Vom Tonfilm bis zum Klingelton
Videoclips in der Popmusik: Älter als MTV
"Video killed the radio star" trällerten die "Buggles" in den 80ern. Doch MTV & Co. gelang es nicht, das Radio zu töten. Dafür brachte das Handy mit seinen Klingeltönen im Jamba-Dauerabo und der zugehörigen Werbung das Musikfernsehen zur Strecke – wer heute auf sich hält, schaut Musikclips auf DVD oder Video-Ipod. Dabei sind die bebilderten Hits viel älter ist als MTV und sogar älter als das Fernsehen und der bewegte Film. Ein Arte-Themenabend widmet sich den Ursprüngen der Musik mit Bild.
Im Radio gab es immer die Trennung in Musik- und Wortsendungen. Und früher auch noch die Trennung in U-Musik und E-Musik. Damit war nicht Untergrundmusik und elektronische Musik gemeint, und auch nicht die Unterscheidung zwischen unanständiger Musik und ekelhafter Musik. Sondern die zwischen Unterhaltungs-Musik (Pop und Schlager, unterhielt und machte Spaß) und Ernster Musik (klassisch und religiös, war eine ernste Sache und durfte folglich keinen Spaß machen).
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| Björk – Human Behaviour (Michel Gondry) (Bild: Arte France) |
Im Fernsehen spielte Musik nur am Samstag abend, als Volksmusik und bei der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck eine Rolle. Und natürlich bei Beatclub, Musikladen und Rockpalast. Bis das Musikfernsehen kam, das in den 80ern die Hits bestimmte und nun gar keine "vernünftigen" Beiträge mehr im Programm hatte, selbst wenn mal keine Musikclips liefen. Als der Plattenbranche die fernsehtauglichen Hits ausgingen, sprangen Jambas "Klingeltonstars" hilfreich in die Bresche, die Sendezeit zu füllen ("Ich habe kaum noch Freunde, das gebe ich zu, aber ich habe viele Abonnenten"). Der Protest der Zuschauer hielt sich in Grenzen, denn es sah bei MTV 1 & 2 und VIVA 1 & 2 sowieso längst keiner mehr zu.
Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen. Der allererste erwähnenswerte Tonfilm – The Jazz Singer – war ein Filmmusical, bei dem die Dialoge eher dürftig ausfielen, da die Langspielplatte oder der auf den Film selbst aufgebrachte Ton noch nicht erfunden war.
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| Pappsüß und nur aufs Geld aus: Madonna – Material Girl (Bild: Arte France) |
Der Videoclip der 80er war dann ein Mischprodukt von Werbung und Musik, von Fotografie und Videofilm, ein absurdes Format, das zwischen Marketinggesetzen und Freiräumen des Kurzfilms laviert. Er erinnert an einen überbegabten, ewig rebellischen Teenager mit Identitätsproblemen, geboren Anfang der 80er Jahre zwischen MTV (1981) und Michael Jacksons Hymne "Thriller" (1983).
Die Musikindustrie sieht in ihm den Zauberspiegel, der ewige Jugend und unbegrenzten Reichtum verspricht. Doch der Videoclip ist inzwischen über 20 Jahre alt – für die Fans der Beatles und der Popwelle der 60er Jahre sogar schon über 40. In Frankreich waren auch Film-Musikboxen, die Scopitones (Auswahl von Scoptitone-Clips), verbreitet. Arte TV widmet einen Themenabend den Zappelfilmchen mit Musikbegleitung und erklärt sie damit zur Popkultur.
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| Björk – Human Behaviour (Michel Gondry) (Bild: Arte France) |
Gezeigt werden Clips, die zu Klassikern wurden und die den Videoclip zum Medium des kollektiven Musikgedächtnisses machten. Zu sehen sind Künstler wie Björk und Michel Gondry, Mondino und Madonna, H5, Jean-Paul Goude und Grace Jones, Spike Jonze, die White Stripes und die Chemical Brothers, Herbie Hancock, Cassius, Michael Jackson, Aphex Twin, aber auch Blondie, Snoopy Dog, Nirvana, die Beastie Boys und David Bowie.
Der Erfolg von Michael Jacksons "Thriller", der noch zwischen Kurzfilm und Werbung für den Megahit schwankte, aber vor allem die Arbeit einer neuen Generation von Fotografen und eine neue Musikergeneration (Madonna, Blondie und Grace Jones) prägten die Regeln dieses Genres und machten es salonfähig. Gerade seine Mischform verschaffte dem Clip die nötige Freiheit und Kreativität, die zu seinem Markenzeichen wurden.
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| Seine erste Gesichts-OP: Michael Jackson – Thriller (John Landis) (Bild: Arte France) |
Auch den Vorfahren des Videoclips wird ein Besuch abgestattet. Sie stammen aus einer Epoche, in der noch vom gefilmten Lied, von Soundies, Scopitones und Vitaphones die Rede war. Und zum Abschluss der Zeitreise gibt es einen frechen Rückblick auf "unsittliche" Clips der letzten 20 Jahre.
Clipstory
Die beiden Musikvideofans Véronique Jacquinet und François Hubert-Rodier zeichnen die 30-jährige Geschichte ihres Lieblingsgenres mit besonderer Berücksichtigung des französischen Marktes nach, von der Glanzzeit seiner Entstehung in den 80er Jahren – der Blütezeit von Mondino, John Landis, Julien Temple und Goude – bis zum Besten des aktuellen Marktes mit Werken von Gondry, Spike Jonze, H5, Chris Cunningham sowie Alex & Martin. Die Dokumentation führt auch zurück zu legendären Clips, die Geschichte schrieben und als Meilensteine auf dem Weg dieser populären Kultur zur Modernität gelten können.
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Außerdem wird die Entwicklung der Gesellschaft und ihres Musikkonsums über Jahrzehnte hinweg betrachtet. Dabei werden auch die technischen Fortschritte in Bildproduktion und Fernsehen unter die Lupe genommen. Die Dokumentation ist eine Reise durch die Epochen und Moden mit ihren Sängern und ihren Videos sowie deren Machern. Ein historisches Konzentrat aus drei Jahrzehnten, zwischen Geschichte, Nostalgie und Popkultur. Der Streifzug führt bis zu den brandaktuellen Musikvideo-Neuheiten, mit Zwischenstopps bei jenen magischen Clips vergangener Zeiten, die richtig schön oder wirklich schlecht, zum Totlachen oder superkitschig sind.
Scopitone, die Musikbox mit Film
In den frühen 60er Jahren, als die so genannte Yéyé-Popwelle Frankreich überschwemmte, wurde in den Cafés für junge Leute die Scopitone-Maschine aufgestellt. Das war eine Art Bilder-Jukebox mit einem kleinen Bildschirm, auf dem Sylvie Vartan, Johnny Hallyday, Eddy Mitchell, Claude François, Petula Clark und andere zu sehen waren – und zwar in Farbe. Zu einer Zeit, als es in Frankreich nur ein einziges Fernsehprogramm gab – aber ohne Musik und nur in Schwarzweiß. Die Filmaufnahmen entstanden alle an der Riviera oder in einem kleinen Wald bei Paris. Die Filme wurden von 1959 bis 1979 gedreht.
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| Anfang der 60er Jahre wurde in französischen Cafés die Scopitone-Maschine aufgestellt, eine Art Jukebox, die auf einer kleinen Filmprojektor-Mattscheibe damals beliebte Songs als "gefilmte Lieder" zeigte. (Bild: Arte France) |
Regisseurin und Produzentin dieser Kurzdarbietungen war Daidy Davis-Boyer, besser bekannt unter dem Namen "Mamy Scopitone". Sie hat diese Scopitone, die Vorfahren der heutigen Videoclips, bei sich zu Hause, bei ihrer Familie, in ihrer Villa in Antibes, in Paris, in ihrem Garten und sogar in ihrem Keller aufgenommen – insgesamt fast 2.000 Scopitone. Sie haben die gesamte Pop-Bilderwelt jener Jahre geprägt und sind heute Teil des französischen Kulturerbes. Der Regisseur Claude Lelouch hat allein über 100 Scopitones gedreht, die Freiheit des Mediums genutzt und seinen Stil geprägt und erzählt von seiner Arbeit. Er selbst fand so auch zu seinem Stil, wovon später seine richtigen, ebenfalls musikgeprägten Spielfilme wie Ein Mann und eine Frau profitierten.
Heute haben die Scopitones den Charme alter Super-8-Urlaubsfilme. Und mitunter mutierten die Bild-Jukeboxen zu Peepshows, denn hübsche, leichtbekleidetete Mädchen, die von unten mit hochfliegenden Röcken gedreht wurden, waren bei den Scopitone-Liebhabern besonders beliebt. Und auch der Clip "Sado-Maso" war – nach absolutem Minimaldreh unter amüsanten Umständen bei Daidy Davis-Boyer in der Besenkammer entstanden – unheimlich erfolgreich.
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Die Dokumentation ist Daidy Davis-Boyer und den Scopitone gewidmet und ist mehr als eine spannende Anthologie der "Yéyé"-Musik. Sie zeichnet das Porträt einer außergewöhnlichen Frau, Fernsehpionierin und Managerin von Varietégrößen wie Django Reinhardt, Edith Piaf, Dizzy Gillespie und Charles Aznavour. Und wie später bei den Videoclips machten die Scopitones auch manchen Künstler erst bekannt, der vorher bei Radio und Fernsehen nicht gefragt war, wie Enrico Macias. Erst das Farbfernsehen beendete diese spezifisch französische Musikfilm-Ära.
Videoclip-Dinosaurier
Vor den Musikvideos gab es bereits etwas Ähnliches: Illustrierte Lieder, Werbeproduktionen mit sexy aussehenden Tänzerinnen, Musik in Bildern. Die Dokumentation "Cliposaurus Rex" lässt die verlorene Welt der vorgeschichtlichen Clips auferstehen, Fundstücke aus dem Dschungel unseres audiovisuellen Gedächtnisses. Da sind die Soundies und Jazzfilme der 40er Jahre mit Aufnahmen von Count Basie und Lester Young, die Cinéphonien und gefilmten Lieder der 30er Jahre mit klassischer Musik und Volksliedern, sowie Zeichentrickfilme und vorsintflutliches Karaoke.
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| Musikclips aus der Zeit vor dem Musikclip: Lilian Roth - "Ain't she sweet" (Bild: Arte France) |
Noch vor den richtigen Tonfilmen gab es in den 20er Jahren die Vitaphone, die Phonoszenen des frühen 20. Jahrhunderts und das Phono-Ciné-Théâtre auf der Weltausstellung 1900. Besonders interessant sind die Song-Slides, die man Ende des 19. Jahrhunderts in amerikanischen Music Halls sehen konnte. Es handelt sich um Illustrationen der damaligen populären Musikerfolge. Fotoplatten, die parallel zu einem Lied gezeigt wurden, um dafür Werbung zu machen. Der Musikclip entstand also tatsächlich in den 80er Jahren – in denen des 19. Jahrhunderts!
Video-Skandale
Madonna im Sado-Maso-Outfit, der tote Boxer Lil'John, Metal-Rock von Rammstein mit Neonazi-Touch, Add N to X mit ihrem sexuell expliziten "Plug Me In". Da die Kommunikationsstrategen der Plattenfirmen schon mal auf Trash setzen, fallen Musikvideos gelegentlich der Zensur zum Opfer.
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| Lupf das Häutchen: Robbie Williams – Rock DJ (Bild: Arte France) |
Die Dokumentation "Verbotene Videoclips! – Die 7 Videosünden" zeigt eine Auswahl zensierter Musikclips mit Szenen, die als "unsittlich" eingestuft worden sind und zu ihrer Zeit nicht öffentlich ausgestrahlt werden durften. Sie dokumentiert damit gleichzeitig, wie sich Moral und Toleranz in den letzten Jahrzehnten verändert haben.
Arte TV Themenabend "Videoclips, eine Geschichte der Popkultur",
Clipstory, Dokumentation, Regie: Véronique Jacquinet, François Hubert-Rodier, Frankreich 2005, 70 Minuten.
Erstausstrahlung Arte TV, Freitag, den 30. Dezember 2005, 22.35 Uhr
Scopitone, der Vorgänger der Musikclips, Dokumentation, Regie: Pascal Forneri Frankreich 2005, 52 Minuten.
Erstausstrahlung der Synchronfassung Arte TV, Freitag, den 30. Dezember 2005, 23.45 Uhr
Cliposaurus Rex, Dokumentation, Regie: Philippe Truffaut, Frankreich 2005, 26 Minuten.
Erstausstrahlung Arte TV, Samstag, den 31. Dezember 2005, 0.40 Uhr
Verbotene Videoclips! – Die 7 Videosünden, Dokumentation, Regie: David Combe, Jean-Marc Barbieux, Frankreich 2005, 26 Minuten.
Erstausstrahlung Arte TV, Samstag, den 31. Dezember 2005, 1.05 Uhr
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