Was ist Kunst?
Künstler beschädigt Duchamps Urinoir, oder: Warum Kunst und Kunst ganz unterschiedliche Dinge sein können, aber sie vor allem doch ein Kirchenersatz bleibt
Das industriell gefertigte Urinoir mit dem Namen "Fontaine", das Marcel Duchmap 1917 unter dem Pseudonym Richard Mutt zur ersten Ausstellung der neu gegründeten Society of Independent Artists in New York einreichte, bei der er selbst Mitglied war, hat Geschichte gemacht und ist zum Gegenstand unzähliger Nachahmungen und Überlegungen zur Umwertung des Kunstbegriffs geworden. Mindestens seitdem ist die Provokation oder Beantwortung der Frage, was ein Kunstwerk ist, zum Grundbestand der Kunst geworden, die gleichzeitig ihre Begrenzung verloren hat. Obgleich das Readymade hier gar nicht ausgestellt wurde und Duchamp bereits andere zuvor zum Kunstwerk getauft hatte, ist es zum Gründungsobjekt der Konzeptkunst und zum wohl bekanntesten Fetisch der modernen Kunst geworden.
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| Marcel Duchamp: Fountain, 1917. Foto: Alfred Stieglitz, 1917 |
Kann man Werke machen, die nicht Kunst sind?
Am 4. Januar ist der 77-jährige Pierre Pinoncelli in die heute zu Ende gehende Dada-Ausstellung des Centre Pompidou gegangen, die von 350.000 Menschen besucht wurde und daher offenbar Bedeutsames zeigte. Bei sich hatte er einen kleinen Hammer. Ziel seines Besuchs war das auf einem Sockel präsentierte, auf dem Rücken liegende und von Duchamp signierte Urinoir, das er angeblich - wie seine anderen Readymades - ganz ohne Rücksicht auf ästhetische Kriterien ausgewählt hatte.
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Pinoncelli versteht sich als Künstler, als Konzeptkünstler, also als Kollege von Duchamp. An Duchamps Urinoir, also am Alter eines sonst eher mit leichtem Ekel betrachteten Alltagsgegenstands, das zum auratischen Kunstobjekt durch die Taufe eines sich als Künstler verstehenden Mannes erklärt wurde, wollte der Nachfahre Duchamps eine Kunstperformance ausführen. Und das hat er auch geschafft: Er konnte mit seinem Hammer bis zum Kunstwerk vordringen und es leicht beschädigen. Allerdings wurde Pinoncelli deswegen nicht als Künstler gefeiert, sondern von der Polizei abgeführt. Obwohl er doch gerade dem Kunstwerk seine Reverenz erwiesen hat.
Dies war nicht der Akt eines Künstlers, sondern eines Nicht-Künstlers ... Ich wünschte, den Status des Künstlers zu ändern, die zur Definition eines Künstlers benutzt werden.
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| Auch auf dem Plakat zur Dada-Ausstellung im Centre Pompidou wurde das Urinoir zur Ikone gemacht |
Dem Objekt seines Begehrens hatte der Künstler, der hier zum Kriminellen wurde, schon einmal seine Verehrung erwiesen. 1993 beging er während einer Ausstellung in Nimes bereits einen Anschlag mit einem Hammer, um gegen den Kunstmarkt zu protestieren, aber er "entweihte" das Readymade auch insofern, als er es wieder seinem eigentlichem Zweck als Urinoir zuführte: Er pisste nämlich hinein, was angeblich dessen "wirklichen Wert" wiederherstellen sollte. Auch damals hatte der Künstler keinen Erfolg mit seiner Kunstaktion, die das umgetaufte Objekt noch einmal buchstäblich umtaufte und damit eine neue Reflexionsebene der Konzeptkunst erklomm. Es wurde nicht das beschädigte und bepisste Urinoir als Gemeinschaftswerk von Duchamp und Pinoncelli ausgestellt, sondern letzterer wurde zu einer Haftstrafe von einem Monat und zu einer erheblichen Geldstrafe verurteilt.
Zuletzt war Pierre Pinoncelli mit einer schmerzhaften Performance aufgefallen. 2002 hatte er sich mit einer Axt im kolumbianischen Cali die Kuppe seines kleinen Fingers der linken Hand abgehackt - um an die kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt zu erinnern, die einige Monate zuvor von FARC-Rebellen entführt worden war und von diesen weiterhin festgehalten wird (Angst gehört hier zur Politik). Pinoncelli liebte schon immer das Spektakuläre, die dadaistische Aufmerksamkeitskunst, wie sie von Duchamp freilich auf etwas subtilere Weise betrieben wurde. So besprühte er etwa 1969 den damaligen französischen Kultusminister André Malraux in einer Chagall-Ausstellung mit roter Farbe mittels mit einer Wasserpistole. Eigentlich ein harmloser Anschlag. Aber er hat sich auch schon mal seine Kleider auf offener Straße angezündet, fingierte mit einem Gewehr einen Banküberfall oder ließ sich verschnürt und mit Gewichten im Hafen von Nizza ins Wasser werfen.
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| Pierre Pinoncellis blutige Performance in Cali, 2002 |
Einer erneuten Aneignung des angeeigneten Alltagsgegenstandes wird also mit dem Recht und der Kriminalisierung begegnet. Ist die Umtaufe zu einem Fetischobjekt einmal vollzogen und anerkannt, der Gegenstand als Kunstobjekt also zu einer besonderen Ware geworden, der man erhöhte Aufmerksamkeit und damit einen erhöhten Wert zuspricht, treten die Prinzipien in Kraft, mit denen einmalige Objekte als Kunstwerke geschützt, gehandelt und verehrt werden. Und zwar eigentlich im Gegensatz zu Duchamps selbst, der sagte, dass es ihm dann, wenn seine "Werke ohne Kunst" dennoch als Kunstwerke verehrt werden, wohl nicht gelungen sei, "das Problem der völligen Beseitigung von Kunst zu lösen".
Meine Ansicht ist die, dass ein Kunstwerk sehr viele Eigenschaften hat, ja sogar sehr viele, die von ganz anderer Art sind als die Eigenschaften jener materiellen Objekte, die von ihm zwar ununterscheidbar, aber selbst keine Kunstwerke sind. Einige dieser Eigenschaften können sehr wohl ästhetische sein oder solche, die man als ästhetische erlebt oder als "würdig und wertvoll" erachten kann. Um dann aber ästhetisch auf sie reagieren zu können, muss man zuerst wissen, dass das Objekt ein Kunstwerk ist, und somit ist die Unterscheidung zwischen dem, was Kunst ist, und was nicht, vorausgesetzt, bevor eine unterschiedliche Reaktion auf diesen Unterschied in der Identität möglich ist.
Nun muss man allerdings wissen, dass Pinoncelli schon 1993 nicht in das ursprüngliche "Original"-Urinoir von 1917 gepisst hatte. Das ist nämlich verloren gegangen und existierte lange Zeit nur in Form einer Fotografie von Alfred Stieglitz. Obwohl Duchamp ja angeblich mit den Readymades kein Kunstwerk schaffen wollte, hatte er ziemlich schnell beschlossen, nicht allzu viele Gegenstände aus der Banalität des Gewöhnlichen zu heben. Das wäre natürlich eine Banalisierung des außergewöhnlichen Aktes gewesen, einen verbreiteten Alltagsgegenstand zu einem seltenen Kunstwerk zu erklären.
1964 wurden auf jeden Fall acht Repliken des "Fontaine"-Urinoirs hergestellt, mit Billigung des Spielerkünstlers Duchamp. Sie wurden erst durch seine Weihung, also durch ganz konventionelle Signierung zu eben jenen Kunstwerken, die man nur fälschlicherweise "verehrt", also als Kunstwerk ausstellt und hütet und bebrütet. Just so ein Urinoir hat nun Pinoncelli in den heiligen Kunsthallen geschändet. Würde eigentlich gar nichts machen, ginge man nach Duchamp, der sagte:
Ein weiterer Aspekt des Readymade ist, das es nichts Einzigartiges besitzt ... Die Replik eines Readymade übermittelt dieselbe Botschaft; tatsächlich sind fast alle heute existierenden Readymades keine Originale im eigentlichen Wortsinn.
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| Ausschnitt aus: Fontaine, 1917/1964. L'original, perdu, a été réalisé à New York en 1917. La réplique a été réalisée sous la direction de Marcel Duchamp en 1964 par la Galerie Schwarz, Milan et constitue la 3e version. Faïence blanche recouverte de glaçure céramique et de peinture. 63 x 48 x 35 cm. Exemplaire : Rrose. S.D. : R.MUTT / 1917. S.D.R. : Marcel Duchamp 1964. Bild: Succession Marcel Duchamp / Adagp, Paris 2005 |
Wäre da nicht die Signatur, könnte man demnach ohne Probleme ein Urinoir durch ein anderes ersetzen. Aber jetzt muss die Replik restauriert werden, weil sie doch ein Unikat ist. Man könnte ja auch die Unterschrift fälschen, Duchmap hätte konsequenterweise einen Stempel machen müssen, zumal er natürlich wieder mit dem Pseudonym R. Mutt und mit der (falschen) Jahresangabe 1917 unterschrieben hat. Andererseits heißt es, dass die Repliken unter der Aufsicht von Duchamp selbst von der Galerie Schwarz hergestellt wurden, also gleich als "Kunstwerk", wenn auch als "Kopie", was aber nach Duchamp, den Täufer, nichts ausmacht, da irgendwie immer, auch bei Anti-Kunst, Kunst herauskommt. Aber so ist die Welt der Kunst: dunkel, geheimnisvoll, verspielt und oft unverständlich. Eine Sache für Liebhaber und Naive, die nach dem Heiligen im Profanen suchen und ihre Priester finden.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21745/1.html- Kunst ist... (2.6.2006 8:46)
- bauer! [kT] (15.1.2006 14:16)
- nachtrag: sorry fürs tofu und... you've been blogged ;) (12.1.2006 19:59)
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