Menschenfresser unter uns?

Haben unsere Vorfahren sich zum Fressen gern gehabt?

Robinson Crusoe befreit Freitag aus der Gefangenschaft von Kannibalen, die ihn fressen wollen und macht aus dem "Wilden", der selbst auch einem Menschenfresser-Stamm angehört, einen zivilisierten Menschen. Andere Völker oder Gruppen als Kannibalen zu bezeichnen, lieferte in der Vergangenheit immer wieder ein Grund, sie zu unterdrücken, umzuerziehen oder gar auszumerzen. Aber wie viel Realität steckt tatsächlich im Mythos von Menschenfresser? Stimmt es wirklich, dass unsere Vorfahren ganz gerne mal ihre Artgenossen verspeisten? Neue Studien deuten daraufhin, dass diese These nicht haltbar ist.

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Kannibalismus ist in allen Teilen der Welt ein Tabu. Wer andere Menschen isst, verliert seine Menschlichkeit, wird sozusagen zum Tier.

In diesen Tagen berichten die Medien wieder intensiv über den Fall des "Kannibalen von Rotenburg", Armin Meiwes, der 2001 einen Mann, den er über das Internet kennen gelernt hatte (Das Böse ist immer und überall), mit dessen Einverständnis verstümmelte, tötete und teilweise verzehrte. Der spektakuläre Fall machte viel Furore, zumal Meiwes 2004 wegen Totschlags zu einer in der Allgemeinheit als zu gering empfunden Strafe von 8,5 Jahren Haft verurteilt wurde (Kannibalismus als Zivilisationsphänomen).

Inzwischen hat der Bundesgerichtshof dem Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft stattgegeben und seit einigen Tagen läuft erneut ein Gerichtsverfahren wegen Mordes. Meiwes selbst, bzw. seine Verteidiger stehen auf dem Standpunkt es handle sich juristisch um Tötung auf Verlangen.

Dr. Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer"

Der Täter sieht sich selbst als unschuldig, er sagte vor Gericht aus, er habe seine Chatbekanntschaft im Grunde nur essen, aber nicht töten wollen. Und der Verzehr von Menschenfleisch sei zwar gesellschaftlich geächtet, aber keine Straftat. Der Getötete habe sich außerdem ausdrücklich gewünscht, umgebracht, geschlachtet und aufgegessen zu werden.

Armin Meiwes sieht sich selbst überhaupt nicht als Monster, sondern als sehr menschlich und völlig ungefährlich. Vor Gericht gilt er als zurechnungsfähig, obwohl er zweifelsfrei psychisch schwer gestört ist. Angeblich schreibt er an seinen Memoiren, die Rechte an der Verfilmung seines Falls hat er einer Filmfirma überlassen, gedreht werden soll eine Dokumentation und dem Kannibalen geht es nach eigenen Angaben vor allem um die wahrheitsgemäße Darstellung seines Falles.

Derweilen klagt er gegen den amerikanischen "Real-Horrorfilm" Rohtenburg, der im März in den Kinos anlaufen soll. Nicht der erste Film, der sich mit der Faszination des Menschenfressers auseinander setzt. Der bekannteste Kino-Kannibale ist sicher Dr. Hannibal Lecter ("Hat nicht so gut geschmeckt").

Eine weitere Klage will Armin Meiwes gegen die Band Rammstein einreichen, die in ihrem Song Mein Teil die Schlachtung eines Menschen besingt.

Serienmörder und Dikatoren

Die Kriminalgeschichte kennt eine ganze Reihe von kriminellen Menschenfressern, zu ihnen gehören z.B. der Serienmörder Karl Denke, Joachim Georg Kroll oder Fritz Haarmann, der seine Opfer durch einen Biss in den Hals tötete, das Blut seiner Opfer trank und eventuell sogar ihr Fleisch als Wurst oder in Dosen verkaufte.

Zu internationaler trauriger Berühmtheit brachten es auch der "Schlächter von Milwaukee" Jeffrey Dahmer, Ed Gein, der Japaner Issei Sagawa oder der Russe Andrej Tschikatilo.

Auch afrikanischen Diktatoren wurde immer wieder der Genuss des Fleisches ihrer Feinde vorgeworfen, so Kaiser Bokassa der Zentralafrikanischen Republik und Idi Amin aus Uganda.

Mythen und Legenden

Neben diesem kriminellen Kannibalen gibt es aber auch die ganze profane Form, der Verzehr von Menschenfleisch vor allem in Kriegszeiten, während Hungersnöten oder nach Katastrophen, um das eigene Überleben zu sichern. Als Beispiele dafür gelten die Stadt Breisach während der Belagerung im 30jährigen Krieg (Kannibalismus am Oberrhein), Leningrad während des 2. Weltkriegs ("Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen") oder der Überlebenskampf einer Rugbymannschaft aus Uruguay 1972 nach einem Flugzeugabsturz in den Anden (Auf Leben und Tod – Drama in den Anden).

Als weiteres bekanntes Beispiel gilt die Donner Party, ein Treck amerikanischer Pioniere Mitte des 19. Jahrhunderts, der in Not und Verzweiflung endete. Aktuelle archäologische Untersuchungen lassen allerdings zunehmend Zweifel aufkeimen, ob es sich bei den Kannibalismusberichten in diesem Fall um mehr als ein Schauermärchen handelt (Donner cannibalism remains unproven).

Der Begriff Kannibalismus geht zurück auf Christoph Kolumbus. Auf seiner Entdeckungsfahrt stieß er auf die Bahamas und die Inselgruppe der Großen Antillen. Dort hörte er, der Stamm der Kariben betreibe Menschenfresserei. Columbus verstand den Namen falsch – es wurde daraus die Caniben, dann die Cannibalen. Der neue Begriff begann seinen Siegeszug rund um die Welt. Vorher war die (heute noch in der Wissenschaft verbreitete) Bezeichnung Anthropophagie (von Griechisch anthropos = Mensch und phagein = essen) üblich.

Illustration von Theodor de Bry zu Hans Stadens Reiseberichten aus Brasilien 1592

Kultischer oder ritueller Kannibalismus wurde vielen Völkern vorgeworfen. Oft handelt es sich wahrscheinlich um den "Entdeckern" oder Missionaren fremde Bestattungsriten, bei denen die Körper von Verstorbenen entfleischt oder geräuchert wurden. Bis heute wird viel darüber gestritten, denn nie hat jemand tatsächlich ein kannibalistisches Festessen selbst beobachtet. Die Berichte stammen stets aus zweiter oder dritter Hand.

Dennoch halten sich selbst Nachfahren von angeblichen Kannibalen für schuldig. 2003 leisteten Bewohner der Fidschi-Inseln öffentlich dafür Abbitte, dass ihre Ahnen vor mehr als 130 Jahren den Missionar Thomas Baker getötet und verspeist haben sollen. Die Nabutauta luden einen Abkömmling des Getöteten zu einer Party ein, um sich endlich von dem Fluch zu befreien, der seitdem auf ihnen lastete (Eaten missionary's family get apology).

Es gibt Wissenschaftler wie die Archäologin Heidi Peter-Röcher, die die Legenden von Menschenfressern für reine Diskreditierung ohne jede reale Grundlage halten, eine systematische Verleumdungsstrategie zur Rechtfertigung von Zwangsmaßnahmen, Verfolgungen oder Pogromen (Mythos Menschenfresser).

Die Ahnen waren keine Menschenfresser

Eine neue Untersuchung einer Forschergruppe um Marta Soldevila von der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona liefert den Zweiflern jetzt neue Beweise. In der Fachzeitschrift Genome Research erschien kürzlich als Online-Vorabveröffentlichung der Artikel The prion protein gene in humans revisited: Lessons from a worldwide resequencing study.

Die spanischen Forscher nahmen die These von John Collinge von der Prion Unit des Medical Research Council in London genau unter die Lupe, der 2003 nach Gen-Analysen behauptete, unsere Vorfahren hätten sich buchstäblich zum Fresse gern gehabt. Colllinge erforschte die Prionenkrankheit (Prionen: Krankheitserreger noch unterhalb der Viren) Kuru, den so genanten "lachenden Tod" in Papua-Neuguinea. Und er fand bei einigen der Ureinwohner – die traditionell die Hirne verstorbener Verwandter in einer Art Totenkult verspeist haben sollen – eine verstärkte genetische Resistenz gegen Prionenkrankheiten (Wandernde Prionen mit langer Inkubationszeit). Als er dann weiter DNS-Muster von mehr als 1.000 Menschen aus aller Welt näher betrachte, stellte er fest, dass sich in jeder menschlichen Population derartige Erbmaterialen finden – für ihn ein Beweis, dass alle unsere Vorfahren sich gerne mal menschliche Eiweiße als Mahlzeit einverleibten.

Offiziell als Kannibalen bezeichnete Ureinwohner der Fidschi-Inseln – vorgeführt auf einer Völkerschau

Eine wesentliche Rolle bei Prionenerkrankungen wie Kuru oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit spielt das Prion-Protein-Gen (PRNP 8) auf Chromosom 20. Collinge und sein Team hatten sich für ihre Studie nur einige Variationen dieses Gens angesehen, die Gruppe um Soldevila jetzt aber alle bekannten PRNP- Variationen. Sie sequenzierten 2.378 Basenpaare des Gens bei 174 Individuen, zusätzlich untersuchten sie noch das Erbgut von zwei SNPs (Einzelnukleotidpolymorphismen) des PRNP-Gens bei 1.000 verschiedenen Personen aus verschiedenen Regionen der Welt. Sie identifizierten 28 verschiedene Kombinationen von DNS-Varianten des Gens.

Aufgrund der Studienresultate war Collinge vor drei Jahren zu dem Schluss gekommen, die Genmutation sei vor 500.000 Jahren entstanden und die frühen Menschen hätten gerne mal eine Portion Menschenfleisch zu sich genommen, Kannibalismus sei weit verbreitet gewesen. Durch die entstandenen Genmutationen habe sich ein Selektionsvorteil ergeben, da die so vor Prionenerkrankungen Geschützten Überlebensvorteile gehabt hätten. Soldevila und Kollegen kommen nun zu völlig anderen Schlüssen:

…Die Existenz eines uralten, beständigen, ausgeglichenen Polymorphismus, das von einer vorangegangenen Studie behauptet und mit Kannibalismus in Verbindung gebracht wurde, kann verworfen werden.

Also stammen wir nicht von Ur-Kannibalen ab, die unsere Gene nachhaltig geprägt haben.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21825/1.html
Kommentare lesen (40 Beiträge)
  • re (3.2.2006 21:26)
  • Tottreten (3.2.2006 17:24)
  • re (3.2.2006 8:42)
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