"10 + 15 - 10 = 25"

Milchmädchenrechnungen um das Überleben im Sozialstaat

"Bunt ist die Welt und granatenstark" hieß es schon bei Bill und Ted. Wenn man Arbeitslosengeld II beantragt, wird sie noch bunter. Ein natürlich völlig frei erfundenes Märchen aus 2005 und 2006.

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Unser Märchen beginnt mit einem Arbeitslosengeldbezieher. Das heißt, eigentlich ist er keiner, er ist nur ein potentieller Arbeitslosengeld II-Bezieher. Denn Al Zwobe, wie wir ihn der Einfachheit nennen wollen, hat einen Antrag auf Leistungen in Form von Arbeitslosengeld II gestellt. Das war im Mai 2005. Danach hat er gewartet – die fehlenden Unterlagen waren ja nachgereicht worden (per Post). Also würde sich sicher bald was tun. Und weil Al Zwobe ja nicht dauernd nerven will, wartet er.

Die Zeit verrinnt, und da ja irgendwoher auch Geld kommen muss, leiht sich Al Zwobe Geld, um z.B. die Miete zu bezahlen. Nach etlichen Monaten ruft er mal zaghaft bei der Sozialagentur an, um zu erfahren, wann denn mit einem Geldeingang zu rechnen ist. Und siehe da: die Unterlagen sind gar nicht angekommen. Etwas, was sich die Sozialagentur übrigens gar nicht vorstellen kann, denn die Post kommt doch eigentlich immer beim Empfänger an.

Aber Dinge passieren, und deshalb soll Al Zwobe die Unterlagen eben nochmal schicken bzw. vorbeibringen. Das macht er auch – aber wieder kommen sie nicht an.

Verluste treten ein

Beim dritten Mal ist er schlauer und steckt sie in den Briefkasten der Sozialagentur. Und dann kommen sie an. Aber Pech! Inzwischen ist die Antragsfrist abgelaufen, und somit müsste Al Zwobe eben einen neuen Antrag stellen. Für die zurückliegenden Monate (Mai bis November) bekommt er logischerweise jetzt keine Leistungen.

Allerdings – er könnte ja nachweisen, dass er die Post tatsächlich abgeschickt hat. Hier zeigt sich Al Zwobe allerdings unkooperativ, denn weder stand neben ihm beim Postkasten die erforderliche Zeugenschar, noch wurde der Brief per Einschreiben verschickt. Also tut er sich schwer mit dem Nachweis.

Aber das ist nicht der einzige Fehler, den der kleine Töffel macht bzw. gemacht hat. Denn dass ein "dann bringen Sie die Unterlagen nochmal vorbei" nicht heißt "schicken Sie sie nochmal oder bringen Sie sie vorbei", sondern vielmehr einen Termin darstellt bzw. eine deutliche Aufforderung, gefälligst persönlich zu erscheinen, das hat er auch nicht verstanden. Es ist kein Wunder, dass die Mitarbeiter von Sozialagenturen verzweifeln bei derlei Unverständnis der Klienten. Und dann diese fehlende Bereitschaft, einfach kreativ den Umstand des Leistungsbezuges zu verändern, sprich: sich selbst um den Lebensunterhalt zu kümmern... deprimierend.

Geld verdienen ist doch ganz einfach!

Al Zwobe beispielsweise erstellt Grafiken für eine Agentur auf Honorarbasis. An diesen arbeitet er drei Tage, alle fünf Tage braucht die Agentur eine. Wenn er Glück hat, wird eine Grafik von ihm gekauft und nicht von einem der anderen Grafiker, die für die Agentur arbeiten, und er erhält 75 Euro dafür. Ja, aber warum um Himmels Willen, erstellt er dann nicht einfach 40 Grafiken im Monat und hat ausgesorgt? Dann bräuchte er doch gar kein Arbeitslosengeld II. Aber sowas fällt natürlich diesem phantasielosen Burschen nicht ein. Schande über ihn. Und dann auch noch mit Ausreden wie "nicht jede angefertigte Grafik wird am Schluss auch angenommen" und dergleichen zu kommen, ist eine Frechheit. Oder mit Argumenten wie dem, das diese 75 Euro noch zu versteuern seien.

Bei der Vorlage der Kontoauszüge der letzten Monate (denn "von irgendetwas haben Sie ja gelebt", so die Sozialagentur) wird diese dann plötzlich kreativ. 100 Euro hat Al Zwobe von einem Bekannten erhalten, um damit etwas vorfinanzieren zu können. Danach hat er das Ergebnis verkauft und die 100 Euro zurückgezahlt, der Überschuss blieb ihm. Während Al Zwobe da eine ganz komische Einnahmen/Ausgaben-Gegenüberstellung aufgemacht hat, ist man bei der Sozialagentur cleverer. Denn eigentlich ist es doch ganz einfach:

100 Euro Einnahme als Vorfinanzierungshilfe
110 Euro Einnahme durch den Verkauf

Das heißt, eigentlich hat er doch 210 Euro eingenommen, sagt man Al Zwobe, der sich recht überrascht zeigt ob der Rechnung. Nach einigen Versuchen gelingt es ihm dann, noch einmal auf seine Einnahmen/Ausgabenrechnung zurückzukommen und dem Mitarbeiter klarzumachen, dass in diesem Fall eben die Ausgaben doch einmal interessieren müssten. Normalerweise sind die Ausgaben der Agentur nämlich egal.

Seit wann gibt man geliehenes Geld denn zurück?

Die erste Hürde ist geschafft, aber jetzt kommen die Leihen ins Spiel. Tja, die Leihgaben der Verwandten – das sind doch wohl Schenkungen, oder? Innerhalb der Familie hilft man sich ja. Al Zwobes Familie hat eigentlich nix zu verschenken, und die Leihen sind vom für die eigene Beerdigung Gesparten der Eltern abgezweigt im Vertrauen darauf, dass Al Zwobe irgendwann Geld von der Agentur bekommt. Blauäugig wie er ist, hat Al Zwobe gedacht, es reicht, wenn er dies angibt und ggf. eidesstattlich bestätigt. Aber nein – natürlich müssen die Leiher dies bestätigen. Und immerhin – er hat es ja geschafft die letzten Monate, bemerkt der Mitarbeiter und wird sogar etwas philosophisch: "Tja, Sie sitzen ja vor mir und haben überlebt", sagt er. Und: "Ja, manchmal möchte man wirklich alles hinschmeißen, nicht wahr?".

"Wahrscheinlich gibt es rückwirkend nichts für Sie", erfährt Al Zwobe und "Ja, die privaten Schulden, die Sie jetzt haben, sind für uns uninteressant. Das ist Ihr Problem."

Der Mitarbeiter wird zunehmend ungeduldiger und ist sowieso ein wenig gereizt. "Ich hatte einen schlechten Tag" murrt er, als Al Zwobe meint, man könne doch freundlicher sein, und ergänzt: "Ich muss nicht freundlich sein". Al Zwobes Erwiderung, er müsse auf seiner neuen Arbeit auch 8 Stunden lang freundlich sein, egal wie ihm zumute ist, wird mit "ich nicht" beantwortet, aber die Tatsache, dass Al Zwobe immerhin eine Arbeit gefunden hat, scheint beruhigend zu wirken.

"Wieviel verdienen Sie denn?", fragt man ihn und er antwortet mit: "800 Euro brutto für 40 Stunden je Woche incl. Überstunden, die man im Verkauf ja durch Kassenabrechnung, Einräumen etc. hat."

"Das ist doch ein ganz gutes Gehalt", freut sich der Mitarbeiter und entdeckt im gleichen Moment noch etwas, was ihn freut. Al Zwobe hat nämlich noch ein zweites Konto. Dort verwaltet er das Geld für den Schachclub, bei dem er mitmacht. Er kauft dann auch mal Getränke für den Club ein etc., aber dafür hat er natürlich keine Quittungen. Das läuft auf Treu und Glauben, ein Konzept, das dem Amt neu ist. Außerdem – geht es jetzt das Amt etwas an, wer bei dem Club mitmacht? Aber natürlich, wird er belehrt. Er hat ja immerhin Vollmacht für das Konto, und deshalb dürfe er keinesfalls etwas schwärzen. Denn Al Zwobe wollte tatsächlich ein paar Sachen schwärzen – die Namen der Einzahler zum Beispiel. Und das geht nun wirklich nicht).

Datentransparenz ist wichtig – vor allem beim Geld anderer Leute

Da muss er jetzt aber erst fragen, meint Al Zwobe, das könne er nicht selbst entscheiden, denn es betrifft ja mehrere Leute. Datenschutz und so. "Datenschutz herrscht bei uns sowieso", meint der mittlerweile wieder genervte Mitarbeiter und will wenigstens einen Zwischenbescheid von demjenigen haben, der Al Zwobe Auskunft wegen des Datenschutzes gibt.

Der Einwand, Datenschutzbeauftragte würden keine Zwischenbescheide ausstellen, weil sie zu viel zu tun haben, wird nur mit einem Seufzen quittiert. Bevor die Kontoauszüge nicht komplett und ungeschwärzt vorliegen, kann man halt nichts machen. Kurzfristig bekommt er noch eine Rüge mit auf den Weg, weil er das letzte Schreiben nicht beantwortet hat. Den Kommentar, er hätte es nicht bekommen, erspart er sich. Post kommt ja immer an. Und so wartet er auch weiterhin auf seine Leistungen und freut sich derweil auf ein Schlückchen Kaffee mit dem Gerichtsvollzieher, der mal vorbeischaut.

Aber all dies ist nur ein Märchen, denn die Mitarbeiter sind immer freundlich und zuvorkommend, Post kommt immer an und auch die anderen Situationen, die hier beschrieben sind, können nicht vorkommen, weil die Mitarbeiter kompetent und hilfsbereit sind, aktuelle Gerichtsurteile kennen und stets dem Leistungsbeantragenden helfen. Und Al Zwobe liegt auch mittlerweile faul in der sozialen Hängematte, lässt sich den durch Arbeitslosengeld II finanzierten Cocktail schmecken und raucht Kette, während er auf die Studenten herunterblickt, die noch -zigmal weniger haben als er.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21756/1.html
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