenden Begabungen wie Intelligenz, Fleiß oder Ausdauer sehr erfolgreich sein. Nur Glücklichsein hilft auch nichts, wenn nicht die anderen Fähigkeiten auch da sein müssen. Und zudem kann das Übersehen von Problemen – der "depressive Realismus" – auch zu Schwierigkeiten führen.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21611/1.html
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