Faster. Please?

Thomas Pany 20.01.2006

Mobilisieren gegen Iran: Die große Nummer im Hintergrund

Manche wissen eben mehr: Die neueste Tonbandaufzeichnung von Osama Bin Laden muss älteren Datums sein. Denn der ist längst tot, gestorben an einem Nierenversagen in Teheran, wo er sich die "meiste Zeit seit der Zerstörung von Al-Qaida in Afghanistan" aufgehalten hat.

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Der Mann, der dies weiß, hat keinen großen Namen in der amerikanischen Öffentlichkeit. Und seine Insiderinfo stand auch nicht auf den Titelseiten der internationalen Presse, sondern in der National Review, dem Zentralorgan jener politischer Kreise, in denen Michael Ledeen ein Mann von einiger Bedeutung ist. In der (neo-)konservativen Beraterentourage der derzeitigen US-Regierung ist Ledeen eine große Nummer. Vor allem, wenn es um die Umgestaltung des Middle East geht, um Regime Change und ganz speziell um den Sturz des Mullahs-Regimes in Iran.

Michael Ledeen

Seit längerer Zeit schon verbreitet Ledeen seine Überzeugung, dass das iranische Regime engsten Kontakt zum Al-Qaida-Führer hat. Eine Verbindung zwischen Schurkenstaat und Al-Qaida ist, wie man an den Vorbereitungen zum Irak-Krieg sehen konnte, neben dem Vorwurf der Herstellung von Massenvernichtungswaffen wichtig für die Legitimation "härterer Schritte" gegen die Schurken. Von "glaubwürdigen Quellen" in Iran habe er vom Tod Bin Ladens erfahren, so Ledeen in einem Leitartikel, der Anfang Januar im Leib-und Magenblatt der Neokonservativen, der National Review, erschienen ist. Thema seines "Editorials": die Zeit ist günstig für Umbrüche, gerade im Nahen Osten. Sein Fazit: "This should be our moment. Faster. Please?"

Wenn wir nur einen breiter angelegten Krieg geführt hätten..

Der bärtige Ledeen gehört zu den amerikanischen Politikern, die sich für große Missionen begeistern. Die radikale Neuordnung des Nahen Ostens ist Ledeens politischer Leitfaden, den er seit vielen Jahren verfolgt. Nüchterne Analyse ist dabei weniger wichtig als leidenschaftliche Bekenntnisse, die Grenze zur Obsession fließend. Als Kernsatz gilt: Bagdad war nur eine Station auf dem Weg nach Teheran.

Ledeens Biographie enthält alle wichtigen Elemente, aus denen sich ein Drehbuch-Autor einen bellizistischen, konservativen Hintergrundberater der Bush-Regierung zusammenbasteln würde: akademischer Abschluss (Ph.D.) in Geschichte und Philosophie, Mitglied des zentralen Neo-Con-Think Tanks, des American Enterprise Institute (AEI), einschlägige politische Erfahrungen in der Iran-Contra-Äffäre, ehemaliger Berater des Pentagon, des Außenministeriums und des Nationalen Sicherheitsrates, enge Beziehungen zu Cheney, Rumsfeld und Wolfowitz, regelmäßige Beiträge für die National Review. Vor ein paar Tagen hat die rechtsgerichtete amerikanische Zeitung "The New York Sun" Ledeen als einen derjenigen Kritiker zitiert, welche die Bush-Doktrin der flächendeckenden Demokratisierung des Middle East zwar im Prinzip für richtig halten, aber in der Ausführung für "lousy", besonders im Hinblick auf Iran:

Aber man kann es nicht auf diese Art machen. Abstrakt ist eine repräsentative Regierung in Irak ohne die, welche wir Fundamentalisten nennen, kaum vorstellbar. Sie sind Teil der Bevölkerung. Sie werden daran teilhaben. Aber sie sind radikale Islamisten, die wollen, was Iran will – das, scheint mir, wäre vermeidbar gewesen. Wenn wir nur einen breiter angelegten Krieg geführt hätten. Das bedeutet, die Feinde des islamischen Regimes des Iran in Iran zu unterstützen. Nach meiner Ansicht wären die irakischen Wahlen anders ausgegangen, wenn wir dies von Anfang so gemacht hätten.

Verstrickung in "Nigergate"?

Der Umsturz des Teheraner Regimes ist nach Ansicht Ledeens die conditio sine qua non für den Frieden in der Region, die dafür einzusetzenden Mittel variieren von "kreativer Zerstörung", über die Unterstützung oppositioneller Gruppen, beispielsweise der ehemals marxistisch orientierten Volksmudschahedin (vgl. Die Sekte von Camp Aschraf...), bis zum Krieg. Das große Ziel braucht einen groben Hobel, wenn nötig. Dem darf manchmal schon mit übertriebenen Behauptungen etwas nachgeholfen werden. Ledeens Umgang mit der Wahrheit ist, wenn man seinen Kolumnen folgt, großzügig.

Ob man allerdings - wie das amerikanische Internetmagazin Raw Story vor zwei Tagen – so obenhin unterstellen kann, dass Ledeen bei der Weitergabe der gefälschten Dokumente zum Uran-Deal zwischen dem Irak und Niger (vgl. Fabrikation der Beweise für den Irak-Krieg) eine wichtige Rolle im Hintergrund gespielt hat, ist fraglich.

Es würde zwar gut ins Bild vom finsteren Strippenzieher passen, weshalb der Vorwurf auch immer wieder auftaucht, die Beweislage bleibt allerdings dürftig. Nach Informationen von Raw-Story war Ledeen in der Zeit für das italienische Magazin "Panorama" tätig, als dem Magazin die gefälschten Dokumente zum Uran-Deal zwischen dem Irak und Niger zugespielt wurden.

"Ein genauerer Blick auf die Reihe von einander überlappenden Beziehungen und Ereignissen" lege nahe, dass Ledeen in den "Fälschungsskandal verwickelt" sei, wenn auch "sogar unbeabsichtigt", verspricht der Rawstory-Artikel. Und liefert leider nur spärliche Indizien: So soll ein Treffen im September 2002 zwischen dem italienischen Geheimdienstchef Nicolo Pollari und dem damaligen amerikanischen Deputy National Security Adviser Stephen Hadley von Ledeen arrangiert worden sein.

Spiele der Unterstellungen

Einen Monat später gibt dem Artikel zufolge die Panorama-Journalistin Elisabetta Burba, der die Irak/Niger-Dokumente zugespielt worden waren, trotz ihrer Zweifel an der Authentizität der Dokumente, diese an die US-Botschaft in Rom weiter. Von dort werden sie direkt an das State Department - unter Umgehung der CIA - weitergeleitet. Panoramas Chefredakteur Rossella soll seiner Mitarbeiterin diesen Schritt nahe gelegt haben.

Und überall, so suggeriert der Bericht, zog Michael Ledeen im Hintergrund die Fäden, über genügend gute Beziehungen zum italienischen Geheimdienst verfügte er ja auch tatsächlich. Aber Fakten über Ledeens wirkliche Beteiligung liefert der Raw-Story-Artikel nicht.

Sorgfältige Recherchen der amerikanischen Journalistin Laura Rozen, ganz gewiss keine Anhängerin von Ledeen, vermitteln ein etwas anderes Bild von den verwickelten Umständen der Fälschungsaffäre. Demnach existiert der viel zitierte italienische Parlamentsbericht, welcher die Behauptungen stützt, wonach eine Gruppe von amerikanischen Neokonservativen hinter der Dokumenten-Fälschungen steht, nicht.

Derartige Manipulationsversuche von neokonservativen Machtfilialen liegen nicht außerhalb des Realen, wie man seit einiger Zeit weiß, nur sollte man deren Spiel der Unterstellungen und der Wahrheitsakrobatik nicht mitspielen. Vor allem, wenn es wie bei Ledeen und seinen politischen Freunden darum geht, die Kriegsrhetorik gegen Iran anzuheizen.

http://www.heise.de/tp/artikel/21/21826/1.html
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