Spektakel des Sehens

27.01.2006

Eine faszinierende Ausstellung in Hamburg macht die Vorgeschichte des bewegten Bildes als eine Welt voller kleiner Wunder und optischer Sensationen anschaulich

In Hamburg lädt die Ausstellung "Schaulust - Sehmaschinen, optische Theater & andere Spektakel" den Besucher zu einer Entdeckungsreise ins Reich der Bildillusionen ein. Mit überwältigender Fülle werden mehrere Jahrhunderte an Wissenschafts-, Technik- und Wahrnehmungsgeschichte umspannt, von der Renaissance bis zum Zeitalter der Massenmedien. Mit über 1.000 Exponaten auf 1.800 Quadratmetern Ausstellungsfläche zeugt die Schau von der Sammelleidenschaft des Filmemachers und Medienhistorikers Werner Nekes, der im Laufe von vierzig Jahren ein weltweit einmaliges Arsenal zusammen getragen hat.

Die Ausstellung konzentriert überwiegend sich auf die Zeit, bevor die Bilder laufen lernten. Die mannigfaltig ausgestellten Gemälde, Kupferstiche, Aquarelle, Scherenschnitte, Grafiken und Fotografien zeugen von der Bedeutung des Bildes, das zunehmend die Wortkultur überlagert hat. Bilder faszinierten das Publikum zu jeder Zeit, besonders wenn sich mit ihnen Geschichten erzählt ließen oder wenn sie illusionistische Geheimnisse bargen.

Im 19. Jahrhundert wurden auf Bali religiöse Epen mehrere Tage lang aufgeführt, wozu man an Stäben vor einer Lichtquelle geführte Schattenfiguren benutzte. In den Pausen lockerten kurze erotische Zwischenspiele mit grotesken Figuren die Darbietungen auf. In Europa waren bereits 1740 die "Ombres Chinoises", chinesische Schatten, sehr beliebt: prunkvolle Bilder mit Natur- oder Palastszenen, die, an einigen Stellen perforiert, farbiges Hintergrundlicht durchschimmern ließen.

Licht, Perspektive, Spiegelungen und die Illusion von Bewegung verliehen den Abbildungen einen geheimnisvollen Charakter. Bei den ersten Vorführungen der Laterna Magica um 1670 wurden monströse Höllengestalten auf Wände oder auf Rauchschwaden projiziert und verängstigten das Publikum. Von daher rührt der Name "Zauber-" und "Schreckenslaterne". Eine figürliche Welt aus Licht und Schatten war den damaligen Zeitgenossen noch unbekannt. Später wurden Glaskarten mit mehreren Motiven, so genannte Ziehbilder, vor einer Öllampe geführt, deren Strahlen gebündelt aus einer Linse hervortraten. Die im 19. Jahrhundert beliebten Rollpanoramen - Zeichnungen auf einem schmalen, aber sehr langen Papierstreifen - führten das Moment der Zeit in die Abbildung ein. John Clarks "Description of the Most remarkable Places between London und Richmond" von 1824 ist ein dreißig Zentimeter breiter und fünfzehn Meter langer farbiger Aquarellprospekt, mit Szenen einer Kutschfahrt von London nach Richmond.

Besonders breiten Raum nehmen in der Ausstellung die Anamorphosen ein - Bilder, die nur aus einem speziellen Winkel oder mit Hilfe eines Spiegels erkennbar sind. Die Abbildungen selbst sind perspektivisch verzerrt - sie wurden anhand eines Perspektivrasters angefertigt - und bieten nur chaotische Umrisse. Legt man jedoch einen Kegelspiegel darauf, verdichten sich die willkürlichen Formen zu einem Bild. Diese optischen Täuschungen wurden im Mittelalter zur Verschlüsselung von Botschaften verwendet, die nur der entziffern konnte, der den richtigen Winkel oder Platz für einen Spiegel kannte. Auch Vexierbilder - Suchbilder, die eine zweite, schwer erkennbare Darstellung enthalten - bergen geheime Botschaften oder spielen mit unmöglichen Perspektiven.

Überhaupt ist die Vorgeschichte des bewegten Bildes eine Welt voller kleiner Wunder und optischer Sensationen. Ein eigener Ausstellungsraum verdeutlicht den Einfluss der Naturwissenschaften auf die künstlerische Darstellung. Seit der Renaissance haben vor allem die Entdeckungen der Optik zu neuen Bild- und Blickwelten geführt. Findige Tüftler nutzten die neuesten naturwissenschaftlichen Entdeckungen für ihre spektakulären Apparate. Lamellenbilder - Vorläufer der so genannten "Wackelpostkarten" - ermöglichen je nach Standort des Betrachters erstaunliche Perspektivwechsel. Blickt man von links, ist ein Kleinkind zu sehen, von rechts ein Greis. Zerrspiegel deformieren Körperteile ins Monströse, Sorcières und Hohlspiegel das Gesicht. Der einen abschüssigen Schachbrettboden aufweisende "Ames-Raum" spielt mit der Irreführung des perspektivischen Empfindens. Guckkästen bieten Tages- und Nachtszenen von ein und demselben Bild.

Einer der Vorzüge dieser detailreichen Ausstellung besteht darin, dass sie einem die Historizität des Bildes vor Augen führt: Mit Techniken wie Drehmontagen, Scheinbewegungen, Rasterbilder und Stereoskopien, die noch heute jeden Videoclip schmücken, befassten sich schon die Zeitgenossen vor Jahrhunderten. Johan Rudolf Schellenberg schuf etwa 1780 ein Aquarell namens "Morphing", das den bildlichen Übergang von einer Frau zum Panther demonstriert. Der Kunstwissenschaftler und Nekes-Freund Bazon Brock schreibt dazu im Begleitkatalog:

Mit Blick auf die heutige Debatte zur Bildwissenschaft ergeben die Sondierungen von Nekes am historischen Material, dass buchstäblich alle, heutigen neuen Medien zugeschriebenen, Leistungen wie anamorphotische Verzerrung, Bildebenenstaffelung, Mehrfachüberblendungen, Bildanimationen, morphing, mapping, Multimedialität, Interaktivität, Mehrphasenmontagen, Vexierkomposita etc. bereits anschaulich evident und begrifflich bestimmt in den historischen Medien vorgegeben wurden.

Tolle Erfindungen mit tollen Namen

Als Wegbereiter heutiger Massenmedien gelten Lithografie und Fotografie. Mit letzterer beginnt das Zeitalter der Reproduktion, Bilder können nun massenhaft vervielfältigt und kommerziell ausgewertet werden. Die Reihenfotografien und Bewegungsstudien des Fotografen Eadweard Muybridge nehmen bereits eine Animation der Einzelaufnahmen vorweg. Ein weiterer Meilenstein, der eine Lawine technischer Erfindungen nach sich zog, war die Entdeckung der Nachbildwirkung (Persistenz) auf der menschlichen Netzhaut. Folgen Bilder in genügend rascher Folge, nimmt das Gehirn sie als Bewegung wahr. Tolle Erfindungen mit tollen Namen waren die Folge.

Das Thaumatrop etwa, auch Wunderscheibe genannt, besteht aus einer Pappscheibe mit zwei Motiven auf Vorder- und Rückseite. Zwirbelt man die seitlich angebrachten Fäden schnell genug, verschmelzen die zwei Bilder zu einem. Beim Thaumatrop in Tim Burtons "Sleepy Hollow", ein Film, der vom Einbruch der Wissenschaft in eine Welt voller Aberglaube handelt, scheint ein Vogel (Vorderseite) im Käfig (Rückseite) zu sitzen. Daumenkinos und Flip Books sind die konsequente Weiterentwicklung dieses illusionistischen Effekts, der beim von Ottomar Anschütz entwickelten Tachyskop zur Projektion von Reihenbildern führt und später beim Muschelmutoskop auf mechanische Weise entsteht. In den Amüsierhallen des 19. Jahrhunderts konnte der Betrachter für einen Groschen die Kurbel eines Mutoskops bedienen, und eine spärlich bekleidete Tänzerin auf Hunderten kleiner Fotografien wiegte sich allein für ihn.

Plenakistiskop, Stroboskop, Zoetrope, L'Anorthoscope, Filoscope oder Kinora lauten die Namen von weiteren optischen Erfindungen auf dem Weg zum Film. Als 1895 schließlich die Gebrüder Lumière in Paris und etwa zur selben Zeit die Brüder Skladanowsky in Berlin auf die Idee kommen, Filmstreifen durch einen Projektor laufen zu lassen, schlägt die Geburtsstunde des Kinos. Die Namen der entsprechenden Apparate lauten "Cinematograph" in Paris und "Bioscope" in Berlin. Eine besonders skurrile Weiterentwicklung der Kinematographie steht im letzten Raum der Ausstellung: die Scopitone-Filmbox, eine Art filmische Jukebox, die in Frankreich sehr verbreitet war. Regisseure wie Claude Lelouch drehten Hunderte billig produzierter Scopitone-Streifen mit den Schlagersängern jener Tage.

Mit ihrem Akzent auf optische Täuschungen, Bildillusionen, perspektivische Tricks und die Inszenierungen von Schein und Sein tragen die Altonaer Ausstellung ihren Schaubuden-Charakter offen zur Schau: Viele der Objekte sorgten früher auf Jahrmärkten für Sensationen und für die Faszination und Belustigung des Publikums. Nicht zuletzt weil sie mediale Archäologie aus sechs Jahrhunderten mit einer ganz privaten Entdeckerfreude verbindet, kommt die Ausstellung bei jung und alt gut an. Die faszinierten Kommentare der Museumsbesucher zeigen, dass sich die historische Begeisterung noch heute mühelos nachempfinden lässt, auch wenn die überwältigende Fülle manchmal etwas ermüdend wirkt und die Museumsleitung veranlasst hat, kostenlose Zweittickets einzuführen.

Ausstellung "Schaulust - Sehmaschinen, optische Theater & andere Spektakel", im Altonaer Museum, Hamburg bis 1.4.2006

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