Die Spaltung der Stadt

04.01.2006

In den Städten droht die soziale Vielfalt verloren zu gehen, die einst Inbegriff von Urbanität war - Beispiel Berlin

Der Wunsch, unter sich zu bleiben, den selben Lebensstil zu pflegen und sich von Fremden zu distanzieren, wird zur Herausbildung zunehmend sozial homogenerer Stadtviertel führen. Damit nicht genug: Mit der Polarisierung sozialer Schichten schreitet die Ausgrenzung mittelloser Menschen in den Städten weiter voran. Das gefährdet den sozialen Frieden.

Fackelnde Autos, randalierende Jugendliche: Welche Folgen die sich verschärfenden sozialen Gegensätze in den Städten haben können, führte der Aufstand in den Pariser Vororten deutlich vor Augen. Auch in Bremen, Köln oder Berlin brannten Autos, nur wenige Kilometer von den schicken Zentren entfernt. Experten beruhigen, französische Verhältnisse seien hier nicht zu erwarten. Das Schreckgespenst einer Revolte der Armen scheint gebannt.

Keine wohnliche Gegend: Problemkiez Kottbusser Tor (Bilder: alle Jörg Brause)

Doch mit steigenden Arbeitslosenzahlen bei gleichzeitigem Abbau der Systeme des Wohlfahrtsstaates, wie zum Beispiel den Sozialwohnungen, steht zu befürchten, dass immer mehr Menschen am unteren Rand der sozialen Skala ausgegrenzt werden und in schlechten Wohnverhältnissen leben müssen. Dass das alles keine Schwarzmalerei ist, darüber waren sich Großstadtpolitiker schon seit längerem einig, stellte der Stadtforscher Hartmut Häußermann sogar schon vor fünf Jahren fest.

Vielfalt und Einfalt

Als "gespaltene Stadt" bezeichnete Häußermann Berlin kürzlich bei den Berliner Streitgesprächen. Einhergehend mit wachsender sozialer Ungleichheit in der Hauptstadt stellte der Soziologe, der an der Humboldt-Universität lehrt, die Auflösung des kleinräumigen Nebeneinanders verschiedener sozialer Gruppen in der Hauptstadt fest. Dabei versprach die Stadt, wie andere europäische Großstädte auch, früher wie heute noch die Aussicht auf ein besseres Leben, sich aus beengten politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt sozialen Verhältnissen befreien zu können.

In die Städte zogen nicht nur Arbeitssuchende. Eine geringere soziale Kontrolle versprach mehr Spielraum selbst für die skurrilsten Lebensentwürfe. Natürlich waren die europäischen Großstädte nie eine Idylle, in der eine Vielzahl sich fremder Menschen gezwungen war, auf engem Raum miteinander auszukommen. Aber das Aneinander-Vorbei von Passanten belebte die Stadt und machte das Leben in der Masse erst zu einem Erlebnis. Über alle sozialen Unterschiede hinweg stellte sich mit der dichten sozialen Vielfalt eine ganz eigene Atmosphäre ein, reich an verschiedensten Lebensweisen und Kulturen, die neben- wie miteinander mal mehr, mal weniger gut auskamen.

Aber die Wege des Unternehmensberaters, der Lehrerin, des Verkäufers oder der türkischsprachigen Putzfrau werden sich zukünftig noch weniger kreuzen auf den Straßen Berlins, als es früher noch der Fall gewesen sein mag. Der eine lenkt seinen Wagen durch den Kreisel am Kottbusser Tor weiter ins Grüne. Die Andere nimmt den Weg in ihre Wohnung in ein Viertel, das ein Beispiel für die prekären Wohnbedingungen in Berlin ist.

Beispiel: ein Problemkiez

Ein riesiger weißer Klotz versperrt den Blick von der Hochbahnstation in die Adalbertstraße. Der Wohnsilo am Kottbusser Tor inmitten des Berliner Stadtteils Kreuzberg wirkt im trüben Winterlicht noch trostloser als sonst. Selbst die gelben Kästchen, die die Fassade in zahllose Balkon-Waben gliedern, heitern das Bild wenig auf. Mitten durch eine Unterführung stauen sich die Autos auf der Straße.

Verwinkelte Gassen führen durch das Wohnsilo in der Adalbertstraße

Viereinhalbtausend Menschen wohnen in dem Kasten, der sich nach rechts und links in das Viertel auswächst. Türken, Araber, Deutsche, Kurden: Doch der Charme einer multikulturellen Gesellschaft scheint sich hier für viele nicht einzustellen. Die Abwanderung ist groß. Insbesondere Familien mit Kindern ab sechs Jahren ziehen weg. Sie wechseln in Stadtteile mit Schulen, auf die weniger ausländischen Kindern gehen, die nicht richtig Deutsch sprechen können.

Dabei hat das Viertel auch reizvolle Seiten. Hinter der Betonburg reihen sich Altbauten die Straße entlang, die dem Neubauwahn der 60er und 70er Jahre nicht zum Opfer fielen. Glatte schmucklose Häuserfronten, auf denen die Farben verblassen. Ein Haus wie das andere. Aufwändige Stuckverzierungen gibt es hier kaum. Auch wenn das alles längst nicht so schick ist wie im Prenzlauer Berg mit seinen Gründerzeithäusern, wo es viele gut verdienende junge Leute hinzieht. In den günstigen Wohnungen finden die Bewohner Platz für individuellen Lebensraum abseits der genormten Grundrisse in Mietskasernen.

Denn nebenan ducken sich die Menschen unterhalb der Balkone durch düstere Passagen entlang kleinerer Geschäfte. Zwei polnische Handwerker kehren plaudernd in einen Dönerladen ein. In vielen anderen Ecken Berlins sucht man nach den türkischen Imbissen vergebens. Über eine Glasscheibe schlängeln sich arabische Lettern, darüber steht auf Deutsch "Fleischer am Kotti".

"Probleme gibt es hier genug - aber der Kiez hat auch seine guten Seiten", heißt es auf den Seiten des Quartiersmanagements. Ein "Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf" sei das Viertel, das Steuerungsgremien aus Stadtplanern und Sozialarbeitern und anderen Experten voranbringen sollen. Die setzen viel in Bewegung für stabile Nachbarschaften und eine sinkende Kriminalitätsrate in einem Bezirk, in dem überdurchschnittlich viele Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger zu Hause sind und die ethnische Vielfalt zu Konflikten führt.

Aus manchem Fenster blickt man in Hinterhöfe, in denen nur öder Beton die Flächen bedeckt. Da ist der Wunsch nach mehr Grün schon verständlich. Vielleicht auch nach etwas mehr Farbe, die den an manchen Fassaden abblätternden Putz übertüncht. Zumindest für den Konsum ist alles da, womit sich der tägliche Bedarf decken lässt. Kleine Gemüsehändler und eine Drogeriekette. Ein deutscher Backshop mit Vollkornbrot. Ein türkischer Bäcker bietet superzuckersüße Küchlein in einem bunten Laden an, dessen orangefarbene Farben etwas Wärme in den dunklen Laubengang abstrahlt.

Nebenan gibt es ein Kiezmuseum. Gegenüber die Wilhelm-Liebknecht-Bibliothek. John Grishams "Sukka Arukati". Bücher in vielen anderen Sprachen finden sich in den Regalen. Aber so gut lesen können viele Jugendliche hier nicht, von denen 40 % keinen Schulabschluss haben. So kommt eine Schwierigkeit zur anderen in diesem Bezirk, in dem die Menschen ärmer und sogar kränker sind als andere Berliner. Aber es gibt auch gute soziale Netze, sagen die Sozialarbeiter. Immerhin etwas, auf das sich bauen lässt, damit alles nicht noch viel schlimmer wird, der Kiez abrutscht und in den nächsten Jahren gar sich zum Slum entwickelt.

Raumkonflikte

Nicht nur der schon lange währende Trend hinaus ins Grüne zu frischer Luft und Ruhe bewegt diejenigen, die es sich leisten können, sozial heterogene Viertel oder die Stadt ganz zu verlassen. Sicherlich schätzen viele Stadtbewohner das abwechslungsreiche Getümmel der verschiedensten Menschen auf den Straßen der Großstadt, finden es aufregend und bereichernd zugleich, Osteuropäern, Türken, und Deutschen zu begegnen auf Berlins Straßen. Doch wenn es um das Zusammenleben geht, gehen viele auf Abstand zu fremden Lebensstilen. Hartmut Häußerman zufolge wünschen sich Städter immer häufiger, "sich von Nachbarn distanzieren zu können, deren Kultur- und Lebensgewohnheiten man nicht mag." Und das betrifft ethnische wie soziale Unterschiede.

Dabei funktioniert der Wohnungsmarkt als Instrument der sozialräumlichen Teilung der Stadt, über das sich die Bewohner um so strikter absondern, je weniger staatliche Regulierungen den Markt einhegen. Wer zahlen kann, kann frei wählen. Und wer viel Miete berappen kann, investiert nicht nur in eine besondere Lage und Qualität der Wohnung.

Wohnungssuchende achten sehr genau auf das soziale Milieu bzw. das Prestige eines Viertels. Für soziale Exklusivität muss eine höhere Miete bezahlt werden, und daher haben die Mieter und die Vermieter die soziale Zusammensetzung eines Quartiers sehr genau im Auge.

Hartmut Häußermann

In Berlin setzte mit tiefgreifenden ökonomischen Veränderungen die Spaltung der Stadt ein. Mit voller Wucht mit dem Ende seiner wirtschaftlichen Sonderstellung nach der Einheit, als das Berlinförderungsgesetz wegfiel. Ab da waren Wirtschaftsbetriebe dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Nach 1990 führte das zu einem Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsstadt. Massen von schlecht- oder unqualifizierten Arbeitern verloren ihren Job. Anhaltende Arbeitslosigkeit führte dazu, dass Arbeiterquartiere zu Armutsquartieren abstiegen.

Der wachsende Dienstleistungssektor konnte diese Entwicklung aber nur teilweise kompensieren. Während die "White Collars" in Werbeagenturen, Medien oder Unternehmensberatungen überdurchschnittliche Gehälter erzielen, entsteht ein größer werdendes Arbeitsheer, das sich als Servicepersonal für Niedriglöhne verdingt.

Statt Grünflächen harter Beton rund um einen Spielplatz

In der Folge drifteten die Berliner immer stärker auseinander in attraktive und weniger gute Quartiere. Ein Trend, den das Monitoring soziale Stadtentwicklung in den letzten Jahren nachgezeichnet hat. Während Wohlhabende im Grünen auf Abstand gehen, teilen sich grob gesagt gut verdienende und arme Bewohner die unterschiedlichen Teile der Innenstadt. In den modernisierten Altbauquartieren werden hohe Mieten fällig, während in den unsanierten Bleiben sozial benachteiligte Menschen unterkommen.

Sozialer Wohnungsbau: Wohlergehen und sozialer Friede

Aber auch Menschen mit wenig Geld war es und ist es möglich, etwas vom urbanen Lebensgefühl zu genießen, das vielleicht in kaum einer Stadt so zu finden ist wie in Berlin. Der soziale Wohnungsbau sorgte dafür, dass in die unterschiedlichen Quartiere auch günstiger Wohnraum eingestreut und zu finden ist. Das ist eine Voraussetzung für soziale Vielfalt. Doch in einer wohnlichen Gegend und nicht "janz weit draußen" leben zu können, wird für Berliner mit relativ geringen Einkommen und Zuwanderer immer schwieriger werden. Denn stetig schränkt der Senat das Angebot an Sozialwohnungen ein.

Dieser Tage stellte die Behörde wieder 40.000 Einheiten "frei" von der Belegungsbindung, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt. Zu Recht titelte das Mietermagazin: Bald ganz Berlin WBS-freie Zone? Ohne WBS, einen Wohnberechtigungsschein, spielt die Höhe des Einkommens für die Vergabe dieser einst mit Subventionen gebauten Wohnungen keine Rolle mehr. Wer "mehr als wenig" verdient profitiert nun von günstigeren Wohnungen. Menschen, die selbst nicht überdurchschnittlich gut verdienen, nehmen den Niedriglohn- und Hartz IV-Empfängern ein Stück Lebensqualität. Für sie bleibt der Rest der Sozialwohnungen übrig, die sich meist in den Großsiedlungen am Rande der Stadt befinden. Dort könnten die Gettos des 21. Jahrhunderts entstehen, je mehr Arme gezwungen sind, dorthin abzuwandern. Eine Entwicklung, wie sie in Großbritannien oder Frankreich schon längst eingesetzt hat.

Besonders hart trifft es Migranten, die auf dem Wohnungsmarkt einer erheblichen Diskriminierung unterliegen. In dem Bericht über die soziale Stadtentwicklung Berlins heißt es dazu:

Die Kombination von Ausländerfeindlichkeit, geringem sozialen Status und niedrigem Einkommen führt dazu, dass Ausländer überwiegend in relativ schlechten Wohnungsbeständen unterkommen.

Jetzt ist kein Verlass mehr auf den Sozialstaat, der noch mit Wohngeld die Folgen sozialer Ungleichheit mildert. Die "europäische Stadt" war stets auch eine soziale Stadt. Anders als in den USA, wo das "public housing" selten über 2 % des Wohnungsbestandes stieg, beliefen sich die verschiedensten Förderungen für die Wohnungsversorgung in Europa auf bis zu 30 %. Und die Förderung hat laut Häußermann viel zu einem behaglichen, vor allem aber friedlichen Zusammenleben beigetragen.

Dadurch wurden jene räumlichen Fragmentierungen nach Einkommen und sozialem Status und ihre sozialen Zuspitzungen vermieden, die in den amerikanischen Städten zu periodischen Unruhen und Aufständen geführt haben - und die dort zu einer alltäglichen Beunruhigung und Bedrohung geworden sind.

Hartmut Häußermann

Die Ausgrenzung geht weiter

Was aber, wenn nach dem Ende des sozialen Wohnungsbaus die steigende Anzahl von Menschen, die von Einkommensarmut betroffen sind, in der Konkurrenz um günstigen Wohnraum unterliegen?

Tausende Berliner Hartz-IV-Empfänger sind gezwungen, in nächster Zeit aus ihrer Wohnung auszuziehen, weil diese zu teuer ist. Gewiss, schon jetzt stehen Sozialarbeiter in Problemkiezen bereit, das Schlimmste zu verhindern. Diese Benmühungen werden nun noch einmal intensiviert, wie die taz mit dem Titel Schöner wohnen im Problemkiez berichtete.

Stadtteilbibliothek im Kiez

Eine neue Kooperation zwischen Senat und Wohnungsbaugesellschaften zum Quartiersmanagement will Stadtviertel mit vielen Migranten und Arbeitslosengeld-Empfängern vor dem weiteren Absturz bewahren. Langfristig sollen so weitere "stabile Nachbarschaften" entstehen. Nicht zuletzt auf solchen Initiativen beruht der Optimismus von Sozialwissenschaftlern und Stadtpolitikern, dass es keine Pariser Verhältnisse in Berlin und anderen deutschen Städten geben wird. An der Spaltung der Stadt ändert das aber erst mal nichts.

Deshalb käme es jetzt darauf an, die Auflösung der sozialen Vielfalt zu stoppen. Die Förderung von günstigem Wohnraum wäre dazu ebenso nötig wie ein Angebot unterschiedlicher Nutzungsformen von kleinen bis großen Wohnungen für Singles wie Familien, für Arme und Wohlhabende, denen überdies eine attraktive Infrastruktur und angenehme Umweltbedingungen zugute kommen. Dabei gehört zum urbanen Leben auch, irgendwie miteinander auskommen zu müssen, ohne gleich dicke Freunde zu werden.

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