Werden Sie doch mal Maisbauer!

Brigitte Zarzer 19.01.2006

Deutschland steht 2006 der freie kommerzielle Anbau von Gentech-Mais bevor

Vor wenigen Wochen wurden drei Gentech-Maissorten für den kommerziellen Anbau zugelassen. Die Anbausaison 2006 könnte damit heiß werden, wenn Landwirte bei den umstrittenen MON 810-Sorten frei zugreifen. Wem das nicht schmeckt, hat nun auch die Möglichkeit sich an einer ungewöhnlichen Protestaktion zu beteiligen und mit freiem Bantam-Maissaatgut ein Signal gegen die Gentech-Sorten setzen.

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Gut siebzig Prozent der deutschen Verbraucher lehnen "Genfood" ab. Trotzdem könnten bereits in Kürze die umstrittenen MON 810-Sorten auf deutschen Feldern wachsen. (Grüne Gentechnik: Volle Kraft voraus?). Zwar erwarten nicht einmal NGOs wie Greenpeace, dass Deutschland gleich großflächig mit Gentech-Mais überzogen wird, doch man weiß ja nie so genau, was sich die Anbieter von GV-Saatgut alles einfallen lassen, um Gentech auf dem freien Felde durchzusetzen. Wie aber kann sich der kritische Bürger über Gentech-Aktivitäten in seinem Umfeld informieren respektive seinem Unmut Ausdruck verleihen?

"Feldbefreiungsaktionen" bei denen Aktivsten einer hochgerüsteten Polizeigarde, die Gen-Mais mit Zähnen und Klauen verteidigt, gegenüber stehen, wie im Sommer vor den Toren Berlins gehabt (Tanz ins Gen-Feld), sind nicht jedermanns Sache. Ein sichtbares Zeichen gegen GV-Mais kann jetzt in legalem Rahmen jeder setzen, der einen Schrebergarten besitzt oder sonst irgendwo die Möglichkeit hat einen halben Quadratmeter Boden mit Mais zu bebauen.

Die Aktion heißt Golden Bantam – frisch, frech, fruchtbar, frei und wurde von der Interessensgemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft ins Leben gerufen. Dabei werden Päcken an Saatgut kostenlos an Interessierte verteilt. Saatgut erhalten man derzeit auch noch auf der Grünen Woche in Berlin Halle 6.2 (Informationsstand keine-gentechnik.de). Das Saatgut erhält man natürlich mit genauer Anbau- und Aktionsanleitung:

Anfang Mai, wenn der Boden sich erwärmt hat, Golden Bantam 2-3 cm tief aussäen. (...) Auskunft über Gentechnik-Mais Standorte einholen. Im August Golden Bantam genießen. Im Oktober eigenes Saatgut ernten.

Die Aktion stellt die Frage nach der Möglichkeit der Koexistenz, des angestrebten "friedlichen" Nebeneinanders von Gentech-, konventioneller und biologischer Landwirtschaft. Können die anvisierten Regelungen tatsächlich auch weiterhin gentechnikfreie Landwirtschaft gewährleisten, fragen die Initiatoren.

Ist das realistisch? Mais-Pollen kann über mehrere hundert Meter, zuweilen viele Kilometer weit fliegen bis er auf eine weibliche Blüte trifft.

Jeder, der sich an der Aktion beteiligt, kann seine Rechte voll ausschöpfen. "Privatpersonen und Betrieben, die Mais anbauen, haben Auskunftsrechte über Anbaustandorte von Gentechnik-Mais in ihrer Nachbarschaft. Ist ihr Mais gentechnisch verunreinigt, steht ihnen Schadenersatz zu. Der Golden Bantam kann – im Gegensatz zu patentiertem und Hybrid-Saatgut – weiter vermehrt werden. Je mehr Menschen aktiv ihr Recht wahrnehmen, gentechnikfreien Mais anzubauen und das Saatgut zu vermehren, desto besser können sie sich gemeinsam schützen", betonen die Initiatoren.

Auch den gentech-kritischen NGOs kann damit die Arbeit erleichtert werden, indem sie über allfällige Probleme mit Gentech-Mais in Deutschland Informationen erhalten. Bantam-Mais gilt übrigens als besonders schmackhafte Spezialität unter den Maissorten, die am besten frisch geerntet schmeckt. Sie wird von dem Holländer Wim Brus in Italien seit langem gepflegt und vermehrt.

Für die Initiatoren der Bantam-Aktionen stehen natürlich die praktischen und politischen Fragen im Vordergrund. Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft:

Gentechnikfreier Mais kann durch den MON810 Mais leicht befruchtet werden. Das stellt gewerbliche wie private Saatgutzüchter vor viele Fragen. Im Saatgut sind aus gutem Grund keinerlei Spuren von gentechnisch veränderten Sorten zulässig. Muss also alles Saatgut in der Umgebung von Gentechnik-Feldern getestet werden? Auf wessen Kosten? Hinzu kommt, dass aus der Kreuzung von ‚MON 810’ und ‚Golden Bantam’ eine völlig neue Gentechnik-Sorte entstünde, deren Anbau streng untersagt ist. Das Gentechnikgesetz regelt diese Fragen nicht. Es sieht lediglich vor, dass wirtschaftliche Schäden ersetzt werden, wen die gentechnische Verunreinigung den Kennzeichnungsgrenzwert für Lebens- und Futtermittel überschreitet. Bedeutet dies, dass im Umfeld von Gentechnikfeldern der freie Anbau und Saatgutnachbau verwandter Pflanzen künftig untersagt wird? Welchen Preis hat die Gefährdung der Kulturpflanzenvielfalt, die mit dem Verlust des Saatguts einhergeht?

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21819/1.html
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