Coca-Cola-Winterspiele mit Imageschaden

16.01.2006

Acht ermordete kolumbianische Gewerkschafter bringen den Hauptsponsor der Turiner Olympiade in Bedrängnis

In vier Wochen beginnen in Turin die 20. Olympischen Winterspiele, doch beim Hauptsponsor hält sich die Vorfreude in Grenzen. Denn eine landesweite Boykottkampagne setzt den Konzern erheblich unter Druck und sorgt dafür, dass er nicht aus den negativen Schlagzeilen kommt. Die Aktionen sind Teil einer international angelegten Kampagne, die von der kolumbianischen Gewerkschaft Sinaltrainal initiiert wurde. Sie begann vor drei Jahren und beschuldigt den Konzern an der Ermordung von acht Gewerkschaftsmitgliedern beteiligt gewesen zu sein (Unthinkable, Undrinkable). Sie lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die lebensgefährliche Situation für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in Kolumbien – und auf die Kooperation von Konzernen wie Coca-Cola und Nestlé mit den Paramilitärs.

Bild von amerikanischen Studenten der Campaign to Stop Killer Coke

Der internationale Protest begann mit der Ermordung von Isidro Gil, einem Gewerkschaftsvertreter in der Coca-Cola Abfüllanlage im kolumbianischen Carepa. Die Umstände seine Ermordung während der Tarifverhandlungen im Dezember 1996 sind gut dokumentiert und legen die Zusammenarbeit zwischen Konzern, Paramilitärs und staatlichen Stellen nahe. Insgesamt wurden acht gewerkschaftlich organisierte Coca-Cola Mitarbeiter ermordet. Erst vor wenigen Tagen wurde wieder ein aktiver Gewerkschafter ermordet und von Folterspuren gezeichnet aufgefunden. In den letzten 18 Jahren wurden 5.000 gewerkschaftlich engagierte Arbeiterinnen und Arbeiter von Paramilitärs oder Armeeangehörigen ermordet. Den rechtsgerichteten Paramilitärs reicht bereits die aktive Beteiligung an Tarifverhandlungen, um Arbeiter zum "militärischen Ziel" zu erklären und zu ermorden.

Bislang konnte man sich nur sehr schwer öffentlich wirksames Gehör verschaffen, doch jetzt verzeichnet die Kampagne vor allem in den USA und Italien erste Erfolge. Mittlerweile haben zehn US-Universitäten dem Konzern auf ihrem Campus den Hahn abgedreht, in Italien wird der Olympia-Werbefeldzug empfindlich gestört. Seit fünf Wochen reist das olympische Feuer durch Italien, sponsored by Coca-Cola. Fast an jedem Etappenziel der 11.000 km langen Tour warten Demonstranten auf die Läufer und machen auf die blutigen Verstrickungen des Konzerns hin. "Es ist zutiefst unmoralisch, die olympische Flamme und die Werte, die sie verkörpert, mit der Coca-Cola Company zu verbinden", heißt es in Aufrufen zu gewaltfreien Störaktionen.

Proteste zeigen erste Wirkung

Viele Jahre hatte der Konzern zu den Vorwürfen geschwiegen. Ein Statement aus dem Jahr 2003 findet nur dürre Worte, die ganz allgemein die Einhaltung von Menschen und Arbeitsrechten betonen. Erst nachdem die Protestwelle in den USA die Universitäten erreicht hatte und in mehreren die Verträge mit Coca-Cola gekündigt oder ausgesetzt wurden, sah sich die Konzernzentrale im November zur öffentlichen Erklärungen gezwungen. Doch weiterhin war kein Wille erkennbar, sich mit der restlosen Aufklärung der Ermordung ihrer Angestellten zu beschäftigen (Sieben Morde bei Coca Cola). In Italien wurde der Druck dann offensichtlich zu groß.

Mehrere italienische Städte und Gemeinden haben sich dem Boykott angeschlossen, darunter fünf römische Bezirke. Vor allem die Unterstützung des Boykotts durch den Turiner Stadtrat hat für internationale Beachtung gesorgt. Mitte November wurde mit hauchdünner Mehrheit der Ausschank von Coca-Cola Produkten in öffentlichen Gebäuden verboten. Kurze Zeit später weigerten sich zwei römische Bezirke, das olympische Feuer durch ihre Straßen passieren zu lassen und es kam zu einem Krisengespräch zwischen Bürgermeister Veltroni und dem italienischen Chef des Konzerns. Anschließend wurde verkündet, dass Coca-Cola erstmals einer unabhängigen Untersuchung der Vorgänge in den kolumbianischen Abfüllanlagen zustimmt. Im März wird eine internationale Kommission die Arbeit aufnehmen, die auch Mitglieder der Gewerkschaft Sinaltrainal umfasst.

Coca-Cola ist auch Hauptsponsor der Fußball-WM

Der Angriff auf das Konzernimage ist ein bewährtes Protestmittel, und Coca-Cola gilt mit einem geschätzten Wert von 67,5 Milliarden Dollar als wertvollste Marke der Welt. Kampagnen wie Stop The Killer Coke in den USA können für erheblichen Schaden sorgen. Bereits im Herbst 2003 hat die Bundeskonferenz der Dienstleistungsgewerkschaft verdi den Beschluss gefasst, sämtliche Coca-Cola Produkte aus Kantinen und Automaten zu verbannen. Wörtlich heißt es: "ver.di ist entsetzt über die Vorgehensweise der kolumbianischen Coca-Cola-Tochter Panamco und wird aufgrund dessen in Zukunft keine Getränke der Coca-Cola Company mehr einkaufen."

Zur Fußball-WM sind derzeit noch keine Protestaktionen geplant. Die in Deutschland aktive Kolumbienkampagne war in jüngster Zeit vor allem mit dem Aufbau eines Personenbegleitschutzes in Kolumbien befasst. Seit Jahren unterstützt sie, zusammen mit Gewerkschaftsinitiativen wie dem AK Internationalismus der IG Metall Berlin, Sinaltrainal mit Kampagnen und Informationstouren durch Deutschland. In Wuppertal gab es vor einiger Zeit unerwartete Erfolge: Dort sprachen sich mehrere Gastwirte gegen den weiteren Ausschank von Coca-Cola Produkten aus. Als dann auch eine große Diskothek auf den Boykott-Zug aufsprang, wurde der Konzern aktiv und es wird erzählt, dass Geld floss, um die Diskothek wieder zum Ausschank zu bewegen.

Coca-Cola wird die Fußballweltmeisterschaft als globales Medienspektakel für seine Marketingziele konsequent nutzen und lässt es sich einen "deutlich zweistelligen Millionenbetrag" kosten. In einer Pressemitteilung erklärt der verantwortliche Manager Peter Rettig: "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Fan-Marke Nummer eins der WM zu werden". Die Marketingprogramme "[...] werden durch eine breite Kommunikations-Kampagne unterstützt. Hierzu gehören u. a. spezielle Fußball Werbespots, Anzeigen, Daueraußenwerbung sowie Medienkooperationen in den Bereichen Print, Hörfunk und TV." Allein den Titel "Offizieller WM-Partner" lässt sich das Unternehmen 40 Millionen Euro kosten. Der Partner-Vertrag mit dem Weltverband FIFA wurde erst vor wenigen Wochen bis zum Jahr 2022 verlängert.

Zudem unterhält Coca-Cola eine exklusive Partnerschaft mit dem Deutschen Fußballbund. Unter anderem finanziert der Konzern den 2003 gegründeten "Fan Club Nationalmannschaft" sowie die WM-Balljungen und -mädchen, "Coca-Cola Ball Crew" genannt. Der jetzige Teammanager der deutschen Nationalmannschaft Oliver Bierhoff wurde bereits vor knapp vier Jahren als "Markenbotschafter und Marketingberater" eingekauft. Mittelfeldstar Michael Ballack dient seit zwei Jahren als Werbefigur. Was würden deren Imageberater sagen, wenn die Öffentlichkeit ihre Namen mit der Ermordung von kolumbianischen Gewerkschaftern in Verbindung bringen würde?

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