"Mein Blog liest ja sowieso kein Schwein"

23.12.2005

Aber der Chef und der Staatsanwalt

Das Bedürfnis nach Öffentlichkeit ist ungebrochen: Die einen blamieren sich in unmöglichen Talkshows im Fernsehen, die anderen führen ein Blog. Während die Kandidaten von "Ehen vor Gericht" sicher sein können, anschließend nicht einmal mehr Semmeln einkaufen zu können, ohne schief angeschaut zu werden, denken Blogger oft, dass sie nur in der kuscheligen Blogosphäre von Gleichgesinnten gelesen werden. Ein Irrtum, der zu Jobverlust und Gefängnis führen kann.

Blogger, denen ihr elektronisches Tagebuch den Job gekostet hat, gab es schon einige. Von der Stewardess, deren luftige Beinpräsentation ihrem Arbeitgeber Delta Airlines nicht gefiel, über den Buchhandelsangestellten, der aber immerhin nachher einen besseren Job fand, oder den Google-Mitarbeiter Mark Jen, der von Google wegen seines Blogs gefeuert wurde, obwohl Google doch Blogger.com gehört.

"Fürs Bloggen gefeuert" lauten dann auch die Schlagzeilen. Doch meistens geht es eigentlich nicht ums Bloggen, sondern um das, was im Blog steht: Ist das negativ über den eigenen Arbeitgeber, so hat das natürlich Folgen (Kritik am Chef im Weblog führt leicht zur Kündigung), die auch nicht besser wären, wenn es im Fernsehen oder angetrunken auf der Betriebsfeier gesagt worden wäre. Nicht ohne Grund ist das Weitergeben von Firmeninterna an die Öffentlichkeit üblicherweise per Arbeitsvertrag verboten und wer es trotzdem tut und dazu kein anonymes Portal wie das einstige "Dotcomtod" verwendet, sondern sein eigenes privates Blog, sollte sich über die möglichen Folgen nicht unbedingt wundern. Er braucht sich ja nur vorzustellen, wie es für ihn wäre, wenn sein Chef ein Blog führt und darin schreibt "Müller kommt jeden Tag zu spät, quatscht alle Mädels an und erzählt, was für ein toller Hecht er ist – der Kerl nervt echt!". Diese Art Blog wurde bisher allerdings noch nicht gesichtet. Chefs haben selten Zeit zum Bloggen.

Das Problem beim Weblog ist, dass man nie genau weiß, wer es liest. Die meisten Blogs liest wirklich kaum jemand, da die Inhalte trivial sind und die Zeit der Mitmenschen begrenzt. Doch sobald etwas Interessantes in einem Blog steht, spricht sich das natürlich herum. Wer also denkt, dass der Arbeitgeber sein Blog nie entdeckt und nur die ihm wohlgesonnenen Online-Freunde dort lesen, ist ziemlich naiv.

Ein Blogger kann sich seine Leser nicht aussuchen

Der Unterschied zwischen Tagebuch und Blog ist nach wie vor, dass Tagebücher üblicherweise nicht von anderen gelesen werden. Zwar verwehren sich die Blogger immer wieder gegen den Begriff "Online-Tagebuch", doch viele Blogs sind wirklich nicht anderes. Der Blogger vergisst, dass die Leser vielleicht anonym sind, doch er nicht – selbst wenn er seinen Namen nicht nennt, ist es mit der Anonymität vorbei, sobald er wiedererkannt werden kann.

Drei siebzehn- und achtzehnjährige Teenager, Blake Ranking, Jason Coker und Nicole Robinette, waren wie viele Teenager stundenlang online und schrieben in ihren Blogs gegenseitig über sich und über Filme, Musik, Freundschaft, Liebe, persönliche Dinge und anderes eher Unwichtiges. Nun wurde eins der Blogs zum Beweisstück in einem Fall von Trunkenheit am Steuer, der für einen der Beteiligten tödlich ausging.

Blake Ranking hatte nach einer Party zu viel getrunken und saß auf dem Rücksitz eines Autos, das Nicole Robinette fuhr. Jason Coker, sein bester Freund, saß auf dem Beifahrersitz. Ranking war den beiden mit seinem Vollrausch auf den Wecker gegangen und sie redeten nicht mehr mit ihm, was ihn ärgerte. Infolgedessen setzte er sich plötzlich während der Fahrt vorne zwischen die beiden. Kurz darauf kam der Wagen von der Straße ab und überschlug sich, wobei alle drei aus dem Wagen flogen. Nicole Robinette wurde verletzt, Jason Coker sogar so schwer, dass er noch einige Monate im Koma lag, bis er starb, da er unter das Auto geraten war.

Tödlicher Verkehrsunfall und Filmriss nach Vollrausch

Blake Ranking konnte sich an nichts mehr erinnern, was bei einem festgestellten Blutalkoholgehalt von 1,85 Promille kein wirkliches Wunder ist. Doch soll er ins Lenkrad gegriffen und so den Unfall verursacht haben, was er auch in seinem Blog geschrieben hatte, wie etliches anderes über den Unfall. Dies ging nicht nur den Beteiligten und ihren Eltern zu weit, ein – inzwischen gelöschter – Blogeintrag gilt mittlerweile als Hauptbeweisstück in der Anklage gegen Ranking.

Ihm drohen 15 Jahre Gefängnis, vermutlich reduziert auf fünf Jahre Gefängnis, zehn Jahre Bewährung und eine lebenslange Führerscheinsperre. Ein Geständnis ist ein Geständnis, ob es nun unter vier Augen, bei der Polizei, in der Kneipe, im Chatroom oder in einem Blog abgelegt wird. Auch wenn der mutmaßliche Täter nun sagt, dies sei kein Geständnis gewesen, sondern er habe nur wiedergegeben, was über ihn berichtet worden war, da er selbst sich an den Abend ja nicht mehr erinnern kann, aber sich schuldig fühlte, weil sein bester Freund gestorben war. Andererseits aber die Mutter von Jason Coker beschimpfte, weil diese ihn im Krankenhaus nicht sehen wollte.

Die Eltern von Jason Coker wollen ihn auch nicht im Gefängnis sehen, aber sie hoffen, dass er endlich aufhört, weiter über sie und Jason in seinem Blog zu schreiben. Statt der Selbsttherapie per Weblog hoffen sie, dass er endlich einen Psychiater zu Rate zieht.

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