Gedanken zum Irak-Krieg

17.01.2006

Kurz vor dem Irak-Krieg hielt der Philosoph Georg Meggle einen Vortrag über dessen Hintergründe, der mit dem sich zuspitzenden Konflikt mit dem Iran wieder aktuell geworden ist

Wenige Tage vor Beginn des Irakkrieges (März 2003) hatte der Philosoph Georg Meggle über diesen Krieg in einem Vortrag am 11.3. 2003 in Leipzig öffentlich nachgedacht. Mehrere Zeitungen hatten den Abdruck abgelehnt. Seine damaligen Überlegungen sind auf den bevorstehenden Iran-Krieg fast vollständig übertragbar. Lektüreempfehlung: Ersetzen Sie in dem hier erstmal publizierten Kriegsrbeitrag das Wort "Irak" einfach durch "Iran". "Bomben auf den Iran?", die "Gedanken zum Iran-Krieg" von Georg Meggle, wird Telepolis morgen veröffentlichen.

Am 19.3.2003 verkündete US-Präsident Bush in einer Fernsehansprache zur Prime Time den Kriegsbeginn: "Liebe Mitbürger, zu dieser Stunde befinden sich amerikanische und alliierte Streitkräfte in den ersten Phasen von militärischen Operationen, um den Irak zu entwaffnen, seine Menschen zu befreien und die Welt vor einer großen Gefahr zu schützen."

Auch beim Irak-Krieg ist die wichtigste Frage: Welchen Sinn hat dieser Krieg? Was bedeutet er für uns? Welche Funktion kommt diesem Krieg aus der Sicht derer zu, die ihn planen, beginnen und durchführen? Was bedeutet er für die Menschen im Irak, was für die im Mittleren und im Nahen Osten? Welche Relevanz hat dieser Krieg, den einige bereits jetzt als einen Wendepunkt der Weltgeschichte betrachten, für den Rest dieses Jahrhunderts?

Das sind große Fragen; zu große, als dass sie von einem einzelnen Menschen wirklich beantwortet werden könnten. Trotzdem dürfen wir diesen Fragen nicht ausweichen. Als gesellschaftliche Kollektive nicht; aber auch nicht als Individuen. Denn: Welche Antwort wir geben, davon hängt ab, welche Rolle wir selber in diesem Krieg spielen, sei es freiwillig oder gezwungenermaßen. Zudem lernen wir, wenn wir über diese Fragen noch einmal nachdenken, vielleicht eine Menge auch über uns selbst. Vielleicht auch etwas darüber, was wir beim nächsten Krieg, bei der nächsten Etappe der ankündigten Kriege, besser machen könnten.

Falsch wäre jedenfalls die Einstellung, wonach solcherart Sinnfragen allein von den zukünftigen Historikern zu beantworten sein werden. Denn was tun diese Wissenschaftler denn anderes als zum Zwecke besseren Verstehens in einem ihnen ja hoffentlich leichter als uns zugänglichen umfassenderen Kontext unsere heutigen Sicht- und Handlungsweisen rückblickend in Rechnung zu stellen? Aber selbst wenn wir in die Zukunft blicken und so jetzt schon in den Büchern späterer Historiker nachschlagen könnten: Was würde es uns helfen, wenn dort lediglich stünde, dass wir uns, nicht anders als die meisten Generationen vor uns, die Frage nach dem Sinn und Zweck eines Krieges gar nicht ernsthaft gestellt haben?

Aber so ist es nicht. Seit dem 15. Februar – seit Samstag, den 15. Februar 2003 – wissen wir nämlich: Sollten spätere Historiker über uns Heutige diese Meinung tatsächlich vertreten, sie wäre falsch. Warum sind an diesem Tag auf allen Kontinenten mehr Menschen als jemals zuvor in der ganzen Geschichte der Menschheit einer einzigen gemeinsamen Sache wegen auf die Straße gegangen? Letztlich doch nur aus einem Grund: Alle uns bis dahin vorgelegten Kriegs-Sinnerklärungen waren uns einfach zu dürftig.

Unsere zukünftigen Historiker täten besser daran, sich stattdessen die folgende Frage zu stellen: Woran lag es, dass im Jahre des Herrn 2003 der Irak-Krieg II trotz dieser zahlenmäßig gewaltigen globalen Opposition stattgefunden hat?

Warten wir nicht auf die Historiker. Wie sieht unsere eigene Antwort aus? Nun, Ihre Antwort kenne ich noch nicht – und bin auch daher auf unsere nachfolgende Diskussion schon jetzt sehr gespannt. Wie meine eigene Antwort aussähe? Genau das ist mein heutiges Thema.

1. Keine Verschwörung

1.1
Von einigen wurde unsere derzeitige Lage mit der Situation unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg verglichen. Dieser Vergleich ist als Warnung und Erinnerung daran gedacht, wie völlig unabsehbar und wie unvorstellbar schrecklich Kriege und deren Folgen sein können; und so war dieser Vergleich sicherlich gut gemeint. Es ist trotzdem falsch. Wir schlittern derzeit in keinen Krieg. Der Irak-Krieg II war von Anfang an von langer Hand und im großen Stile geplant. Dass, wie der Oberkommandierende dieses Krieges bis zuletzt tagtäglich verlauten ließ, dass diesen Krieg niemand wolle, das war schlicht gelogen.

1.2
Diese Planung war zudem eine offene; dieser Krieg ist nicht das Produkt einer Verschwörung. Die seit Anfang der 90er Jahre geführte Vorab-Debatte um diesen Krieg und über die ihn rechtfertigende neue Strategie fand nicht –jedenfalls nicht nur – in abgeschlossenen Zirkeln statt.

Die Planung dieses Krieges erfüllte das demokratische Kriterium, wonach sich jeder, der sich über die entsprechende Debatte informieren wollte, informieren konnte – oder besser gesagt: hätte informieren können. Die involvierten Think Tanks hängten ihre Options-Entwürfe und geopolitischen Blaupausen ins Netz; die Vorträge, Memoranden und Diskussions-Resultate wurden in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht; die Bibel der beteiligten Vordenker, Zbigniew Brzezinksi’s Büchlein The Grand Chessboard. American Primary and Its Geostrategic Imperatives gab es seit 1997 zu kaufen (seit 1999 auch auf Deutsch). Und exakt getimet gab es zum Beginn des letzten Showdowns erstmals "in Echtzeit"1 sogar das Drehbuch zur ganzen Kriegs-Inszenierung. Im SPIEGEL war es in Auszügen in einer 4-teiligen Serie dem deutschen Publikum zugänglich. Ich empfehle zur nachträglichen Lektüre das Buch des ehemaligen CIA-Analysten und Golfkriegs-Experten Kenneth Pollack: The Threatening Storm. The Case for Invading Iraq. In meinem Seminar Zum Irak-Krieg im kommenden Sommersemester wird dieses Kriegsdrehbuch im Mittelpunkt stehen.

1.3
Kriegsplaner sind in der Regel alles andere als dumm.2 Sie müssen alle möglichen Eventualitäten einkalkulieren; und am grünen Tisch tun sie das meist auch recht gründlich. Und so dürfte zumindest für die klügsten Polit-Strategen des Irak-Kriegs II sogar die globale Opposition gegen ihre Planungen keine allzu große Überraschung gewesen sein. (Am meisten überrascht von ihrem prima facie Erfolg war die Friedensbewegung selbst; auf die Chance eines echten Erfolgs zu setzen, war freilich unglaublich irreal. Warum bin ich trotzdem, so es mir möglich war, bei den Montag Abend-Demos dabei gewesen? Das kann ich Ihnen in der Diskussion nach diesem Vortrag gerne erklären.)

Die eigentliche Frage für die spätere Historikerzunft wie auch schon für uns selber kann daher nur noch diese sein: Warum hielten 2003 die Planer und Organisatoren des Irak-Kriegs, obgleich sie wussten, dass fast die ganze Welt gegen diesen Krieg sein wird, trotzdem an ihrer Pro-Kriegs-Entscheidung weiterhin fest?

1.4
Sicher nicht deshalb, weil sie kriegslüstern waren. Bush, Blair, ihre Planungsstäbe und deren zahlreiche Think-Tanks-Vordenker sind keine Verbrecher, jedenfalls keine normalen Verbrecher im Sinne des Strafrechts. Nein, ich glaube, die Sache ist viel schlimmer. Die Täter haben nicht die Spur eines Unrechtbewusstseins. Im Gegenteil: Sie sind von der Richtigkeit ihrer Entscheidung voll und ganz überzeugt. Wenn Blair z.B. sagte "I passionately believe" (dass dieser Krieg notwendig und insofern rechtfertigbar sei), so glaubte ich ihm; ich glaubte ihm, dass er das glaubt – obgleich ich die Verbindung zwischen Belief und Passion in seinem I passionately believe – im Unterschied zu einem I passionately want and desire - schon etwas seltsam finde. Kriegserklärungen sind keine Liebeserklärungen. Oder etwa doch? Anyhow – ich habe vor solchen Moralisten wie Tony Blair, sobald es um Krieg geht, mehr Angst als vor den angeblich eiskalten Rechnern des Pentagon. Nebenbei: Ich weiß, dass die meisten amerikanischen Generäle diesen Krieg nicht wollten; es sind wieder einmal die Politiker, die aus der bisherigen Menschheitsgeschichte nichts hinzugelernt haben. Eine weitere Bücherempfehlung: Lesen Sie von Barbara Tuchmann: Die Torheit der Regierenden.

1.5 Also, noch einmal: Woran liegt es, dass die westlichen Initiatoren von Irak-Krieg II auch nach dem 15. Februar 2003 und im vollen Wissen um den zu erwartenden weltweiten Widerstand trotzdem von der Richtigkeit ihrer Kriegsentscheidung weiterhin felsenfest überzeugt sein und so an ihrer Entscheidung unverbrüchlich festhalten konnten? Welche mentale Software ist es, die diesen Krieg steuert? Woran liegt es, dass – wie es in der ZEIT-Ausgabe vom 30. Januar 03 treffend hieß – "der Autopilot dieser Krise von Anfang an auf Krieg gestellt" war?

Wir müssen uns zu diesem Zweck die gefährlichste Software ansehen, die es auf Erden gibt. Die, die unsere für Kriegsentscheidungen relevanten Wertungen steuert. Die Ethik. Auch diesmal die des Westens. Ich konzentriere mich jetzt auf die Ethik-Software made in USA.

2. Der Irak-Krieg aus der Sicht der USA

Bei den Steuerungsfaktoren der amerikanischen mentalen Kriegs-Software sind drei Ebenen zu unterscheiden:

  1. die Ebene der allgemeinen Steuerungselemente,
  2. die durch den 11.-September-Kontext-induzierten Faktoren
  3. und schließlich die Irak-Fall-spezifischen Elemente.

2.1 Allgemeine Faktoren

Zu den allgemeinen Faktoren zuerst. Das sind zugleich die, die gegenüber Revisionen am stärksten immun sind. Bei diesen Faktoren sind wiederum zwei Typen zu unterscheiden: Einerseits die Faktoren, die als so selbstverständlich gelten, dass sie gleichsam als apriori-Prinzipien dieser Steuerungssoftware fungieren. Und dann, zweitens, eine Reihe von nicht weniger entscheidenden faktischen Zusatzannahmen. Zu den Apriori-Prinzipien natürlich als erstes.

A - Apriori-Faktoren

2.1.1
Wie die USA mit dem Irak umgehen, das ist nur ein spezieller Fall davon, wie die USA insgesamt mit der Welt umgehen. Welche Rolle spielt Amerika seiner eigenen Auffassung zufolge auf diesem Planeten? Welche geopolitische Aufgabe kommt diesem Land angeblich zu?

Diese Fragen klingen unschuldig. Aber nur, wenn man sie bereits mit den Ohren eines Amerikaners hört. Für diesen steht nämlich die Präsupposition dieser Frage, dass sein Land eine globale Mission hat, ganz außer Frage. Offen ist nur, worin diese Mission besteht. "We have a mission." Das ist das erste Amerika-Apriori.

2.1.2
Welche Mission hat Amerika heute? Wofür ist diese Nation zu kämpfen bereit? Das steht, knapp und deutlich formuliert, z.B. in What we‘re Fighting for, in jener öffentlichen Erklärung, mit der sich im Februar 2002 etwa 60 amerikanische Denker für einen echten Krieg, nicht nur für einen metaphorischen Krieg im allgemeineren Sinne von Kampf, gegen den Terror – und damit damals noch für den Afghanistankrieg – ausgesprochen haben. Amerika kämpft laut diesen Denkern vor allem für eines: "for the American values": Für die amerikanischen Werte. Das ist das zweite Amerika-Apriori: Die Mission ist ein Kampf um Werte.

2.1.3
Das dritte Apriori ist in das zweite schon eingebaut. Explizit gemacht lautet es: Die Mission Amerikas hat die Form eines Kampfes. Das ist, wenn wir uns andere Kulturen ansehen, keineswegs selbstverständlich oder trivial. Warum nicht einfach Missionierung per Vorbildfunktion? Nicht so Amerika. Amerikas Stärke, so sagen viele – und keineswegs nur die Amerikaner selber- Amerikas Stärke verdankt sich der Tatsache, dass dieses Land Mumm hat, kämpferisch ist.

Und dieser Kampf Amerikas für seine Werte bedeutet mitunter notwendigerweise Krieg. ("At times it becomes necessary for a nation to defend itself through force of arms".) Das ist der erste Satz aus der Präambel von What we‘re fighting for? Das ist für sich genommen noch nichts Besonderes; wohl fast alle Nationen sehen das so. Aber dann wird in besagter Erklärung schon ein paar Zeilen weiter, immer noch in der Präambel, erklärt, dass es nicht nur um Selbstverteidigung geht, sondern um mehr: "We fight to defend ourselves and to defend ??our universal principles."

2.1.4
Alle drei bisherigen aprioris zusammen ergeben das, was in diesem Kriegs-Manifest selber als der "Kern der amerikanischen Identität" bezeichnet wird: Amerikas Mission besteht im Kampf für die amerikanischen Werte, wenn nötig auch in einem Krieg für diese Werte. Amerikas Kriege sind auch Missionskriege. Altmodisch ausgedrückt kann man dafür auch sagen: Amerikas Kriege sind Kreuzzüge. Die ersten Äußerungen von Bush nach dem 11. September waren keine Versprecher.

2.1.5
Soviel also zum amerikanischen Kernsatz. Krieg meint dabei keineswegs allein Bürgerkrieg. (Obgleich, wie unser Leipziger Kollege Dan Diner in seinem Buch Das Jahrhundert verstehen dargelegt hat, Amerikas Kriege gerade deshalb weitgehend den Charakter von Vernichtungsfeldzügen haben, weil das Kriegskonzept dieses Landes wesentlich durch dessen Erfahrungen im eigenen Bürgerkrieg geprägt sind.) Krieg meint im amerikanischen Kernsatz außer Bürgerkrieg auch den externen Krieg.

Genau dies folgt aus dem vierten Amerika-Ariori, wonach die amerikanischen Werte mit den für alle Menschen gültigen Werten identisch sind bzw., falls sie das noch nicht sind, eben identisch werden sollten. Zitat, wiederum aus derselben klaren Quelle:

’American values’ do not belong only to America, but are in fact the shared inheritance of humankind, and therefore a possible basis of hope for a world community based on peace and justice."

(NB: Die Inheritance-Foundation ist von den zahlreichen sich für die Globalisierung amerikanischer Werte weltweit einsetzenden Interessengruppen nicht nur eine der konservativsten; es dürfte die global einflussreichste überhaupt sein.)

Die amerikanischen Werte – das sollen also letztlich genau die universell gültigen Werte sein oder werden. Die amerikanischen Werte decken sich (faktisch bzw. idealiter) mit den allgemeinen Menschenrechten. Gut – aber genau deshalb gilt eben auch die Umkehrung: Das mit Kampf und Krieg zu verfolgende Ideal ist, eine Welt herbeizuführen, in der sich die allgemeinen Menschenrechte nach den amerikanischen Werten ausrichten.

2.1.6
Amerikas Kernsatz ergänzt um das Universalitätspostulat – das ist der Motor der amerikanischen Expansionspolitik. Man versteht Amerikas Geopolitik nicht, wenn man diesen Motor nicht kennt. Amerikanische Weltherrschaft hat ein oberstes Ziel: die universelle Herrschaft der Menschenrechte. Alles, was Amerika in dieser Welt macht, ist, an diesem Ziel gemessen, nur Mittel zum Zweck. (Vergessen Sie nicht: Ich spreche ausschließlich davon, wie Amerika die Welt und sich selbst sieht.) Alle Aktionen Amerikas sind letztlich nur Instrumente zur Realisierung seines obersten Ziels. Das gilt speziell und vor allem auch für Amerikas Kriege.

Idealtypisch betrachtet sind alle Kriege Amerikas (in dessen Selbstverständnis, versteht sich) letztlich humanitäre Interventionskriege. Weltverbesserung, dafür zieht Amerika im Durchschnitt mindestens alle zwei Jahre in einen Krieg. Kein Land in der Geschichte der Menschheit hat bisher derart viele Kriege, derart viel Kriege an verschiedenen Orten geführt.

2.1.7
Darüber, worin die amerikanisch/universellen Werte bestehen, sagt die What-we-are-Fighting-for-Erklärung relativ wenig. Gut so: Denn die dort zitierten Zentralwerte – "Freiheit", "Gleichheit" und "Menschenwürde" – sind, wie wir alle wissen, extrem unterschiedlich auslegungsfähig. Und wo auf Universalität abgezielt wird, dort sollte das betreffende Auslegungsspektrum in der Tat möglichst wenig eingeschränkt sein.

Soviel zu den Amerika-Aprioris. Ich will sie heute nicht weiter problematisieren.3

B - Faktische Zusatzannahmen

2.1.8
Ihre eigentliche Sprengkraft (oft auch im allerwörtlichsten Sinne) erhalten diese Amerika-Aprioris aber erst in Verbindung mit einer Reihe weiterer faktischer Zusatzannahmen. Ich gehe jetzt nur auf die ein, die wir brauchen, um nachvollziehen zu können, warum Amerikas Irak-Kriegsentscheidung aus Amerikas Sicht nur konsequent und so auch durch weltweite Proteste nicht zu erschüttern ist.

Die beiden ersten Zusatzannahmen betreffen Konkretisierungen der Zentralwerte Freiheit und Menschenwürde. Bei den übrigen Zusatz-Annahmen geht es um nähere Bestimmungen des Verhältnisses Amerikas zum Rest der Welt.

B.1 - Begriffs-Konkretisierungen

2.1.9
Das Symbol Amerikas kennt jeder: Die Freiheitsstatue. Diese Figur symbolisiert nicht nur die Freiheiten, an denen sich, darin dem Vorbild Amerika folgend, die glorreiche Französische Revolution orientierte. (Die Freiheitsstatue ist übrigens ein Dankbarkeitsgeschenk Frankreichs an Amerika.) Diese Symbolfigur steht auch, was das amerikanische Verständnis von Freedom angeht, genau am richtigen Ort: Vor der Südspitze von Mannhatten Island, im Hafen von New York, dem Handelszentrum der Neuen Welt. Auch das gehört, um die heutige Welt zu verstehen, zum Minimalwissen: Freedom, das bedeutet in Amerikas Software primär die Freiheit des Austauschs von Gütern, kurz: Handelsfreiheit. Bereits auf die internationale Ebene abhebend also die Freiheit der Märkte.

Amerikas Freiheitskriege sind in der Regel Handelskriege, Kriege zur Durchsetzung der Handelsfreiheit. (Handelsfreiheit wiederum in dem durch möglichst wenig staatliche Eingrenzungen charakterisierten amerikanischen Sinne verstanden, versteht sich). Das US-Globalisierungsmodell ergänzt diese Kriege lediglich durch eine weitere furchtbar wirksame Waffe: um das Instrument des geostrategischen Wirtschaftskriegs. (Wobei die Unterscheidung zwischen militärischer vs. wirtschaftlicher Kriegsführung immer mehr zu einer künstlichen wird. Welche Seite die jeweils andere instrumentalisiert, ist bald nicht mehr auszumachen.)

2.1.10
Die zweite Zusatzannahme, ebenfalls wieder mustergültig in dem letztjährigen Kriegsmanifest auf den Punkt gebracht, betrifft den amerikanischen Zentralwert Menschenwürde – und bindet diese über das Kantianische Instrumentalisierungsverbot (Sie wissen schon: Behandle einen Menschen nie nur als Mittel zum Zweck etc.) in einem etwas sehr weiten Bogen letztlich mit ...? Mit dem westlichen Erfolgsprodukt: mit unserer Demokratie. "The clearest political expression of a belief in … human dignity is democracy".

B.2 - Amerikas Sonderstellung

Amerikas Vision wird somit konkreter: Oberstes Ziel der amerikanischen Mission ist: Realisierung der Universalität sowohl der Freiheit der Märkte als auch der demokratischen Regierungsform. Schön? Nehmen wir das einfach mal an.

Aber warum soll die Realisierung dieser Vision speziell die Mission Amerikas sein? Betrachten wir von Amerikas eigenen Gründen dafür wiederum nur die, die für die heutige Lage besonders einschlägig sind.

2.1.11
Grund 1: "Wer denn sonst?" Nur Amerika ist dazu überhaupt imstande. Weil: Grund 1a: Nur Amerika ist dazu überhaupt willens. Und das wiederum hängt an zweierlei. An 1b: Nur Amerika ist optimistisch genug, an die Realisierbarkeit dieser Vision auch wirklich zu glauben. Und hinzu kommt, natürlich, 1c: Nur Amerika verfügt über die nötigen (finanziellen, materiellen wie kulturellen) Ressourcen.

2.1.12
Grund 2 betrifft Amerikas geopolitisches Selbstverständnis – und beträfe dieses selbst dann, wenn man von dessen obiger Vision abstrahierte. Grund 2 lautet: America or chaos. Amerika oder das Chaos! Das ist das Postulat der Notwendigen (geopolitischen) Vorherrschaft Amerikas, kurz: das NVA-Postulat.

Hinter NVA steht Amerikas (geopolitischer) ‚Realismus’. Der besagt: Die internationale Staatenwelt folgt, wenn es wirklich hart auf hart kommt, immer noch (ja vielleicht sogar für alle Zeiten) den amoralischen Gesetzen des Naturzustandes a la Hobbes. Also ist, damit die Welt nicht im Krieg aller gegen alle versinkt, auch auf der internationalen Ebene die Hobbessche Lösung notwendig: der globale Leviathan, der starke Herrscher, der alleinige Garant für Frieden, Ordnung, Gerechtigkeit.

Amerika oder das Chaos. Dieses NVA-Postulat folgt direkt aus Amerikas Realismus plus dem "Wer denn sonst?".

2.1.13
Der Leviathan steht, da niemandem unterworfen, auch über dem Recht. Der globale Leviathan also auch über dem internationalen Recht. Genau dieses Selbstverständnis führt Amerika am heutigen Tage der ganzen Welt vor. Ohne jegliche Skrupel, wie sich das für Leviathan gehört. Verstehen Sie jetzt? Ist Ihnen jetzt klar, warum das Wort Imperium für Amerika selbst jetzt kein Schimpfwort mehr ist? Es sich in den Schriften seiner führenden Vordenker vielmehr selbst als ein solches bezeichnet? Und warum in The Grand Chessboard, der von mir schon eingangs erwähnten Geopolitischen Schach-Fibel Amerikas, der Mastermind dieses radikal konsequenten Amerikanismus, Zbigniew Brzezinski, Amerikas Amerika Verbündete auch völlig offen als dessen Vasallen bezeichnet?

2.1.14
Ich greife voraus: Brzezinski hat nicht nur die klarste Blaupause dafür geliefert, wie das US-Imperium seine Vision der universellen Realisierung von Freiheit und Menschenwürde (sprich: von Marktglobalisierung und Regimewechseln ohne Grenzen) so realisieren muss, dass es für das ganze 21. Jahrhundert, The new American Century, auch halten wird, wozu auch gehört, dass die "wirtschaftlich vitale Region" am Persischen Golf (Zitat, dt. S. 49) "in ein amerikanisches Militärgebiet verwandelt" werden muss. Er hat sich in einem ebenfalls fast unheimlich klaren Artikel (Die Welt, 24. 12. 02, S. 7) zum Thema Sicherheitsrat und Irak-Krieg II geäußert: Seine These steht schon in der Überschrift: Amerika darf nicht ohne die Vereinten Nationen gegen den Irak vorgehen. Das klingt auch für alt-europäische Vasallen gut. Der Text selbst schon viel weniger. Der zu ihm passende Titel müsste korrekter so lauten: "Amerika darf, wenn es diesen Krieg auch seinen Vasallen möglichst geschickt verkaufen will, nicht ohne die Vereinten Nationen etc.". Das "darf nicht ohne" ist also nur ein Gebot der Taktik, kein rechtlich oder gar moralisches. Diese Ebene spielt bei ihm gar keine Rolle. Alles klar?

2.1.15
Das folgende Zitat aus dem gleichen Brzezinksi-Artikel braucht keine Erläuterung:

"Letztlich geht es weder um Saddam Hussein noch um den Irak – keiner von beiden stellt eine echte Gefahr für die Weltgemeinschaft oder die USA dar. Auf dem Spiel steht in dieser Krise vielmehr die Legitimität der globalen Führungsrolle der USA."

Wird dieser Krieg nur deshalb geführt, damit es an der Legitimität dieser Führungsrolle ab jetzt keine Zweifel mehr gibt? Dann wäre der Sinn dieses Krieges ganz einfach der: Leviathan zeigt, wer Leviathan ist. Wenn das der Sinn ist, dann wissen wir jetzt auch, warum uns das Imperium auf einen im Prinzip unbegrenzten Krieg einstellt. Leviathan muss, um Leviathan zu bleiben, der Welt immer wieder zeigen, dass Leviathan immer noch Leviathan ist. Ohne Skrupel. Nur so ist das Chaos vermeidbar. Logisch, nicht wahr?

2.2 Kontextinduzierte Faktoren/Internationaler Terrorismus

2.2.1
Ich weiß nicht, ob Ihnen aufgefallen ist: 30 Minuten – und von einem Thema war bisher noch gar nicht die Rede war. (Nicht explizit jedenfalls.) Nichts bislang zu dem, wovon das Imperium selbst, dessen Vasallen und, so will es jedenfalls der Imperator persönlich, und der ganze sich zunehmend duckende Rest der Welt seit dem 11. September fast ausschließlich reden: eben von diesem – und von den mit dem 11. September in Verbindung gebrachten wie auch tatsächlich in Verbindung stehenden Spielarten des internationalen Terrorismus. Wie hiermit gezeigt: Es geht auch ohne. Q.e.d. Die Expansion des Imperiums läuft im Prinzip auch so. Aber seit und infolge und wohl auch mithilfe des 11. September läuft die US-imperialistische Expansion um Dimensionen besser.

2.2.2
Vorsicht! Keine voreiligen Schlüsse: Ich folge nur dem neuen amerikanischen Think-Tank-Jargon! Testfrage an alle Anti-Amerikanisten-Konstrukteure und Jäger: Darf man auch als Nicht-Amerikaner Neo-Amerikanisch reden? Aber vergessen wir nicht unsere zukünftigen Historiker. Die werden es schwer haben. Ob diese noch in der Lage sein werden, alte NVA-und RAF-Texte einerseits und die neo-amerikanischen NVA-Texte in die richtigen Regale zu stellen?

2.2.3
Wie geschmiert läuft durch den 11. September, wie gesagt, die externe ‚Verteidigung’ der amerikanischen Werte. Und nur die interessiert mich an dieser Stelle. Es geht jetzt und im Folgenden, wie unsere Medien mit Blick auf alle geopolitischen Sportsfreunde sich ausdrücken, ausschließlich um das Spiel USA vs Irak. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Die Welt vibriert vor Erregung: Wann geht das Spiel endlich los? Die internen Wirkungen sind – wie allein schon die Tatsache, dass diese Frage durchaus der Realität der Inszenierung des Irak-Kriegs II als dem megageilen Hyper-Superbowlspiel entspricht – stark gegenläufig. Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Menschenwürde. Wie bitte?

2.2.4
Ehe wir mit vielen Zeitgenossen den Beginn dieser nächsten Runde auf dem globalen Schachbrett des Imperialismus als den Beginn einer neuen Zeit bezeichnen, zuvor ein kurzer Blick zurück. Zur wichtigsten Zäsur vor dem 11. September. Zu der Zäsur, die von einem fast allein damit berühmt gewordenen Autor als das "Ende der Geschichte" bezeichnet wurde. Zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt.

Mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches und damit dem Ende der (zumindest dualen) globalen Multilateralität fängt das neue Zeitalter, die Zukunft des Neuen Amerikas jetzt erst so richtig an. Oder hatte der Autor mit seinem Titel eben genau dieses sagen wollen: Dass mit der Vorherrschaft Amerikas die Geschichte, jene lästige Konstruktion des Alten Europa, jetzt wirklich zu Ende sein soll, ja sollte. Der Autor selbst versucht mit der rasanten Entwicklung mitzuhalten: Der Titel seines Neuen Buches heißt: Das Ende der Menschheit? Was soll das bedeuten?

2.2.5
The War on Truth: 9/11, Disinformation and the Anatomy of Terrorism (Buchtitel Nafeez M. Ahmed). Was hat sich mit diesem Tag doch nicht alles verändert! Für den Sinn und Zweck des Irak-Kriegs am wichtigsten: Der Schock dieses Tages und der mit ihm sich fortsetzende Terror haben Dinge möglich gemacht, die vor ihm völlig undenkbar gewesen waren. Das Imperium mitsamt seinen Vasallen schluckt seitdem Dinge, die es vorher nie geschluckt hätte. Zum Beispiel Bush’s New Grand StrategyNational Security Strategy (Amerikanischer Internationalismus), der Öffentlichkeit offiziell vorgestellt am 17. September 2002.

2.2.6
Diese Strategie hat viele Aspekte. Den für uns wichtigsten markiert schon die Überschrift von § V. "Prevent Our Enemies from Threatening Us, Our Allies, and Our Friends". Zwar geht dieser Titel noch weiter "from Threatening Us .... with Weapons of Mass Destruction"; aber was im Text steht, ist sehr viel allgemeiner.

"Our forces will be strong enough to dissuade potential adversaries from pursuing a military build up in hopes of surpassing, or equaling, the power of the United States."

Im Klartext: Als Feinde gelten bereits alle die, bei denen heute nicht auszuschließen ist, dass sie später einmal das Potential entwickeln, welches ihnen erlaubt, sich auch nur einzubilden, sie könnten irgendwann einmal mit den USA auch nur annähernd gleichziehen.

Was "dissuade" in diesem Kontext bedeutet? Im primitiven Fall dasselbe wie jetzt. Im Idealfall sollte schon allein das Wissen um die "power of the United States" reichen. Was natürlich nur dann funktionieren kann, wenn es keinen Zweifel gibt, dass die USA ihre Power auch jederzeit einsetzen würden. Hat daran nach Hiroshima und Nagasaki wirklich noch jemand gezweifelt?

2.2.7
Wenn ja, so sollte klar sein, dass sich Amerikas Selbstbegrenzung nach Hiroshima einzig und allein der Existenz von MAD verdankt haben dürfte: Der Strategie der Mutual Assured Destruction, d.h. der Software der wechselseitigen Abschreckung. Mit dem Ende der Sowjetunion ist diese Selbstbegrenzung unnötig geworden. Also: weg mit diesem historischen Ballast.

2.2.8
Der 11. September lieferte zudem die überfällige Definition für die neue Bedrohungslage. Amerikas Streitkräfte sind stärker als die Streitkräfte der zehn, vielleicht sogar der 20 nächststärkeren Staaten. Was hat Amerika also jetzt noch zu fürchten? Wozu sind diese überproportionalen Militärmittel noch nötig?

Die Antwort: Der 11. September: Amerika hat auch nicht-staatliche Feinde. Und diese verfügen im Prinzip über nicht weniger zerstörerische Mittel als die Feinde von gestern. Zwar hatten die Terroristen des 11. September (jedenfalls die in den Flugzeugen) statt Massenvernichtungswaffen nur Teppichmesser in Händen; aber das kann sich schon beim nächsten Anschlag ändern.

"The United States must and will maintain the capability to defeat any attempt by an enemy – whether a state or non-state actor – to impose its will on the United States, our allies, or our friends."

Amerika muss in der Lage sein, sich von allen Nötigungs- bzw. Erpressungsversuchen freizuhalten.

2.2.9
Die größte Gefahr wäre die Kombination von Terrorismus einerseits und Massenvernichtungswaffen andererseits. Diese Gefahr gilt es mit allen Mitteln aus der Welt zu schaffen. Also sind alle möglichen Terrorismus-orientierten Lieferanten von MVW zu eliminieren. Und zwar bereits ehe solche Lieferungen erfolgt sind. Später wäre zu spät. Die logische Konsequenz: Amerikas neue Präventivschlag-Strategie. Diese richtet sich, wie gesagt, einerseits gegen nicht-staatliche Akteure – also nach dem Muster der israelischen Präventivmord-Strategie auch gegen einzelne Individuen – siehe die Tötung eines mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglieds (inclusive dessen Begleitung) mittels einer ferngesteuerten Drohne im Jemen (Lizenz zum Töten auf dem globalen Schlachtfeld). Zugleich richtet sich diese Strategie aber auch gegen Staaten. Vor allem letzteres macht die Aufrechterhaltung eines global aktionsfähigen Militärapparates weiterhin unverzichtbar.

2.2.10
Als MVW-Lieferanten für Terroristen kommen am wahrscheinlichsten die sogenannten Schurkenstaaten in Frage. Die Präventivschlag-Strategie nimmt vor allem diese Sorte von Staaten ins Visier. Nicht alle gleichzeitig; aber alle der Reihe nach. Erst wenn alle Schurkenstaaten Demokratien sind, ist diese gefährlichste aller terroristischen Quellen ausgetrocknet. Amerikas Militärmaschinerie steht weiterhin vor großen Aufgaben.

2.3 Irak-spezifische Faktoren

Der Irak-Krieg II ist der erste Test für die NSS, für die Grand Strategy von auf der zwischenstaatlichen Ebene. (Was die andere Ebene angeht: Vom Jemen war soeben die Rede.)

2.3.1
Warum ausgerechnet der Irak als Feind Nr. 1? Aus vielen Gründen, von denen die meisten schon von sich aus als Antwort hinreichend wären.

Merke also: Der Irak-Krieg ist, entgegen der öffentlichen Meinung in den meisten Ländern, begründungsmäßig sogar überdeterminiert. Das muss alle die, die jeweils nur nach der einen Begründung fragen, naturgemäß stark irritieren. Ich bin, wie Sie wissen, gegen diesen Krieg. Aber ich verstehe nicht, wie man die Tatsache, dass sich die derzeitigen Kriegsbefürworter nicht auf einen Grund als den Kriegsgrund einigen können, ein Argument gegen diesen Krieg sein soll. Die Kriegsstrategen selber machen diesen logischen Fehler nicht. Die klügsten unter ihnen, wiederum also Brezinski, haben aber schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass es für den medialen Verkauf dieses Krieges günstiger wäre, man würde sich auf den einen offiziellen Grund vorher einigen können.

2.3.2
Das hat nicht geklappt. Warum nicht? Auch dafür gibt es mehr als nur eine Erklärung:

  1. Nicht allen Kriegsplanern waren die gleichen Gründe gleich wichtig. Das Pentagon zog in diese Richtung, das State Department zog, jedenfalls anfangs, in eine andere.
  2. Die Kriegsplaner hatten mit den Kriegsgegnern immerhin eines gemeinsam: Keines der vorgebrachten Kriegsargumente war so, dass von ihm alle oder auch nur die wichtigsten Leute wirklich überzeugt worden wären.
  3. Den Leuten, die nach Kriegsgründen suchten, sind einfach viel zu viele eingefallen. Alles, was nur irgendwie nach einem verkaufbaren Kriegsgrund gerochen hatte, wurde in die Tüte gesteckt.

Wenn diese Erklärung zutrifft, so hätte es sich an dieser Stelle also gerächt, dass ein Großteil der Kriegsvorbereitungen in den Händen von Leuten aus der Werbebranche gelegen hat. Wer Champion im Suppenverkauf ist, gehört nicht schon allein deshalb auch zur Spitze der Kriegspropagandisten. Das wäre also immerhin eine der konsensfähigen Schlussfolgerungen für das nächste mal: Suppenverkäufer raus !

2.3.3
Von diesen angeblichen Gründen für den Irak-Krieg II hier nur eine kleine Auswahl:

  1. Es gibt mit dem Irak noch ein paar alte Rechnungen zu begleichen.
  2. Der beste Weg nach Jerusalem führt über Bagdad, Teheran und schließlich Damaskus.
  3. Der Irak liegt auch für die großen Geopolitischen Ziele (Größere Unabhängigkeit von der OPEC, speziell von Saudi Arabien etc.) am günstigsten.
  4. Saddam Hussein als der Weltspitzen-Schurke leuchtet als Kriegsgrund der Welt derzeit am ehesten ein.
  5. Aufgrund der von Amnesty International schon seit Jahren monierten entsetzlichen Menschenrechtslage im Irak wäre eine Invasion zugleich eine Humanitäre Intervention. Amerika führte erneut zur Durchsetzung der Menschenrechte Krieg; hilft also, trotz böswilliger anderer Verlautbarungen, dem Völkerrecht gerade in dem Punkt, auf den es wirklich ankommt, wieder zur Geltung.
  6. Amerika muss einfach zeigen, dass auch seine Geduld (immerhin: 12 Jahre seit dem letzten Krieg) irgendwann mal zu Ende geht. Sonst wird es in seiner Leviathanrolle unglaubwürdig.
  7. Nach Bosnien ist der Irak der beste Beweis dafür, wie wenig handlungsfähig die Weltgemeinschaft ohne die Führungskraft Amerikas ist. Das sollten sich vor allem die Europäer endlich mal hinter die Ohren schreiben.

Etc. etc.

2.3.4
Nur noch ein Grund. Vielleicht ja für viele der Strategen der wichtigste:

  1. Der erste NSS-Test muss, damit die geplanten weiteren Implementierungen dieser Strategie möglich bleiben, auf jeden Fall klappen. Davon hängt die ganze Zukunft der amerikanischen Geo-Mission ab. Und dass dieser erste entscheidende Versuch klappt, das ist im Falle des Iraks zweifellos am wahrscheinlichsten.

Denn:

  1. Im Unterschied etwa zu Nord-Korea verfügt der Irak noch über keine Atomwaffen; hätte er schon welche, würden wir ihn nicht angreifen.
  2. Und wenn, so wären diese derzeit mit Sicherheit gar nicht einsetzbar. (Weshalb denn sonst unsere Beteiligung an dem in Wirklichkeit ja höchst überflüssigen Inspektionsrummel? So aber haben wir einen recht guten Überblick.)
  3. Das Land ist ohnehin schon am Ende. Die Menschen können nicht mehr. Insofern waren unsere Sanktionen die optimale Kriegsvorbereitung.
  4. Es gibt im Irak kein einheitliches Staatsvolk. Ein Riesenfeuerwerk mit Megaterrorwirkung zu Beginn – und die drei rivalisierenden Gruppen (Sunniten, Schiiten und Kurden) fallen übereinander her, und nehmen uns so eine Menge Arbeit ab.
  5. Der Irak ist das Land mit dem geringsten Rückhalt in der ganzen arabischen wie islamischen Welt. Allenfalls Syriens Baath-Regime könnte als Sympathisant fungieren. Aber selbst das ist recht unwahrscheinlich.

2.3.5
Soviel also dazu, welchen Sinn dieser Krieg für Amerika hat. Sie wissen selbst, welche Fragen jetzt noch zu stellen wären, damit dieses Bild nicht so einseitig Amerika-fixiert bleibt: Welchen Sinn hat der Irak-Krieg II für den Rest der Welt? Für die Iraker selbst? Für die Kurden? Für die Türkei? Für Teheran? Für Israel? Für Europa? Für die arabische Welt? Für Eurabia? Sie müssen und werden sicher verstehen, dass ich diese nicht weniger wichtigen Sinn-Fragen jetzt nicht mehr behandeln kann. Wie ich über solche Dinge nachdenke, das haben Sie jetzt ja schon bis zur Genüge gehört.

3 Und wir?

3.1
Nein, das war nicht der Schluss. Denn eine Frage will ich nicht ausblenden. Nämlich die für uns wichtigste: Welchen Sinn hat dieser Krieg für uns selbst?

3.2
Stellen Sie sich vor, Sie wären an Bushs Stelle. Wie hätten Sie sich entschieden?

Diese Frage hat zwei Lesarten, je nachdem, mit wessen Überzeugungen und Präferenzen Sie auf dem US-Präsidentenstuhl sitzen. Sitzen Sie, erste Variante, auf diesem Stuhl mit den Überzeugungen und Präferenzen von George W. Bush selber? In dem Fall sollen Sie auch einfach dessen Namen übernehmen. Oder, zweite Variante, Sie sind Präsident, aber mit genau den Überzeugungen und Präferenzen, die Sie auch außerhalb dieses Albtraums haben, Sie also gerade nicht ihr Selbst ändern müssen, um an Bushs Stelle zu sein.

3.3
Die äußeren Parameter sind in beiden Entscheidungssituationen dieselben. Tun wir so, als wären Angriff und Rückzug die einzigen Alternativen; betrachten wir in beiden Fällen nur die jeweiligen worst bzw. best case-Folgen; und nehmen wir zudem an, diese besten bzw. schlimmsten aller möglichen Irak-Kriegs-Folgen wären in etwa die folgenden:

(OMEGA 1) Rückzug worst case: Fortdauer der Schreckensherrschaft Saddams; irgendwann in den nächsten Jahren tatsächliche Bedrohung durch irakische MVWen; ich verliere die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr.

(ALPHA.1) Rückzug best case: Saddam stirbt in Kürze ohnehin – egal wie; Regimewechsel im Irak durch Aufstände oder durch Putsch; über kurz oder lang erhalte ich den Friedensnobelpreis.

(ALPHA 2) Krieg best case: Ende der Schreckensherrschaft Saddams; blühende Landschaften in allen Teilen des Irak; dominosteinchenartig transformiert sich die ganze Golfregion, auf lange Sicht vielleicht sogar die ganze arabische, wenn nicht sogar islamische Welt in eine Welt voller Demokraten; ehemalige Terroristen machen mit uns auf dem globalen Souk fantastische Geschäfte;

(OMEGA 2) Krieg worst case: Zitat Johan Galtung – und man beachte, dass ich (G.W.Bush) zusammen mit Condoleezza und meinen anderen Beratern diese Option tatsächlich ernsthaft erwäge. Zitat Johan Galtung: "Es wird mit der Atombombe enden."

Wählen Sie jetzt: Angriff oder Rückzug?

3.4
Wenn Sie rational sind, werden Sie sich dieser Entscheidung jetzt noch zu entziehen versuchen – und Ihre Geheimdienste und hoffentlich auch einige weitere Experten um nähere Auskünfte bitten. Klar, welche Fragen Sie diesen Experten bezüglich einer jeden dieser möglichen Alternativen stellen müssen: Erstens: Wie wahrscheinlich ist dieses und jenes? Und zweitens: Was lässt sich tun, damit diese und jene Folgen noch mehr wahrscheinlich bzw. noch unwahrscheinlicher werden?

3.5
Ich, Georg Bush, halte, mit Verlaub gesagt, von diesem ganzen Expertengerede freilich nicht viel. So dumm bin ich auch nicht. Ich weiß doch, wie das in diesem Laden so läuft. Keiner von diesen Leuten weiß letztlich wirklich Genaues. Zudem ist ohnehin ein Großteil der von mir bestellten NSA- bzw. CIA-Expertisen gezinkt. Und schließlich: Wer von meinen Beratern hat schon den totalen Überblick? Also, wenn Sie mich fragen: Ich verlasse mich letztlich lieber auf meinen Bauch; auf meine Intuitionen konnte ich mich bisher recht gut verlassen. Das ganze Expertengetue dient größtenteils doch nur unserer Propaganda. Die Rhetorik der rationalen Entscheidungs- und Spieltheorie kommt draußen gut an. Aber was gut für die Theorie sein mag, taugt deshalb, wie mir neulich sogar die führenden Ökonomen verraten haben, deshalb noch nicht notwendig auch für die Praxis.

3.6
Und wenn Sie jetzt wiederum mich, GM, fragen: Ich glaube, unser fiktives Präsidenten-Spiegelbild hat Recht. Ich habe vor kurzem erneut in den Memoiren des Mannes geblättert, der den Betrieb Weißes Haus von innen ziemlich gut kennt: Über seine damalige Zeit im State Department schreibt der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Vietnam-Kriegsverbrecher Henry Kissinger (sinngemäß) folgendes: In unseren Thinks Tanks schwirrte es nur so von Leuten, die ständig von Risiko-Maximierung und -Minimierung sprachen, von Wahrscheinlichkeitsmatrix-Berechnungen und dergleichen. Aber ehrlich gesagt. "But, when it came to decision, we didn’t calculate – never." Ich glaube nicht, dass das unter Bush anders ist.

3.7
Also: Seien wir vernünftig, folgen wir dem Präsidenten und geben wir zu: Wir wissen es letztlich alle wirklich nicht wirklich. Was bleibt jetzt von unseren Wahrscheinlichkeitshypothesen? Wahrscheinlich nichts. M. a. W.: Wir stehen vor einer Entscheidung unter Unsicherheit. Für solche gibt es kein generelles, kein für alle Fälle einschlägiges Entscheidungskriterium. Optimisten werden sich am best case orientieren; Pessimisten am worst case.

3.8
Zurück ins Oval Office. Sie sitzen auf dem Präsidentenstuhl. Und jetzt entscheiden Sie sich. Ein Wort von Ihnen – und ... .

3.9
Ich habe mich so entschieden: Rückzug. Verbleib der Inspekteure meinetwegen bis zum Sanktnimmerleinstag. Das ist immer noch billiger als ... Und schließlich werden für alle Inspektionskosten ohnehin die Mitglieder der ehemaligen Ablehnungsfront aufkommen, auch wenn die dafür natürlich verlangen werden, bei später sich etwaig doch noch ergebenden Ölgeschäften mit dem Irak durch größere Beteiligung rückwirkend entschädigt zu werden. Nein, im Ernst: Der ausschlaggebende Grund für mein Nein zum Krieg ist der Blick auf den letzten Omega-Fall.

3.10
Für dieses Nein gibt es in diesem speziellen Fall sogar ein nicht unplausibles Argument aus der Rationalen Entscheidungstheorie: Ist bei einer Entscheidung unter Unsicherheit der Schaden der schlechtesten Alternative unvergleichlich größer als der Gewinn bei der besten, dann sei in diesem Fall ausnahmsweise lieber kein Optimist. Zudem gab mir zu denken: Es geht hier nicht, wie bei den meisten entscheidungstheoretischen Spielchen, nur um eine Wette mit Gewinn und Verlust allein für mich selbst; im Irak-Krieg geht es ... jedenfalls nicht nur um Rationalität.

3.11
Rückzug! Das war meine Entscheidung im Oval Office des Weißen Hauses in der zweiten Variante. Ich war Präsident – aber weiterhin mit meinen Überzeugungen und Präferenzen. Ich bin weiterhin ich geblieben.

Wie hätte ich mich in der anderen Variante entschieden? Sie erinnern sich: Gleiches Spiel, aber diesmal ich mit dem Gehirn und dem Herzen von Bush. Die gleiche Frage also noch einmal: Krieg oder Rückzug?

3.12
Ich gestehe: Dieses Spiel, diese Variante fällt mir recht schwer. Es fehlt mir einfach ein Großteil des für dieses Spiel nötigen Hintergrundes. Zwar unterschreibe ich, Georg Meggle, wie oben schon angedeutet alle vier Amerika-Aprioris (freilich nur in deren aller-allgemeinsten Form). Auch ich bin Universalist (also Anti-Ethik-Relativist); auch ich glaube, dass unter gewissen extrem harten Bedingungen humanitäre Interventionskriege okay sind; auch ich bin gegen Rassismus und andere Diskriminierung; auch ich wäre bereit, für gewisse Freiheiten zu sterben, vielleicht gar selber zu töten; auch ich glaube, dass wir mit unserem Leben mehr anfangen sollten als das, was in unserer Spaßgesellschaft derzeit die Norm zu sein scheint. Aber mit allem Amerikanischem, was darüber hinausgeht, habe ich schon furchtbare Bauchschmerzen. Woher die kommen, darüber vielleicht ein andermal mehr.

3.13
Nun: Ich bin Georg Bush. Also: Sie kennen meine Entscheidung. Krieg! Was denn sonst? Jede andere Alternative wäre schlechter. Ich habe keine andere Wahl. Saddam hat mir keine andere Wahl gelassen. Er ist an allem Folgenden schuld, nicht ich.

Ich weiß, dass Sie, wertes Auditorium, meine Entscheidung, meine Georg-Bush-Entscheidung, nicht billigen werden. Aber darum geht es mir letztlich gar nicht. Ich bitte nur um Ihr Verständnis. Ich richte mich an dieser Stelle an die Menschen in aller Welt, und zwar ausdrücklich nicht nur an unsere Freunde. Mich an alle Menschen guten Willens richtend, appelliere ich an Sie aufrichtig und inständig: Verstehen Sie mich! Möge Gott in seiner Weisheit auch Ihnen den richtigen Weg zeigen.

Aber wie Sie zu meiner Entscheidung auch immer selbst stehen mögen, einer Sache bin ich mir sicher: Sie werden verstehen, warum ich mich gar nicht anders entscheiden konnte.

Verstehen Sie mich? Wenn ja, so habe ich mein heutiges Ziel erreicht. Diese Einsicht herbeizuführen, genau das war der Hauptzweck dieses Vortrags.

Schluss

Schließen möchte ich mit einem Blick auf das, was in diesen Tagen geschieht: Und zwar mit einem Zitat aus den Schriften des besten analytischen Denkers in Sachen Krieg:

Nach Bedarf ändern sie die Bedeutung der Wörter. Dumme Angriffslust gilt als mutige Aufopferung, vorausdenkendes Erwägen als Deckmantel der Feigheit. Wildes Draufgängertum hält man für Mannesart, wägendes Weiterberaten für schönklingenden Vorwand der Ablehnung. Wer schilt und tobt, ist bestimmt zuverlässig; wer widerspricht, verdächtig. Wer mit Überfall einem anderen, der vielleicht plant, zuvorkommt, erntet Lob – erst recht aber, wer einen anderen, der nichts Böses vorhat, dessen beschuldigt.

Zitat aus der Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Über den moralischen Verfall der Großmacht Athen. THUKYDIDES. 400 Jahre vor Christus.

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