Eudora – oder die mörderische Geschichte, wer mit wem mailt

Struktur von E-Mail-Freundschaften wissenschaftlich analysiert

Soziale Kontakte sind die Basis menschlicher Gemeinschaften. Soziale Netzwerke beschreiben das komplexe Geflecht aus persönlichen Beziehungen. Seit Jahrzehnten befassen sich die verschiedensten Wissenschaftszweige mit der Definition und Analyse dieser Beziehungsgeflechte. Untersucht werden dabei die Interaktionen zwischen Individuen und ihre Mitgliedschaften in verschiedenen Gruppen. US-Soziologen haben jetzt das soziale Netzwerk einer ganzen Universität anhand des E-Mail-Kontaktes umfassend untersucht.

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Mit den Netzwerken und ihren Strukturen beschäftigen sich unter anderem die Politik- und Wirtschaftswissenschaft, die Ethnologie, die Soziologie, die Sozialpsychologie, die Kommunikationswissenschaft und die Spieltheorie. Erforscht wird die Gesamtheit der Personen und Institutionen, zu denen ein Individuum eigene Beziehungen unterhält. Per Definition ist ein soziales Netzwerk ein

System von Transaktionen (...), in dem Ressourcen getauscht, Informationen übertragen, Einfluss und Autorität ausgeübt, Unterstützung mobilisiert, Koalitionen gebildet, Aktivitäten koordiniert, Vertrauen aufgebaut oder durch Gemeinsamkeit Sentiments gestiftet werden."

Wie werden Bindungen geschaffen und gepflegt und welche Eigenschaften prägen das Knüpfen der Fäden im Netzwerk? Dieser Frage sind Gueorgi Kossinets und Duncan Watts von der Columbia University in New York nachgegangen. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Science stellen die beiden die Ergebnisse ihrer empirischen Analyse eines sich entwickelnden sozialen Netzwerkes vor.

Per E-Mail in Kontakt kommen und bleiben (Bild: Columbia University)

Die Verknüpfungen zwischen Individuen sind wichtig für viele soziale Prozesse wie z.B. Informationsflüsse oder die Verteilungsmuster sozialer Einflüsse. Netzwerke sind dynamische Gebilde und sie erfüllen viele Zwecke für den Einzelnen. Die beiden Soziologen nahmen das Gefüge der Kommunikation an ihrer Universität unter die Lupe, das heißt konkret den E-Mail-Verkehr von mehr als 45.000 Studenten, Lehrbeauftragten, Professoren und Angestellten über ein akademisches Jahr. In den 355 Tagen der Studiendauer belief sich das Aufkommen auf mehr als 14,5 Millionen versandte elektronische Mitteilungen.

Ausgeschlossen wurden Schreiben mit mehr als vier Adressaten, um Mailinglisten, Massenankündigungen sowie Spam auszuschließen und somit tatsächlich die interpersonale Kommunikation abzubilden. Erhoben wurden Zeitpunkt der Sendung, Absender und Empfänger. Der Inhalt wurde nicht aufgezeichnet, die Namen der Betroffenen im Sinne des Datenschutzes sofort anonymisiert. Gleichzeitig wurden die Basisdaten aller Beteiligten, also Status, Geschlecht, Alter, Institutszugehörigkeit, besuchte oder gegebene Lehrveranstaltungen etc. aufgezeichnet und dann verschlüsselt, so dass eine individuelle Identifizierung nicht mehr möglich war.

Anonyme Mailanalyse

Auf diese Weise wurde es möglich, die Struktur der Kommunikation möglichst komplett aufzuzeichnen und die Netzwerklinien sowohl der persönlichen Interaktionen als auch die entsprechenden Gruppenzugehörigkeit abzubilden. Je stärker die Bindung zwischen zwei Personen ist, desto mehr E-Mail-Verkehr haben die beiden – was sich in statistischen Spitzen bei der Untersuchung ausdrückt.

Bei der Analyse der Daten zeigte sich, dass persönliche Ähnlichkeiten wie gleiches Alter oder Geschlecht bei den Verknüpfungen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Ausschlaggebend waren vielmehr gemeinsame Interessen oder ein gemeinsamer Fokus wie z.B. der Besuch des gleichen Kurses, gemeinsame Bekannte etc. Der Status spielte insoweit eine Rolle, als z. B. zwei Studenten, die über einen weiteren Studenten miteinander in Verbindung kamen, eher einen direkten Kontakt etablierten, als wenn der Vermittler ein Professor war.

Das Interaktionsgeflecht zeigte dort die stärksten Linien, wo an gemeinsamen Zielen gearbeitet wurde, bzw. wechselseitige fachliche Unterstützung erfolgte. Persönliche Sympathien aufgrund gleicher Basismerkmale waren nicht ausschlaggebend. Diese Netzwerkstruktur mag speziell davon geprägt sein, dass sie an einer Universität erhoben wurde. Die beiden Forscher schlagen deshalb vor, zur Überprüfung ähnliche Analysen auch in Firmen oder militärischen Netzwerken durchzuführen, um zu überprüfen, ob dort dieselben Regeln gelten.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21740/1.html
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