Islamistische Yuppies

Thomas Pany 23.12.2005

"Ich will viel Geld haben und die besten Kleider tragen, nur um den Menschen Appetit auf die Religion zu machen."

Wem bei den Stichwörtern "Islamismus" und "Reislamisierung" zuallererst die radikalen und militanten Eiferer des Dschihad und eine bestimmte Art der Bewusstseinsversiegelung gegenüber allem Westlichen einfällt, steht mit dieser Anschauung nicht alleine da. Jede Menge Kommentare in den Medien und in Diskussionsforen befeuern sich an dieser Sicht der Dinge. Und eine ganze Anzahl von Buchautoren lebt davon.

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Doch es gibt auch einen anderen, Blick, der eine einflussreiche Gesellschaftsschicht ins Auge fasst, welche in unserer Wahrnehmung der arabischen Länder oft ausgeblendet wird, die städtische Mittelschicht: arabische Yuppies und deren hedonistisch orientierter Islam, der westliche Einflüsse geschickt integriert und nicht unähnlich zum Neoliberalismus im Westen den wirtschaftlichen Erfolg sucht.

Im Westen sieht man vielerorts (noch) nicht, was der Schweizer Islamforscher Patrick Haenni seit einigen Jahren unter die Lupe nimmt: Tendenzen eines Islamismus im Wandel, die er mit Wort "neoliberal" kennzeichnet und damit in eine ungewöhnliche Nähe zu Phänomenen rückt, die wir nur eigentlich nur in unseren Gesellschaften sehen und erkennen. Doch die Beobachtungen, die Haenni während seines langjährigen Forschungsaufenthalts in Ägypten gemacht hat, verleihen seinen auf den ersten Blick erstaunlichen Thesen, einige Plausibilität.

Seit Mitte der neunziger Jahren sei dem radikalen politischen Islamismus in Ägypten die Spitze gebrochen worden, der Einfluss der berühmt berüchtigten muslimischen Brüderschaft geschwächt. Die nachrückende, jüngere Generation, die in den rigiden Machtstrukturen dieser und anderer radikaler Organisationen keinen Platz mehr für sich gefunden habe, habe sich anders orientiert und sich anderen Einflüssen – aus dem Westen – geöffnet und neue Positionen gefunden, ohne allerdings die traditionellen Bewegungen zu verlassen.

Die gesellschaftlich relevante Neu-Interpretation islamischen Lebens, die daraus entstanden ist – Haenni nennt es "Islam de Marché", so auch der Titel seines neuen Buches -, ist denn auch konservativ geprägt, neokonservativ sozusagen. Die bissige Vokabel ist nicht willkürlich gewählt, denn vieles, was die Dynamik der jüngeren Reislamisierung auszeichnet, nährt sich nach Haennis Beobachtungen von amerikanischen Einflüssen, bzw. von Einflüssen der Globalisierung.

Nach seinen Erfahrungen ist die jüngere Generation skeptisch gegenüber dem großen islamistischen Gestus der Altvorderen, ihre Neu-Interpretation des islamischen Glaubens ist stärker auf das Individuum bezogen, weniger politisch. "Hedonistischer"; wirtschaftlicher Erfolg spielt dabei eine wesentliche Rolle, Vorbilder, Muster und Erfolgsmodelle aus der amerikanischen Unternehmenskultur werden gerne übernommen, diesbezügliche Ratgeber gerne gelesen. Die Älteren haben ihre Schwierigkeiten mit dem neuen Stil, da diese postmoderne Bewegung, die aus den wirtschaftlich besser gestellten Milieus stammt, nach außen alle Insignien des "richtigen islamischen Lebens" zeigt, man ist ja religiös, trägt religiöse Kleidung, erfüllt die religiösen Pflichten und legt großen Wert darauf. Aber der traditionelle islamistische Diskurs werde von den wenig militanten und individualistischen jungen Islamisten "ausgehöhlt".

Die Figur des religiösen "Winners"

Als zentrale Beispiele für die "semantischen Transformationen", die hier schon seit längerem im Gange sind, führt Haenni einmal den neuen Gebrauch des Schleiers an, der mittlerweile seine modischen Spielarten kennt und mit einem anderen Bewusstsein getragen wird. Zum anderen die Auffrischung des traditionellen islamischen Liedes, dem Naschid, mit Popelementen und schließlich die ungemein große Popularität neuer Prediger, die ihren Ruhm ähnlich wie amerikanische Prediger, dem Fernsehen zu verdanken haben und vor allem ihrer Geschmeidigkeit, in ihre Religiosität, moderne Einflüsse und Ideen einzubauen. Für die arabische Welt nennt Haenni den Prediger Amr Khaled als hervorragendes Beispiel. Ein Blick auf seine Webseite in Deutsch überzeugt den Leser schnell davon, dass hier ein anderer als der üblicherweise verdammende Ton gegenüber dem westlichen Kapitalismus angeschlagen wird. "Ich will viel Geld haben und die besten Kleider tragen, nur um den Menschen Appetit auf die Religion zu machen", so Khaled.

Für Haenni sind Amr Khaled in der arabischen Welt und Indonesien Abdullah Gymnastiar Protagonisten, die mit großer Anhängerschaft für eine neue Positionierung des jüngeren Islamismus stehen: "die erste religiöse Alternative, die gesellschaftliche Glaubwürdigkeit gegenüber dem klassischen Islamismus" behaupten kann und Techniken der westlichen Selbstverwirklichung und Geschäftssinn mit muslimischen Moralvorstellungen verknüpfen. Khaled hat Unternehmen aufgebaut, welche streng urheberrechtlich geschützte Kassetten mit seinen Predigten verkaufen und er berät die saudische Fernsehgesellschaft in religiösen Fragen. Im "klimatisierten Islam" ist es vorbei mit der orientalischen Lässigkeit, zu viel Schlaf ist ein schlimmes Laster, Reichtum ein Geschenk des Himmels.

Die individuelle "Succes Story" gehört zum bevorzugten Repertoire eines neuen muslimischen Stolzes. In diesem Rahmen taucht die Figur des religiösen "Winners" auf: wirtschaftlich effektiv, politisch kaum engagiert, kultiviert er die Werte des Reichtums und des Gefühls, es geschafft zu haben; er entwickelt eine religiöse Vorstellungswelt, in der mit der moralischen Verdammung des Profits Schluss gemacht wird. Diese Orientierung bereitet das Feld für einen veritablen "Kulturkampf" im Herzen des sunnitischen Islam: Die neuen religiösen "Entrepreneurs" widersetzen sich der fatalistischen Weltanschauung und dem Regionalismus, der mit dem traditionellen Islam verbunden wird, und stellen dem eine bürgerliche "Markt freundliche", kosmopolitische und aktive Religiosität gegenüber.

Im Visier dieser neuen Bewegung, steht so Haennis beachtenswerte These, das Ziel, "der Umma den Geist des Kapitalismus einzuhauchen, um sie im Konzert der Nationen wettbewerbsfähig zu machen". Man ist gespannt, wie diese Tendenz, die von der arabischen "jeunesse d'orée" ausgegangen ist, von anderen, weniger wohlhabenden Schichten aufgenommen wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21639/1.html
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