Neue Allianzen und verstärktes Säbelrasseln
China und Indien haben Zusammenarbeit bei der Erschließung von Ölquellen in aller Welt vereinbart, und die USA müssen mit anschauen, wie sicher geglaubtes Terrain in Zentralasien verloren geht
Indiens Minister für Erdöl und -gas Mani Shankar Aiyar – eine rasant wachsende Volkswirtschaft, die ihren Bedarf zu 70 Prozent im Ausland deckt, braucht einen solchen Posten offensichtlich –, war hoch zufrieden. Am Donnerstag letzter Woche konnte er in Chinas Hauptstadt Beijing seine Unterschrift unter eine Reihe wichtiger Absichtserklärungen setzen. Die beiden aufstrebenden asiatischen Schwergewichte wollen künftig ihre Energieversorgung auf dem Weltmarkt koordinieren. Wo möglich sollen die staatlichen Erdölkonzerne Indien und Chinas gemeinsam Förderlizenzen erwerben und Raffinerieanlagen bauen. Auch in der Forschung, im Erdölhandel und rund um Energiesparprojekte will man kooperieren. Darüber hinaus soll die Zusammenarbeit bei der Erforschung der Alternativtreibstoffe Biodiesel und Ethanol institutionalisiert werden.
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| Im Dezember eröffnete Pipeline von Kasachstan nach China. Bild: chinadaily.com |
Die Initiative war von Neu Delhi ausgegangen. Indiens Oil and Natural Gas Corporation (ONGC) hatte in den letzten Monaten gegen chinesische Konkurrenten mehrfach bei der Ausschreibung von Lizenzen und Ölgesellschaften den Kürzeren gezogen. In Kasachstan hatte zum Beispiel im August die China National Petroleum Corporation (CNPC) der ONGC PetroKazakhstan vor der Nase weggeschnappt. 4,18 Milliarden US-Dollar konnten die kanadischen Besitzer einstreichen. ONGC hatte 3,9 Milliarden US-Dollar geboten.
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Oder Nigeria: Wenige Tage vor der Aiyars Reise nach Beijing hatte China National Oil Offshore Company (CNOOC einen 45-prozentigen Anteil an einem Feld vor den Küsten des westafrikanischen Landes erworben. CNOOC bekam den Zuschlag erst, nach dem Mitbieter ONGC sich zurückgezogen hatte. Die Regierung in Neu Delhi hatte wegen der ökonomischen Risiken kalte Füße bekommen, aber den Preis für die Chinesen bereits in die Höhe getrieben.
Doch Geld spielt für Beijing selten eine Rolle, wenn es um die Sicherung der Versorgung mit strategischen Rohstoffen geht. Ein Devisenschatz von rund 800 Milliarden US-Dollar – ca. 75 Prozent davon werden in Dollar gehalten, der Rest in Euro und anderen Währungen – gibt der Volksrepublik genug Spielraum. Die staatlichen Unternehmen – einige wie CNOOC sind bereits als Aktiengesellschaften organisiert, an denen die Regierung die Mehrheit der Anteile hält – können jederzeit mit günstigen Krediten der heimischen Banken rechnen, für die notfalls die Regierung einspringt.
Auf den ersten Blick scheint es daher, dass Indien das größere Interesse an der neuen Partnerschaft hat. Doch auch die chinesischen Unternehmen können davon profitieren, wenn die Konkurrenz zwischen den beiden energiedurstigen Schwellenländern nicht länger die Preise in die Höhe treiben würde. Daneben gibt es ein viel grundsätzlicheres Interesse in Beijing, die Beziehungen zum südlichen Nachbarn auszubauen, alte Rivalitäten zu vergessen und Grenzstreitigkeiten endlich beizulegen: Die USA haben in den letzten Jahren verstärkt versucht, Indien auf ihre Seite zu ziehen. Während Indien in aller Offenheit die nukleare Aufrüstung betreibt, hat man in Washington keine Probleme, militärische Beziehungen zu Neu Delhi auszubauen und das zivile Atomprogramm zu unterstützen (das in Indien genauso wenig von einer kriegerischen Option zu trennen ist, wie im Iran, Deutschland oder Frankreich). Alles in der Hoffnung, Indien könnte alten Zwist mit der Volksrepublik wieder aufleben lassen, mit der es 1962 einen kurzen Grenzkrieg geführt hatte.
Doch davon kann keine Rede sein. Die indisch-chinesischen Beziehungen sind derzeit so gut wie seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr, und die wirtschaftliche Verflechtung der beiden Länder nimmt zunehmend Gestalt an. Die Energiekooperation ist dafür ein weiterer Beleg. "Wir sehen in China nicht einen strategischen Wettbewerber sondern einen strategischen Partner", meinte Aiyar, nachdem die Erklärungen unterschrieben waren. Seit über einem Jahr hatte er immer wieder für diesen Schritt geworben. Seinen Bemühungen ist zu verdanken, dass es bereits zwei Pilotprojekte indisch-chinesischer Erdöl-Kooperation gibt: CNPC und ONGC haben im Dezember gemeinsam von Petro-Canada einen 37-Prozent-Anteil an einem syrischen Ölfeld erworben. Auch in Sudan klappt die Zusammenarbeit bereits. Dort erschließt CNPC das Greater-Nile-Ölfeld, an dem ONGC einen 25-Prozent-Anteil hält.
Neue Pipelines verschieben geopolitische Einflussbereiche
Für Beijing könnte die neue Partnerschaft auch in Zentralasien von Bedeutung sein. Dort, in Kasachstan, hat man im Dezember mit der Eröffnung einer knapp 1000 Kilometer langen Pipeline vom kasachischen Atasu ins westchinesische Alanshnkou US-amerikanischen Interessen gehörig auf die Füße getreten. Vorerst noch kann aus den im Umfeld der Pipeline liegenden Kasachischen Feldern kaum genug gefördert werden, um die Pipeline zu füllen. Daher wird Russland sie zunächst mitnutzen, das über eine Pipeline verfügt, die aus dem sibirischen Omsk nach Kasachstan führt. Mit der neuen Leitung, die zunächst eine Kapazität von 200.000 Barrel pro Tag hat und später auf das doppelte ausgebaut werden soll, hat China allerdings auch direkten Zugriff auf die kürzlich erworbenen Förderanlagen von PetroKazkhstan in zentralkasachischen Kumkol, das mit dem östlich gelegenen Atasu, dem Ausgang der neuen Rohrleitung, durch eine ältere Pipeline verbunden ist.
Der besondere Clou an der Geschichte: Von Kumkol fehlen nur noch wenige hundert Kilometer, um die Verbindung zum Pipelinenetz in Westkasachstan zu schließen, wo die größten Erdölvorkommen der Region liegen. Ein entsprechender Bau befindet sich in der Planung. Wenn der abgeschlossen ist, wird China mit den besonders ergiebigen Ölfeldern am und unterm kaspischen Meer verbunden sein. Kasachstan verfügt über bekannte Reserven von 35 Milliarden Barrel Erdöl, was ungefähr dem zehnfachen des chinesischen Jahresbedarfs an Importen entspricht. Die kasachische Regierung geht allerdings davon aus, dass die tatsächlichen Reserven dreimal so groß sind. Auf jeden Fall plant man die Tagesförderung von derzeit 1,3 Millionen Barrel bis 2015 auf 3,6 Millionen auszubauen. Zehn bis zwölf Prozent davon könnte die chinesische Pipeline aufnehmen.
In Washington wird man über diese Aussichten wenig erfreut sein. Erst wenige Monate ist es her, dass die Baku-Tiblissi-Ceyhan-Pipeline fertiggestellt wurde (Die längste Schlange der Welt). Jahrelang war dieses Lieblingsspielzeug der US-amerikanischen Neokonservativen vorangetrieben worden. Mit dem Verlauf durch Aserbaidschan, Georgien und die Türkei wollte man sich einen Zugang zum zentralasiatischen Öl sichern, den Russland nicht kontrollieren kann. Die Pipeline sollte nicht nur das aserbaidschanische Öl aus Baku abpumpen, sondern auch kasachisches Öl befördern, das Tanker über das Kaspische Meer befördern würden. Bisher hat die neue Röhre allerdings noch keinen Tropfen Erdöl aus Kasachstan gesehen und mit der chinesischen Pipeline sieht es ganz so aus, als hätte die strategische Rolle der lange diskutierten BTC-Route erheblich an Glanz verloren (Öl, Revolutionen und kalte Füße).
Jedenfalls kann sich Kasachstans gerade wiedergewählter Präsidenten Nursultan Nazarbayev ins Fäustchen lachen. Hatte er sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zunächst den USA zugewandt und deren Ölkonzerne ins Land geholt, um sich aus der Abhängigkeit von Moskau zu befreien, konnte er nun seine Abnehmer weiter diversifizieren. Und die Chinesen konnten erstmals eine Versorgungsader etablieren, die außerhalb der Reichweite US-amerikanischer Flugzeugträger und deren Bomber liegt. Dabei hatten die US-Multis, die bisher die Förderung in Westkasachstan fest in der Hand haben, nichts unversucht gelassen, um die chinesische Konkurrenz draußen zu halten. Noch vor etwas mehr als einem Jahr hatten chinesische Unternehmen versucht, einen 16-Prozent-Anteil am Kashagan-Feld vor der kasachischen Küste des Kaspischen Meeres zu erwerben. Das wusste ein Konsortium um ExxonMobile zu verhindern. Bestechungsgelder halfen etwas nach, wofür das Unternehmen in Kasachstan vor Gericht zitiert und verurteilt wurde. Im Juli 2005 hatte man verhindert, dass CNOOC den in Schwierigkeiten geratenen US-Konzern Unocal übernahm, der in Zentralasien über zahlreiche Lizenzen verfügte. Den Zuschlag erhielt schließlich Chevron.
Doch alles hat nichts genützt. Die Eröffnung der chinesischen Pipeline läutet das Ende der US-Vorherrschaft in der Region ein und untermauert zugleich die politische Zusammenarbeit, die sich in den letzten Jahren zwischen den zentralasiatischen Staaten sowie Russland und China im Rahmen der Shanghai Organisation für Zusammenarbeit entwickelt hat. Ein anderes Anzeichen für den schwindenden Einfluss Washingtons war im Juli die Ankündigung des usbekischen Präsidenten Islam Karimovs, das US-Militär habe bis zum 1. Januar 2006 den usbekischen Stützpunkt Karshi-Khanabad zu räumen. Da wundert es eigentlich kaum, dass im Westen die Stimmen lauter werden, die bei den langjährigen Verbündeten Nazarbayev und Karimov einen Mangel an Demokratie ausmachen und nach einer "orangenen Revolution" rufen. Doch noch will man in Washington davon offenbar nichts wissen.
Dafür lässt man gegenüber dem unmittelbar benachbartem Iran die Säbel um so lauter rasseln. China hat als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat bisher darauf bestanden, dass der Streit um Irans Atomprogramm von der Internationalen Atomenergie Agentur behandelt wird. Während die USA hoffen, durch ein aggressives Vorgehen gegen das Mullah-Regime oder gar durch einen Krieg die Region fester in den Griff zu bekommen, muss die Volksrepublik um ihre ökonomischen Interessen fürchten. Indien wurde durch Washington bereits mit erheblichem Druck der geplante Bau einer Gaspipeline vom Iran nach Westindien vermasselt.
Doch für China steht mehr auf dem Spiel: Bisher liefert der Iran 14 Prozent der chinesischen Erdölimporte oder ungefähr 5,6 Prozent des chinesischen Verbrauchs. Der Anteil könnte noch wachsen, wenn eine zwischen China und dem Iran vereinbarte Pipeline gebaut wird, die iranische Ölfelder mit dem Netz am Kaspischen Meer und damit der neuen chinesischen Piepline verbinden wird. Auch an Irans enormen Erdgasvorkommen – nach Russlands weltweit die zweitgrößten – will China teilhaben. Ende 2004 unterzeichneten Teheran und Beijing ein Abkommen über die Erschließung des Yadavaran-Feldes. Umfang des Vertrages: 70 Milliarden US-Dollar. Neben Pipelines ist auch der Bau eines petrochemischen Komplexes im Iran vorgesehen.
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21792/1.html- einfach (22.1.2006 0:14)
- Das kommt davon, (22.1.2006 0:09)
- Nachlesen (18.1.2006 22:59)
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