Jedes Fahrzeug wird identifiziert

22.12.2005

In Großbritannien wird mit Tausenden von Kameras zur Nummernerkennung ein nationales Überwachungssystem für die Bewegung von Fahrzeugen aufgebaut

In Großbritannien wird von der Association of Chief Police Officers (Acpo) die Einführung eines landesweiten Straßenüberwachungssystems zur Erkennung der Fahrzeugkennzeichen vorangetrieben. Großbritannien sei Pionier der Technik und ihrer Umsetzung gewesen, so heißt es, und müssen auch weiterhin an der Spitze bleiben. Das auch von der Regierung unterstützte Überwachungsprogramm läuft unter der Devise: Den Kriminellen die Nutzung der Straßen verwehren.

ANPR-Kamera

Die Technik zur Fahrzeugnummererkennung mit Automatic Number Plate Recognition-Kameras (ANPR) gibt es schon über 20 Jahre. In Großbritannien sind Überwachungskameras, die mit von Cambridge Neurodynamics entwickelten neuronalen Netzwerken die Nummern erkennen, Mitte der 90er Jahre in den "ring of steel" um London integriert worden. Damit können alle Fahrzeuge, die in die Innenstadt fahren oder diese verlassen, erfasst werden. Eingeführt wurde der "ring of steel" zur Verkehrsüberwachung und –lenkung, aber auch für Sicherheitszwecke. Mit den Kameras lässt sich auch der Weg eines Fahrzeugs aktuell und nachträglich verfolgen. Über die Fahrzeugnummer kann man nach Daten in allen möglichen Datenbanken suchen, also überprüfen, wer der Fahrzeughalter ist oder ob das Fahrzeug gestohlen wurde, versichert und zugelassen ist etc.

2003 wurde das System mit Hunderten weiterer Überwachungskameras ausgebaut, um die Innenstadt vom Verkehr zu entlasten. Wer in die Innenstadt mit seinem Fahrzeug will, muss seitdem eine Mautgebühr zahlen. Die Kameras erfassen für diese Zwecke die Nummernschilder, um mit dieser Identifizierung festzustellen, ob die Maut bezahlt wurde. Daneben wurden aber auch Überwachungskameras installiert, mit denen sich die Gesichter der Fahrer abbilden und mit einem Gesichtserkennungsprogramm automatisch identifizieren lassen. So erfüllt das Mautsystem, wie jedes andere auch, beispielsweise das deutsche von Toll Collect, prinzipiell zugleich eine Überwachungsfunktion.

Die Überwachung zunächst anhand von ANPR-Kameras soll nun landesweit für alle Autobahnen und größeren Straßen, auch in Städten und Dörfern, eingeführt. Dazu müssen Tausende von Kameras aufgestellt und bereits vorhandene Überwachungskameras aufgerüstet werden. Nach der Acpo haben Modellversuche vor allem mit mobilen ANPR-Kameras ergeben, dass deren Einsatz zu einer beträchtlichen Steigerung der Verhaftungen führen. Ein landesweites System würde nicht nur die Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus sowie die Strafverfolgung verbessern, sondern auch die Sicherheit auf den Straßen erhöhen, eine bessere Ahndung oder Verhinderung von Verkehrsvergehen ermöglichen und allgemein die Verbrechensrate reduzieren. Beeinträchtigungen für den Datenschutz sieht man bei der Polizei nicht, schließlich seien auch die Überwachungskameras, mit denen das Land überzogen ist, gut aufgenommen worden. Von vielen würden Überwachungskameras "als Verbesserung der Menschenrechte von gesetzestreuen Bürgern" angesehen.

Auch wenn bereits Gelder in den Aufbau von ANPR-Programmen von der Regierung fließen, reichen diese bei weitem nicht für das Projekt eines nationalen Überwachungssystems aus. Allerdings werden schon ab März 2006 täglich 35 Millionen Fahrzeugnummern, von den bereits vorhandenen Kameras erfasst werden, zentral für mindestens zwei Jahre gespeichert. Mit den Nummern werden Datum, Uhrzeit und Ort mitgespeichert. Wie der Independent berichtet, plant man, möglichst bald Tausende von zusätzlichen fixierten und mobilen Kameras zu integrieren, bis zu 100 Millionen Fahrzeugnummer täglich zu speichern und die Daten bis zu fünf Jahre aufzubewahren. Auch das wären freilich erst zwei bis drei Prozent aller Fahrzeuge. Die Polizei steht in Verhandlungen mit Autobahnbetreibern und Besitzern von Supermärkten und Tankstellen, um die Überwachungskameras mit ANPR aufzurüsten.

Frank Whiteley, Polizeichef von Hertfordshire und der Vorsitzende des Acpo-Ausschusses zur ANPR-Einführung erklärt: "Jedes Mal, wenn Sie mit dem Auto fahren, werden sie jetzt schon irgendwo von einer Überwachungskamera erfasst. Der Unterschied in Zukunft ist, dass auch die Nummernschilder gelesen werden." Interessant an der Speicherung ist, so Whiteley, dass man auch erkennen kann, "wo ein Fahrzeug in der Vergangenheit war und wo es jetzt ist, ob es an einem bestimmten Ort war und welche Wege zu oder von Tatorten genommen wurden". Man kann aber auch mit einem Fahrzeug "verbundene" Fahrzeuge erkennen, also ob Autos in Konvois fahren oder ob jemand mit einem Fahrzeug an einen Ort gelangt und dann mit einem gestohlenen Fahrzeug weiterfährt. In Großbritannien denkt man auch daran, jedes Fahrzeug mit einem Chip zur Erkennung und Lokalisierung auszustatten, womit man ebenfalls Mautgebühren und Überwachung verbinden kann. Dies würde die ANPR-Überwachung ergänzen und vertiefen, aber aus Sicht der Sicherheitsbehörden nicht notwendig überflüssig machen.

Auch die Geheimdienste werden Zugriff auf die umfassende nationale Datenbank mit allen Fahrzeugbewegungen haben. Ergänzt mit der Speicherung aller Kommunikationsdaten, die nun vor allem auf Druck von Großbritannien auch in der EU mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen wird, werden dann die Bewegungen der Menschen im realen und virtuellen Raum weitgehend erfasst. Stattet man in einem nächsten und erwartbaren Schritt die Überwachungskameras auf den Straßen und für den Verkehr noch zusätzlich mit Programmen zur Gesichtserkennung aus, dann ist es nicht mehr sehr weit zur totalen Rundumüberwachung.

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