Vorsicht, wenn der Wecker klingelt!

12.01.2006

Eile mit Weile: Wenn Menschen nach achtstündigem Schlaf geweckt werden, so eine Studie amerikanischer Wissenschaftler, sind sie erst einmal bedingt einsatzfähig

Es ist keine gute Idee, sich in der Früh von einem Wecker aus dem Schlaf reißen zu lassen und sofort etwas zu tun. Das könnte, so wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, böse enden. Wer seinen Schlaf schon unterbrechen muss, der sollte zumindest einigermaßen gemütlich in den Tag rutschen, sonst besteht Gefahr, dass vieles daneben gehen kann, weil man sich erst einmal in einem Zustand befindet, der dem eines Betrunkenen gleicht. Und gerade Menschen, die wie Notärzte, Feuerwehrleute oder Fahrer bzw. Piloten manchmal gleich nach dem Wecken handeln müssen, könnten sich und andere gefährden.

Wissenschaftler der University of Colorado unter der Leitung von Kenneth Wright haben angeblich erstmals die Auswirkungen des Weckens auf die darauf folgende Phase der Desorientierung, der Erschöpfung und eingeschränkten kognitiven Leistungsfähigkeit (sleep inertia) quantifizieren können. Wie sie im Journal of the American Medical Association schreiben, sind das Denken und die Erinnerungsfähigkeit bei Menschen, die nach einem achtstündigen Schlaf geweckt werden, kurzfristig stärker eingeschränkt als bei Personen, die 24 Stunden lang nicht schlafen konnten. Zumindest die ersten 10 Minuten können sie nicht besser und eher schlechter denken als eine Person mit 0,8 Promille Alkohol im Blut.

Für ihre Tests hatten die Wissenschaftler 9 Versuchspersonen (8 Männer und 1 Frau) zwischen 20 und 41 Jahren ausgewählt, die medizinisch und psychisch gesund waren und nicht unter Schlafstörungen litten. Aufgenommen wurden keine Personen, die in letzter Zeit Schichtarbeit geleistet oder mehr als eine Zeitzone durchquert hatten. Alle nahmen schon drei Wochen vor den eigentlichen Tests weder Medikamente noch Alkohol, Nikotin oder Kaffee zu sich. Bei der eigentlichen Testphase wurden die Versuchspersonen 6 Nächte hintereinander im Schlafen überwacht und mussten sofort nach dem Wecken nach acht Stunden Schlaf einen schon vorher trainierten Leistungstest ausführen, bei dem sie beispielsweise zufällig ausgewählte zweistellige Zahlen addieren mussten.

Die kognitive Leistungsfähigkeit beim Zählen, der Aufmerksamkeit, dem Reaktionsvermögen und dem Kurzzeitgedächtnis war am schlimmsten in den ersten drei Minuten nach dem Aufwachen beeinträchtigt. Während Menschen, die 24 Stunden nicht schlafen konnten, immerhin noch 80 Prozent ihrer besten Leistungsfähigkeit erreichen, schafften die Versuchspersonen hier durchschnittlich nur 65 Prozent. Nach 10 Minuten waren die Versuchspersonen halbwegs leistungsfähig, aber Beeinträchtigungen ließen sich auch noch bis zwei Stunden nach dem Wecken feststellen. Noch schlimmer ist die kognitive Behinderung allerdings, wenn Menschen aus dem Tiefschlaf aufgeweckt werden.

Die Wissenschaftler verweisen auf Untersuchungen, die Thomas Balkin vom Walter Reed Army Institute of Research durchgeführt. Danach brauchen verschiedene Areale des Gehirns unterschiedliche lange, um aufzuwachen. Vor allem der präfrontale Kortex, in dem Aufmerksamkeit, Zusammenführen von sensorischen und emotionalen Informationen, Entscheidungen, Gedächtnis und "Denken" stattfinden, scheint länger zu brauchen, bis er "online" ist.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die von ihnen gewonnenen Ergebnisse wichtig für bestimmte Berufsgruppen sind. Nicht nur Chirurgen, auch Ärzte im Bereitschaftsdienst, die mitten in der Nacht aus dem Schlag gerissen werden, könnten Fehler machen, sich beispielsweise bei der Medikation verrechnen. Wer gleich nach dem Aufwecken wie bei der Feuerwehr oder dem Rettungsdienst ein Fahrzeug steuern muss, kann sich und die Anderen gefährden. Wahrscheinlich sollte man sich auch nicht gleich nass rasieren oder anderen riskanten Beschäftigungen nachgehen. Und besonders gefährdet sind natürlich auch diejenigen, die beispielsweise durch einen Feueralarm oder durch andere bedrohliche Ereignisse aufgeweckt werden und in der herabgesetzten Leistungsfähigkeit noch dazu in der Panik geraten. Das aber lässt sich wohl nicht vermeiden.

Wer kann, sollte sich also noch einmal umdrehen, wenn der Wecker geläutet hat, und keine schweren kognitiven Aufgaben bewältigen. Manchmal ist es schon riskant, nur eine Tasse in der Hand zu haben. Wann wir nach dem Wecken endgültig wach sind und alle Gehirnareale koordiniert sind, ist auch nach dieser Studie unklar. Das ist wohl auch bei jedem Menschen anders.

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