Die Sex-Cam-Matrix

Thomas Pany 20.12.2005

"Kollaterale Effekte der neuen Technologien": Eine Amateur-Porno-Karriere aus dem Kinderzimmer

Im Jahr 2000 war Justin dreizehn Jahre alt, ein Einzelgänger, der sich viel mit Computern beschäftigte und ein kleines Geschäft für die Entwicklung von Webseiten am Laufen hatte. Als ihm ein Freund die Webcam zeigte, die er vom Internet-Provider EarthLink bekommen hatte, änderte sich Justins Leben beinahe von einem Tag zum andern.

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Im Laufe der nächsten fünf Jahre sollte der amerikanische Teenager sein Taschengeld um mehrere hunderttausend Dollar aufbessern. Seit Sommer dieses Jahres ist er Kronzeuge für das FBI und seit gestern eine landesweite Berühmtheit in den Staaten. Der Fall "Justin Camboy" beleuchtet eine Amateur-Porno-Karriere unserer Zeit - die Fleisch gewordene Angstvision von Eltern, Pädagogen und Psychologen.

Am Ende dieser Karriere sieht vieles nach einem Happy End für die Guten und der verdienten Strafe für die Bösen aus. Justin ist mit sich und der Familie wieder im Reinen; er hat zu Gott zurückgefunden, seine Mutter und seine Großmutter sind stolz auf ihn, denn er hat den Mut gehabt, alles auszupacken trotz massiver Drohungen seiner Kunden, trotz seines Vaters, der nach einer Zeit Teilhaber an seinem lukrativen Business war. Das FBI hat mehrere so genannter "Predators" - in diesem Fall Erwachsene, die Jugendliche zu strafbaren sexuellen Handlungen verleiten -, verhaftet, vor Gericht gebracht, neue Namenslisten bekommen, neue Erkenntnisse gewonnen. Und die New York Times hat einmal mehr gezeigt, wozu investigativer Journalismus einer großen Zeitung imstande ist - zu Zeiten, in denen das Internet, insbesondere Blogger in den USA den viel geschmähten Mainstream-Medien so sehr zusetzen, dass vielen Chefs und Mitarbeitern der Traditionsblätter angst und bange wird.

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die der NYT-Journalist Kurt Eichenwald auf acht Seiten (im Web) erzählt>: fünf Jahre aus dem Leben eines jungen Teenagers, der vom Computer interessierten "Loner" zu einer "Camwhore" (Kamerahure) wird, sich später auch im "echten" Leben mit seinen Freiern trifft, schließlich andere "Camboys" zum Mitmachen auf seiner Webseite einlädt und damit zu einer Art Zuhälter wird. Große Aufmerksamkeit für diese Geschichte ist garantiert, da sie die Angst und den Horror unzähliger Eltern vor dem, was ihre Sprößlinge mit Computer und Internet anstellen, mit einem authentischen und, wie es aussieht, exemplarischen Fall nährt. Für die New York Times dokumentiert die Porno-Karriere des heranwachsenden Justin die "kollaterale Effekte der neuen Technologien".

Der Anfang eines neuen Lebens

Wie viele andere abgründige Geschichten beginnt auch diese harmlos. Justin besorgt sich eine Webcam, schließt sie an seinen Computer seinem Zimmer, wo er auch schläft, auf, postet sein Bild auf spotlife.com und hofft damit online neue Freunde kennenzulernen, im wirklichen Leben hat er nicht viele - "vielleicht sogar Mädchen in meinem Alter". Schon Minuten später gib es die erste Reaktion, allerdings nicht von Gleichaltrigen: erst ein Mann, dann ein anderer, einige, die sich als junge Mädchen tarnen, wie sich später herausstellt. Es werden immer mehr. Freundliche Unterhaltungen über "Instant Messaging", ohne jeden bedrohlichen Ton, so Justin, der Spaß an seiner neue Online-Community hat. Und sie sind großzügig: Für "Justin Camboy" wird eine wish-list bei Amazon eingerichtet, er bekommt, was er sich wünscht: Computerzubehör, Spielzeug, CDs, DVDs. "Amazon liefert, ohne dass seine Adresse an die Käufer weitergegeben wird.".

Der Anfang eines neuen Lebens. Doch schon hier stellen sich ein paar Fragen, die in der Reportage nicht beantwortet werden. Erzielt man so schnell eine derartige Aufmerksamkeit, wenn man seine Webcam-Bilder irgendwo ins Netz stellt? Oder nur dann, wenn man weiß, wo genau man seine Bilder posten sollte, um diese Aufmerksamkeit zu finden? Macht man sich als Teenager keine Gedanken über die Motive von Leuten, die einem teure Geschenke nachhause schicken? Was sagen die Eltern zu den vielen Amazon-Lieferungen?

Alles, was mir je zu Ohren gekommen ist, war, dass sich Kinder mit Computern beschäftigen sollten und ihnen jede Gelegenheit dazu gegeben werden sollte.

Justins Mutter

Justins Fall ist für Psychologen klassisch. Die Eltern sind getrennt, der Vater weg, die älteren Männer Ersatzpersonen, die ihm emotional geben, was ihm fehlt.

Sie machten mir die ganze Zeit über Komplimente. Sagten mir, wie gut ich aussehe, wie smart ich bin.

Justin

Dann der erste Schritt über die Schwelle: einer der Männer bietet Justin 50 Dollar dafür, dass er sein T-Shirt auszieht. Justin willigt ein und sendet damit eine eindeutige Botschaft, so der NYT-Reporter: Ich tue Dinge für Geld. Die Offerten werden großzügiger, die Forderungen kühner, Schritt für Schritt: in Unterhosen, ohne Unterhosen und so fort. Jedesmal eine leichte Steigerung. Eine Strategie, so der Reporter. Seine These: Während Pädophile früher isoliert waren, gibt ihnen das Netz die Möglichkeit, sich zu organisieren und solche Strategien gemeinsam zu entwickeln. Insgesamt sollen 1500 Kunden per Kreditkarte Geld an Justin bezahlt haben, der Hintergrund von 300 Kunden wurde genauer analysiert: Die Mehrheit der "Predators" sind Männer mit guter Ausbildung: Ärzte, Anwälte, Lehrer, "viele, die mit Kindern arbeiten". Für einige unter ihnen sind es Kinder wie Justin, die manipulativ sind - völlig außer acht lassend, dass hier Erwachsene Kontrolle über leicht zu beieinflussende Kinder ausüben.

Justin erhält sehr viel Geld über PayPal-Konten, seine Computerausstattung wird immer besser, die Kunden haben ihre Ansprüche und bezahlen für bessere Übertragungsqualität. Justin versteckt die Kameras tagsüber, der Rest der Ausstattung ist für sein Computer-Business, das immer besser läuft. Dass seine neuen Webseiten, die er von seinem Kinderzimmer aus betreibt, ganz andere Inhalte haben, als es sich seine Mutter träumen lässt, davon hat sie nichts mitbekommen. Der Junge trifft sich mittlerweile auch mit einigen seiner Gönner, die Körperkontakt suchen; einer mietet schließlich sogar ein Appartment für Justin in der Nachbarschaft, damit dieser mehr Freiheit für seine Auftritte hat, die er sich immer besser bezahlen lässt, über monatliche und vierteljährliche Abonnements. Für private Shows, mit der Möglichkeit detaillierte Wünsche über Instant Messaging zu übermitteln, kassiert er bis zu 300 Dollar die Stunde.

"Eine noch nie gesehene Variante"

Dann werden seine Bilder von Mitschülern im Netz entdeckt, sie verspotten ihn, prügeln ihn. Justin, der ein guter Schüler geblieben ist, verläßt die Schule. Seiner Mutter erklärt er, dass er Schwierigkeiten mit seinen Klassenkameraden hat. Er sehnt sich nach seinem Vater, nimmt wieder Kontakt mit ihm auf und nach Wochen, in denen sein Vater, der wegen Betrug unter Anklage steht, den Kontakt wieder abgebrochen hat, treffen sie sich in Mexiko. Justin ist freigiebig mit seinem Geld, der Vater wird neugierig, sein Sohn beichtet alles. Der Vater scheint begeistert, eine neue Webseite wird entwickelt: "mexicofriends". Vor einer Webcam hat Justin Sex mit mexikanischen Prostituierten. Ein großer Erfolg: Die Webseite entwickelte sich rapide zu einer äußerst populären Webcam-Porno-Seite, die "Justin zu einem der gefragtesten minderjährigen Porno-Stars im Internet macht." Neue Geschäftspartner folgen, Drogen, erfolglose Versuche, mit seinem Business aufzuhören, zum Teil massive Drohungen seitens seiner Kunden.

Schließlich tritt der New York Times-Reporter als Kunde getarnt in Kontakt mit dem Jungen. Man trifft sich, Justin erzählt. Der Reporter überzeugt ihn davon, sein Leben zu ändern, stellt Kontakt mit einem Anwalt her, das FBI wird eingeschaltet, Schlüsselfiguren werden verhaftet, das Netzwerk fliegt mit Justins Hilfe auf.

Für den Reporter bleibt die haarsträubende Erkenntnis seiner sechsmonatigen Recherchen, dass in jüngster Zeit immer mehr von solchen Amateur-Porno- Web-Cam Seiten ins Netz gestellt werden, diese aber von den Fahndungs- oder Jugendschutzbehörden kaum oder gar nicht wahrgenommen werden. Man wisse zwar, dass es aktuell eine Unmenge von Web-Cam-Seiten gibt, aber nicht, dass Minderjährige dort Bilder von ihnen für Geld verkaufen.

We've been aware of the use of the Webcam and its potential use by exploiters. But this is a variation on a theme that we haven't seen. It's unbelievable.

Ernest E. Allen, Direktor des National Center for Missing and Exploited Children

Viele Minderjährige, die Porno-Webcamseiten betreiben, sollen sich nach den Recherchen von Eichenwald darüber lustig machen, dass nur Kunden von ihren Netzaktivitäten wissen. Es sei halt eine "Webcam-Matrix". Ob auch die Unternehmen, die im Kreditkartengeschäft tätig sind und von solchen Seiten profitieren, keine Ahnung von dieser Matrix haben?

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21625/1.html
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