Österreich im Kaufrausch

Karl Kollmann 12.01.2006

Schwer vorstellbar: Ein Drittel der österreichischen Bevölkerung ist kaufsuchtgefährdet, die Kaufsuchtgefährdung ist trotz der wirtschaftlichen Lage drastisch angestiegen

Der an der Uni Stuttgart-Hohenheim über Jahre entwickelte Kaufsuchtindikator hat sich mittlerweile zu einem guten Messinstrument der Sozialforschung für die Erhebung der Kaufsucht bzw. der Kaufsuchtgefährdung entwickelt. Er unterscheidet mit Hilfe einer sechzehn Fragen umfassenden Skala zwischen "deutlich" und "stark" kaufsuchtgefährdet, wobei im Großen und Ganzen die stark Kaufsuchtgefährdeten wohl - vom Einzelfall abgesehen - zu den Kaufsüchtigen rechnen werden.

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In Österreich wurden im Rahmen einer repräsentativen Erhebung im Jahr 2004 und 2005 alle Über-Vierzehnjährigen mit diesem Kaufsuchtindikator befragt. Das aktuelle Ergebnis: die Kaufsuchtgefährdung ist innerhalb eines Jahres um ein Drittel hochgesprungen. Und nahezu ein Drittel der Bevölkerung ab vierzehn Jahren ist dabei.

In Zeiten rasch steigender Arbeitslosigkeit (in Österreich nun nahezu zehn Prozent), einer mittlerweile hohen Armutsrate (in Österreich rund dreizehn Prozent) und schrumpfender Konsumbudgets (insbesondere durch gestiegene Wohnungs- und Energiekosten) hat sich zwar ein Aufholen mit deutschen Verhältnissen ergeben, es wäre aber durch diese wirtschaftlichen Engpässe eigentlich ein Rückgang des individuellen kompensatorischen Konsumverhaltens, also der Kaufsuchtneigung, zu erwarten gewesen.

Bei der Messung der Kaufsuchtgefährdung unterscheidet man, wie erwähnt, zwischen einer "leichteren", die als deutlich (ausgeprägt) bezeichnet wird, und einer starken Gefährdung. Hier die Vergleichszahlen zum Vorjahr:

Kaufsuchtgefährdung: insgesamt deutlich stark
2004: 24,8 19,2 5,6
2005: 32,5 24,8 7,7

Interessant ist die altersmäßige und geschlechtsspezifische Verteilung, die Jungen - und hier insbesondere die Mädchen und Frauen - sind weitaus intensiver davon betroffen. Bei den 14- bis 24-Jährigen sind fast 60 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer kaufsuchtgefährdet. Insgesamt sind nach der Studie 47,5 Prozent dieser Altergruppe gefährdet, bei den 25- bis 44-Jährigen immer noch insgesamt 37,4 Prozent. Die Kaufsuchtgefährdung geht mit zunehmenden Alter zurück, bei den über 60-Jährigen sollen aber noch über 17 Prozent gefährdet sein, hier liegen übrigens Frauen und Männer gleichauf.

Interessant ist auch, dass es, von Alter und Geschlecht abgesehen, keine sonstigen Unterschiede (etwa Stadt-Land, Bildung, Einkommen usw.) gibt. Allerdings ist ein klar wahrzunehmender Zusammenhang da: nämlich mit Internetshopping.

Gründe für das unkontrollierte Einkaufen

30 Prozent der Befragten antworten beispielsweise auf die Aussage: "Oft habe ich das Gefühl, dass ich etwas Bestimmtes unbedingt haben muss" mit: trifft für mich zu. Das lässt auf ein schwach entwickeltes oder durch die individuellen Lebensumstände reduziertes Selbstwertgefühl schließen. Menschen mit wenig Selbstwertgefühl sind nämlich, das zeigen andere Forschungsergebnisse, besonders kaufsuchtgefährdet. Weitere Ursachen sind die durch Werbung und Medien intensiv geförderten Bedürfnisse nach bestimmten Konsumgütern oder Dienstleistungen, die Genuss, Erlebnis, Abenteuer, Thrill und Glück, sowie Extravaganz und Anerkennung versprechen. Dazu kommt, dass durch das stets vorhandene Plastikgeld der Euro lockerer aus der Tasche fließt. Und: einen Beitrag für solches kompensatorisches Verhalten liefert auch der in der letzten Zeit besonders verstärkte Druck in der Arbeitswelt.

Kaufsucht und Kaufsuchtgefährdung sind - wie viele andere suchthaften Verhaltensweisen - solange kein Problem, wie die individuelle Einkommenskasse stimmt. Dort, wo wenig Geld da ist, führt das aber zu schweren ökonomischen Problemen des Einzelnen, bis hin zur Überschuldung und zum finanziellen Absturz.

Eigentlich Grund genug, für eine EU-Vorschrift, die neben der verpflichtenden Preisauszeichnung der Waren auch ein Warn-Etikett wie bei Zigaretten vorsieht:

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21757/1.html
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