Der erste Eindruck zählt

15.01.2006

Nach einer Studie von Psychologen haben Webseiten gerade einmal 50 Millisekunden Zeit, um bei neuen Besuchern einen überzeugenden oder uninteressanten Eindruck zu hinterlassen, der über Erfolg oder Scheitern entscheidet

Wenn es denn zutrifft, was Psychologen von der Carleton University herausgefunden haben wollen, dann müssen viele Websites von ihren Betreibern vielleicht umgestaltet werden, wenn sie möglichst große Aufmerksamkeit finden wollen. Die Eingangsseite wird nämlich in gerade einmal 50 ms von den neuen Besuchern abtaxiert – und die erste Beurteilung hält an.

Das scheint dann so ein wenig wie mit der Liebe auf den ersten Blick zu sein. Auch hier sollen ja Manche einem anderen Menschen in einem Augenblick verfallen – oder, wovon man allerdings weniger hört, von ihm abgestoßen sein oder ihm gleichgültig begegnen. Das dürfte für diejenigen, die nach Aufmerksamkeit suchen, am Schlimmsten sein.

Wer eine Website, ein Blog oder was auch immer ins Web stellt, will in die Öffentlichkeit treten und wünscht sich Aufmerksamkeit. Vielleicht nicht von jedem zufälligen Passanten, der sich auf die Seite verirrt, aber doch von möglichst vielen ähnlich Gesinnten. Im Web zu publizieren, gleicht dem Gestalten eines Schaufensters, das zum Betreten der dahinter liegenden Räume einladen soll.

Nach der Studie der Psychologen unter der Leitung von Gitte Lindgaard, die sie in der Zeitschrift Behaviour and Information Technology (V. 25, Number 2/March-April 2006, pp. 115-126) veröffentlicht haben, scheint es dabei auf Angebote anzukommen, die blitzschnell von den Passanten/Besuchern registriert und beurteilt werden. Schon nach 500 Millisekunden setzen sich nämlich schon Eindrücke fest, die dann jenseits des langsamen Bewusstseins erfolgen müssen. Bei einem der Versuche mussten und konnten die Versuchspersonen bereits Webseiten nach ihrer empfundenen "Qualität" einstufen, die sie gerade einmal 500 Millisekunden gesehen hatten. Bei einem zweiten Versuch konnten sie sich Webseiten immerhin schon 50 Millisekunden lang – immer noch ein kurzes Aufleuchten – ansehen und mussten diese dann nach sieben Kriterien beurteilen. Die allgemeinen Urteile fielen jedoch nicht wesentlich anders als beim 500-Millisekunden-Flash aus. Bei einem dritten Versuch, wurden den Versuchspersonen eine Webseite jeweils 500 und darauf 50 Millisekunden gezeigt. Auch hier veränderten sich die Beurteilungen nicht. Danach, so die Psychologen, habe man mit einer Webseite gerade einmal 50 Millisekunden Zeit, um Eindruck zu machen.

Viel sehen, vor allem viele Einzelheiten, kann man in dieser kurzen Zeit nicht. Man kann die Seite nicht abscannen, sondern man nimmt einige ihrer "ins Auge springenden" Eigenschaften wahr. Gerade weil die meisten Internetbenutzer zu einer kommerziellen Webseite über Suchmaschinen kommen – das soll, so wird Marc Caudron in Nature zitiert, 60 Prozent der Besucher ausmachen -, ist der erste Eindruck möglicherweise auch Geld wert. Gitte Lindgaard ein wenig Panik machend zu den Konsequenzen ihrer Studie: "Wenn der erste Eindruck nicht günstig ist, werden die Besucher von Ihrer Website schon wieder weg sein, bevor sie wissen, dass Sie ihnen mehr als Ihre Konkurrenten anbieten."

Nur wenn die Seite gefällt, werden Besucher auch auf ihr verweilen und den Links folgen. Für Lindgaard bestätigen sich mit Zustimmung und Ablehnung die Besucher selbst, die gerne Recht haben wollen. Wem beim ersten Anblick eine Seite gefällt, wird auch Mängel im Folgenden eher übersehen, um sich zu überzeugen, dass er eine richtige Entscheidung getroffen hat. Das sei eine allgemeine Eigenschaft von Menschen, die deswegen durchaus auch falsche oder riskante Konsequenzen aus dem ersten Eindruck ziehen, der gegen Widersprüche abgedichtet wird, solange sie nicht zu groß werden. Wenn dagegen etwas auf den ersten Blick als uninteressant beurteilt wird, hat keine Chance mehr, anders gesehen zu werden.

Nach Caudron, einem Webdesigner, den Nature als Experten zitiert, sollte eine Webseite grafisch nicht überladen sein, um einen guten oder interessanten Eindruck zu hinterlassen. Als Blickfang könnte auch ein einzelnes Bild genügen. Die Internetbenutzer seien auch im Hinblick auf das Webdesign "puritanisch" geworden, sie wollen die Information so einfach und schnell als möglich bekommen. Deswegen müsse eine Seite schnell heruntergeladen sein, weil sonst viele schon das Weite gesucht haben. Überdies würden Menschen aus der westlichen Welt – ganz in der Leserichtung – zuerst nach oben links schauen, weil dort alles gewissermaßen beginnt (demgemäß müssten Webseiten für arabisch oder japanisch lesende Menschen anders herum aufgebaut sein, da diese von rechts nach links schreiben). Angeblich sei es für die westlichen von Links-Oben nach Rechts-Unten Orientierten gut, wenn ein Unternehmen sein Logo – das natürlich entsprechend attraktiv sein muss – links-oben platziert. Rechts-oben würden die Besucher eine Suchfunktion erwarten.

Das haben wir ja bei Telepolis intuitiv ganz nach dieser Vorschrift erledigt. Ob aber der Rest der Eingangsseite puritanisch genug ist, um die Aufmerksamkeit anzuziehen? Für 50 Millisekunden zum Abchecken wäre da schon viel zu viel Text und Bild – und das trifft auch auf die meisten anderen Seiten zu. Allerdings mögen zwar 60 Prozent der Erstbesucher über Suchmaschinen kommen, die überdies in der Regel auch nicht auf die Eingangsseite geführt werden, aber viele Besucher kommen auch wiederholt. Dann aber könnte der Effekt des ersten Eindrucks nicht mehr maßgeblich sein, sondern dann käme es darauf an, die einmal gefundene Aufmerksamkeit zu halten, wozu durchaus dienen könnte, mehr Inhalte auf die Seite zu packen, als auf den ersten 50-Millisekunden-Blick zu erfassen sind.

Die Angebote an Erst- und Wiederholungsbesucher widersprechen sich also oder decken sich zumindest nicht vollständig. Das könnte man nur dadurch lösen, dass Wiederholungsbesucher erkannt werden, denen dann eine andere Eingangsseite präsentiert wird, während den Erstbesuchern eine puritanisch ausgedünnte und zugleich spektakuläre Seite offeriert wird, die als eine Art Falle agiert. Wenn die Psychologen ihren Artikel mit "Attention web designers: You have 50 milliseconds to make a good first impression!" übertitelt haben, dann ist das sicherlich gut, um Aufmerksamkeit anzuziehen, aber als Maxime für den Erfolg dürfte das nicht taugen.

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