Gott oder die Evolution?

03.01.2006

Die Evolutionstheorie untergräbt den Glauben an den allmächtigen und einzigen Schöpfergott – nicht nur Christen, auch fundamentalistische Muslims versuchen daher, deren Wissenschaftlichkeit zugunsten der Heiligen Schrift zu bestreiten

Nicht nur konservative, bibeltreue Christen, auch Muslims und Juden kämpfen um die richtige Weltsicht und gegen die Evolution. Es liegt auf der Hand, dass man dann, wenn man einer monotheistischen Religion mit einem allmächtigen Schöpfergott anhängt, eigentlich aus Konsistenzgründen die Evolutionstheorie und damit den Einfluss des Zufalls auf die Ausbildung des Lebens oder den Gedanken einer ungerichteten, offenen Entwicklung ablehnen muss. Dabei geht es um das Prinzip, nicht um Details der Evolutionstheorie. Bekannt ist hier vor allem der Kampf der fundamentalistischen Christen in den USA geworden, die es teilweise bereits erfolgreich geschafft haben, dass die Lehre vom Kreationismus oder die etwas geschickter aufbereitete Lehre vom Intelligent Design (Und die Erde ist doch eine Scheibe) im Biologieunterrichtet als gleichberechtigt zur Evolutionstheorie behandelt werden muss. Die Anhänger der biblischen Schöpfung meinen allerdings natürlich, dass die Evolutionstheorie falsch ist und würden sie am liebsten verbannen, trägt sie doch bei zum Werteverfall und öffnet die Tür für den Nihilismus und das Böse.

Gott erschafft Adam. Michelangelo

Mit dem Vormarsch des Fundamentalismus in allen drei monotheistischen Religionen scheint man früherer Liberalität, den Glauben und die Wissenschaften getrennt zu halten und ihnen unterschiedliche Geltungsbereiche zuzuschreiben, wieder aufzugeben, um die Religion, vielmehr: die Heiligen Bücher als oberste Instanz von Wissen und Moral zu etablieren. Dass der Schritt rückwärts aus der Aufklärung mit scheinbar wissenschaftlichen Argumenten sich vor allem gegen die Evolutionstheorie richtet, ist nicht verwunderlich. Erstaunlich ist allerdings, dass die Fundamentalisten ihre Gemeinsamkeit nicht wirklich anerkennen können und dass hier besonders Christen in den technisch und wissenschaftlich hoch entwickelten Ländern die Avantgarde bilden – leider mit einigem Erfolg.

Offenbar tun sich die Menschen vor allem noch immer schwer damit, nicht an der Spitze der Lebewesen zu stehen und den zweiten Platz hinter Gott einzunehmen, nach dem erst einmal lange nichts und dann nur mit einem gewaltigen Abstand folgt. Eine Verwandtschaft mit den Affen, die es sowieso nicht mehr lange geben wird, scheint eine tiefe Kränkung für das über allem Thronende, nur Gott unterworfene menschliche Individuum zu sein. Und die Möglichkeit, dass Leben zufällig oder zumindest ungewollt unter bestimmten Bedingungen entstanden ist und sich ungerichtet weiter entwickelt hat, so dass das sogenannte höhere Leben nicht oder nicht so hätte entstehen müssen, mag für viele schlicht eine Zumutung sein.

Man will kein Überlebender von zahllosen "Katastrophen" sein, sondern ein Exemplar der auserwählten Gattung. Schließlich sind Fundamentalisten notwendigerweise auch davon überzeigt, selbst unter Mitgliedern der "Krone der Schöpfung" wiederum auserwählt zu sein und der einzig richtigen Religion mit der einzig richtigen Heiligen Schrift anzuhängen. Richtig nachdenken will man daher auch nicht, wie die Heiligen Schriften von der Bibel über das Neue Testament bis hin zum Koran zustande kamen und wie sich die Interpretationen im Laufe der Geschichte verändert haben. Der Wille, zurück zur Schrift zu gehen, ist auch der Wille, Geschichte durchzustreichen und aus der Heiligen Schrift zu rekonstruieren.

Die Evolutionstheorie ist eine Folge des Materialismus, der wiederum das Bösen und auch den islamistischen Terrorismus zu verantworten hat

Bislang hat freilich noch keine Evolutionsgegner eine wissenschaftlich falsifizierbare Geschichte des Lebens vorgelegt. Nach der angeblichen Widerlegung der Irrtümer der Evolutionstheorie kommt eben der Glaube, aus dem heraus Wissenschaft als Auslegung, nicht als Durchspielen und Belegen von Hypothesen praktiziert werden soll. Ähnlich wie bei den Christen diesseits und jenseits des Atlantiks lehnt man die Evolutionstheorie auch bei den muslimischen Fundamentalisten ab. Das ist, wie gesagt, für einen Glauben an einen allmächtigen Schöpfergott, der für sein Werk verantwortlich ist, das sich daher nach ihm richten muss, auch konsequent, will man nicht in der Schizophrenie verharren. Würde man in einer solchen Religion die Evolutionstheorie anerkennen, also eine nicht von einem Endzweck regierte, sondern prozessoffene Entstehung und Fortentwicklung des Lebens (und der Welt), dann müsste man auch den Glauben an den Schöpfergott revidieren. Versuche, die Genesis in der Bibel nur metaphorisch zu verstehen, um die Konfrontation zu vermeiden, sind nicht überzeugend, sondern nur eine pragmatische Lösung, die aber zu bekannten dualistischen Schwierigkeiten und Scheinkompromissen führen.

Adam und Eva von Hans Memling

In einer Fatwa kann man beispielsweise lesen:

Es ist eine offensichtliche Tatsache, dass das, was die darwinistische Theorie zu bewiesen sicht, in scharfem Widerspruch zu den Lehren des Islam und auch zu allen Lehren einer von Gott geoffenbarten Religion steht. Daher ist es ein totales Zeichen des Unglaubens, wenn jemand behauptet, dass der Ursprung des Menschen in einem nichtmenschlichen Geschöpf liegt, weil dies die Tatsachen leugnet, die in Allahs Worten über die Schöpfung von Adam und über die Erschaffung des Menschen im Allgemeinen eingebettet sind.

Besonders prominent als angeblich vom Koran geleiteten Kämpfer wider die Evolutionstheorie ist der türkische Autor Harun Yahya, im bürgerlichen Leben heißt er Adnan Oktar. Seine Bücher, übersetzt in mehrere Sprachen, können auch über Websites kostenlos heruntergeladen werden. Die deutsche Website macht schon im Titel klar, um was es geht: www.evolutionsschwindel.com.

Die trügerische Botschaft des Materialismus, der den Menschen auf die Ebene des Tiers degradiert, dessen Existenz unwillkürlich und ohne irgend welche Verantwortlichkeiten ist, hat die Säulen der Moral, wie Liebe, Mitleid, Selbstlosigkeit, Keuschheit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit zerstört. Von dem Motto der Materialisten "das Leben ist ein Kampf" verleitet, betrachteten die Leute ihr Dasein als nichts weiter als einen Widerstreit von Interessen, was zu einer Lebensführung gemäß den Gesetzen der Wildnis führte.

Die Botschaft von Yahya gleicht dabei der von christlichen Gegnern der Evolutionstheorie, auch wenn sie mit simplen Strickmustern formuliert wird. Die Evolutionstheorie kann vor allem deswegen nicht zutreffen, weil sie dem Koran widerspricht. Dass sie ihm widerspricht, liegt auf der Hand, dass sie deswegen nicht wahr sein kann, kann nur für den ein Argument sein, der den Koran als Heilige Schrift und nicht als Buch mit Aussagen und Hypothesen betrachtet, die manchmal Sinn machen, manchmal aber auch nicht.

Auch der Terrorismus wird dem Abfall vom Glauben und damit der Evolutionstheorie zugeschrieben

Mit den angeblich wissenschaftlichen Methoden, mit denen man die Evolutionstheorie als "schlechte Wissenschaft" widerlegen will, geht man allerdings nicht gegen die jeweilige Heilige Schrift vor. Wie bei seinen christlichen Kollegen wehrt sich Yahya vor allem gegen die Idee, der Mensch habe eine auch durch Fossilien gedeckte schrittweise Entwicklung durchlaufen, die von Affen ihren Ausgang genommen hat. Dabei wird die Evolution allzu einfach als lineare Entwicklung verstanden, weswegen der Haupteinwand ist, dass manchmal gleichzeitig verschiedene menschliche Arten existiert hätten. Hingegen wird stets "eine enorme Kluft zwischen Affen und Menschen" mit reichlich willkürlichen Argumenten behauptet. Allerdings gibt es natürlich auch bei den Anhängern der Evolutionstheorie Versuche, diese als Ideologie aufzubauen und aus ihr Lebensprinzipien abzuleiten.

Die materialistische Philosophie, die ausschließlich die Existenz der Materie anerkennt, und annimmt, dass der Mensch eine "Anhäufung von Materie" ist, behauptet dass er nichts weiter als ein Tier ist, dessen einzige Lebensregel "Konflikt" ist. Obwohl der Materialismus als eine moderne, wissenschaftlich begründete Philosophie dargestellt wird, ist der Materialismus in der Tat ein Dogma der Antike, ohne irgend eine wissenschaftliche Grundlage.

Um die Evolutionstheorie zu "widerlegen", werden alle Register gezogen, eben auch die der Alleinvertretung des islamischen Glaubens auf Nähe zu Gottes Wort, was die christlichen und jüdischen Fundamentalisten natürlich ganz ähnlich machen. Daher findet man die muslimischen Argumente auch in den alten christlich-kreationistischen wieder. Der Darwinismus ist schuld an den bestehenden Konflikten, die monotheistischen Religionen und vor allem der Islam haben damit nichts zu tun. Und weil die Wissenschaft noch nicht im Reagenzglas die Entstehung des Lebens reproduzieren konnte, sei es eben wissenschaftlich bewiesen, dass dies auch nicht vor Milliarden vor Jahren hat geschehen können (Science Upholds Creation, not Evolution). So distanziert zwar Yahya den Islam vom Terrorismus, aber macht die islamistischen Terroristen zu Anhängern des Darwinismus, der letztlich sagt, dass sich derjenige durchsetzt, der stärker ist oder weniger Skrupel hat.

Der Darwinismus steht an der Wurzel verschiedener Ideologien der Gewalt, die Unheil über die Menschheit im 20. Jahrhundert brachten. Jedoch ebenso wie diese Ideologien definiert auch der Darwinismus ein 'ethisches Verständnis' und eine 'Methode', die verschiedene Weltansichten beeinflussen konnten. Das grundlegende Konzept hinter diesem Verständnis und dieser Methode ist, 'gegen diejenigen zu kämpfen, die nicht zu uns gehören'.

Gott mit Adam und Eva im Paradies von Lukas Cranach d.Ä.

Aus mehr als Kampf und Konflikt würde der Darwinismus nicht bestehen, hingegen ist der Islam die Lehre von der Toleranz und überhaupt die Religion, die für die Moderne am besten geeignet ist (darüber mögen wir zunächst eingebildet lächeln, aber ähnlich denken die Menschen auch im christlichen Westen):

Der Islam, wie er im Koran dargelegt wird, ist eine moderne, aufgeklärte und progressive Religion. Ein Muslim ist vor allem ein friedfertiger Mensch; er ist tolerant, von demokratischem Geist, kultiviert, aufgeklärt, ehrlich, in Kunst und Wissenschaft bewandert und zivilisiert.

Und diese Art Predigt steigert sich noch, ohne einmal wenigstens ansatzweise selbstkritisch hinterfragt zu werden:

Über Jahrhunderte haben sich Muslime durch ihre Toleranz und Barmherzigkeit ausgezeichnet. In jeder Periode sind sie die gerechtesten und barmherzigsten Menschen gewesen. Alle ethnischen Gruppen innerhalb dieser multinationalen Gemeinschaft übten frei ihre Religion aus, und genossen die Freiheit ihren eigenen Kulturen entsprechend zu leben und ihren eigenen religiösen Riten zu folgen. Tatsächlich ist es die spezielle Toleranz der Muslime alleine, die, wenn sie praktiziert wird wie sie im Quran befohlen wird, der ganzen Welt Frieden und Heil bringen kann. ..

All dies zeigt, dass die moralische Lehre, die der Menschheit im Islam geboten wird, der Welt Frieden, Glück und Gerechtigkeit bringen wird. Der Barbarismus, der in der Welt heute unter dem Namen "islamischer Terrorismus" verübt wird, steht vollständig abseits der moralischen Lehre des Qurans; er ist das Werk von ignoranten, voreingenommenen Leuten, von Verbrechern, die mit der Religion nichts zu tun haben. … Die islamische Religion und die moralischen Lehren des Quran unterstützen den Terrorismus und die Terroristen in keiner Weise, sondern sind, ganz im Gegenteil das Heilmittel, mit dem die Welt von der Geißel des Terrorismus befreit werden kann.

Der alte Feind ist noch immer der Materialismus. Und angeblich sei der auch von der Wissenschaft ebenso widerlegt wie angestaubte Evolutionstheorie aus dem 19. Jahrhundert. Während ein Anhänger der Evolutionstheorie durchaus der Meinung sein kann, dass es – solange nicht das Gegenteil bewiesen ist – prinzipiell einen Gott geben könne, auch wenn er dessen Steuerung ziemlich zurückhaltend einschätzen und der Selbstorganisation einige Bedeutung zugestehen müsste, ist beim Glauben an einen Schöpfergott kein großer Spielraum möglich. Entweder man zieht sich darauf zurück, dass Gott das Universum mit einem Starterkitt geschaffen und sich dann als Beobachter zurückgezogen hat, aber vielleicht gelegentlich in Form eines Wunders interveniert. Das aber hieße wohl, dass man die überlieferte Darstellung des Schöpfungsgeschichte nicht wörtlich verstehen und etwa die Aussage: "Und Gott sah, dass es gut war" nicht übernehmen könnte. Dann aber könnte auch die Schöpfung in Frage gestellt werden – und damit auch die Anerkennung des irgendwie handwerklich Verantwortlichen. Daher ziehen Menschen, die in der Religion eine Rettung der Welt sehen, eher die buchstäbliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte und damit die Figur von Herrschaft und Unterwerfung mit all ihren Konsequenzen vor:

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie [euch] untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!

Allerdings ging es dann mit dem Paradies auch mit den Menschen bergab, weil ab hier die Freiheit und damit doch eine offene Zukunft ins Spiel kam.

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